Lina Meruane: „Heimkehr ins Unbekannte. Unterwegs nach Palästina“

Herkunft als Dorn

۰ | Von innen heraus
Für den Schmerz spielt sie scheinbar keine Rolle: die Verwechslung von Stachel und Dorn. Beide können die Haut aufreißen oder perforieren und subkutan eindringen. Und doch lohnt eine kurze Exkursion in die Botanik, um sich zu vergegenwärtigen, dass ein Dorn aus dem Innern der Pflanze herauswächst und nicht wie der Stachel ein Gebilde des Rindengewebes ist. Akzeptiert man die als Überschrift gewählte Metapher, die den Wissensdurst des Menschen „Wer bin ich? Woher komme ich?“ mit einem Dorn vergleicht, so ist diese Frage keine Randerscheinung, sondern vital, von unmittelbarer Notwendigkeit, um zu leben, um zu überleben.

Die Schriftstellerin Lina Meruane, 1970 in Santiago de Chile geboren, geht diesen Fragen in Heimkehr ins Unbekannte nach, sucht verbliebene Spuren ihrer Herkunft. Sie ist Unterwegs nach Palästina. Das Buch ist zweigeteilt: Rückverwandlung ist ein aus dem Spanischen übersetzter Text von 2014. Gesichter in meinem Gesicht wurde für diese Ausgabe geschrieben. Beide Teile, wie schon der zuletzt in deutscher Sprache erschienene Roman Rot vor Augen, wurden von Susanne Lange übersetzt.

Wo Heimkehr ist, muss zuvor der Weggang gewesen sein. Und zweifelsohne spricht dieses persönliche und politische Buch über Flucht:

Die Familie seiner Mutter war schon zwanzig Jahre zuvor ins Exil gegangen, mit der ersten Fluchtwelle, und hatte niemals zurückkehren können. Hamza sagt das mit britischer Lässigkeit, auch wenn man zwischen den Silben den Dorn des Geflüchteten spürt, der diesen Status als Anspruch aufrechterhält.

١ | Jordanufer und Beit Jala
Einmal konnte ich diesen Dorn eines Geflüchteten, eines Vertriebenen spüren. Es war im Jahr 2006, der Reiseleiter Abdullah Y. hatte unsere kleine, deutsche Reisegruppe nach Al-Maghtas (Jordanien) geführt. Als ich einen Augenblick mit ihm allein am Jordanufer war, wagte ich eine Frage. Ich fragte ihn, der im Alter von drei Jahren aus seiner Heimat flüchten musste, nach seinen Gefühlen im Anblick der besetzten West Bank. Die Augen auf seine Heimat gerichtet, antwortete er nicht, formte keine Worte. Und doch spürte ich sein Beben. Später suchte ich nach einem Begriff, nannte die Erinnerung, seine Erinnerung „ohnmächtige Wutstücke.“ Ich glaube nicht, ihm und seiner Lebensgeschichte in irgendeiner Weise gerecht geworden zu sein. Vielleicht habe ich jedoch zumindest eine Ahnung, welches Leid sich hinter dem von Meruane benutzten Begriff 67er-Palästinenser verbirgt. Ich sehe einen Menschen vor mir, der eine Familie gegründet, ein Haus gebaut, sich in Jordanien eingerichtet hat, aber Touristen ans Jordanufer zu führen, ist und bleibt der Dorn. Von dort, wo Abdullah und ich standen, sind es gerade einmal 40 oder 50 Kilometer Luftlinie nach Beit Jala, einer palästinensischen Stadt, noch heute mit einer christlichen Bevölkerungsmehrheit, aus der Meruanes Großvater Issa, später nannte er sich Salvador, 1920 vertrieben wurde. Als er überlegte zurückzukehren, vernichtete der Sechstagekrieg im Jahr 1967 seine Pläne. Christen aus Beit Jala finden sich in ganz Mittel- und Südamerika, dort gründeten sie Familien. Meruanes Familiengeschichte steht exemplarisch für viele.

٢ | Drei Fragen
Meruane stellt ihren Global Cultures-Studierenden an der New Yorker Universität zum Semesterbeginn folgende Fragen:

Where does your family originate?
What is home for you?
What languages do you speak other than English?

Es scheint zweifelhaft, ob solcherlei Fragen legitim sind oder ob sie nicht als unangenehm, einschüchternd und tendenziell diskriminierend empfunden werden. Ja, lerne ich im mobilen Lernlabor der Bildungsstätte Anne Frank, bereits der Versuch, äußere Merkmale (Hautfarbe) mit Herkunft und Sprache zu verknüpfen, ist ein rassistisches Muster. Dabei spielt keine Rolle, wie es vom Absender gemeint ist, sondern wie es beim Empfänger ankommt.

Meruane ist sich dieser Problematik durchaus bewusst. Sie hat es mit ihrer Haut und ihrem Gesicht bereits unzählige Male durchdekliniert; eine Begegnung am Flughafen:

You are Hebrew?, sagt er auf Englisch, offenbar geht er davon aus. Eine seltsame Art, danach zu fragen, ob ich Jüdin oder Israeli bin, die Sprache als Synonym für die religiöse und nationale Identität. […] Seit Jahr und Tag erkläre ich, dass ich weder Französin noch Italienerin bin, keine Griechin, keine Ägypterin oder Spanierin, keine Türkin oder Marokkanerin, nicht einmal eine echte Palästinenserin, so sehr das geübte Auge der israelischen Sicherheitskräfte das Palästinensische an mir sofort bemerkt hatte, auf meiner einzigen Reise nach Palästina.

Dennoch stellt Meruane diese existentiellen Fragen, gibt als Erste Auskunft und stellt jeder Person frei zu antworten oder nicht. Die überwältigende Mehrheit der Studierenden gibt bereitwillig Auskunft.

Ich sehe darin den Dorn, dieses von innen heraus gewachsene Gebilde, das ein lebenswichtiges Organ ersetzt. Wir haben das Bedürfnis, über unsere Herkunft zu sprechen. Wir möchten darüber erzählen, Zeugnis ablegen dürfen. Wir wollen uns nicht hinter der Maske eines Einheitsmenschen mit globaler Einheitssprache verstecken, sondern unsere Abstammung in tausenden Gesichtern, Geschichten und Sprachen weitergeben. Das ist, wie ich glaube, der Motor jeder Literatur. Wäre es nicht so, wir könnten aufhören, zu schreiben und Bücher zu lesen. Aber glücklicherweise sind wir süchtig nach Geschichten, die immer auch Geschichten über die Herkunft sind. Und diese ist nicht rein, kann es nicht sein, denn dies ist immer nur ein politisches Konstrukt.

Israel, das 20 Prozent arabische Bürger beherbergt, wurde zu einem „ausschließlich“ jüdischen Staat erklärt, und möglicherweise muss bald schon jeder, der die israelische Staatsbürgerschaft beantragt, einen Gentest machen und wissenschaftlich seine Reinheit nachweisen. Ein entsetzliches Streben, das nach Reinheit, die Reinheit hat uns nichts als Probleme gebracht […]

٣ | Wortverbot
Ich lese, dass seit 2008 das Wort Nakba nicht mehr in arabischsprachigen Schulbüchern in Israel genannt werden darf. Mit Nakba ist die Katastrophe gemeint, die aus Sicht der Palästinenser sich aus der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 für die palästinensische Bevölkerung ergab: tausendfache Flucht und Vertreibung.

