Aleksander Nawrocki: „Mir träumte von meiner Kindheit“

In der Kurpie

Sie liegt in der nordpolnischen Tiefebene im nördlichen Masowien an der Grenze zur Woiwodschaft Ermland-Masuren. Einst als die grüne und die weiße Wildnis bezeichnete Waldgebiete auf sumpfigem Boden, einst gefürchtet von den Kreuzrittern, ist sie heute auf welligen Straßen Transitstrecke von der Hauptstadt zu der touristisch frequentierten masurischen Seenplatte und der ostpreußischen NS-Bunkerarchitektur. In dieser Region, die seit dem 10. Jahrhundert zu Polen gehört, wurde 1940 Aleksander Nawrocki in Bartniki nahe Przasnysz geboren. Als Autor und vor allem als Übersetzer ist er in Polen nicht unbekannt, ebenso wie in den Ländern, deren Literatur er ins Polnische übertragen hat: Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Finnland, Estland, Russland und weitere. Narockis Werk ist umfangreich. Seine Lyrik nun im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen, war das Anliegen des 1942 in Dresden geborenen Übersetzers Peter Gehrisch.

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Johann Lippet: „Kopfzeile, Fußzeile“

Mitgift Heimat

Sie ist ein Geschenk, das wir nicht verweigern und dem wir uns nicht entziehen können. Heimat wird uns mitgegeben, ob wir es wollen oder nicht. Wir können uns nach ihr sehnen oder vorgeben, unsere Wurzeln vergessen zu haben. Beides setzt voraus, dass wir irgendwann einmal, aus welchen Gründen auch immer, die Heimat verlassen haben. Gründe dafür gibt es zahlreicher als für das Festhalten an der Heimat.

Muss man die Geschichtsvergessenen an Gewalt, Terror, Krieg, Armut der vergangenen Jahrhunderte in Europa und weltweit erinnern, an die Migrationsfurchen, die die Politik im großen Kontext wie auf lokaler, regionaler Ebene verursacht hat? Im gesellschaftlichen Diskurs um Heimat geht es aktuell und schon sehr viel länger um Abgrenzung, Abschottung. Diese Haltung übersieht aus politischem Kalkül, dass Heimat und Migration Geschwister, keine sich hasserfüllt gegenüberstehenden Gegner sind.

Johann Lippet, 1951 in Wels (Österreich) geboren, kehrte 1956 ins Banat, in das Geburtsdorf seines Vaters zurück. Rumänien verließ er 1987. Seit 1998 lebt er in Sandhausen bei Heidelberg.

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Takis Würger: „Der Club“

Schnörkellos und direkt ist Takis Würgers Sprache in seinem literarischen Debüt „Der Club“, dem 2017 viel Aufmerksamkeit des deutschen und deutschsprachigen Feuilletons zuteil wurde. Ich schreibe selten über Bestseller. Und will mich kurz halten.

Es ist weniger die spannend aufbereitete Geschichte eines Verbrechens (bei dem es um schmutzige Männerphantasien und ausgelebte Allmacht geht, um sexuellen Missbrauch an jungen Studentinnen innerhalb einer elitären Gruppe in Cambridge, dem Club), als die Herkunft der Hauptfigur Hans, die mich in Bann gezogen hat. Wie der Tod in das Leben des Kindes kommt, diese Passage ist kompromisslos hart. Später, nachdem die Handlung sich zum Krimi entwickelt, in der Hans die Täter finden und überführen soll, später kommt der Tod erneut unerwartet: im Schlaf.

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Micho Mossulischwili: „Schwäne im Schnee“

Was mich mit Japan verbindet?

Mit dieser Frage beginnt eine Prosaminiatur des 1962 geborenen georgischen Schriftstellers Micho Mossulischwili, die in den von Irma Schiolaschwili und Joachim Britze ins Deutsche übertragenen Band „Schwäne im Schnee“ aufgenommen wurde. Darin beschreibt der Georgier, welchen Eindruck Akutagawa Ryûnosuke (1892-1927) auf ihn als jungen Studenten gemacht hatte, bevor er seine Novelle „Der Waldmann“ schrieb.

