Zwei georgische Lyrikerinnen: Bela Chekurishvili und Irma Shiolashvili

 

Bela Chekurishvili und Irma Shiolashvili wurden 1974 in Georgien geboren, studierten und arbeiteten in Tbilissi. Zur Zeit leben beide in Bonn und waren im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse 2018 mit dem Ehrengast Georgia – made by Characters auf gemeinsamer Lesereise.

Ein Anlass, ihre jeweils neuesten Lyrikbände nebeneinander zu legen, nach gemeinsamen Wurzeln zu suchen und nach dem Maß der Entfremdung in der neuen Heimat Ausschau zu halten.

Bela Chekurishvili: „Barfuß“

Übersetzung: Lika Kevlishvili (interlinear) und Norbert Hummelt
90 Seiten, Erscheinungsjahr: 2018
Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg

Irma Shiolashvili: „Kopfüber“

Nachdichtung: Sabine Schiffner
92 Seiten, bilingual: georgisch – deutsch, Erscheinungsjahr: 2018
Pop Verlag, Ludwigsburg

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Aka Morchiladze: „Der Filmvorführer“

Schatten: riesig, endlos

Einen Vorführraum habe ich nie von innen gesehen. Als Kind habe ich manchmal die Lichtstrahlen, die die Kinoleinwand ausfüllten, zurückverfolgt bis zu jenem magischen Auge, aus dem die Lichtbündel und mit ihnen die Geschichten kamen. Habe ich da bereits das Kino als Ort filmischen Erzählens verstanden? Ich glaube nicht. Machte ich mir Gedanken über die einsame Arbeit des Filmvorführers? Kaum. Schnell ging mein Blick wieder zur Leinwand und überwand mit einer 180 Grad-Drehung die Schwärze des ehrwürdigen Saals, der noch mit Klappstühlen aus rotem Plüsch (oder war es grüner Cord?) bestückt war.

Aka Morchiladze, 1966 in Tbilissi, Georgien, geboren, wird bei der Eröffnungszeremonie zur Frankfurter Buchmesse 2018 am 9. Oktober gemeinsam mit Nino Haratischwili Hauptredner des diesjährigen Ehrengastes sein: Georgia – Made by Characters.

Morchiladzes aus dem Jahr 2009 stammender Roman მამლუქი wurde nun in der Übersetzung von Iunona Guruli mit Unterstützung des Georgian National Book Center und des Ministry of Culture and Sport of Georgia im Bonner Weidle Verlag im Vorfeld der Messe herausgegeben.

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Anette und Peter Horn (Hrsg.): 100 Poems from Bangladesh

The future breathes in my throat, in my grave

Die von Anette und Peter Horn herausgegebene englischsprachige Anthologie „100 Poems from Bangladesh“, erschienen 2017 in der Edition Delta (Stuttgart), stellt 25 Autoren vor, die alle im unterschiedlichen Alter die Geburtsstunde ihres Staates am 16. Dezember 1971 miterlebt haben. Nachdem Indien entscheidend in den Krieg und Genozid (West-)Pakistans gegen die bengalische Bevölkerung (Ost-)Pakistans eingegriffen hatte, wurde Ostpakistan Ende 1971 völkerrechtlich anerkannt und gab sich den Namen Bangladesch.

From 25 March to 16 December, 1971
There are 267 days in total
According to Pravda, the Pak Army killed
3 million Bengalis during the Liberation War
It was a war against unarmed people
By killers and rapists of the Pak Army
And they killed 3 million ÷ 267
= 11,236 people per day

(aus: Rabiul Husain „ Oh ! The War !“)

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Aminur Rahman: „Perpetual Diary – Fortwährendes Tagebuch“

Wer bist du? Wer bist du?

Mit Perpetual Diary | Fortwährendes Tagebuch des bangladeschischen Dichters Aminur Rahman, geboren 1966 in Dhaka, können wir seiner Selbstvergewisserung und seines sehnsüchtigen Dialogs zwischen lyrischen Ich und lyrischen Du folgen.