Wortverbote, Denkverbote, das ist die ganz große Politik, die nicht mehr differenzieren will, die die Fähigkeit verloren hat, für die Bevölkerung eines Staates (auch der Minderheiten) und der Nachbarn Sorge zu tragen und Verantwortung zu übernehmen. Auf der Ebene der Familien, jenen, die unter großer Politik zu leiden haben, liest sich das bei Meruane so:

Viele, die während der Nakba fortgehen mussten, haben ihren Hausschlüssel behalten, wie auch viele der Juden, als sie 1492 – für sie das Jahr 5252 – aus Spanien vertrieben worden waren, die ihren behalten hatten, um nicht zu vergessen, dass es ein Haus gab, ein Dorf, eine Stadt, eine eigene Luft, die man ihnen entrissen hatte.

٤ | Jemand
Die Recherche einer Familiengeschichte, die mit Reisen nach Israel und in die West Bank verbunden ist, mit Kontakt zur weitläufigen Verwandtschaft, kommt an Checkpoints nicht vorbei. Es sind willkürliche Punkte, die politische Fragen produzieren, Solidarität, vor allem aber polemische oder auf Vernichtung zielende Angriffe nach sich ziehen.

Jemand hatte geweint, als er es [Meruanes Buch] in New York gelesen hatte, jemand war wütend geworden. Jemand hatte mir Unverfrorenheit bescheinigt. Jemand hatte gesagt, ich sei im Irrtum, jemand hatte bekräftigt, ich hätte recht. Jemand, ich hätte zu kurz gegriffen oder sei zu weit gegangen. Ich hätte übertrieben. Hätte gelogen. Niemals begriffen, immer noch nichts begriffen. […] Jemand (noch eine deutsche Professorin) erzählt, es sei unmöglich geworden, über den Zionismus zu sprechen, ohne als Antisemit abgestempelt zu werden. Jemand (ein linker Deutscher) beschuldigt mich des Antisemitismus, ohne zu verstehen, was das Wort bedeutet. Jemand beschimpft mich im Netz. Jemand unterstützt den Schimpfer. Jemand stellt sich gegen ihn. Jemand wirft mir vor, mich auf Kosten des palästinensischen Leids zu bereichern. Jemand schlägt vor, ich solle aufhören, über diese Leute zu reden, Leute wie mich.

Undsoweiterundsofort. Dieser Strom wir wohl nach dieser Veröffentlichung nicht abreißen. Über die legitime Erforschung der Herkunft (Where does your family originate?) wird es dabei selten gehen. Wort- und Bedeutungshoheit werden die so notwendigen Zwischentöne abwürgen.

٥ | denn ein gesicht ist niemals neutral – Stasi, Software und Super-Recognizer
Die Beamten dort [Tränenpalast, Friedrichstraße, Berlin] gehörten nicht der Volkspolizei der DDR an, sondern der Passkontrolleinheit, die der Stasi unterstand und darauf trainiert war, falsche Papiere und falsche Identitäten aufzuspüren. Anstatt Fingerabdrücke oder Unterschriften zu prüfen, konzentrierten sich diese Beamten auf die Entsprechung von Foto und Gesicht. […] Sie spezialisierten sich vor allem auf die Ohren, auf die Größe des Ohrläppchens und den Schwung von Knorpeln Dreiecksgrube Ohrdeckel Muschel Höcker Einschnitte, die nicht nur bei jedem Menschen einmalig sind, sondern auch niemals altern.

Die israelische Armee hatte die Checkpoints vor Jahren schon mit Gesichtserkennungstechnologie ausgestattet. […] Der geschäftsführende Direktor der israelischen Firma Anyvision (Beliebiger-Eindruck oder Totaler-Einblick, ein beredter Name dafür, dass sie alles sahen) schien den Blinden zu spielen, als er im Netz erklärte, dass sein Unternehmen Israel mit der neuesten Software für Gesichtserkennung belieferte und „sensibel auf rassistische und geschlechtliche Vorurteile reagiert und seine Technologie nur an Demokratien verkauft.“

Unter uns Menschen haben manche überragende Fähigkeiten, wenn es um das Erkennen von Gesichtern geht. Ein bis zwei Prozent der Bevölkerung besitzen diese Gabe, doch sie entfaltet sich nur, wenn der Super-Recognizer für die Polizei arbeitet. Man weiß von einem Super-Recognizer, der aberhundert Verdächtige erkannt hat, von denen er Jahre zuvor nur ein einziges Foto gesehen hatte, auf Kameras oder in Datenbanken.

٦ | Totenmaske
Meruane reist ein zweites Mal in die West Bank. Maryam, ihre Tante, trifft sie nicht mehr. Sie ist verstorben. Man zeigt ihr ein Video: Maryams Gesicht,

geschwollen von den Medikamenten, eine schreckliche Maske, die ihr die Krankheit übergestülpt hat und die sie mit ins Grab nehmen wird.

Meruane bleibt sich des Gesichts als Projektionsfläche der Herkunft bis in diesen Tod treu. Hartnäckig arbeitet sie sich daran ab und zeigt uns eine gesellschaftliche Dimension auf. Wir alle sind in Gefahr, denn die existentielle Suche wird systematisiert, gelenkt und zur Unterhöhlung unserer Freiheit genutzt: Gensequenzen entschlüsseln uns, Gesichtserkennung überwacht uns. Gelingt es uns angesichts dieser Technik, Menschen zu bleiben oder liefern wir uns als Datensätze einer totalitären Kontrolle aus?

 

Artur Becker: „Kosmopolen. Essays“

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Heimat Wurmland
Artur Beckers Identität als Kosmopole

Das Kind Artur Bekier wurde 1968 im masurisch-ostpreußischen Bartoszyce geboren. Der Ort, zum Zeitpunkt der Geburt des Kindes und auch noch heute, wohl bedingt durch die lange Phase des Friedens in Mittel- und Osteuropa, die wir zunächst als Nachkriegsordnung und dann zunehmend nach dem Jahr 1989 als Überwindung der Nationalstaaten im Sinne der Solidarität in der Europäischen Union erleben durften (die berechtigten Zweifel am Fortbestand bedingen das Präteritum!), liegt auf polnischem Staatsgebiet. Mittels Satellitennavigation und Software ist es ein Leichtes, dort hinzufliegen, hinzuzoomen. Und sich die Gegend anzuschauen, die Bilder aufzurufen, die Nutzer bereitwillig und koordinatengenau eingestellt haben. Vergessen geht dabei allzu leicht, dass dieses unschuldige Zoomen und Klicken in einer globalisierten Welt nur scheinbar dazu dient, die Schönheit der Welt anzusteuern und abzubilden, sondern vielmehr passgenaue Ziele, Targets für militärische Zwecke, letzten Endes für die Auslöschung menschlichen Daseins zu liefern.

Was Dostojewski nicht erahnen konnte – trotz seiner prophetischen Überlegungen zur sozialistischer Utopie und Gesellschaft – , ist die spätere rasante Entwicklung unserer Technologie und Technik. Die Rolle der Technologie und des technischen Fortschritts, der unsere Weltsicht und unser Bewusstsein revolutioniert hat, konnte erst nach dem Ersten Weltkrieg kritisch gesehen werden. Man kann an dieser Stelle von einer technischen Utopie sprechen, die seit der Industrialisierung bis heute realisiert wird – und das noch erfolgreicher als jegliche gesellschaftliche Utopie.
[aus: Über die Zukunft der Literatur und der Identitätssuche]

Mögen wir glauben, die technischen Fortschritte unserer vernetzten Welt wären mit nichts zu vergleichen, was vor einhundert und mehr Jahren erdacht, erfunden wurde, sollten wir uns gewahr werden, welche entscheidenden Einfluss Fotografie und Film bereits im Ersten Weltkrieg besaß, worüber der französische Dromologe und Philosoph Paul Virilio in „Krieg und Kino“ schrieb und was die Ausstellung „Die letzten Tage der Menschheit“ im Alten Museum, Berlin 1994 verdeutlichte.

