Angélica Freitas: „Der Uterus ist groß wie eine Faust“

Nicht gekommen

Was hindert zwei Menschen, gleich des Geschlechtes, des gleichen Geschlechts, dass sie sich treffen, ihre mit Wollust und Blut vollgepumpten Geschlechtsorgane aneinanderreiben und sich im Orgasmus vereinen?

Angélica Freitas, am 8. April 1973 in Pelotas, Rio Grande del Sur, Brasilien aus der Gebärmutter ihrer Mutter = Gebärmutterzum Quadrat (stört nicht das Eckige?) entlassene Tochter, gibt uns darüber in ihrem zweiten Gedichtband in deutscher Übersetzung Der Uterus ist so groß wie eine Faust (aus dem brasilianischen Portugiesisch von Odile Kennel) Auskunft.

Wir lernen, auch ein Nicht-Koitus (damit meine ich nicht nur das Treiben geiler Schwänzchen im Muttis dunkler Empfangshalle) nimmt die orgiastische Steigerung nicht aus.

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Lina Meruane: „Heimkehr ins Unbekannte. Unterwegs nach Palästina“

Herkunft als Dorn

۰ | Von innen heraus
Für den Schmerz spielt sie scheinbar keine Rolle: die Verwechslung von Stachel und Dorn. Beide können die Haut aufreißen oder perforieren und subkutan eindringen. Und doch lohnt eine kurze Exkursion in die Botanik, um sich zu vergegenwärtigen, dass ein Dorn aus dem Innern der Pflanze herauswächst und nicht wie der Stachel ein Gebilde des Rindengewebes ist. Akzeptiert man die als Überschrift gewählte Metapher, die den Wissensdurst des Menschen „Wer bin ich? Woher komme ich?“ mit einem Dorn vergleicht, so ist diese Frage keine Randerscheinung, sondern vital, von unmittelbarer Notwendigkeit, um zu leben, um zu überleben.

Die Schriftstellerin Lina Meruane, 1970 in Santiago de Chile geboren, geht diesen Fragen in Heimkehr ins Unbekannte nach, sucht verbliebene Spuren ihrer Herkunft. Sie ist Unterwegs nach Palästina. Das Buch ist zweigeteilt: Rückverwandlung ist ein aus dem Spanischen übersetzter Text von 2014. Gesichter in meinem Gesicht wurde für diese Ausgabe geschrieben. Beide Teile, wie schon der zuletzt in deutscher Sprache erschienene Roman Rot vor Augen, wurden von Susanne Lange übersetzt.

Wo Heimkehr ist, muss zuvor der Weggang gewesen sein. Und zweifelsohne spricht dieses persönliche und politische Buch über Flucht:

Die Familie seiner Mutter war schon zwanzig Jahre zuvor ins Exil gegangen, mit der ersten Fluchtwelle, und hatte niemals zurückkehren können. Hamza sagt das mit britischer Lässigkeit, auch wenn man zwischen den Silben den Dorn des Geflüchteten spürt, der diesen Status als Anspruch aufrechterhält.

١ | Jordanufer und Beit Jala
Einmal konnte ich diesen Dorn eines Geflüchteten, eines Vertriebenen spüren. Es war im Jahr 2006, der Reiseleiter Abdullah Y. hatte unsere kleine, deutsche Reisegruppe nach Al-Maghtas (Jordanien) geführt. Als ich einen Augenblick mit ihm allein am Jordanufer war, wagte ich eine Frage. Ich fragte ihn, der im Alter von drei Jahren aus seiner Heimat flüchten musste, nach seinen Gefühlen im Anblick der besetzten West Bank. Die Augen auf seine Heimat gerichtet, antwortete er nicht, formte keine Worte. Und doch spürte ich sein Beben. Später suchte ich nach einem Begriff, nannte die Erinnerung, seine Erinnerung „ohnmächtige Wutstücke.“ Ich glaube nicht, ihm und seiner Lebensgeschichte in irgendeiner Weise gerecht geworden zu sein. Vielleicht habe ich jedoch zumindest eine Ahnung, welches Leid sich hinter dem von Meruane benutzten Begriff 67er-Palästinenser verbirgt. Ich sehe einen Menschen vor mir, der eine Familie gegründet, ein Haus gebaut, sich in Jordanien eingerichtet hat, aber Touristen ans Jordanufer zu führen, ist und bleibt der Dorn. Von dort, wo Abdullah und ich standen, sind es gerade einmal 40 oder 50 Kilometer Luftlinie nach Beit Jala, einer palästinensischen Stadt, noch heute mit einer christlichen Bevölkerungsmehrheit, aus der Meruanes Großvater Issa, später nannte er sich Salvador, 1920 vertrieben wurde. Als er überlegte zurückzukehren, vernichtete der Sechstagekrieg im Jahr 1967 seine Pläne. Christen aus Beit Jala finden sich in ganz Mittel- und Südamerika, dort gründeten sie Familien. Meruanes Familiengeschichte steht exemplarisch für viele.

٢ | Drei Fragen
Meruane stellt ihren Global Cultures-Studierenden an der New Yorker Universität zum Semesterbeginn folgende Fragen:

Where does your family originate?
What is home for you?
What languages do you speak other than English?

