Christa Morgenrath, Eva Wernecke (Hg.): „Imagine Africa 2060“

Schmetterlingseffekt

Die Zeiten sind lang vorbei, in denen es uns egal sein konnte, ob in China ein Sack Reis umfällt. Politische Aussagen von vor etwas mehr als 10 Jahren erscheinen uns bereits aus einer anderen Epoche, nennen wir sie im metaphorischen Sinne, ob der Hartnäckigkeit der Ignoranz, steinzeitlich.

Frage: Bleibt die heimische Braunkohle…
Antwort: Wer hier nun fordert, zur Rettung des Weltklimas aus der Braunkohle auszusteigen, der sollte sich die Welt aber auch mal anschauen, wie sie ist. Allein die Chinesen bauen beispielsweise jedes Jahr zwei Milliarden Tonnen Kohle ab und eröffnen alle ein bis zwei Wochen ein neues Kohlekraftwerk – ohne auf Umweltschutztechnik einen besonderen Wert zu legen! Deshalb sage ich zugespitzt: Ob wir in Brandenburg unsere beiden Kraftwerke Jänschwalde und Schwarze Pumpe schließen, hat auf das Weltklima ungefähr soviel Auswirkungen, als ob in China ein Sack Reis umfällt.
(aus: Interview mit dem brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck am 12.05.2008 für Super-Illu)

Die Welt, wie sie ist, in Augenschein zu nehmen, bedarf vieler Perspektiven. Christa Morgenrath und Eva Wernecke haben als Herausgeberinnen des Buches Image Africa 2060. Geschichten zur Zukunft eines Kontinents zehn Perspektiven zusammengetragen, die einen Ausblick auf die Zukunft Afrikas und der Welt wagen.

Es bedarf keiner vertieften Kenntnis der Chaostheorie, in der der Flügelschlag eines Schmetterlings in Zusammenhang gesetzt wird mit gewaltigen Wetterphänomenen, um zu verstehen, was den Protagonisten Makomborero umtreibt.

Er dreht sich auf seinem Stuhl nach rechts und nahm Nikkei, Mumbai Sensex und Hang Seng in den Blick. Geschäftsschluss war gestern. Heutzutage war davon längst keine Rede mehr. Heute galt 24/7, Handel rund um die Uhr. Schön anzuschauen, grüne und rote Pfeile, alles mit allen verbunden. Schmetterlingseffekt. Der Schnupfen, den all kriegen, wenn Peking niest.
(aus: Data Farming von Tendai Huchu)

Rezension auf Fixpoetry.

Andreas Lehmann: „Über Tage“

Plötzliche Stille, so laut

Mit dem Roman Über Tage meldet sich der 1977 in Marburg geborene Andreas Lehmann in der deutschen zeitgenössischen Prosa an. Die Geschichte, die auf weniger als 180 Seiten niedergeschrieben ist, darf man nicht als ein Bewerbungsschreiben ansehen. Was Lehmann hier abliefert, ist ein makelloses Debüt, ein Meisterwerk.  Und es bedarf nicht allzu vieler Worte, es zu würdigen. Der Zauber der Literatur muss vom Rezensenten nicht wortreich durchdekliniert werden.

Rezension auf Fixpoetry.

Jean Portante: „In Wirklichkeit | En réalité“

Der Wille, die Wörter

Das umfangreiche lyrische Werk des luxemburgischen Schriftstellers Jean Portante, 1950 in Differdange geboren, ist auf dem deutschen Markt noch weitgehend unbekannt. 2005 erschien mit Die Arbeit des Schattens (französisch: Point, Editions PHI 1999) die erste Übersetzung seiner Gedichte (Übersetzerin: Odile Kennel) in der luxemburgischen Editions PHI. Nun folgt die Veröffentlichung eines weiteren Gedichtbands, En realité aus dem Jahr 2008, als zweisprachige Ausgabe In Wirklichkeit – En realité im Verlag Hans Schiler. Michael Speier und Brigida Bezzenberger haben als Übersetzerduo aus dem Französischen übersetzt.

Rezension auf Fixpoetry.

Tobias Burghardt: „Mitlesebuch 117“

Krumme Wasseradern

Hineingestoßen in den Kosmos des Lyrikers, Übersetzers und Verlegers Tobias Burghardt, versuche ich zunächst, mich zu orientieren, suche eine Ordnung, doch bereits der erste Gedichttitel gibt zwei Richtungen vor: Flussabwärts, flussaufwärts.