Aber die auktorialen Blicke dieser militärischen Hawk Eyes dringen nicht in die Tiefe, sondern bleiben an der Oberfläche. Ich bin geneigt zu sagen: das Eindringen ist die Aufgabe der Literatur. Im Erdreich, davon weiß Artur Becker, 1985 nach Deutschland gekommen, in seinem Essayband „Kosmopolen“ profund, schillernd und eindrücklich zu berichten, wohnen nicht nur die Würmer, die es den Leuten in Warmia, dem Ermland erlauben, liebevoll-selbstironisch, wie ich annehme, ihre Heimat Wurmland zu nennen. Da liegen auch die Toten, die Vorfahren und ein kompliziertes Wurzelwerk aus Geschichte und Familiengeschichten, die angesichts verschlungener Lebenswege den Schriftsteller Becker rückverweisen in den Zustand eines in seinen Lebensumständen noch nicht eingeschränkten Menschen: Das ist der universelle Ort einer glücklichen Kindheit.

Und wenn Becker in seinen Essays und Rezensionen über Geschichte, Religion, Utopie, Heimat, Exil, Sprache, Literatur und vieles mehr schreibt, in den Kapiteln „Im Geistland“, „Orte am Weg“, „Die poetische Landschaft“ und „Der Kontinent Heimat“ sind Arbeiten von 2004 bis 2015 aufgenommen, immer wieder kehrt der Schriftsteller zurück zu diesem Ort, der eben nicht nur für eine polnische Identität steht. Bartoszyce (ebenso wie das Erholungszentrum „Morena“ an Dadaj-See, wo Beckers Vater arbeitete und die Familie die Sommer verbrachte, und der Garten in der Kopernikusstraße bei Großmutter Natalia) steht auch für: – Eine vom Menschen weitgehend unzerstörte Landschaft, die in die Tiefe gehende Räume aufweist (hierin eine Referenz an das Kind Thomas aus Czeslaw Milosz‘ „Tal der Issa“). – Das Scheitern einer gesellschaftlichen Utopie, die ihren eigenen Erwartungen im Moment der Umsetzung nicht gerecht werden kann und zu einem korrupten, menschenverachtenden System wird. – Willkür, Überwachung, Kriegsrecht. – Die Hoffnung, die mit der Wahl Karol Wojtylas zum Papst Johannes Paul II., dem Literatur-Nobelpreis für Milosz und mit „Solidarnosc“ in die sozialistische Welt kommt. – Die Hoffnungslosigkeit, der zu entfliehen der Rettungsanker für den Jugendlichen wird, wenn er zu seiner Freundin nach Poznan fährt, in verdreckten, nach Alkohol und Überdruss stinkenden Zugwaggons. – Die Entdeckung der Liebe und des Schreibens als einzige Mittel, den Tod in Schach zu halten. – Den „Weltenbrand, der wir jeden Tag löschen“. – Den Schnittpunkt eines deutschen und eines polnischen Familienzweigs, den das Kind Artur in sich spürt und der die Absurdität des Lebens, seine Sinnentleerung, vor allem in Kriegszeiten, aufzeigt. Becker erzählt, dass seine polnische Großmutter in Nazideutschland Zwangsarbeit leisten musste, während sein sogenannter deutscher Großvater mit österreichisch-polnischen-russischen Wurzeln Wehrmachtssoldat wurde und an den Kriegserlebnissen zerbrach. Zerrissenheit, mag sie vielleicht auch als Metapher polnischer Identität zur Verfügung stehen, geht zuallererst durch Individuen und ihr engstes Umfeld, durch die Familien.

Beckers Beschäftigung mit Leben und Werk Czeslaw Milosz‘ nimmt eine wichtige Rolle in der Auseinandersetzung mit dem eigenen Exil ein. Becker erinnert daran, wie Milosz sich im Sommer 1951, nachdem er zu Beginn des Jahres den Dienst für die Volksrepublik Polen quittiert hatte und aus Sicht der Stalinisten zum Verräter geworden war, auf den Weg zu einem Dorf in der Nähe von Grenoble macht, um dort Stanislaw Vincenz (1888-1971) zu treffen. Milosz geht es körperlich schlecht, er denkt an Selbstmord. Doch durch die sich wiederholenden Besuche bei Vincenz kommt Milosz langsam zur Ruhe und findet zum Schreiben, insbesondere zu seiner Lyrik zurück. Den Linken in Frankreich bleibt Milosz suspekt, zu groß, zu unüberwindbar der klaffende Spalt zwischen der sozialistischen Utopie in Westeuropa und der scharfen Analyse des Stalinismus in Milosz‘ Essayband „Verführtes Denken“.

Durch meine Emigration erlebte ich eine Art Wiedergeburt, und ich entdeckte, dass unsere wahre Herkunft niemals auf der Erde gefunden werden kann. Ich musste Das Buch Kohelet, Czeslaw Milosz‘ und Thomas Stearns Eliots Gedichte und Essays lesen, weil ich plötzlich begriff, dass wir alle Vertriebene sind – Verstoßene, die den uns alle miteinander verbindenden und vereinenden Ursprung eben nicht in der Kindheit, verlebt in einer bestimmten Sprache und Nation, finden werden. Die Kindheit fungiert lediglich als Sprungbrett für die späteren Entwicklungen und Vorhaben, und glücklich sollte sich derjenige schätzen, der die Symbole und Zeichen seines Geburtsortes und seiner Epoche deuten und lesen kann.
[aus: Gegen den Tod]

Auf der Suche nach einem europäischen Zuhause entwirft Artur Becker ein Gegenbild zu Milosz‘ „Das Land Ulro“, nach William Blake eine Heimat der Entwurzelten, der Leidenden, eine Heimat, mit der sich Milosz nicht abfinden will und doch weiß, dass diese Heimat seine geworden ist. Becker befragt sich:

Und woran glaube ich? Und was hält mich am Leben? Manchmal glaube ich an Gott, und ein anderes Mal kann ich ihn nirgendwo finden. Dann bin ich ein Verlorener, ein Atheist. In solchen Momenten lese ich wieder theologische Werke. Oder ich greife ganz tief in die geheimnisvollste Schatzkiste unserer Kulturgeschichte und hole aus ihr Swedenborg, Jakob Böhme oder gnostische Texte heraus. Ab und zu bin ich mir wiederum hundertprozentig sicher, dass es die Erlösung gibt und dass der Logos in unserer Welt göttlichen Ursprungs ist. In diesem Fall denke ich sofort, dass man sich nicht mehr den Kopf darüber zerbrechen sollte, was uns die Zukunft bringen mag. Der Schmerz, der daraus resultiert, dass wir uns die Unendlichkeit oder die Ewigkeit kaum vorstellen können, verschwindet plötzlich.
Ich war zumindest stets davon überzeugt, dass es irgendwo im Universum – vielleicht bloß nur in uns – einen Ort geben muss, an dem man mit der Schöpfung nicht mehr hadert. An diesem Ort haben Krankheit und Tod selbstverständlich nichts zu suchen, und die Dialektik des Guten und Bösen (das Problem der Theodizee) sollte dort endlich aufgehoben sein. Es gibt in meinem Leben Augenblicke, in denen ich das Gefühl habe, den Ort der geistigen Harmonie sehr gut zu kennen. Ja, ich besuche ihn sogar, und eigentlich ist er mein Zuhause – ich wohne dort.
Diesen Ort, dieses seltsame Land nenne ich Kosmopolen. Die Idee verdanke ich dem Schriftsteller Andrzej Bobkowski (1913-1961), einem anderen großen polnischen Exilanten, der den Neologismus Kosmopolacy (die Kosmopolen) geprägt hatte, und zwar für seinesgleichen. Es geht darum, wie man als im Ausland lebender Pole und Intellektueller von der Weichsel zum unerschrockenen Weltbürger werden könne. In der Emigration eine neue Identität auszubauen, ohne dass man sein Heimatland verstoßen und seine Herkunft verleugnen müsste, ist selbstverständlich eine schwierige Aufgabe; man kann scheitern.
[aus: Im Zug durch Deutschland]

Beckers Versuch, Kosmopolen zu verorten und darin ein erfülltes Leben zu gestalten, weckt in mir die Neugier, meine eigene Identität als Mensch, als Deutscher, als Schriftsteller anhand „dieses seltsamen Landes“ zu überprüfen. Becker spricht eine Einladung aus. Das ist viel, das ist wertvoll.

 

 

Udo Kawasser: „Unterm Faulbaum“

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Weltinnen – Die Poesie der Selbstverortung
Udo Kawasser schreibt unterm Faulbaum

Allmählich fand ich in die Langsamkeit zurück, spürte, wie ich durchlässig wurde … War es der Blick über die auf dem Wasser treibenden Teichrosenblätter hindurch auf die Fischleiber, die frei flutenden Tannenwedel und Tausendblätter mit ihren gefiederten Trieben, dieses Ineinander von Land, Luft und Wasser, das mir diesen Reflexionsraum öffnete, in dem ich mich und die Dinge spiegle, aus verschiedenen Winkeln betrachten konnte? Bis zu den im Wind aufrauschenden Silberpappeln gegenüber, die so dicht nebeneinander aufragen, dass es kein dahinter mehr zu geben scheint? Bis in die Bodenlosigkeit oder besser Deckenlosigkeit des wolkenlosen Blaus über mir? Ein Denk- und Schreibraum, so weit das Hören, Sehen, Riechen, Fühlen reicht?

Zu meiner Überraschung kommt mir mit Beginn dieser Besprechung das Wort semipermeable Membran in den Sinn. Es steht plötzlich vor mir und fragt mich, was die Erinnerung an diesen Fachausdruck mit dem vorliegenden Buch zu tun hat, das den Untertitel „Aufzeichnungen aus der Au“ trägt. Durchlässig zu werden, bedeutet es nicht, den Stoffaustausch von innen nach außen, von außen nach innen zu gewährleisten, ein Austausch, von dem der Organismus profitiert? In Fragezeichen zu schreiben ist eine kluge Entscheidung, nicht weil ich im Biologie-Leistungskurs ein eher mäßiger Schüler war, sondern weil der Urheber des Buches, der österreichische Autor, Übersetzer und Tänzer Udo Kawasser seine Vorsicht, seine Zweifel an der und seine Fragen an die Welt mit ebensolchen orthografischen Zeichen versieht. Doch Kawasser bleibt nicht bei der Halbdurchlässigkeit, den osmotischen Vorgängen, sondern fordert und fördert Aktivität in beide Richtungen. Dabei ist dieses Buch, es könnte im Allgemeinen für alle tagebuchartigen Aufzeichnungen gelten, im Besonderen von einer frappierenden Schonungslosigkeit, Aufrichtigkeit, ohne jedes Spiel, einer Nacktheit, die nicht jeder Mensch, vor einem von eigener Hand hingerückten Spiegel stehend, aushält.

Kawasser hat innerhalb von vier Jahren jeweils von Frühsommer bis Herbst seinen Lieblingsplatz unterm Faulbaum aufgesucht, seinen Rückzugsort, der es ihm ermöglicht, aus sich selbst zu schöpfen, sich selbst nahe zu sein, neue Perspektiven auf die Welt zu werfen und genau darüber, chronologisch sortiert, in verschiedenen Tonlagen, mal lyrisch, mal essayistisch, zu schreiben. Das ist berührend, das ist schön. Einerseits, weil die Aufzeichnungen einen sehr guten Beobachter der Natur und der menschlichen Verfasstheit erkennen lassen, andererseits, weil Kawasser die Scham überwindet, diesen intimen Bereich öffnet und seine präzise Selbstbestimmung uns zur Verfügung stellt. Ich empfinde das als ein Geschenk. Ein hochwertiges, das um die Arbeit des Lektorats, des Layouts, des Satzes ergänzt, zu einem Schmuckstück wird.

Wenn es trotzdem nicht wohl riecht, dann liegt das an den Eigenschaften des Faulbaums, Rhamnus frangula, über die sich Kawasser seine Gedanken macht. Die Römer betonten mit frangula den Aspekt des leicht brechenden Holzes [lat. frangere: brechen], seine Sprödigkeit, die Germanen rückten „den dumpf-faulen Geruch der Rinde“ in den Vordergrund. Nach kurzer Recherche möchte ich einige Aspekte ergänzen. Rhamnus frangula L., L. für Linné, ist ein Synonym für den heute eher gebräuchlichen wissenschaftlichen Namen Frangula alnus Mill., Mill. für Philip Miller. Die Rinde kann, in der richtigen Dosierung, abführend wirken. Die aus dem Holz gewonnene Kohle wurde früher für Schwarzpulver verwendet. Eine interessante Pflanze aus der Familie der Kreuzdorngewächse, von deren Existenz ich bislang nichts wusste.

Kawassers Faulbaum steht irgendwo in der Lobau, jenem Auengebiet der Donau an Wiens nordöstlichen Rand. Kein Mensch findet diesen Ort, manchmal kommen Kinderstimmen nahe und entfernen sich wieder. Kawasser registriert diese Annäherungen nicht als Störung, sondern als anzunehmende Außenwelt, die in sein Weltinnen kommt. Eine Welt, in der ziemlich viel los ist, Menschen sich über Gedanken und durch die Lektüre von Büchern miteinander verbinden. Rilke ist natürlich präsent, ohne ihn wäre das Wort Weltinnen nicht zu sagen.

Durch alle Wesen reicht der eine Raum:
Weltinnenraum. Die Vögel fliegen still
durch uns hindurch. O, der ich wachsen will,
ich seh hinaus, und in mir wächst der Baum.

(aus: Es winkt zu Fühlung fast aus allen Dingen, 1914)

Es sind eben nicht nur die Schriftsteller, Valéry, Camus, Frisch, Paz, Sontag und viele mehr, die dem Mann unterm Faulbaum begegnen. Fauna und Flora sind Anlässe des Austauschs, so die intensive Beobachtung der Wasserläufer, der Hechte und Sonnenbarsche oder der Hufeisen-Azurjungfer, einer Libellenart. Da haben auch Reflexionen und körperliche Reflexe auf vergangene Beziehungen, Einsamkeit und sich neu anbahnendes Glück Platz. Es ist für mich, der so voller Scham ist, dass er mit dem Wort Fremdschämen nichts anzufangen weiß, die merkwürdigste Erfahrung der Lektüre zu spüren, wie ich mich mit dem Ich des Buches freuen kann über dessen bevorstehende Hochzeit. Empathie ja, aber Fremdfreuen?