Es scheint zweifelhaft, ob solcherlei Fragen legitim sind oder ob sie nicht als unangenehm, einschüchternd und tendenziell diskriminierend empfunden werden. Ja, lerne ich im mobilen Lernlabor der Bildungsstätte Anne Frank, bereits der Versuch, äußere Merkmale (Hautfarbe) mit Herkunft und Sprache zu verknüpfen, ist ein rassistisches Muster. Dabei spielt keine Rolle, wie es vom Absender gemeint ist, sondern wie es beim Empfänger ankommt.

Meruane ist sich dieser Problematik durchaus bewusst. Sie hat es mit ihrer Haut und ihrem Gesicht bereits unzählige Male durchdekliniert; eine Begegnung am Flughafen:

You are Hebrew?, sagt er auf Englisch, offenbar geht er davon aus. Eine seltsame Art, danach zu fragen, ob ich Jüdin oder Israeli bin, die Sprache als Synonym für die religiöse und nationale Identität. […] Seit Jahr und Tag erkläre ich, dass ich weder Französin noch Italienerin bin, keine Griechin, keine Ägypterin oder Spanierin, keine Türkin oder Marokkanerin, nicht einmal eine echte Palästinenserin, so sehr das geübte Auge der israelischen Sicherheitskräfte das Palästinensische an mir sofort bemerkt hatte, auf meiner einzigen Reise nach Palästina.

Dennoch stellt Meruane diese existentiellen Fragen, gibt als Erste Auskunft und stellt jeder Person frei zu antworten oder nicht. Die überwältigende Mehrheit der Studierenden gibt bereitwillig Auskunft.

Ich sehe darin den Dorn, dieses von innen heraus gewachsene Gebilde, das ein lebenswichtiges Organ ersetzt. Wir haben das Bedürfnis, über unsere Herkunft zu sprechen. Wir möchten darüber erzählen, Zeugnis ablegen dürfen. Wir wollen uns nicht hinter der Maske eines Einheitsmenschen mit globaler Einheitssprache verstecken, sondern unsere Abstammung in tausenden Gesichtern, Geschichten und Sprachen weitergeben. Das ist, wie ich glaube, der Motor jeder Literatur. Wäre es nicht so, wir könnten aufhören, zu schreiben und Bücher zu lesen. Aber glücklicherweise sind wir süchtig nach Geschichten, die immer auch Geschichten über die Herkunft sind. Und diese ist nicht rein, kann es nicht sein, denn dies ist immer nur ein politisches Konstrukt.

Israel, das 20 Prozent arabische Bürger beherbergt, wurde zu einem „ausschließlich“ jüdischen Staat erklärt, und möglicherweise muss bald schon jeder, der die israelische Staatsbürgerschaft beantragt, einen Gentest machen und wissenschaftlich seine Reinheit nachweisen. Ein entsetzliches Streben, das nach Reinheit, die Reinheit hat uns nichts als Probleme gebracht […]

٣ | Wortverbot
Ich lese, dass seit 2008 das Wort Nakba nicht mehr in arabischsprachigen Schulbüchern in Israel genannt werden darf. Mit Nakba ist die Katastrophe gemeint, die aus Sicht der Palästinenser sich aus der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 für die palästinensische Bevölkerung ergab: tausendfache Flucht und Vertreibung.

Wortverbote, Denkverbote, das ist die ganz große Politik, die nicht mehr differenzieren will, die die Fähigkeit verloren hat, für die Bevölkerung eines Staates (auch der Minderheiten) und der Nachbarn Sorge zu tragen und Verantwortung zu übernehmen. Auf der Ebene der Familien, jenen, die unter großer Politik zu leiden haben, liest sich das bei Meruane so:

Viele, die während der Nakba fortgehen mussten, haben ihren Hausschlüssel behalten, wie auch viele der Juden, als sie 1492 – für sie das Jahr 5252 – aus Spanien vertrieben worden waren, die ihren behalten hatten, um nicht zu vergessen, dass es ein Haus gab, ein Dorf, eine Stadt, eine eigene Luft, die man ihnen entrissen hatte.

٤ | Jemand
Die Recherche einer Familiengeschichte, die mit Reisen nach Israel und in die West Bank verbunden ist, mit Kontakt zur weitläufigen Verwandtschaft, kommt an Checkpoints nicht vorbei. Es sind willkürliche Punkte, die politische Fragen produzieren, Solidarität, vor allem aber polemische oder auf Vernichtung zielende Angriffe nach sich ziehen.

Jemand hatte geweint, als er es [Meruanes Buch] in New York gelesen hatte, jemand war wütend geworden. Jemand hatte mir Unverfrorenheit bescheinigt. Jemand hatte gesagt, ich sei im Irrtum, jemand hatte bekräftigt, ich hätte recht. Jemand, ich hätte zu kurz gegriffen oder sei zu weit gegangen. Ich hätte übertrieben. Hätte gelogen. Niemals begriffen, immer noch nichts begriffen. […] Jemand (noch eine deutsche Professorin) erzählt, es sei unmöglich geworden, über den Zionismus zu sprechen, ohne als Antisemit abgestempelt zu werden. Jemand (ein linker Deutscher) beschuldigt mich des Antisemitismus, ohne zu verstehen, was das Wort bedeutet. Jemand beschimpft mich im Netz. Jemand unterstützt den Schimpfer. Jemand stellt sich gegen ihn. Jemand wirft mir vor, mich auf Kosten des palästinensischen Leids zu bereichern. Jemand schlägt vor, ich solle aufhören, über diese Leute zu reden, Leute wie mich.

