Lina Meruane: „Heimkehr ins Unbekannte. Unterwegs nach Palästina“

Herkunft als Dorn

۰ | Von innen heraus
Für den Schmerz spielt sie scheinbar keine Rolle: die Verwechslung von Stachel und Dorn. Beide können die Haut aufreißen oder perforieren und subkutan eindringen. Und doch lohnt eine kurze Exkursion in die Botanik, um sich zu vergegenwärtigen, dass ein Dorn aus dem Innern der Pflanze herauswächst und nicht wie der Stachel ein Gebilde des Rindengewebes ist. Akzeptiert man die als Überschrift gewählte Metapher, die den Wissensdurst des Menschen „Wer bin ich? Woher komme ich?“ mit einem Dorn vergleicht, so ist diese Frage keine Randerscheinung, sondern vital, von unmittelbarer Notwendigkeit, um zu leben, um zu überleben.

Die Schriftstellerin Lina Meruane, 1970 in Santiago de Chile geboren, geht diesen Fragen in Heimkehr ins Unbekannte nach, sucht verbliebene Spuren ihrer Herkunft. Sie ist Unterwegs nach Palästina. Das Buch ist zweigeteilt: Rückverwandlung ist ein aus dem Spanischen übersetzter Text von 2014. Gesichter in meinem Gesicht wurde für diese Ausgabe geschrieben. Beide Teile, wie schon der zuletzt in deutscher Sprache erschienene Roman Rot vor Augen, wurden von Susanne Lange übersetzt.

Wo Heimkehr ist, muss zuvor der Weggang gewesen sein. Und zweifelsohne spricht dieses persönliche und politische Buch über Flucht:

Die Familie seiner Mutter war schon zwanzig Jahre zuvor ins Exil gegangen, mit der ersten Fluchtwelle, und hatte niemals zurückkehren können. Hamza sagt das mit britischer Lässigkeit, auch wenn man zwischen den Silben den Dorn des Geflüchteten spürt, der diesen Status als Anspruch aufrechterhält.

Rezension auf Fixpoetry.

Artur Becker: „Kosmopolen. Essays“

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Das Kind Artur Bekier wurde 1968 im masurisch-ostpreußischen Bartoszyce geboren. Der Ort, zum Zeitpunkt der Geburt des Kindes und auch noch heute, wohl bedingt durch die lange Phase des Friedens in Mittel- und Osteuropa, die wir zunächst als Nachkriegsordnung und dann zunehmend nach dem Jahr 1989 als Überwindung der Nationalstaaten im Sinne der Solidarität in der Europäischen Union erleben durften (die berechtigten Zweifel am Fortbestand bedingen das Präteritum!), liegt auf polnischem Staatsgebiet.

Rezension auf Fixpoetry.

Udo Kawasser: „Unterm Faulbaum“

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Zu meiner Überraschung kommt mir mit Beginn dieser Besprechung das Wort semipermeable Membran in den Sinn. Es steht plötzlich vor mir und fragt mich, was die Erinnerung an diesen Fachausdruck mit dem vorliegenden Buch zu tun hat, das den Untertitel „Aufzeichnungen aus der Au“ trägt. Durchlässig zu werden, bedeutet es nicht, den Stoffaustausch von innen nach außen, von außen nach innen zu gewährleisten, ein Austausch, von dem der Organismus profitiert?

Rezension auf Fixpoetry.

Miron Białoszewski: „Das geheime Tagebuch“

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Ich bin es, der den Organismus anführt
Das geheime Tagebuch des Miron Białoszewski

Vorüberlegungen

Warum sollte ich das Tagebuch eines mir unbekannten Menschen lesen? Mit welchen Erwartungen gehe ich an die Lektüre, die als geheim klassifiziert ist? Welche Zugangsberechtigung habe ich zu den Aufzeichnungen?

Der komplette Essay auf Fixpoetry.