Nur einmal kommt es zu einem realen Aufeinandertreffen zweier Menschen, einmal durchdringt ein Fremder Kawassers selbst gewähltes Dickicht. Es ist ein Wanderer, der nackt umherstreift und sich über die Biberpopulation erregt. Ich denke, Camus hätte sich an diesem Bild gefreut, eine absurde, eine die Erwartungen an das Leben enttäuschende Situation, in der zwei Männer nackt voreinander stehen und sich nicht austauschen können. Der eine deklamiert, der andere schweigt oder spricht lediglich aus Höflichkeit Belangloses, ohne preiszugeben, was er denkt und fühlt. Beide agieren derart, um die Scham zu überspielen. Sie gehen grußlos auseinander. Durchlässigkeit, so eine wichtige Erfahrung, hat eine Grenze. Diese verläuft nicht entlang der Schamgrenze, die Nacktheit sich zum Anlass nehmen könnte, sondern äußert sich viel existenzieller im Kampf des Ichs mit dem Weltaußen: einfach, zweifach, milliardenfach! Einmal mehr denke ich an Sisyphos, an dessen auferlegte göttliche Strafe und seine Gedankenfreiheit, derer er sich bergab bemächtigt und die Götter als kraftlose, alte Männer in die Ecke stellt, während das Ich aus sich selbst schöpft. Und ich denke an Autopoiesis, den Prozess der Selbsterschaffung und -erhaltung eines Systems, ein Begriff, den Kawasser nutzt und von dem ich im Internet unter Kriterien lese: Sie hat erkennbare Grenzen.

Diese Grenzen auszuloten, hier und heute am Beispiel Kawassers, bleibt eine Aufgabe, die nicht abgeschlossen werden kann, solange wir leben.

 

 

 

Miron Białoszewski: „Das geheime Tagebuch“

mironbialoszewski_dasgeheimetagebuch

Ich bin es, der den Organismus anführt
Das geheime Tagebuch des Miron Białoszewski

Vorüberlegungen

Warum sollte ich das Tagebuch eines mir unbekannten Menschen lesen? Mit welchen Erwartungen gehe ich an die Lektüre, die als geheim klassifiziert ist? Welche Zugangsberechtigung habe ich für diese Aufzeichnungen?

Die Euphorie in der Stimme des Verlegers Andreas Rostek, als er den Vornamen Miron aussprach und mir das Buch zur Rezension empfahl, machte mich neugierig und verleitete mich, diesem Ansinnen zuzustimmen. Miron, sagte er, sei noch heute in Polen ein klingender Name und jeder kenne den Schriftsteller, der 1922 in Warschau geboren wurde und 1983 dort starb.

Von Bialoszewski sind in deutscher Sprache dank der Übersetzungs- und Herausgebertätigkeit von Dagmara Kraus zwei Gedichtbände erschienen: Wir Seesterne und Vom Eischlupf (2012 und 2015, Reinecke & Voß).

Einige Protagonisten der deutschen Literaturszene sprechen über Bialoszewski als eine Entdeckung. Vielmehr ist es eine Öffnung, eine Europäisierung des Blicks, die Zueignung eines poetischen Schimmers über deutsche Staatsgrenzen hinweg, wie Armin Steigenberger erkennt. Unsere Begrenztheit abzulegen, ist in Zeiten aggressiver Nationalismen Pflicht.

Diese Erkenntnis, so wichtig und notwendig sie ist, beantwortet die eingangs gestellten Fragen nicht.

Gilt die Regel, dass Literatur Interesse weckt, wenn es ihr gelingt, die Leserschaft in Schwingungen, Resonanzen zu versetzen, auch für den intimen Bereich des Tagebuchs? Tadeusz Sobolewski stellt in seinem Vorwort klar: „Was ist das Geheime Tagebuch? Ein literarisches Werk.“ Die Biografie bietet durch die deutsche Besatzung Polens und Bialoszewskis Teilnahme am Warschauer Aufstand wie auch seine Zeitzeugenschaft des Stalinismus und der Demokratiebewegung in der Volksrepublik eine historische Dimension. Doch der Autor versteht sich nicht in erster Linie als politisch agierend. Im Tagebuch folgen wir einem Netzwerk von Beziehungen in der Literaten- und Künstlerszene, mithin der intellektuellen Elite des Landes, das es einem Außenstehenden schwer macht, zumal aufgrund des akribischen Fußnotenapparates, in dem Sobolewski Initialen auflöst und Kurzbiografien mitliefert, gedanklich dem Text zu folgen. Rivalitäten und Eifersüchtelei in einer in sich geschlossenen Gruppe kommen zum Ausdruck. Das erinnert an Uwe Kolbes Die Lüge, ein Werk, das einen Vater-Sohn-Konflikt ankündigt, aber als Roman versagt, weil es in Betrachtungen über die Egoismen einer über Arbeiter und Bauern stehenden Klasse erstarrt. Im Tagebuch mag es legitim sein, solchem Raum zu geben, ermüdend ist es trotzdem. Aber Bialoszewski verbringt viel Zeit im Bett und Träume/Albträume bieten ihm eine legitime Projektionsfläche auf die Wirklichkeit des real existierenden Sozialismus.

Was löst in mir Resonanzen aus? Ich bin Schriftsteller, doch meine Netzwerke sind kleiner, weniger mondän. Ich wurde in eine Demokratie hineingeboren, habe keine totalitären Erfahrungen. Insofern bleibe ich als Fremder und Unerfahrener außen vor. In der Homosexualität Bialoszewskis finde ich jedoch Bezüge zu meinem Vater, der es Zeit seines Lebens nicht geschafft hat, sich zu öffnen und „die Grenze der Scham und der Angst“ (Sobolewski) zu überwinden. Bialoszewski gelingt dies im New Yorker Tagebuch, Kapitel, die in der Lektüre des Buches noch vor mir liegen. Ich denke zurück an so wichtige Bücher wie Edmund Whites Die brennende Bibliothek oder die Autobiografie Reinaldo Arenas‘ Before Night Falls, die mir schwule Kultur nahebrachten. Jedoch erscheint mir vor allem, dass mit den schmerzlichen Schnittstellen von Sozialismus, Katholizismus und Homosexualität Bialoszewski im Westen mit Pier Paolo Pasolini, wie der Pole 1922 geboren, einen Bruder im Geiste hatte, der eine ebenso überragende Bedeutung für die Intellektualität seiner Nation und weit darüber hinaus einnahm.
[29./30.06.2016]