Undsoweiterundsofort. Dieser Strom wir wohl nach dieser Veröffentlichung nicht abreißen. Über die legitime Erforschung der Herkunft (Where does your family originate?) wird es dabei selten gehen. Wort- und Bedeutungshoheit werden die so notwendigen Zwischentöne abwürgen.

٥ | denn ein gesicht ist niemals neutral – Stasi, Software und Super-Recognizer
Die Beamten dort [Tränenpalast, Friedrichstraße, Berlin] gehörten nicht der Volkspolizei der DDR an, sondern der Passkontrolleinheit, die der Stasi unterstand und darauf trainiert war, falsche Papiere und falsche Identitäten aufzuspüren. Anstatt Fingerabdrücke oder Unterschriften zu prüfen, konzentrierten sich diese Beamten auf die Entsprechung von Foto und Gesicht. […] Sie spezialisierten sich vor allem auf die Ohren, auf die Größe des Ohrläppchens und den Schwung von Knorpeln Dreiecksgrube Ohrdeckel Muschel Höcker Einschnitte, die nicht nur bei jedem Menschen einmalig sind, sondern auch niemals altern.

Die israelische Armee hatte die Checkpoints vor Jahren schon mit Gesichtserkennungstechnologie ausgestattet. […] Der geschäftsführende Direktor der israelischen Firma Anyvision (Beliebiger-Eindruck oder Totaler-Einblick, ein beredter Name dafür, dass sie alles sahen) schien den Blinden zu spielen, als er im Netz erklärte, dass sein Unternehmen Israel mit der neuesten Software für Gesichtserkennung belieferte und „sensibel auf rassistische und geschlechtliche Vorurteile reagiert und seine Technologie nur an Demokratien verkauft.“

Unter uns Menschen haben manche überragende Fähigkeiten, wenn es um das Erkennen von Gesichtern geht. Ein bis zwei Prozent der Bevölkerung besitzen diese Gabe, doch sie entfaltet sich nur, wenn der Super-Recognizer für die Polizei arbeitet. Man weiß von einem Super-Recognizer, der aberhundert Verdächtige erkannt hat, von denen er Jahre zuvor nur ein einziges Foto gesehen hatte, auf Kameras oder in Datenbanken.

٦ | Totenmaske
Meruane reist ein zweites Mal in die West Bank. Maryam, ihre Tante, trifft sie nicht mehr. Sie ist verstorben. Man zeigt ihr ein Video: Maryams Gesicht,

geschwollen von den Medikamenten, eine schreckliche Maske, die ihr die Krankheit übergestülpt hat und die sie mit ins Grab nehmen wird.

Meruane bleibt sich des Gesichts als Projektionsfläche der Herkunft bis in diesen Tod treu. Hartnäckig arbeitet sie sich daran ab und zeigt uns eine gesellschaftliche Dimension auf. Wir alle sind in Gefahr, denn die existentielle Suche wird systematisiert, gelenkt und zur Unterhöhlung unserer Freiheit genutzt: Gensequenzen entschlüsseln uns, Gesichtserkennung überwacht uns. Gelingt es uns angesichts dieser Technik, Menschen zu bleiben oder liefern wir uns als Datensätze einer totalitären Kontrolle aus?

 

Rosario Castellanos: „Das dunkle Lächeln der Catalina Díaz“

Magie am Wegesrand

Wieder mal ein Buch, das ich aus einer auf der Straße abgestellten Bücherkiste, der Hinweis Zum Mitnehmen erübrigte sich ob der Offensichtlichkeit dieses Angebots, mitgenommen und in Obhut genommen habe …

Oficio de tinieblas der mexikanischen Schriftstellerin Rosario Castellanos (1925-1974) erschien 1993 in der Übersetzung von Petra Strien-Bourmer in deutscher Sprache unter dem Titel Das dunkle Lächeln der Catalina Díaz.

Das obige Cover zeigt die Sonderedition von 2003 mit dem blumigen Untertitel Der magische Roman vom Aufstand in Chiapas.

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Julia Alvarez: „Die Zeit der Schmetterlinge“

Wer war Juan Bosch?

Anschließend stattete der Präsident uns einen Besuch ab. Er saß in Papás altem Schaukelstuhl, trank eine geeiste limonada und erzählte mir seine Geschichte. Er sagte, er werde eine Menge ändern: Die alten Generäle werde er abservieren, weil an ihren Händen das Bluts der Mirabal-Schwestern klebe; all die Ländereien, die sie sich angeeignet hätten, werde er unter den Armen verteilen lassen; und er wolle dafür sorgen, daß wir auf unser Land stolz sein können und es nicht von imperialistischen yanquis beherrscht werde.

Im Roman Die Zeit der Schmetterlinge aus dem Jahr 1994 der 1950 in der Dominikanischen Republik geborenen Schriftstellerin Julia Alvarez (Übersetzung aus dem Amerikanischen Englisch: Carina von Enzensberg und Hartmut Zahn) kommt Juan Bosch am Ende als Nebenfigur vor.