Der Band ist zweisprachig: Englisch und Deutsch. Es fehlt die Sprache des Autors: Bengali oder Bangla. Die Übersetzungen aus der Originalsprache ins Englische kommen von Sudeep Sen, A Z M Haider, Ziaul Karim und M S A Sarwar. Aus dem Englischen wurden die 29 Gedichte von Manfred Chobot ins Deutsche gebracht.

Mit Rahman ist nun einer der jüngeren Vertreter der bangladeschischen Lyrik mit einer Einzelveröffentlichung gewürdigt worden. Einige seiner Gedichte sind auch in der englischsprachigen Anthologie „100 Poems from Bangladesh. Edited by Dr. Peter Horn & Dr. Anette Horn“ (Edition Delta, Stuttgart) vertreten.

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Bachtyar Ali: „Die Stadt der weißen Musiker“

Was ist der Traum der Gerechten?

Vielleicht ist das die Frage, die Schriftstellerinnen und Schriftsteller weltweit am meisten umtreibt. Bachtyar Ali, 1966 in Sulaimaniya (Nordirak) geboren, legt sie seiner Figur Halim Schewaz in seinem 2017 auf deutsch erschienenen Roman „Die Stadt der weißen Musiker“ (aus dem Sorani von Peschawa Fatah und Hans-Ulrich Müller-Schwefe) in den Mund.

[…] Diese Frage können Sie nicht beantworten, Dschaladat, weil Sie ein Blödmann sind. Es gibt nichts Gefährlicheres als den Traum der Gerechtigkeit. […] Es ist die Obsession der angeblich Gerechten, alle Schuldigen dingfest zu machen und zu bestrafen […] Dann müssten wir alle Schuldigen bestrafen, für jedes Vergehen müssten wir eine Strafe parat haben. Aber die Menschen sündigen ständig. Es gibt keinen Menschen, der nicht Strafe verdient hätte. Wahre Gerechtigkeit würde die Welt in eine Hölle verwandeln. Bestrafen und bestraft werden, eine endlose Barbarei.

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Wakayama Bokusui: „In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter“

Das tiefe Schwarz ist mir lieb
Tanka von Wakayama Bokusui

Mit dem Band „In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter“ stellt der Japanologe Eduard Klopfenstein das moderne Tanka, wie es für die Erneuerung der tradierten Waka-Dichtung in der Meiji-Ära zu Beginn des 20. Jahrhunderts charakteristisch ist, dem deutschsprachigen Publikum vor. Die Publikation richtet sich an eine breite, der japanischen Literatur bislang nicht zugeneigten Leserschaft, denn Klopfenstein versteht es ausgezeichnet, mit wenigen Worten eine Einführung in die Epoche und ihre handelnde Personen zu geben. Wissenschaftliche Präzision gepaart mit guter Verständlichkeit: Das macht Lesefreude.

Rezension auf Fixpoetry.

Anuk Arudpragasam: „Die Geschichte einer kurzen Ehe“

Die meisten Kinder haben zwei ganze Beine und zwei ganze Arme, aber der kleine Sechsjährige, den Dinesh trug, hatte schon ein Bein verloren, das rechte knapp oberhalb des Knies, und jetzt würde er auch noch den rechten Arm verlieren. Granatsplitter hatten von der Hand und dem Unterarm nur noch eine weiche, formlose Masse gelassen, aus der es hier und da auf den Boden tropfte, die an anderen Stellen gerann und überall sonst verkohlt war. Drei Finger hatten sich komplett abgelöst, unmöglich zu wissen, wo sie jetzt waren, und die anderen beiden, der Zeigerfinger und der Daumen, baumelten an zarten Fäden von der Hand.