Nachts überlegte ich, weshalb der Sozialismus irgendwie weniger gelungen ist als die christliche Kirche. Mehrere Male hatte ich diesen Vergleich, der mir zu hinken schien, verworfen, bis er mir plötzlich gar nicht mehr wie ein hinkender Vergleich vorkam. Bei beiden gibt es eine Gesellschaftsvorstellung, eine Moralvorstellung. Bei beiden die Gleichberechtigung. Bei beiden soll die Belohnung in der Zukunft kommen. Folglich unüberprüfbar. Bei beiden entsetzlicher Missbrauch und hässliche Sachen. Bei beiden Schismen und Abweichungen. Und Aufspaltungen. Kennt der Kommunismus keine Kunst? Er kennt den Sozrealismus. Es haben sich doch verschiedene interessante Künstler in den Sozrealismus ergeben. Maler. Ich erinnere mich, dass sich sowohl Fougeron als auch Picasso engagiert haben. Und Pablo Neruda hat uns in den schlimmsten stalinistischen Zeiten Gedichte zur Übersetzung hergeschickt; eines seiner Poeme, ein riesiges, hatte übrigens eine Passage dieser Art:

In den drei Zimmern des alten Kreml
Wohnt ein Mann mit Namen Stalin
Lang brennt das Licht in seinem Zimmer …

Dass in der UdSSR Millionen Menschen verbannt wurden und ein Großteil der Welt nichts davon wusste oder es nicht glauben wollte, erinnert an die Kirche; die einen wähnen Rom als das Ziel aller Pilgerer, die anderen als Hauptstadt des Verbrechens. […]
[Sonntag, 20. März 1978]

Tod des Vaters

Im September 1979 stirbt Bialoszewskis Vater. Eine Verbindung zwischen Vater und Sohn scheint seit langer Zeit nicht mehr zu bestehen. Spuren hat der Vater bislang im Tagebuch des Sohnes nicht hinterlassen. Nun aber zeigt sich in der Verarbeitung des Todes, in den Erinnerungen eine unerwartete Zartheit, die sich in Mirons Träumen spiegelt. Zweifelsohne ist die verspätete Klärung des Vater-Sohn-Verhältnisses die wichtigste Triebfeder meines Schreibens, meiner Suche nach verloren gegangenen und ungesagten Worten. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die wenigen Vaterspuren in Mirons Tagebuch, für mich einen besonderen Stellenwert haben. Und in ihrer Wortkargheit helfen, eigene Leerstellen mit entliehenen Sätzen zu füllen. Ist das legitim? Darf ich seine und meine Bilder überlagern, gegen die Sonne halten, um mit blinzelnden und tränenden Augen zu sehen, ob die Puzzleteile einen ähnlichen Zuschnitt haben? Oder ist das vermessen? Überschreitet es die dem Leser erlaubten Resonanzen? Darf ich meine Vaterträume öffnen?
[11.07.2016]

Zwei Tage lang unausgeschlafen. Ich wurde morgens wach, weil es ein Hämmern gegen die Tür gab. Ich dachte sofort, es müsse etwas Schlechtes sein. Mutter betreffend. Oder zur Abwechslung vielleicht Vater. Ich machte nicht auf. Aber nach einer Stillephase wieder Klopfen, Rütteln an der Tür, Hämmern. Ich dachte, dass sich der Tod auf diese Weise Zugang verschafft. […]
Ich habe von Dorata, die mit ihm zusammenwohnte, erfahren, dass er nach seinem Infarkt im Juli entlassen worden sei, danach sei es etwas schlechter gegangen, und drei Tage vor seinem Tod sei er wieder ins Krankenhaus; sie brachten ihm irgendein Essen hin, er bestellte noch Sauerkrautsuppe, plante, nach Hause zu gehen. Und starb plötzlich.

Und genau das hat mich gerührt, dass er mir seit langem keine Umstände bereitete, ja selbst mit seinem Tod hat er mir keine Umstände bereitet. Er ist schnell und weit weg gestorben.
[…]
Es tut mir um Vater leid. In schweren Zeiten brachte er mir über sehr lange Zeit täglich Essen aus der Milchbar. Meine Freunde bewunderten ihn für seine Geduld. Nicht selten verzog ich das Gesicht, dass ich dies nicht esse, das nicht esse, er brachte mir weiterhin zu essen, sogar noch, als ich bereits Geld hatte und in einer bessere Situation war. […]
[6. September 1979]

Heute habe ich geträumt, dass ich mit einem riesigen Schiff auf einem Arm oder Zufluss der Weichsel fahre, nicht weit weg vom Meer, und gleichzeitig schien das auch die Marszalkowskastraße zu sein. […] Ich kehrte zu meiner Bank zurück, die sich in ein Bett verwandelt hatte, zog einen Pyjama an und legte mich hin. Es war immer noch diese Kirche und immer noch das Warten auf die Andacht. Einen Moment später erhob ich mich schon wieder. Ich schaute mich um, und in einem weiteren Bett schien der Leichnam meines Vaters zu liegen. Als ich genau hinsah, war es kein Gespenst. Es war mein bleich lächelnder Vater. Ich ging zu ihm hin und fragte
– Du lebst?
Vater hob den Kopf, und da sah ich, dass er halb tot und halb lebendig war, aber er lächelte weiterhin und lebte auf
– Ja, als sie mich beerdigten, da …
Bewegung in der Kirche hatte mein Interesse geweckt, und ich hörte zu, was er sagte, aber er riss mich an der Schulter, weil er dachte, ich wolle nicht zuhören, und fühlte sich beleidigt. […]
[27. November 1979]

Mein Vater ist ein toter Körper, geschrumpft zu einem annähernd ebenen, ledrigen Stück Pergament, nur noch an wenigen Stellen dreidimensional, ansonsten ein toter Lappen. Er ist leicht ins Bad zu tragen. Der junge Mann ist starr vor Entsetzen über mein Anliegen, meinem Vater von ihm einen körperlichen Dienst angedeihen zu lassen. Ich rede mit Engelszunge und mit dem Hinweis auf die nicht unerhebliche Geldmenge solange, bis der Boy sich in die Situation hereinfindet. Ich verlasse das Bad und kann dann doch beobachten, was geschieht. Der Boy lässt Wasser in die Wanne und legt den ledrigen Pergamentkörper meines Vaters kurz ins Wasser, so dass die Fasern geschmeidiger werden. Anschließend klebt er sich den feuchten Körper auf den seinen und beide tanzen einen mir unbekannten, traurig-elegischen Tanz. Ihre Gesichter schauen sich nicht an, sind hintereinander gereiht. Der Boy neigt den Kopf auf die Schultern meines halb erweichten Vaters, eine zärtliche, unwirkliche Geste voller Sanftmut. Der Rhythmus ihres Tanzes dringt mir tief ins Ohr und ich erkenne ihre Bewegungen als Totentanz im gleichen Augenblick als der Boy plötzlich lächelt, dabei seine spitzen Eckzähne bleckt und von hinten in den Pergamenthals meines Vaters rammt.
[10.06.1995]

Tod der Mutter

Ein geschwollener Bauch, Übelkeit und Erbrechen, Klagen, Gejammer. In der ersten Nacht musste ich mir sogar die Ohren mit Watte und Wachs verstopfen, um nichts davon zu hören. Von dem, woran ich nichts ändern kann. Danach wurde ihr aber doch etwas besser. Die Übelkeit ging vorbei. Irgendwie aß sie und sah wieder etwas besser im Gesicht aus, weil sie furchtbar ausgesehen hatte. Ich gewöhnte mich daran, bei ihr zu sein. Und an die andauernden Lügen, die Sinn machen. Mutter lebt im doppelten Bewusstsein. Einerseits vermutet sie, dass sie etwas Ernsthaftes hat, vielleicht Krebs, sie hat es sogar einmal gesagt, aber wenn es ihr besser geht, hat sie die Hoffnung, dass sie noch ein wenig lebt. […]
[Neujahr 1980]