Bosch steht für den Bruch der über dreißig Jahre andauernden Trujillo-Diktatur, steht für die Hoffnung der Menschen auf bessere Zeiten. Wer Boschs Biografie nachliest, wird lesen, wie diese Hoffnungen innerhalb von Monaten zunichte gemacht wurden, wie die yanquis mit ihrem Geheimdienst und lokalen Eliten tiefgreifenden soziale Änderungen verhinderten, mit ihrer von Antikommunismus gelenkten Sichtweise das Elend der Menschen verlängerten und die Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen während der Diktatur verhinderten.

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Literaturzeitschrift alba11: Schwerpunkt weibliches Schreiben

Gespräch mit den alba-Redaktionsmitgliedern Laura Haber und Christiane Quandt auf Faustkultur.

Gib acht, Agda!
Die elfte Ausgabe des Magazins alba.lateinamerika lesen

Mit dem Leitmotiv Aquí estamos. Wir sind da. präsentiert sich die aktuelle Ausgabe der in Berlin herausgegebenen zwei- und stellenweise auch mehrsprachigen Literaturzeitschrift. Ein Blick auf die Namen der Redaktionsmitglieder und der an Übersetzungen und an Illustrationen Beteiligten weist deutlich mehr Frauen als Männer aus, weshalb alba sich folgerichtig, nach mehreren Ausgaben mit verschiedenen Länderschwerpunkten, darunter Chile und Mexiko, nun dem weiblichen Schreiben widmet. Ich widerstehe der Versuchung, Anführungsstriche zu setzen, eine Kategorie zu markieren, eine Schublade.

In ihrem Beitrag Sie sind da blickt Redaktionsmitglied María Ignacia Schulz zurück auf die Anfänge des Magazins.

Vielfalt als Stärke, Heterogenität als höchster Anreiz. Diese Ziele setzte sich die Redaktion im Editorial der ersten Ausgabe von alba.lateinamerika lesen im März 2012. In den sechs Jahren und elf Ausgaben seither war es nicht immer einfach, dem auch gerecht zu werden. Stets war mit diesem Interesse auch das Bemühen verbunden, die literarische Arbeit zeitgenössischer Schriftstellerinnen Lateinamerikas hervorzuheben. Ist dies heutzutage noch notwendig?

Die Frage wird von Christiane Quandt per Interview an die mexikanische Lyrikerin und Performerin Rocío Cerón weitergegeben. Sie antwortet:

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Enrique Winter: „Oben das Meer unten der Himmel“

Sandpapier und Leim, ein Tropfen Wasser

Enrique Winter, chilenischer Dichter mir deutschen und polnischen Wurzeln (* 1982 in Santiago de Chile) reist viel. In Juni 2018 war er zum wiederhoten Mal in Deutschland, nach Einladungen zur Latinale 2012 in Berlin oder als Gast der Sylt Foundation von Indra Wussow 2017, dieses Mal in Köln zur Vorstellung der deutschen Übersetzung seiner Gedichte, die nun endlich erschienen ist. Der Band, der eine Auswahl aus seinen Bänden Atar las naves (2003), Rascacielos (2008) und Guía de despacho (2010) vorstellt, war bereits 2015 bei einem anderen Verlag angekündigt, hat nun aber seinen Platz in der parasitenpresse von Adrian Kasnitz gefunden.

In ihrem Nachwort schreiben Sarah Otter, Johanna Schwering und Léonce W. Lupette, die die Übersetzungen gemeinsam erarbeitet haben, von Winters Performance bei der Latinale, die zur Initialzündung für diese Übersetzungsarbeit wurde. Annähernd sechs Jahre dauerte es, bis das Buch realisiert werden konnte. Welchen Preis müsste dieses Buch haben, um die Ausdauer des Übersetzertrios gerecht zu werden und dem Verleger einen Gewinn in Aussicht zu stellen?

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Roxana Crisólogo: „Eisbrecher“

Taunetze sind Grenzen

Die Gedichte der peruanisch-finnischen Lyrikerin Roxana Crisólogo sind „Schlingpflanzen“, die „den unumkehrbaren Gang des Rauchs erdrosseln“. Sie bahnen sich ihren Weg, hinterlassen Stränge, die zu den Wurzeln führen, durchdringen Grenzen, ziehen sich und die sie umgebende Welt zusammen und lassen doch an anderer Stelle Nebenwege zu, die luftig sind, die Nischen entstehen lassen.

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Juan Gelman: „Leidland – País del dolor“

Tinte, die kein Leid schreibt

Das Werk des Dichters Juan Gelman (1930-2014) wurde mit allen wichtigen Literaturpreisen der spanischsprachigen Welt ausgezeichnet. Es umfasst 31 Lyrikbände und kann, folgt man den Betreibern der Webseite des Schriftstellers, in drei Schaffensphasen aufgeteilt werden; Einleitung: Utopie und Revolution (1956-1973) | Exil: Unterbrechungen und Erinnerung (1980-1994) | Ein glühendes Handwerk (1997-2014). Zu jeder dieser Phasen liegt mir ein Band in deutscher Übersetzung vor: So arbeitet die Hoffnung. Lyrik des argentinischen Widerstands in der Übertragung von Wolfgang Heuer und Miquel Salí von 1978 (Oberbaumverlag Berlin), Kom/positionen & Darunter, übertragen von Juana und Tobias Burghardt aus dem Jahr 2013 (Edition Delta, Stuttgart) sowie das zu besprechende Leidland, für das Walter Eckel, Direktor des Heidelberg Centers Lateinamerika, für Übertragung und Einführung in Leben und Poesie des Argentiniers verantwortlich zeichnet.