Mit diesen Worten beginnt die Geschichte und erinnert uns daran, wie sehr wir uns das Wegsehen angewöhnt haben, ob in Ost-Ghuta, in den sudanesischen Juba-Bergen oder an all den anderen Orten, wo die Zivilbevölkerung Terror schutzlos ausgeliefert ist. Der 1988 in Colombo (Sri Lanka) geborene, auf Tamil und Englisch schreibende Anuk Arudpragasam legte 2016 mit Die Geschichte einer kurzen Ehe seinen Debütroman (Übersetzung aus dem Englischen: Hannes Meyer) vor.

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Micho Mossulischwili: „Schwäne im Schnee“

Was mich mit Japan verbindet?

Mit dieser Frage beginnt eine Prosaminiatur des 1962 geborenen georgischen Schriftstellers Micho Mossulischwili, die in den von Irma Schiolaschwili und Joachim Britze ins Deutsche übertragenen Band „Schwäne im Schnee“ aufgenommen wurde. Darin beschreibt der Georgier, welchen Eindruck Akutagawa Ryûnosuke (1892-1927) auf ihn als jungen Studenten gemacht hatte, bevor er seine Novelle „Der Waldmann“ schrieb.

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Arundhati Roy: „Das Ministerium des äußersten Glücks“

Aftab und Anjun

Der zweite Roman der 1959 geborenen Schriftstellerin und Menschenrechtsaktivistin Arundhati Roy (deutsche Übersetzung: Anette Grube) enthält viele ineinandergreifender Lebensgeschichten, die tragfähig sind, stellvertretend für die 1,324 Milliarden Menschen Indiens (Stand: 2016) zu stehen, in ihrer Sprach- und Religionsunterschiedlichkeit, in ihrer Buntheit, ihrer Schrillheit, in der Armut und exzessiver Gewalt ebenso Raum geboten wird wie für ein wenig privates Glück.

Der sehr ansprechende Titel, ich verzeihe Roy den Griff in die marktschreierisch klingende Superlative, steht im äußersten Kontrast zum Kern des Buches, der sich mit dem Kaschmir-Konflikt, welch harmlose Alliteration für ein Gemetzel, bei dem die Welt wieder mal weg(ge)schaut (hat) und Gewalt, Terror, Folter und Tod freien Lauf lässt, auseinandersetzt.

Im „Reader’s Digest der englischen Sprache und Grammatik für ganz junge Kinder“ schreibt Tilo, eine der Hauptfiguren des Romans, auf, was sie beschäftigt:

NICHTS

Ich würde gerne eine dieser kultivierte Geschichten schreiben, in denen zwar nichts passiert, aber es trotzdem viel gibt, worüber man schreiben kann. So etwas ist in Kaschmir nicht möglich. Es ist nicht kultivert, was hier passiert. Es gibt zu viel Blut für gute Literatur.

F1: Warum ist es nicht kultiviert?
F2: Wie groß ist die hinnehmbare Menge Blut für gute Literatur?

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Various Artists: „Sun and Moon“

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Schöne, handgedruckte Bücher aus Chennai, Indien von taraBooks

Inzwischen hat taraBooks einen festen Platz bei meinen Rundgängen über die Frankfurter Buchmesse. Und jeder Jahr bin ich begeistert von neuen Büchern.

Für Sun and Moon haben 10 Künstlerinnen und Künstler aus den Regionen Madhya Pradesh, Gujarat, Bihar, Rajasthan und Orissa in eindrücklichen grafischen Arbeiten Mythen und Erzählungen ihrer Regionen über Sonne und Mond festgehalten.

Arundhathi Subramaniam: „Die Stadt brandete gegen mich“

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Die edition offenes feld legt mit Die Stadt brandete gegen mich Gedichte der indische Autorin Arundhathi Subramaniam in deutscher Übersetzung vor.

Die Auswahl aus den englischsprachigen Bänden Where I Live. Selected Poems und When God is a Traveller (Bloodaxe, 2009 bzw. 2014) lag in den Händen des Übersetzers und Schriftstellers Jürgen Brôcan.

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