Bialoszewskis Eintragungen im Winter/Frühjahr 1980 werden zur Chronik eines schleichenden Todes. Die Mutter geht nicht wie der Vater plötzlich und fern. Der Sohn fährt oft nach Garwolin, etwa fünfzig Kilometer von Warschau entfernt. Wenn die Nähe des Todes zu groß wird, fährt Miron zurück nach Warschau. Man spürt den Kampf des Sohnes um ein autonomes Leben angesichts der Fürsorgepflicht gegenüber der Mutter.
[11.07.2016]

Schnee, leichter Frost, aber ich laufe weiter durch Warschau. […]
[3. Januar]

Wieder Garwolin. Meine Ankunft in der Nacht. Frost. Aber mit Energie, mit Notizen und Geschreibe, Abschriften. Die ganze Nacht. Und sogar morgens. Nichts gegessen. Das steigert das Wohlbefinden. Mutter ist normal lebendig, immer wieder beschwert sie sich über die Schwellungen, […]
[10. Januar]

Mutter wollte ausschlafen. Also musste ein Mittelchen her. Ich gab ihr eines. Eines mit leichter Wirkung. Sie schlief ein, stöhnte. […]
[15. Januar]

Mutter fühlt sich seit zwei Tagen besser. Sie beschwert sich über die gewohnten Schwellungen, aber selbst die Schwellungen sind etwas abgeklungen. Sie isst wie immer wenig, aber es nützt ihr. Sie wirtschaftet in der Wohnung herum. Sie hat mir das Hemd für die Fahrt gewaschen. Als ob ihre Krankheit seit einem Monat auf der Stelle stünde. […]
[17. Januar]

Ich habe in Garwolin angerufen. Mutter fühlt sich passabel, so wie vorher. Sie hat am Telefon sogar gelacht. […]
[25. Januar]

Weil ich Lust hatte, bin ich nach Garwolin gefahren. Mutter ist in quasi unverändertem Zustand, obwohl sich das Ganze womöglich langsam, aber unmerklich abwärts bewegt.
[Freitag, den 1. Februar]

Ich habe mit Mutter telefoniert. Am Dienstag geht sie ins Krankenhaus. Sie ist ein wenig nervös, ein wenig hat sie sich damit abgefunden. Sie hat Hoffnung auf die Rückkehr nach Hause.
[Sonntag, den 10. Februar]

Ich bin abends zu Mutter ins Krankenhaus gefahren. Sie hat eine weitere Entwässerungskur hinter sich. Sie hat geholfen. […]
[Freitag, den 22. Februar]

Ich bin zu Mutters Namenstag nach Garwolin gefahren. […]
[4. März]

Ich habe bei Mutter angerufen. Sie irrt durch die Wohnung, schwillt an, ich weiß nicht wie stark. […]
[14. März]

Ich schlief und hörte es durch die mit Watte und Wachs verstopften Ohren klingeln. Einmal, ein zweites, ein drittes. Ich schlief weiter, obwohl mich die Unruhe gepackt hatte. Dass etwas mit Mutter sei. Aber ich beschloss, auszuschlafen, um Kraft für das zu haben, was mich erwartet. […] Sie schlief ein, erwachte wieder, und eigentlich war das schon das Sterben. […] Sie trugen Mutter herein. Schnell auf das Sofa. Der Sanitär überprüfte die Atmung mit einem Spiegel. Keine Atmung. […]
[Karfreitag 4. April]

New Yorker Tagebuch

Heute habe ich mir einen von mir lange gesuchten Leckerbissen für nur 6 Dollar gekauft. Ein herrlicher Neger mit gewaltigem Teil bläst sich selbst einen.
[Mittwoch, 13. Oktober 1982]

Man kann diesen Tagebucheintrag Bialoszewskis unter verschiedenen Aspekten betrachten.

Derlei Abbildungen von Geschlechtsteilen sind Werkzeug, Taststock innerhalb des Systems einer nach oben offenen Skala individueller Erregung, die sich der allgemeinen Bewertung entzieht. Weniger kopflastig ausgedrückt: Was wen wie aufgeilt, geht niemand was an. Da ich aber durch die Lektüre des Buches eingeladen bin, diesen intimsten Bereich eines Menschen zu teilen, habe ich die Möglichkeit und Notwendigkeit, mich prüde zu zeigen oder nicht. Leicht ließe sich Pornografie schreien, ließe sich Empörung hecheln. Ehrlich gesagt habe ich nie verstanden, wieso die Sexszenen im Film Intimacy von Patrice Chéreau (2001) manche zum Geifern brachten. Und was den Begriff der Pornografie angeht, finde ich wichtig und nach wie vor gültig, was Gellu Naum in Zenobia aufzeigt: wie der Staat pornografisch ist, in dem er seine Macht schamlos ausnutzt, das Volk zu knechten. Pasolini ist mit Salò oder die 120 Tage von Sodom ein zeitlos gültiger Beleg gelungen, der den sexuellen Aspekt der Machtausübung mit Nachdruck einschließt.

Die Pornoindustrie bündelt und lenkt individuelle Phantasien, um durch Ausbeutung der Beteiligten hohe Gewinne zu erzielen. Es ist eine seltsam erschreckende Erkenntnis, gut gehütete sexuelle Phantasien bei anderen zu entdecken. Ich erinnere mich, dass ich beim Lesen von Hervé Guiberts Blinde rote Ohren bekam und mich erwischt fühlte. Was dort stand, hatte ich bislang nur denken können, niemals aussprechen. Pornos berauben uns durch die Instrumentalisierung individueller Phantasien, ihre Einordnung in Stereotypen letztes Endes unserer Humanität. Die Pornoindustrie ist am Mehrwert interessiert und zerstört das menschliche Gefühl. Ob 6 Dollar in den achtziger Jahren ein guter Preis war, den man bereitwillig für den Mythos eines sich selbst blasenden Mannes bezahlt, dies zu beurteilen, habe ich keine Berechtigung.

Zweifelsfrei kann die Abbildung, jenseits ihres realen Inhalts, als
rassistisch und sexistisch gekennzeichnet werden. Das Stereotyp: huge black cock. Es ist irritierend bei Bialoszewski zu lesen:

Ich will Andersartigkeit, und sei es für nur 6 Wochen. Die Andersartigkeit der Welt. Aber hier gibt es das Neger-Problem. Sie haben Washington eingenommen, die Weißen sind in die Vororte geflüchtet. Immer mehr dieser Neger in New York. […]
[Dienstag 12. Oktober 1982]

Man muss Bialoszewskis Leckerbissen auch unter dem Aspekt der AIDS-Historie betrachten und einordnen. Der Pole besucht New York gerade in einer Zeit, als sich die Krankheit langsam, viel zu langsam ins Bewusstsein der Bevölkerung und ihrer Regierung drängt. Am 1. Dezember 1981 erkennt man die Krankheitssymptome als eigenständige Krankheit an. Im Juli 1982 einigen sich die Fachleute auf den Namen Acquired Immune Deficiency Syndrome (AIDS). Am 15. Oktober 1982, kurz nach Bialoszewskis 6-Dollar-Kauf, werden bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus Fragen über AIDS mit witzig gemeinten Bemerkungen ins Lächerliche gezogen. Die Administration Ronald Reagans zeigt sich unfähig, adäquat auf die Bedrohung durch den Virus zu reagieren. Und so wirken Bialoszewskis Beschreibungen der Sexkinos wie ein Abgesang auf eine Zeit ungehemmter Sexualität, die mit dem Attribut safe nichts anzufangen weiß.