Leid ist der Schlüsselbegriff dieser Gedichtauswahl aus dem Spätwerk Gelmans. Es verdichtet sich in den beiden Zeilen:

Cuando el dolor se parece a un país
se parece a mi país.

Wenn das Leid einem Land gleicht,
dann gleicht es meinem Land.
(aus: „País“ – „Land“)

Ohne dass Gelman das Wort benutzt, ist es folgerichtig, aus diesen beiden Zeilen das Titelwort zu bilden: Leidland. Die Übersetzung ist dabei nicht zwangsläufig. Im Deutschen gibt es feine Unterschiede zwischen Schmerz und Leid, die spanische Sprache bietet für Schmerz el dolor, für Leid el sufrimiento an. Ist der Schmerz eher ein akutes Ereignis, wird es im chronischen Zustand zum Leid.

Si el dolor es físico y de alma
el sufrimiento, díganme
cómo se distribuye la pasión
del cuerpalma […]

Wenn der Schmerz körperlich ist und seelisch
das Leiden, sagt mir,
wie sich die Leidenschaft
der Körpseele verteilt […]
(aus: „Distribuciones“ – „Verteilungen“)

Aber diese Finessen spielen keine Rolle angesichts der Verschleppung und Ermordung von Gelmans Sohn Marcelo und seiner schwangeren Schwiegertochter María im Jahr 1976. Die Gefolterten und die Angehörigen der Desaparecidos, der Verschwundenen, sind lebenslang durch unendliches Leid gezeichnet.

Im Bereich der Sprache sind mir in Eckels Übertragungen einige Alliterationen aufgefallen, die sich im Original nicht abbilden.

[…]
En el tajo de sus corrientes extrañas.

[…]
Im Schnitt seiner seltsamen Strömungen.
(aus: „El tajo“ – „Der Schnitt“)

Keine Frage: Leidland ist ein kraftvoller Titel. Land des Schmerzes fiele dagegen weit ab.

Es gibt, wie ich denke, einen weiteren Grund, Leidland der Gedichtauswahl voranzustellen. Zu finden ist dieses Wort in Rilkes Duineser Elegien. Rilke versteht Leidland als Zwischenraum zwischen Leben und Tod, ein Raum der Trauerkultur. Er schreibt:

Doch der Tote muß fort, und schweigend bringt ihn die ältere
Klage bis an die Talschlucht,
wo es schimmert im Mondschein:
die Quelle der Freude. In Ehrfurcht
nennt sie sie, sagt: – Bei den Menschen
ist sie ein tragender Strom. –Stehn am Fuß des Gebirgs.
Und da umarmt sie ihn, weinend.
(aus: Rainer Maria Rilke „Die zehnte Elegie“)

Mir scheint, Rilke Klagelied stimmt überein mit der Ansprache des totlebendigen Vaters an seinen lebendigtoten Sohn.

Du bist also zurück.
Als ob nichts geschehen wäre.
Als ob das Konzentrationslager, nein.
Als ob seit 23 Jahren,
in denen ich dich nicht gehört und gesehen habe.
[…]
Du wirst jetzt nie mehr aufhören aufzuhören.
Wieder und wieder kommst du zurück,
und ich muss dir erklären, dass du tot bist.
(aus: „Wiederkünfte“)

Es ist ein Frage, die auch Eckel umtreibt: Wie kann ein Mensch solches Leid aushalten, ohne daran zu zerbrechen? Im Kapitel Leid, Liebe und die Poesie zitiert Eckel in seinen einleitenden Worten Gelman.

Keine von der Natur oder vom Menschen verursachte Katastrophe hat jemals den Faden der Poesie durchtrennen können.
(aus: „Rede zur Verleihung des Juan-Rulfo-Preises,“ 2000)

Eckel schreibt weiter:

Doch haben nicht alle, die über das Schreiben die „Erinnerungswunde“ zu schließen suchten, stellvertretend seien hier Primo Levi und Paul Celan genannt, ihr Leben auf natürliche Weise beenden können.

Wenn hier über Shoah oder Khurbn gesprochen wird, so wird der Bezug von Gelman, dessen Eltern ukrainische Einwanderer jüdischen Glaubens waren, durch einen historischen Vergleich (nicht: Gleichsetzung) hergestellt.

[…]
Gräber im Wasser geschaufelt, Paul Celan. […]
(aus: „Land“)

Eckel kommentiert:

Wenn auch das religiöse Motiv und die industrielle Perfektion der Vernichtungsmaschinerie in Argentinien im Vergleich zu Deutschland nicht vorhanden waren, so standen die argentinischen Folterzentren ihren deutschen Vorbildern in Grausamkeit und Perversion in nichts nach.

Der Akt des Schreibens, des Dichtens ist das, was Gelman davor rettet zu zerbrechen. Graben ist hierfür weit mehr als eine Naturmetapher. Wenn man Gelmans Suche nach seiner zwangsadoptierten Enkelin María Macarena und die Aufklärung der Verbrechen an seiner Familie nimmt, ist das Graben in der Geschichte, deren Oberfläche durch Amnestie und Amnesie versiegelt wurde, ein konkreter Akt, einer, der mit der Verurteilung des Staates Uruguay durch den Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte in Costa Rica am 24. Februar 2011 Rechtsgeschichte schrieb.

