Margaret Atwood: „Der Report der Magd“

Welcome to Gilead

Als in Polen vor wenigen Tagen die Proteste gegen die Verschärfung des Abtreibungsrechtes begannen, sah ich in den Nachrichten, wie eine Demonstratin ein Schild mit den Worten Welcome to Gilead hochhielt.

Wer nicht versteht, was diese Begrüßungsformel meint, dem sei Margaret Atwoods Roman Der Report der Magd (deutsch von Helga Pfetsch) zur Lektüre oder zur erneuten Lektüre dringend anempfohlen.

Diese Zukunftsvision aus dem Jahr 1985 (deutsche Ausgabe: 1987) greift auf, das hat Atwood in einem Interview für den virtuellen Gastlandauftritt Kanadas zur Frankfurter Buchmesse 2020 deutlich gemacht, was in der Gesellschaft schon vorhanden ist. Insofern sind Atwoods Texte keine Anti-Utopien oder Dystopien, sondern eine erweitere Beschreibung der Gegenwart.

Über Gilead lässt die Autorin am Ende des Romans einen Universitätsprofessor bei der Internationalen Tagung der Vereinigung der Historiker am 25. Juni 2195 rückblickend sagen:

Wie ich schon an anderer Stelle sagte, gab es nur wenig, was seinem Ursprung oder seiner Herkunft nach mit Gilead verbunden war: Gileads Begabung war die Synthese.

[…] und das Regime von Gilead war nicht das einzige, das damals darauf [Rückgang der Geburtenrate] reagierte. Rumänien, zum Beispiel, war Gilead bereits in den achtziger Jahren zuvorgekommen, in dem es alle Formen der Geburtenkontrolle verbot.

Polens Verbot von Abtreibung bei diagnostizierter Fehlbildung des Fötus galt (gilt! – diese Stück Literatur ist zeitlos gültig) auch in Atwoods totalitärem Staat Gilead.

Larry Tremblay: „Der feiste Christus“

Das Haus

Ich möchte widersprechen. Schon der erste Halbsatz des Klappentextes erscheint mir falsch, irrig. Der Protagonist, die zentrale Gestalt ist nicht Edgar, sondern das Haus.

Ein Blick auf die Kapitelüberschriften dieses an Umfang recht schmalen Romans des Kanadiers Larry Tremblay (Jahrgang 1954) weist in die gleiche Richtung: Es sind nicht die Menschen, die die Handlung bestimmen. Wie das? Hier stimmt etwas nicht. Oh, ja!

Das Ding – Das Tier – Die Badewanne – Das Telefon – Das kleine Tier – Das Kleid – Der Kaffee – Das Vaterunser – Der Krankenwagen  – Der Eiffelturm – Das Sonderangebot – Das Präservativ – Das Auge – Die Bibel – Der Film – Der Lagerraum – Der Bart – Das Heft – Der Friedhof – Die Kerze – Der Fleck – Die Pastete – Das zweite Heft – Die Müllsäcke – Das Foto – Der Kuchen – Der Pfeil – Die Inspektoren – Der Kühlschrank – Die Perücke – Der Gefreite – Das Kästchen – Die Hunde – Die Kette

Dies ist eine so stringente Kette, dass die Ausnahmen (Die Inspektoren und Der Gefreite) [Sonderstellung der Tiere, juristisch zwischen Ding und Mensch] mir fast als handwerkliche Mängel erscheinen. Hat hier einer sich nicht bewusst gemacht, was er tut? Agiert er impulsiv aus dem Unterbewusstsein heraus, ohne auf Fehler zu achten und sie zu korrigieren?

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Edem Awumey: „Nächtliche Erklärungen“

Rare Zwischenräume

Der 1975 in Lomé (Togo) geborene Schriftsteller Edem Awumey erhält durch den Übersetzer und Verleger Stefan Weidle seinen ersten Auftritt auf dem deutschen Buchmarkt. Der Autor lebt in der Nähe von Ottawa. Explication de la nuit (deutsch: Nächtliche Erklärungen) ist bereits sein vierter Roman und sollte den Auftritt Kanadas auf der Frankfurter Buchmesse 2020 bereichern. COVID-19 und eine abgelehnte Übersetzungsförderung durch das Canada Council for the Arts brachten die Pläne des Verlegers durcheinander. Nichtsdestotrotz, das Buch liegt vor und wird sich auch ohne die Unterstützung des Ehrengastes seinen Weg von Togo nach Kanada, von Kanada nach Deutschland und in die Welt bahnen, mächtig genug sind die Werkzeuge des Erzählers, roh, unmittelbar und doch auch zärtlich zugleich die Sprache, die er anwendet, um seine Geschichte zu erzählen.