Ein anderer Titel ruft Erinnerungen an meinen Großvater hervor, der auf einer Insel im Rhein zur Welt kam: Flussinseln und andere Gemarkungen. Ich sehe, wie sich das Wasser an der Inselspitze teilt, Wirbel entstehen und Kiesel und Sedimente ohne mein Zutun in die eine oder andere Richtung flussabwärts getrieben werden.

Rezension auf Fixpoetry.

Wakayama Bokusui: „In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter“

Das tiefe Schwarz ist mir lieb
Tanka von Wakayama Bokusui

Mit dem Band „In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter“ stellt der Japanologe Eduard Klopfenstein das moderne Tanka, wie es für die Erneuerung der tradierten Waka-Dichtung in der Meiji-Ära zu Beginn des 20. Jahrhunderts charakteristisch ist, dem deutschsprachigen Publikum vor. Die Publikation richtet sich an eine breite, der japanischen Literatur bislang nicht zugeneigten Leserschaft, denn Klopfenstein versteht es ausgezeichnet, mit wenigen Worten eine Einführung in die Epoche und ihre handelnde Personen zu geben. Wissenschaftliche Präzision gepaart mit guter Verständlichkeit: Das macht Lesefreude.

Rezension auf Fixpoetry.

Mikael Vogel: „Dodos auf der Flucht“

Von Menschen. Und keinen anderen Schweinen!

Endlich ist Mikael Vogels „Dodos auf der Flucht“ /*nach Veröffentlichungen einiger Gedichte beispielsweise auf Fixpoetry als Text des Tages vom 20.02.18, 30.11.17, 30.11.16 und 07.09.16 oder in Triëdere 12 (01/2015), „Ästhetik des Bewahrens“ und Vorab-Lesungen etwa bei der Lyrikbuchhandlung zur Frankfurter Buchmesse 2017*/ als Buch erschienen und kann damit vollumfänglich gelesen und gemeinsam mit den Illustrationen von Brian R. Williams gewürdigt werden.

Das Ergebnis der akribischen Arbeit zum Thema Massen(aus)sterben ist in meinen Augen nichts weniger als ein epochales Werk, das Ooesie /*Oops, ehrlich: ein Tippfehler, aber manche Fehler erweisen sich als tiefgründig richtig. ‚O’osiert euch! Vogels Aufruf, sich der Schreibweise der oralen hawai’ianischen Sprache ganz im Sinne des Programms seines Verlags zu widmen. –> Noch einmal Luft holen, bevor ich den Vogel in den Himmel werfe und hoffe, seine Flügel sind kräftig und entkommen jenen Kritikern, die mit geladenen Flinten immer noch Großjägerphantasien auszuleben gedenken,*/ … ein epochales Werk, ich wiederhole mich, das Poesie, Biologie, Naturhistorie mit politischen Statements zu Klimaschutz zu verbinden weiß. Dieses Wissen ist das Produkt einer Obsession /*auch Oo!*/, das Ergebnis jahrelanger Recherche, die sich kaum eingrenzen ließ und immer wieder aktualisiert werden musste. Climate change? Leugner des Klimawandels: John Howard, australischer Premierminister (1995–2007): obsolet, Donald Trump, US-Präsident (2017–Untergang Homo sapiens sapiens?): desolat. White Men make money first! Wir sind nur Geldraffer.

Dodo (nanoblock, NBC_188) Designed by KAWADA in Japan since 2008, 12,26 Euro

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Lisa Elsässer: „flussbewohner“

Das Jahr der Liebe

Schatten und Licht bestimmen das lyrische Ich in Lisa Elsässers neuem Gedichtband: seine gegenwärtigen Gefühle, sein Sehnen, sein Verzweifeln. Dabei lese ich „flussbewohner“ als eine Art lyrisches Tagebuch, das die An- und Abwesenheit des lyrischen Du verortet. Den einundachtzig, zumeist kurzen Gedichten sind Zeilen von Dorothy Parker vorangestellt, die den Weg, wohin die Lektüre des Bandes führt, vorzeichnen: in eine intime Schutzzone, in der das Du und das Ich sich begegnen, sich abstoßen, auseinderdriften, sich wieder annähern, eins werden, zwei bleiben und in unsichtbaren Überlagerungen mehrfach besetzt werden.