Der kahle Baum, auf dem zwei Vögel sitzen, die Einbandgestaltung von Jürgen Kostka, steht für den Dichter und seine Poesie. Auf der Rückseite trägt der Baum neue Blätter, Hoffnung auf eine neue Zeit mit

[…] Tinte,
die kein Leid schreibt
(aus: „Wetten“)

Es mag banal klingen: Durch die Kraft der Liebe wird diese Hoffnung in die Welt getragen. Mara La Madrid, Psychotherapeutin aus Buenos Aires, wird Gelmans große Stütze beim Graben unterhalb des Vergessens und später seine zweite Frau. In einem ihr gewidmeten Gedicht ist für immer festgehalten:

Deine Luft ist die Sonne, die ich habe
und die gestern im Heute schreibt.
Die Reise besteht darin,
Himmel zu bauen, die von Dauer sind.
(aus: „Von Dauer“)

 

Literaturzeitschrift alba10: Schwerpunkt Mexiko

Die 10. Ausgabe von alba. lateinamerika lesen ist ein Fest für neugierige Augen, die bereit sind, Fernes, vielleicht noch Unbekanntes zu lesen und mit einer feinen Grafik verwoben in neuen Zusammenhängen zu sehen. Der Schwerpunkt dieser Ausgabe ist mexikanische Literatur.

Neben dieser Ausgabe habe ich alba08 (Aufstrebende chilenische Literatur) in meinem Zeitschriftenregal und hier besprochen.

Wenngleich ich Ende der achtziger Jahre einiges an iberoamerikanischer Literatur in deutscher Übersetzung gelesen habe, bin ich doch nicht sehr vertraut mit den zeitgenössischen Autorinnen und Autoren dieses Teils der Welt.  alba ist für Leute wie mich genau das richtige Medium, um einen kompakten Überblick über die dortige Literaturszene zu bekommen. Die alba-Redaktion gibt in einem Interview Auskunft über die Grundidee des Magazins.

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Luis Chaves: „Während ich aus den Minusgraden zurückkehre und eine beiläufige Bemerkung vortäusche“

Mudanzas ↔ Umzüge
Luis Chaves‘ Lyrik

Kartons mit Edding in Schrägschrift beschrieben.
Küche / Bücher / Bad.
Wenn ein Fremder in diesem Augenblick hereinkäme
wüsste er nicht, ob gerade jemand ein- oder auszieht.
[aus: Umzüge]

Kiste 8 – Wintersachen (Abstellkammer)
Der Gedichtband eröffnet mit der Kapitelüberschrift „Außerhalb der Schwerkraft“ (Erstveröffentlichung) und beinhaltet lediglich das Gedicht „Zeitzone“, aus dem die beiden titelgebenden Verse entnommen sind. Da die weiteren Kapitelüberschriften identisch sind mit den Titeln der bisherigen Gedichtbände Chaves‘, erscheint mir dieser erste Abschnitt als eine noch verpackte Kiste (ein Gedicht lugt oben hervor) mit neuer Poesie, die, warm eingepackt zwischen Handschuhen, Schals und Mützen, erst demnächst, sicher zur gegebenen Zeit, am anderen Ort ausgepackt wird. Dass Chaves während seiner Zeit in Berlin an seinem dritten Roman arbeitete, schließt nicht aus, einen weiteren Lyrikband vorbereitet zu haben.

Die Wichtigkeit der Jahreszeiten für den Mittelamerikaner wird deutlich, wenn er, nicht nur aus anderer Zeitzone, sondern aus anderer Klimazone kommend (Trockenzeit, Regenzeit), in dem vom Berliner Künstlerprogramm des DAAD produzierten Video sich Kim Ki-duks Film „Frühling, Sommer, Herbst, Winter… und Frühling“ erinnert. Folgerichtig arbeitet er, wie er dort berichtet, an einer Berliner Chronik, die er in Jahreszeiten gliedert. Chaves kommt mit seiner Familie Mitte Januar nach Deutschland.

Auf dem Balkon wird das Bier kalt
ein anderer Anfang fällt mir nicht ein.
[aus: Zeitzone]

Für uns gewohnheitsmäßig willkommene Annehmlichkeit nicht zu strenger deutscher Winter, ist die Außenkühlung für den Gast gleich zu Beginn eine Erwähnung wert. Und die Kälte setzt nicht, wie bei vielen von uns, Fluchtgedanken Richtung Sommer frei.

Gehen wir bei Null Grad raus
oder rollen uns wenigstens in den kalten Teil
des Betts.
[aus: Zeitzone]

Kiste 6 – Un comentario mecánico
Chaves schreibt in einer Sprache, die aus der Mitte des Lebens gegriffen ist. Nicht artifiziell, nicht abgehoben. Wir sehen seine Bilder in all ihrer Schärfe. Es sind keine Metaphern für höhere Inhalte. Andererseits ist die Abfolge seiner Beobachtungen nicht deswegen zusammengestellt, um die Sprache dem Alltag zu unterwerfen und als Mittel einer Aufzählung zu dienen, die das Leben in seiner Vielfalt abzubilden strebt, als eine Parallelanordnung in einem System hedonistischer Selbstdarstellung und -genügsamkeit.