Ito Baraka und seine Freunde Beno, Wali und Sika sind junge Studenten in Lomé, die von einer besseren Zukunft träumen und – da träumen unter dem vergreisenden Diktator nicht erlaubt ist: die Partei, die antiimperialistische Revolution, ER steht für die bessere Zukunft – ihre Zuflucht in der Literatur suchen. Samuel Becketts Werk gibt Stichworte vor.

Wir dachten noch über dieses Vierpersonenstück nach, als Wali in der Unibibliothek einen Beckett auslieh, den wir noch nicht gelesen hatten, Endspiel. Und da uns der Zufall manchmal in die Hände spielt, bestand das Personenverzeichnis aus drei Männern und einer Frau. Das waren wir, wir selbst steckten in derselben lähmenden Scheiße wie Becketts Geschöpfe […]

In der schwärzesten Scheiße saßen wir, weshalb das ganze Volk singen und tanzen mußte, wenn das Land einen hochrangigen Gast willkommen hieß, irgendwelche Mandatsträger, einen Monarchen oder Despoten in Uniform mit Schokoladenorden, das Volk im Ehrenspalier vom Flughafen bis zum Präsidentenpalast: Schüler, Beamte, Lehrer, Neugeborene auf dem Rücken ihrer jungen Mütter, die nichts von dem lustigen Spektakel verpassen wollten, Medizinmänner und sämtliche Stadtheilige, die wild gestikulierten und das Liedchen ewigen tropischen Glücks schmetterten […]

Die Freunde proben Endspiel am Strand, doch als einer krank wird, kommen sie auf die Idee, Sätze aus dem Stück als Flugblätter drucken zu lassen und in Lomé zu verteilen. Was als leichtfüßige, subversive Aktion beginnt, wird in den Unruhen der Jahre 1990/1991 zu einer tödlichen Gefahr. Menschen sterben im Kugelhagel oder verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Leichen werden vom Meer angeschwemmt. Awumey schont uns nicht, spart Folter und Mord nicht aus. Er lässt seine Figur Ito an einer Stelle sagen:

Ich muß nicht beschreiben, welch tierisches Geschrei sich erhob, das ohrenbetäubende Brüllen der Geschlagenen, deren Haut aufriß und deren Fleisch sich unter den Hieben in Fetzen ablöste.

Ito ist in Haft und den Häschern des Systems ausgeliefert. Die Freundschaft zu Koli Lem, dem Alten, der seiner Sehkraft beraubt wurde, lässt Ito die Zeit im Gefängnis überstehen. Er liest dem Blinden Bücher der Weltliteratur vor, sie reden darüber, der Alte nimmt den Jungen in die Pflicht, später über alles zu schreiben.

Als Ito aus der Haft kommt und mit Glück seiner Erschießung entrinnen kann, kehrt er zunächst nach Lomé zu seinen Eltern zurück, beginnt zu schreiben und nimmt ein Jahr später eine Einladung zu einem Stipendiumsaufenthalt in Kanada an.

Ito ist auf dem Weg zurück von Québec nach Hull in der Nähe von Ottawa. Er weiß, dass es keine Zeit mehr hat. Er wird sterben, die Leukämie frisst sich in seinen Körper, der ohnehin vom Alkohol geschwächt ist. Dennoch schreibt er, muss seine Geschichte fertigschreiben, muss Koli Lem gerecht werden, auch wenn er längst weiß, dass er sich nicht zum Flugmenschen, von denen Koli ihm berichtet hatte, eignet, sondern eine lichtscheuen Ratte geworden ist. Itos Freundin Kimi Blue ist drogensüchtig, zusammen suchen sie Momente des Glücks, die ihnen von ihren Geschichten zugestanden werden.