Rezension auf Fixpoetry.

Juan Gelman: „Leidland – País del dolor“

Tinte, die kein Leid schreibt

Das Werk des Dichters Juan Gelman (1930-2014) wurde mit allen wichtigen Literaturpreisen der spanischsprachigen Welt ausgezeichnet. Es umfasst 31 Lyrikbände und kann, folgt man den Betreibern der Webseite des Schriftstellers, in drei Schaffensphasen aufgeteilt werden; Einleitung: Utopie und Revolution (1956-1973) | Exil: Unterbrechungen und Erinnerung (1980-1994) | Ein glühendes Handwerk (1997-2014).

Zu jeder dieser Phasen liegt mir ein Band in deutscher Übersetzung vor: So arbeitet die Hoffnung. Lyrik des argentinischen Widerstands in der Übertragung von Wolfgang Heuer und Miquel Salí von 1978 (Oberbaumverlag Berlin), Kom/positionen & Darunter, übertragen von Juana und Tobias Burghardt aus dem Jahr 2013 (Edition Delta, Stuttgart) sowie das zu besprechende Leidland, für das Walter Eckel, Direktor des vom DAAD geförderten Heidelberg Centers Lateinamerika, für Übertragung und Einführung in Leben und Poesie des Argentiniers verantwortlich zeichnet.

Rezension auf Fixpoetry.

John Burnside: „Ashland & Vine“

In der Biografie der US-amerikanischen Dramatikerin und Menschenrechtsaktivistin Lorraine Hansberry (1930–1965) finden sich Themen und Motive, die John Burnside in seinem neuen Roman in epischer Breite auslegt, um einen Abschnitt amerikanischer Geschichte ins Bewusstsein zu rufen, wie es seine Figur Laurits, ein Filmemacher mit europäischen Wurzeln, tut.

Laurits schüttelte den Kopf. „Kannst du nachlesen“, sagte er. „Steht in den Geschichtsbüchern.“ Er gab sich ernst, doch war ihm anzumerken, dass es sich um eines seiner Lieblingsthemen handelte, eines, von dem er wusste, dass es Huey ärgern würde. „Ihr Amerikaner kennt eure eigene Geschichte nicht …“

Rezension auf Fixpoetry.

 

Vicente Valero: „Die Fremden“

Die abgewandte Seite der Familie

Vicente Valero, 1963 auf Ibiza geboren, hat 2014 ein Buch über „fremde Verwandte“ veröffentlicht. Herausgekommen ist, nun in deutscher Übersetzung von Peter Kultzen vorliegend, ein im Umfang schmales, doch bedeutendes Stück Prosa, das als Romandebüt beworben wird, vom Autor selbst als Bericht verstanden werden will.

Rezension auf Fixpoetry.

 

Luis Chaves: „Während ich aus den Minusgraden zurückkehre und eine beiläufige Bemerkung vortäusche“

Mudanzas ↔ Umzüge
Luis Chaves‘ Lyrik

Kartons mit Edding in Schrägschrift beschrieben.
Küche / Bücher / Bad.
Wenn ein Fremder in diesem Augenblick hereinkäme
wüsste er nicht, ob gerade jemand ein- oder auszieht.
[aus: Umzüge]

Kiste 8 – Wintersachen (Abstellkammer)
Der Gedichtband eröffnet mit der Kapitelüberschrift „Außerhalb der Schwerkraft“ (Erstveröffentlichung) und beinhaltet lediglich das Gedicht „Zeitzone“, aus dem die beiden titelgebenden Verse entnommen sind.

Rezension auf Fixpoetry.

Ryszard Krynicki: „Sehen wir uns noch?“

Issas Schnecke, ein minimalistisches Vorbild
Ryszard Krynickis Poesie

Kobayashi Issa (1763-1828) gilt als einer von vier Meistern der japanischen Haiku-Dichtung. Sein Einfluss auf die europäische Lyrik ist im 21. Jahrhundert noch spürbar. Klaus Merz und Ryszard Krynicki (Übersetzung: Renate Schmidgall) nehmen in ihren neuesten Gedichtbänden, die der deutschsprachige Buchmarkt bietet, direkten Bezug auf den Autor der folgenden Zeilen.

Katatsumuri
sorosoro nobore
fuji-no yama.

Die kleine Schnecke
ganz langsam steigt sie hinauf
auf den Berg Fuji.

 

Rezension auf Fixpoetry.