Konzeptkunst und Amphetamine
halten uns auf dem Laufenden.
[aus: Postkarten aus dem tropischen Protofaschismus]

Chaves kommt nicht ins Plappern. Seine Wörter sind Worte, nicht beliebige, beiläufige Bemerkungen. Das Vortäuschen falscher Tatsachen ist freilich ein doppeltes Spiel: Insistieren auf eine seriöse Spracharbeit und gezielt Zweifel an derselben wecken.

Unscharfe Fotos
vor Reiterstandbildern

Der Nebel der Droge
belanglose Anekdoten
und Szenen schlecht synchronisierter Filme.

[…]
[aus: Reiterstandbilder (eine Litanei)]

Kiste 3 – Werkzeug
Hier steht eine Name drauf: Timo Berger. Sein Handwerk ist das Übertragen aus dem Spanischen ins Deutsche. Schaue ich in die Kiste, sieht sie gar nicht überfüllt aus. Und doch weiß ich, dass sie mit Arbeit überladen ist, die am Ende keiner mehr sieht und die meisten für selbstverständlich nehmen. Das Los, traurig oder nicht, guter Handwerksarbeit, die sich in den Dienst anderer stellt. Es sind ja nicht nur die Übertragungen, die angefertigt werden müssen, damit ein zweisprachiger Lyrikband auf den deutschen Markt kommt. Kontakte müssen hergestellt und dauerhaft gepflegt werden. Berger als Organisator der Latinale hatte Chaves während eines Aufenthalts in Argentinien kennengelernt. Zunächst erschienen zwei Bände mit Bergers Übertragungen bei hochroth, La foto / Das Foto von 2012 und Debajo de esto hay algo mejor / Hier drunter liegt was Besseres von 2013, verantwortet von Peter Holland, der nun für diesen ersten umfassenden Band Textauswahl und Lektorat übernahm. Diese kontinuierliche Arbeit bildet sich im Verkaufspreis des Buches selbstverständlich nicht ab. Ich schaue nochmals in die Kiste, es ist kein Werkzeug drin, nur das fertige Produkt. Ich nehme es heraus, lege es in meine Hand und erfreue mich an seiner Leichtigkeit, seiner Eleganz. (Wer denkt schon darüber nach, ob die leere Kiste zum Eigentümer zurückgebracht wird?)

Kiste 5 – Tane, cone
Man kennt diese Situationen. Selten sind sie geworden. Doch bei Umzügen kommen sie als regelmäßige Störung. Die Printausgaben der Wörterbücher sind nicht in der Kiste, in der sie sein sollten. Und Internetanschluss? Vergiss es, Providerwechsel …! Warten, warten, warten! Aber wie soll ich in dieser Zeit die Wörter nachschlagen, die ich gerade brauche?

Irgendwer hat zum Glück ein Bier kaltgestellt, das ich öffne und dem Zauber nachspüre, den „Hoppel, Ninchen“ verbreitet, zwei Kosewörter, die mich in eine sehr intime Situation bringen, in eine fremde, gleichwohl vor mir ausgebreitete Erinnerung, die die ganze Kiste vereinnahmt, ein Kindsein ausleuchtet, in dem sich Geschwister gegenseitig Schutz, jedoch keine Sprache schenken.

No sabés hablar todavía,
ni persona ni animal.
¿ Pero esos ojos?

Du kannst noch nicht sprechen
weder Mensch noch Tier.
Aber diese Augen?

Es ist ein Kindsein, das aus (bildlichen) Rätseln besteht, deren Antworten wir selbst als Erwachsene nicht zu geben vermögen. Das Gedicht, die Erinnerung ist zart. Weder zeitlicher noch räumlicher Entfernung verändern jenen warmen Impuls, der das Gedicht auslöste.

150 Kilometer von hier
vor 25 Jahren
ertrinkt die Sonne in dem Faden
der den Himmel vom Meer trennt.
Ich gehe mit einem halbvollen Bier spazieren
der Wind kreuzt
den Strand
und der Flaschenhals
pfeift.

Kiste 4 – Ringside
Box- (Fehde?-)handschuhe obenauf. Zwei Augenpaare, die einander nicht ansehen, sondern auf einen fernen Fleck, einen blinden Fleck gerichtet sind. Parallelanordnung: Vater und Sohn. Duell im Boxring. Eine Fernseh-Wirklichkeit. Cassius Clay vs. George Foreman. Jahr 197X (bin immer noch offline, es muss reichen, zu wissen, dass ich Kind war)

Ich könnte nicht einmal über meinen Vater sagen, ob ihn dieses Spektakel interessiert hätte (oder ob er es vorgezogen hätte, mit einem „Dichter in der Schlange vor dem Schwulenclub“ zu stehen, um dort sein Eingeständnis loszuwerden). Dieses so bittere Eingeständnis der Nicht-Liebe, dieses für jedes Kind unmöglich zu ertragende Zeugnis einer nicht ausgefüllten Familie. Ein wenig beneide ich Luis Chaves um die in „Ringside“ beschriebene Gemeinsamkeit mit dem Vater, einem Amateurboxer, der seine Begeisterung auf den Sohn überträgt, in jener Couch, in der sie nebeneinander sitzend in die Flimmerkiste starren, trotz der nachfolgenden, bodenlosen Enttäuschung.