Kimi Blue stammte aus dem Indianerreservat von Kitigan Zibi Anishinabeg in der Nähe vom Maniwaki nördlich von Ottawa. Nach dem Tod ihres Vaters, der sich eines Tages am einzigen Baum im Hinterhof ihres Hauses erhängt hatte, mußte sie einige Jahre allein für ihre geisteskranke Mutter sorgen, die obendrein verfaulte Lungen hatte und als Folge eines Verkehrsunfalls und eines ausschweifenden Lebens an den Rollstuhl gefesselt war. Kimi arbeitete dort in einem Lebensmittelgeschäft und machte nach der Arbeit noch einen Abstecher zur Hütte eines Typen, der sie und ihre Mutter mit Zigaretten, Alkohol und Kokain versorgte.

Kimi will die Hoffnung nicht aufgeben, die Hoffnung von den Drogen wegzukommen, die Hoffnung, mit Ito eine Zukunft zu haben. Sie bestellt den Krankenwagen. Doch ihr Freund will nichts davon wissen.

Nein. Wir fahren nicht ins Krankenhaus. Wir gehen schlafen und spielen uns vor, es wäre eine ganz normale Nacht. Und wie schon seit drei Monaten werde ich meinen Kopf zwischen deinen Brüsten vergraben, ein debiler alter Sack, der sich trotz allem noch ans Leben klammert.

 

Gespräch mit dem Übersetzer Stefan Weidle und Textauszug auf Faustkultur.

Ray Lavallee und Judith Silverthorne: „Die Würdigung des Bisons – Eine Legende der Plains Cree“

Vorschau Frankfurter Buchmesse 2020, Ehrengast: Kanada
Vom Rentier zum Bison – Die Überreichung der GastRolle anderer Art

Meinen Besuch bei der Frankfurter Buchmesse 2019 beschloss ich mit Traditional Sámi Joik and Joik Poetry, vorgetragen von Inga Ravna Eira, Biret Riste Sara und Karen Anne Buljo am Sonntagmittag im Ehrengast-Pavillon. Dabei wurde abermals, wie in den Tagen zuvor, über die große Bedeutung der Rentier-Herden für die Sámi gesprochen. Alle Körperteile des Rentiers sind den Sámi von Nutzen.

Das galt auch für ein anderes Säugetier, den Bison, der für den Kultur der Cree in Kanada von überragender Bedeutung war. Einst gab es viele Millionen Bisons, die die weiten Ebenen bevölkerten. (Heute gibt es etwa 20000 wildlebende Bisons.)

Daran erinnert das preisgekrönte Buch Die Würdigung des Bisons. Eine Legende der Plains Cree, das gerade im Verlag MONS in einer bilingualen Fassung erschienen ist. Dass hier die Sprache Plains Cree oder auch Dialekt Y gezeigt und in Beziehung zur deutschen Sprache gesetzt wird, allein das ist bedeutend im Internationalen Jahr der indigenen Sprachen 2019.

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Paula Ikuutaq Rumbolt | Lenny Lishchenko: „The Origin of Day and Night“

Vorschau Frankfurter Buchmesse 2020, Ehrengast: Kanada
Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen

The Origin of Day and Night von Paula Ikuutaq Rumbolt (Text) und Lenny Lishchenko (Illustration) ist ein Kinderbuch aus dem Jahr 2018. Es ist ihm zu wünschen, dass es nächstes Jahr, wenn Kanada Guest of Honour der Frankfurter Buchmesse 2020 sein wird, dem Publikum mit einer deutschsprachigen Ausgabe vorgestellt werden kann.

Der Verlag schreibt:
In very early times, there was no night or day, and words spoken by chance could become real. When a hare and a fox meet and express their longing for light and darkness, their words are powerful enough to change the world forever.
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Mary Caesar: „My Healing Journey“

Lower Post Residental School Memories

Mary Caesar, Strong Woman Walking, so ihr indianischer Name, wurde 1955 in Kanada als Mitglied der Liard First Nation an der Grenze von Yukon zu British Columbia am Watson Lake geboren.

In ihrer Lyrik und ihrer Kunst legt sie Zeugnis ab vom Leben indigener Menschen, die in das rassistische und Menschenleben zerstörende System der Residental Schools in Kanada gezwungen wurden, dessen Ziel es war, die Menschen zu entwurzeln, ihrer Herkunft, ihrer Kultur zu berauben und physisch und psychisch zu vernichten.

