Jerome Rothenberg: „Khurbn“

where the warm flux inside the corpse
changes to stone

Erst war langes Schweigen. Zur Scham gesellte sich Verdrängung, schließlich Gedächtnisverlust.

1979 trat in mein damals 14 Jahre altes Leben das Wort Holocaust. Es kam als Titel des US-amerikanischen Vierteilers „Die Geschichte der Familie Weiss“, klopfte an in unserem Wohnzimmer und bat über den Fernseher Einlass. Gegen den Widerstand meines Vaters wurde dieses Wort in unsere wie in unzählig weitere deutsche Familien gebracht und setzte sich fest.

Sehr viel später erst, schon im 21. Jahrhundert, trat das Wort Shoah hinzu. Wenn meine Erinnerung nicht trügt, war Claude Lanzmanns 540 Minuten dauernder Film auf mehreren VHS-Videokassetten.

Nun also: Khurbn. Ein drittes Wort für den Grund des langen Schweigens. Ein Schweigen, das sich mit einem deutschen Wort nicht füllen lässt, es sei denn, man verwendet den verbrecherischen Euphemismus Endlösung, nutzt die Lingua Tertii Imperii.

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Jeffrey Yang: „Ein Aquarium“

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It’s not a Sea World
Jeffrey Yangs Tauchgang in „Ein Aquarium“

Ich erinnere mich, wie ich Anfang 2010 von der Schönheit des Scyphocrinus elegens, einer Seelilie, atemlos wurde. Das Fossil war ausgestellt in einer der ersten Vitrinen im Ozeaneum in Stralsund. Lange stand ich dort, mit offenem Mund, aus dem offen gebliebene Fragen herauskollerten. Die Welt unter Wasser habe ich nur aus einigen nicht geglückten Schnorchelgängen an der steinigen Küste Istriens als Kind erfahren. Noch heute kann ich mir die abgebrochenen Stacheln der Seeigel, Verwandte der Seelilien aus der Familie der Stachelhäuter, in meinen Fersen vergegenwärtigen. Ich hasste diese Dinger. Erst später, sehr viel später habe ich mich bei der Übersetzung von Moya Cannons Gedicht „Sea Urchins“ mit der faszinierenden Biologie dieser Tiere beschäftigt und lernte etwas über die Laterne des Aristoteles, dem innernen Kieferapparat der Seeigel.

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James Salter: „Alles, was ist“

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Verloren zwischen Small-Talks und Sex

Der 1925 geborene, US-amerikanische Schriftsteller James Salter starb im Sommer dieses Jahres. Sein Roman „Alles, was ist“, 2013 als sechster Roman nach über 30 Jahren Pause geschrieben, muss demnach als Spätwerk und literarisches Vermächtnis gelesen werden. Das Werk wurde im Jahr des Erscheinens von Beatrice Howeg ins Deutsche übersetzt.

Meine Kenntnis der US-amerikanischen Literatur ist durch große Lücken gekennzeichnet, weshalb mir eine Einordnung des Autors und seines Werk in einen Gesamtzusammenhang schwer fällt. Auf der Coverrückseite wird Salter in einem Atemzug mit Philip Roth genannt, der schon lange als Kandidat für den Literatur-Nobelpreis gilt.

Salter entwirft eine Gesellschaftsbild der amerikanischen Mittelschicht, das vom Zweiten Weltkrieg bis zum Ende des 20. Jahrhundert reicht.

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