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Arundhati Roy: „Das Ministerium des äußersten Glücks“

Aftab und Anjun

Der zweite Roman der 1959 geborenen Schriftstellerin und Menschenrechtsaktivistin Arundhati Roy (deutsche Übersetzung: Anette Grube) enthält viele ineinandergreifender Lebensgeschichten, die tragfähig sind, stellvertretend für die 1,324 Milliarden Menschen Indiens (Stand: 2016) zu stehen, in ihrer Sprach- und Religionsunterschiedlichkeit, in ihrer Buntheit, ihrer Schrillheit, in der Armut und exzessiver Gewalt ebenso Raum geboten wird wie für ein wenig privates Glück.

Der sehr ansprechende Titel, ich verzeihe Roy den Griff in die marktschreierisch klingende Superlative, steht im äußersten Kontrast zum Kern des Buches, der sich mit dem Kaschmir-Konflikt, welch harmlose Alliteration für ein Gemetzel, bei dem die Welt wieder mal weg(ge)schaut (hat) und Gewalt, Terror, Folter und Tod freien Lauf lässt, auseinandersetzt.

Im „Reader’s Digest der englischen Sprache und Grammatik für ganz junge Kinder“ schreibt Tilo, eine der Hauptfiguren des Romans, auf, was sie beschäftigt:

NICHTS

Ich würde gerne eine dieser kultivierte Geschichten schreiben, in denen zwar nichts passiert, aber es trotzdem viel gibt, worüber man schreiben kann. So etwas ist in Kaschmir nicht möglich. Es ist nicht kultivert, was hier passiert. Es gibt zu viel Blut für gute Literatur.

F1: Warum ist es nicht kultiviert?
F2: Wie groß ist die hinnehmbare Menge Blut für gute Literatur?

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Lisa Elsässer: „flussbewohner“

Das Jahr der Liebe

Schatten und Licht bestimmen das lyrische Ich in Lisa Elsässers neuem Gedichtband: seine gegenwärtigen Gefühle, sein Sehnen, sein Verzweifeln. Dabei lese ich „flussbewohner“ als eine Art lyrisches Tagebuch, das die An- und Abwesenheit des lyrischen Du verortet. Den einundachtzig, zumeist kurzen Gedichten sind Zeilen von Dorothy Parker vorangestellt, die den Weg, wohin die Lektüre des Bandes führt, vorzeichnen: in eine intime Schutzzone, in der das Du und das Ich sich begegnen, sich abstoßen, auseinderdriften, sich wieder annähern, eins werden, zwei bleiben und in unsichtbaren Überlagerungen mehrfach besetzt werden.

Rezension auf Fixpoetry.

Simone Scharbert: „Erzähl mir vom Atmen“

Atmen Gedichte?

Ja sicher, täten sie es nicht, sie wären tote Worte. Um der Lebendigkeit willen lese ich Gedichte! Die Worte, gleich wie sie gesetzt sind, sprechen mit mir. Bin ich als Empfänger gut eingestellt, habe die richtige Wellenlänge, geschieht sofort etwas in mir, mit mir. Oft genug habe ich gehört, Gedichte müssen für sich, aus sich selbst heraus sprechen. Und doch: manchmal brauche ich Zusatzinformationen.

Simones Scharberts Lyrikdebüt „Erzähl mir vom Atmen“ liefert im Annex drei Kurzbiografien von Frauen, die, wie ich denke, für die Lektüre essentiell sind: Anna Atkins, Alice James und Francesca Woodman.

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Michael Longley: „Gefrorener Regen“

Steinbrech und Katzenpfötchen

Und Gottheil, Tausendgüldenkraut, Gelbe Moorlilie, Binsengras, Teufelshütchen, Schwarzdorn, Wollgras, Flachs, Stechginster, Schlüsselblume, Schöllkraut, Weißdorn, Thymian, Baldrian, Weiderich, Mädesüß, Zweiblatt, Hahnenfuß, Besenheide, Engelwurz, Ruprechtskraut, Majoran, Kuhpeterlein, Sonnentau, Saatwicke, Weiße Silberwurz, Salbei-Gamander, Kuckuckslichtnelke, Sternmiere, Gotteshand, Liebfrauenstroh, Winde, Zarter Gauchheil, Efeu, Hagedorn, Holzapfel, Enzian, Echtes Labkraut, Schlehe, Wacholderbeere, Zittergras, Strandnelke, Augentrost, Wilder Wein, Kastanien,  Klatschmohn, Kornblumen, Esche, Giftiger Goldregen, Parnassia, Meerfenchellilie.