Caeser sagt von sich, sie habe die Residential School überlebt. Ihre Triebfeder zu schreiben, ist, jenen zu gedenken, die dieses Martyrium nicht überlebt haben. Opfer sind auch die Überlebenden, denn sie sind lebenslang gezeichnet.

Ida war eine Überlebende der Lower Post Residential
School.
Ich werde ihr Andenken immer wahren.

(aus: Für Ida)

In ihrem Vorwort erzählt Caesar von ihrer Alkoholabhängigkeit und dem langen Weg der Heilung, den sie auch durch ihr Schreiben und ihre Kunst vorantreibt.

Dass dieses wichtige Zeugnis aus 24 Gedichten (bereits in der 4. Auflage) zweisprachig in englischer und deutscher Sprache vorliegt, reich bebildert mit der Kunst der Autorin, ist ein Verdienst engagierter Menschen, die den Blick auf die Situation indigener Völker in Nordamerika jenseits überkommener Klischees, die immer noch einen kauffreudiger deutschen Markt bedienen, richten.

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Jerome Rothenberg: „Khurbn“

where the warm flux inside the corpse
changes to stone

Erst war langes Schweigen. Zur Scham gesellte sich Verdrängung, schließlich Gedächtnisverlust.

1979 trat in mein damals 14 Jahre altes Leben das Wort Holocaust. Es kam als Titel des US-amerikanischen Vierteilers „Die Geschichte der Familie Weiss“, klopfte an in unserem Wohnzimmer und bat über den Fernseher Einlass. Gegen den Widerstand meines Vaters wurde dieses Wort in unsere wie in unzählig weitere deutsche Familien gebracht und setzte sich fest.

Sehr viel später erst, schon im 21. Jahrhundert, trat das Wort Shoah hinzu. Wenn meine Erinnerung nicht trügt, war Claude Lanzmanns 540 Minuten dauernder Film auf mehreren VHS-Videokassetten.

Nun also: Khurbn. Ein drittes Wort für den Grund des langen Schweigens. Ein Schweigen, das sich mit einem deutschen Wort nicht füllen lässt, es sei denn, man verwendet den verbrecherischen Euphemismus Endlösung, nutzt die Lingua Tertii Imperii.

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Jeffrey Yang: „Ein Aquarium“

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It’s not a Sea World
Jeffrey Yangs Tauchgang in „Ein Aquarium“

Ich erinnere mich, wie ich Anfang 2010 von der Schönheit des Scyphocrinus elegens, einer Seelilie, atemlos wurde. Das Fossil war ausgestellt in einer der ersten Vitrinen im Ozeaneum in Stralsund. Lange stand ich dort, mit offenem Mund, aus dem offen gebliebene Fragen herauskollerten. Die Welt unter Wasser habe ich nur aus einigen nicht geglückten Schnorchelgängen an der steinigen Küste Istriens als Kind erfahren. Noch heute kann ich mir die abgebrochenen Stacheln der Seeigel, Verwandte der Seelilien aus der Familie der Stachelhäuter, in meinen Fersen vergegenwärtigen. Ich hasste diese Dinger. Erst später, sehr viel später habe ich mich bei der Übersetzung von Moya Cannons Gedicht „Sea Urchins“ mit der faszinierenden Biologie dieser Tiere beschäftigt und lernte etwas über die Laterne des Aristoteles, dem innernen Kieferapparat der Seeigel.

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James Salter: „Alles, was ist“

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Verloren zwischen Small-Talks und Sex

Der 1925 geborene, US-amerikanische Schriftsteller James Salter starb im Sommer dieses Jahres. Sein Roman „Alles, was ist“, 2013 als sechster Roman nach über 30 Jahren Pause geschrieben, muss demnach als Spätwerk und literarisches Vermächtnis gelesen werden. Das Werk wurde im Jahr des Erscheinens von Beatrice Howeg ins Deutsche übersetzt.

Meine Kenntnis der US-amerikanischen Literatur ist durch große Lücken gekennzeichnet, weshalb mir eine Einordnung des Autors und seines Werk in einen Gesamtzusammenhang schwer fällt. Auf der Coverrückseite wird Salter in einem Atemzug mit Philip Roth genannt, der schon lange als Kandidat für den Literatur-Nobelpreis gilt.

Salter entwirft eine Gesellschaftsbild der amerikanischen Mittelschicht, das vom Zweiten Weltkrieg bis zum Ende des 20. Jahrhundert reicht.

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