Das Vorzimmer zum Himmel oder zur Hölle. Gleichzeitiges Stöhnen von der Leinwand und live. Der nackte Selbstdarsteller hat sich nach einer ausgedehnten Session mit einem Zischen entladen, und das auf elegante Weise, da er sich langsam erst das Hemd angezog, dann die Unterhose und Hose und schließlich verschwand. An seiner Stelle hat sich ein junger, recht groß gewachsener Asiate einem König gleich installiert; er ließ sich gern so fest wie möglich anfassen. Voller Geilheit erlag er der selbst und kam vor dem Hintergrund des Gestöhns und Geschlürfes auf der Leinwand an sein Ziel. […]
[Freitag 15. Oktober 1982]

Schließlich ist das Abbildnis jener oralen Selbstbefriedigung eine Metapher für Selbsterschöpfung. Damit meine ich gleichermaßen die schaffenden und zerstörenden Anteile der menschlichen Existenz. Aus sich selbst zu schöpfen, ist keine demütige Haltung, sondern eine selbstbewusste, zur Selbstüberhebung neigende. Der Mensch legt sich mit Gott und seiner Schöpfung an, reibt sich. Und verliert dabei an Kraft. Bialoszewskis Tagebuch weist die Kraftverluste aus. Es sind keine veröffentlichten Texte enthalten. Der schöpferische Anteil fehlt. Dem Tagebuch vertraut er vor allem die Erschöpfung, die überlangen Schlafphasen mit seinen Alpträumen an, die in ihrer Intensität wiederum Material für die schöpferischen Momente liefern. Aber dies ist kein Perpetuum mobile, sondern das sich erschöpfende System Leben mit Geburt und Kindheit bis hin zum Tod.
[12.07.2016]

 

Kindheit

Während Bialoszewskis Aufenthalts in New York meldet sich Czeslaw Milosz mehrmals telefonisch bei ihm. Der 1911 im heutigen Litauen geborene Nobelpreisträger für Literatur des Jahres 1980 hatte Polen bereits im Jahr 1951 verlassen. Beide Männer begegnen sich mit Respekt und Hochachtung. Das geheime Tagebuch und Miloszs Tal der Issa standen über Monate friedlich in der Ablage neben meinem Bett, meinem bevorzugten Leseort, darauf wartend, gelesen zu werden. Miloszs Roman ist das Buch seiner Kindheit an einem fiktiven Fluss und mit einem fiktiven Jungen namens Thomas. Er beginnt mit ausführlichen Naturbeobachtungen, die sich durch das Buch ziehen und das Leben des Jungen begleiten.

Man muß mit der Beschreibung des Landes der Seen beginnen, wo Thomas wohnte. Diese Gegenden Europas sind lange von Eisbergen bedeckt gewesen, und ihre Landschaft hat die Strenge des Nordens. Der Erdboden ist hier im allgemeinen sandig und steinig, nur für den Anbau von Kartoffeln, Korn, Hafer und Flachs geeignet. Das erklärt, warum der Mensch die Wälder nicht vernichtet hatte, die das Klima mildern und vor den Winden des Baltischen Meeres schützen. In ihnen überwiegen Kiefer, Tanne, es gibt auch Birken, Eichen, Weißbuchen; Rotbuchen fehlen, ihre Reichweite erstreckt sich viel weiter nach Süden. […]
[Czeslaw Milosz: Tal der Issa]

Die beiden Männer unterhalten sich über amerikanische Landschaften, doch scheinen die Bilder schnell verbraucht und die Gedanken wandern zurück nach Europa. Zu Beginn der Reise wiederholt Bialoszewski einen Satz, den er schon bei anderen Reisen, Paris, Kairo, nutzte:

– Das also ist die große Welt. Diese aufklappbaren Geheimnisse.
[Dienstag 12. Oktober 1982]

Gegen Ende seines Aufenthalts hingegen schreibt Bialoszewski in sein Tagebuch:

Über die Niagara-Fälle sagte Milosz, dass sie schon lange nicht mehr in Mode seien. Jetzt sei der Grand Canyon in Mode.
An verschiedenen Orten hatte ich mehrmals plötzlich Mozart im Ohr. Ich habe das wie einen Ruf nach Europa verstanden, in mein Bett. Mozart ist mir viel näher als Manhattan mit seinen Menschen.
[15. November 1982]

Während Milosz seiner Kindheitswelt im Roman einen episch-breiten Raum gibt, erfahren wir in Bialoszewskis Tagebuch wenig über dessen Kindheit.

Bis zu meinem zehnten Lebensjahr habe ich in der Lesznostraße in einem Zimmer mit Küche mit meinen Eltern zusammengewohnt, mit Nanka, Sabina, Nankas Mann, dem Trinker, und Opa Walenty Bialoszewski. Opa war Tischlermeister und Liebhaber von polnischen Büchern. Ein von ihm gemachtes Regal stand von oben bis unten voller Bücher. […]
[13. März 1983]

Ich bin mir sicher, die Kindheitsorte der beiden polnischer Schriftsteller hatten eine feste Verankerung und unterlagen keinen Moden. Sie waren Lebensquellen, die erst nach unterschiedlich langem Lauf versiegten.
[12.07.2016]

Todesahnung

die verbrauchten Metaphern rächen sich
[Briefe an die Eumeniden: Anin, 26. Mai 1983]

Nachtrag

Ich hatte das Buch auf unsere Reise in die polnische Provinz mitgenommen. Sehen wollte ich, ob sich die Gesichter der Polen durch Bialoszewskis Anwesenheit erhellen würden. Nun, es kam anders. Miron fiel in der Provinz in einen leichten Schlaf und begegnete Menschen allenfalls im Traum.

Am letzten Julitag fand ich in der Buchhandlung Tajne Komplety in Wroclaw Bialoszewskis Band Sprawdzone soba mit den gesammelten Gedichten im Poesieregal. Ich fragte nach, ob auch die Tagebücher verfügbar seien. Die Buchhändlerin schaute in den Computer und verneinte.

Abends ging das 16. Nowe Horyzonty-Filmfest mit einem Openair-Screening des Filmes Brand New Testament von Jaco van Dormael auf dem Marktplatz von Wroclaw zu Ende. Festivaldirektor Roman Gutek setzte ein politisches Signal gegen das nationalkonservative Establishment der mit absoluter Mehrheit regierenden PiS, als er, nur wenige Worte verlierend, auf den Ort der Filmhandlung verwies: Brüssel. Van Dormaels Film kann man als Absage einer göttlich(-männlich)en Zerstörungswut hin zu einer weiblichen Neuschöpfung des Lebens sehen. Diese Respektlosigkeit vor religiösen Dogmen, diese tiefe Humanität, diese Feier des Lebens, das hätte Miron zweifelsohne erfreut und ihn seiner Schwere entbunden.
[09.08.2016]

Der Sommer ist zurück. Heute Nachmittag habe ich aus dem Fenster gesehen. Wärme, warmes Wehen, Sonne, Bewegung. Auf dem Flughafen Staub von den Grabungen und leichter Nebel. In den Stockwerken hoch über der Stadt und darüber ein mildes Blauen. Ich dachte mir: Das ist unser Planet. Voller Luft, blau, schimmernd, wehend. So fliegen wir dahin. […]
[13. September 1976]