Unter jeder dieser 53 Pflanzenarten, die in den Gedichten Michael Longleys ( * 1939) präsent sind, liegen etwa 10 Tote im Alter zwischen 0 und 19 Jahren, die zwischen 1969 und 1998 im Nordirlandkonflikt, irisch: Na Trioblóidí, englisch: The Troubles, gewaltsam zu Tode kamen.

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Juan Gelman: „Leidland – País del dolor“

Tinte, die kein Leid schreibt

Das Werk des Dichters Juan Gelman (1930-2014) wurde mit allen wichtigen Literaturpreisen der spanischsprachigen Welt ausgezeichnet. Es umfasst 31 Lyrikbände und kann, folgt man den Betreibern der Webseite des Schriftstellers, in drei Schaffensphasen aufgeteilt werden; Einleitung: Utopie und Revolution (1956-1973) | Exil: Unterbrechungen und Erinnerung (1980-1994) | Ein glühendes Handwerk (1997-2014).

Zu jeder dieser Phasen liegt mir ein Band in deutscher Übersetzung vor: So arbeitet die Hoffnung. Lyrik des argentinischen Widerstands in der Übertragung von Wolfgang Heuer und Miquel Salí von 1978 (Oberbaumverlag Berlin), Kom/positionen & Darunter, übertragen von Juana und Tobias Burghardt aus dem Jahr 2013 (Edition Delta, Stuttgart) sowie das zu besprechende Leidland, für das Walter Eckel, Direktor des vom DAAD geförderten Heidelberg Centers Lateinamerika, für Übertragung und Einführung in Leben und Poesie des Argentiniers verantwortlich zeichnet.

Rezension auf Fixpoetry.

Matthew Sweeney: „Hund und Mond“

Cabáiste dearg – Blue Cabbage

Matthew Sweeney, 1952 im irischen County Donegal geboren, hat für seine Poesie den Begriff des alternative Realism geprägt. In Deutschland wurde dieser sich von Surrealismus und magischem Realismus absetzende Ausdruck mit Sweeneys Aufenthalten in Deutschland und spätestens mit der ersten Übersetzung ins Deutsche von Jan Wagner („Rosa Milch“, Berlin-Verlag, Berlin 2008) bekannt und findet nun wieder, mit der zweiten zweisprachigen Ausgabe von Sweeneys Poesie, Anwendung.

So schreibt die Darmstädter Jury in der Begründung für die Auszeichnung Buch des Monats im Oktober 2017 für Hund und Mond (Übersetzung: Jan Wagner, Hanser-Verlag, Berlin 2017) :

„Seine Texte seien ‚alternativer Realismus‘, sagt der 65jährige irische Lyriker Matthew Sweeney über seine fantastischen neuen Erzählgedichte. […]“

Unabhängig davon, ob dieser vom Autor eingesetzte Begriff trägt, lese ich mit Verwunderung, dass die Jury sagt, was der Autor vorsagt. Die Tendenz zur Verschlagwortung, zur Verschubladung im Buchmarkt macht auch vor der Kritik nicht Halt, verstellt die Details einer Poetologie, die nicht durch Schlüsselbegriffe, sondern nur durch das Werk belegt werden können.

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Ragnar Helgi Ólafsson: „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“

Auf der gerade zu Ende gegangenen Frankfurter Buchmesse 2017 hatte ich die Gelegenheit und das Vergnügen, einer Lesung von Wolfgang Schiffer zu lauschen, der als (Mit-)Übersetzer das Lyrikdebüt des isländischen Schriftstellers, Künstlers, Grafik-Designers und Filmemachers Ragnar Helgi Ólafsson, 1971 in Reykjavík geboren,  in der Lyrikbuchhandlung präsentierte.

Das Buch ist, wiewohl es gerade erst im Herbst erschien, bereits überraschend oft wahrgenommen worden, es gibt eine Besprechung im Signaturen-Magazin und auf Blogs. Unverständlich hingegen, dass es bei der Präsentation der Icelandic Publishers Association in Halle 5.0 nicht ausgestellt war und in einem Gespräch darauf verwiesen wurde, das Buch sei von 2015. Ja, das Original, nicht aber die Übersetzung von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer! Welchen Sinn macht es, wenn das Ergebnis der durch ein Translation Grant geförderten Arbeit nicht auf einer internationalen Buchmesse zu sehen ist?

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