Zwischen der fünften und sechsten Runde
kam Papa zum ersten und letzten Mal aus der Deckung
ohne den Blick vom Fernseher abzuwenden, sagte er:
Obwohl du schon auf der Welt warst
wollte ich deine Mutter nicht heiraten
ich liebte eine andere.

Im Fotoalbum der Familie
bewahre ich ein altes Poster von Ali auf.
Auf dem Poster schlägt er Foreman in Zaire k.o.
Es ist mein liebstes Bild von Mama.

Kiste 0 – wichtige Dokumente
Geburtsurkunde von 1969, ausgestellt in San José. Diverse Urkunden zu Literaturpreisen: Premio Hispanoamericano de Poesía Sor Juana Inés de la Cruz von 1997, III Premio Fray Luis de León, Premio Nacional de Poesía von 2012, Heiratsurkunde, Geburtsurkunden der beiden Töchter, Meldeadresse in Zapote, Diplomurkunde der Universität San José (Agrarwissenschaft), Familienfotos (vaterlos, farbig und schwarz-weiß), Unterlagen zum Berliner Künstlerprogramm des DAAD für ein zwölfmonatiges Stipendium.

Kiste 9 – Poesiebände (Mittel- und Südamerika)
Wer immer diese Kiste eingeräumt hat, er hatte es nicht eilig, nahm sich Zeit, Bände nochmals in die Hand zu nehmen und einen kurzen Moment innezuhalten, bevor er die Bücher auf Reise schickte. Obenauf liegt, und das spricht für feinen Humor, der Gedichtband „Umzug – Mudanza“ der Chilenin Antonia Torres. Die Plackerei des Bücherkistenschleppens wird nicht etwa mit einer weiteren Flasche Bier belohnt, sondern mit einer Einladung zur Reflexion über Leere, die an Auszugsorten zurückbleibt und den Ankunftsorten noch lange anhaftet. Sowohl Chaves als auch Torres haben zeitweise in Deutschland gelebt, Torres von 2007 bis 2011, Chaves von Winter 2015 bis Winter 2016. Welche existenziellen Erfahrungen bringen Umzüge für die chilenische Lyrikerin, für den costa-ricanischen Lyriker mit sich, im Spannungsfeld von Identität und Verwurzelung auf der einen, Leben als Gast, als Beobachtender eines neuen Ortes, vielleicht einer anderen Kultur, getrieben und aufgerieben zwischen Neugier und Fremdheit auf der anderen Seite?

Torres schreibt:

Die Szene besteht aus einigen leeren oder zerbrochenen Wörtern
Leerstellen, auf den Boden geworfene Satzzeichen,
zusammengefegte Staubflocken zwischen Buchstaben.
Der verbleibende Raum wird gehalten durch den Blick
[aus: Mudanza]

Chaves schreibt:

Die Ameisen kamen
mit den Umzugskisten
Die neue Wohnung
sieht allmählich wie ein Zuhause aus.
Das eines anderen zwar, aber ein Zuhause.
[aus: Umzüge]

 

 

Yuri Herrera: „Abgesang des Königs“

Der mexikanische Schriftsteller Yuri Herrera, 1970 in Actopán geboren, hat in seiner Dankesrede zur Verleihung des Anna-Seghers-Preises 2016, die auszugsweise in der neuen Ausgabe von alba. lateinamerika lesen abgedruckt ist, die Aufgabe der Literatur in wenigen Worten zusammengefasst (Übersetzung: Susanne Lange).

Wir schreiben nicht, um jemanden zu befriedigen, unsere Arbeit besteht darin, die Erwartungen dessen nicht zu erfüllen, der glaubt, alles schon verstanden zu haben. Die Literatur erklärt nichts, segnet nichts ab, bietet keine einfachen Antworten, im Gegenteil, sie will den Zweifel schüren, ausgehend von einem ästhetischen Ereignis.

Diese Sätze im Gedächtnis, ist es reizvoll, Herreras Debütroman „Abgesang des Königs“ von 2008 (deutsche Ausgabe: 2011, Übersetzung: Susanne Lange) zu lesen.

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Rocío Cerón: „Diorama“

Die mexikanische Lyrikerin, Essayistin und Herausgeberin Rocío Cerón, 1972 in Mexiko City geboren, gibt ihrem Lyrikband von 2012 den Titel Diorama. Jetzt liegt dieser Band in deutscher Sprache vor. Die Übersetzung stammt von Hakan Özkan.

Kann ein Buch, zumal Cover und Rücken in schwarz gehalten, zu einem Durchscheinbild werden? Zu einem dreidimensionalen Schaubild?

Um sich dieser Frage, wie auch der Lyrik der Mexikanerin, zu nähern, braucht es Geduld, Aufmerksamkeit und jene mächtige Triebfeder gegen jegliche Art von Abschottung: Neugier. Diese erstreckt sich nicht alleine auf den vorliegenden Band, sondern, um es vorwegznehmen, beinhaltet alle verfügbaren elektronischen Quellen, wie Webseite und Blog der Autorin, darin zu finden Video- und Audiodateien ihrer die Mediengrenzen überschreitenden Arbeit.

Das erste Diorama von Louis Daguerre und Charles Marie Bouton erzielte 1821 einen riesigen Publikumserfolg in Paris. Die Zuschauer zeigten sich begeistert vom Zusammenspiel von Bild-, Licht- und Toneffekten. Waren das die ersten multimedialen Inszenierungen?

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