Antoinette Tidjani Alou: „Tina shot me between the eyes and other stories“

Bei der Frankfurter Buchmesse 2018 traf ich auf der Bühne der Lettres d’Afrique, eines von Raphaël Thierry organisierten Programms, das afrikanische Editionen  (und weitere frankophone Verlage aus Vietnam und Haiti) vorstellte, die nigerianischen Journalistin und Bloggerin Olatoun Williams. Begeistert erzählte sie mir, dass sie am nächsten Tag eine Lesung mit Gespräch mit Antoinette Tidjani Alou moderiere, deren erste Sammlung von Stories dieses Jahr in der senegalesischan Editions Amalion herausgebracht wurde.

Tidjani Alou wurde in Jamaica geboren und lebt heute in Niger. Sie unterrichtet Französisch und Komparatistik an der Université Abdou Moumouni de Niamey. Ihr Schreiben in englischer und französischer Sprache umfasst Life-Writing, Poesie und Short-Stories. Sie arbeitet auch als Übersetzerin. 2014 kam sie mit der sechsten Regional Residency for African Women Writers von Femrite nach Schweden ans Baltic Center for Writers and Translators auf Gotland.

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Mary Caesar: „My Healing Journey“

Lower Post Residental School Memories

Mary Caesar, Strong Woman Walking, so ihr indianischer Name, wurde 1955 in Kanada als Mitglied der Liard First Nation an der Grenze von Yukon zu British Columbia am Watson Lake geboren.

In ihrer Lyrik und ihrer Kunst legt sie Zeugnis ab vom Leben indigener Menschen, die in das rassistische und Menschenleben zerstörende System der Residental Schools in Kanada gezwungen wurden, dessen Ziel es war, die Menschen zu entwurzeln, ihrer Herkunft, ihrer Kultur zu berauben und physisch und psychisch zu vernichten.

Caeser sagt von sich, sie habe die Residential School überlebt. Ihre Triebfeder zu schreiben, ist, jenen zu gedenken, die dieses Martyrium nicht überlebt haben. Opfer sind auch die Überlebenden, denn sie sind lebenslang gezeichnet.

Ida war eine Überlebende der Lower Post Residential
School.
Ich werde ihr Andenken immer wahren.

(aus: Für Ida)

In ihrem Vorwort erzählt Caesar von ihrer Alkoholabhängigkeit und dem langen Weg der Heilung, den sie auch durch ihr Schreiben und ihre Kunst vorantreibt.

Dass dieses wichtige Zeugnis aus 24 Gedichten (bereits in der 4. Auflage) zweisprachig in englischer und deutscher Sprache vorliegt, reich bebildert mit der Kunst der Autorin, ist ein Verdienst engagierter Menschen, die den Blick auf die Situation indigener Völker in Nordamerika jenseits überkommener Klischees, die immer noch einen kauffreudiger deutschen Markt bedienen, richten.

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Kum’a Ndumbe III. (Hrsg.): „So war das bei der Zwangsarbeit …“

Reihe: Jetzt berichten afrikanische Zeitzeugen …

Interview eines betagten Basaa
Papa Pegha André über die deutsche Kolonialzeit

Die Fondation AfricAvenir International führt das Projekt „Africa’s Collective Memory“ in Kooperation mit der Gerda Henkel Stiftung durch. Kamerunische Zeitzeugen der deutschen Kolonialzeit (1884-1916) berichten in ihren Sprachen.

Kolonialgeschichte wird durch deren Erinnerungen aus der Perspektive der Opfer geschrieben. Und auch in deutscher Sprache erfahrbar. Von den 15 zur Zeit verfügbaren Buchtiteln, die auf der gerade zu Ende gegangenen Frankfurter Buchmesse präsentiert wurden, sind drei Titel ins Deutsche übersetzt.

(Das hier besprochene Buch wurde von Dr. David André Njock  transkribiert und von Basaa ins Französische, von Peter Sondermeyer vom Französischen ins Deutsche übersetzt.)

Dabei sind die Ausgangssprachen der in den achtziger Jahren mit Tonkassetten aufgenommenen Zeugnisse vielfältig: Duala, Bakoko, Basaa, Ewondo, Eton, Manguissa, Yemba, Medumba, Shupamem, Pidgin und Französisch.

Jedem Buch ist eine Audio-CD hinzugefügt, die beim Hören eine Ahnung davon gibt, wie aufwändig es war, diese Tonaufnahmen zu digitalisieren, die Interviews zu transkribieren und zu übersetzen.

In einem Leitfaden zur Lektüre der Transskriptionen gibt es für Leser*innen, die die Ausgangssprache beherrschen, wichtige Hinweise, die auch dem Nichtkundigen eine Vorstellung von den Problemstellungen der Linguistik geben.

Jedes Buch ist ein Zeugnis, das subjektiv einen Teil der Kolonialgeschichte in sich trägt, inklusive offensichtlicher Irrtümer, Verwechslungen, Lücken, die bei der größten Exaktheit der Erinnerungen jedem Menschen unterlaufen.  In der Zusammenschau und der anschließend vorzunehmenden wissenschaftlichen Aufarbeitung jedoch wird daraus ein notwendiges Gegenbild zur deutschen Geschichtsschreibung, das aus Einzelstimmen ein fundiertes Wissen werden lässt und das geschehene Unrecht, von dem Politik und Gesellschaft in Deutschland ganz sicher nichts hören möchten, benennt. Um so erfreulicher, dass mit der deutschen Gerda Henkel Stiftung sich eine Institution gefunden hat, die mit ihren Mitteln gegen die Ignoranz arbeitet.

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Roxana Crisólogo: „Eisbrecher“

Taunetze sind Grenzen

Die Gedichte der peruanisch-finnischen Lyrikerin Roxana Crisólogo sind „Schlingpflanzen“, die „den unumkehrbaren Gang des Rauchs erdrosseln“. Sie bahnen sich ihren Weg, hinterlassen Stränge, die zu den Wurzeln führen, durchdringen Grenzen, ziehen sich und die sie umgebende Welt zusammen und lassen doch an anderer Stelle Nebenwege zu, die luftig sind, die Nischen entstehen lassen.

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Radu Găvan: „Neverland“

Brot mit Brot

Rezensentin Rebecca Kelber von Radio Mephisto 97.6 greift zu der großen Keule, wenn sie das Scheitern des Protagonisten in Neverland mit dem Scheitern des Romans, seines Autors Radu Găvan und seiner Übersetzerin Edith Konradt gleichsetzt. Ein Verriss ohne tiefer gehende Begründung, wohlfeil. Geht so Literaturkritik? „Das ist nur einer von viele (sic!) Fehlern, die ihm (Radu Găvan, E.G.) unterlaufen.“ – „Die Handlung von Neverland ist an sich nicht uninteressant.“ – „Teilweise schadet auch die Übersetzung dem Buch.“

Ich habe das Buch anders gelesen, als spannendes Buch, dessen Protagonist und Ich-Erzähler, der alleinerziehende Literaturdozent, mag die Figur sympathisch sein oder nicht, für mich nachvollziehbar ist. Selbstmitleid und Kitsch, ja, aber eben auch eine schonungslose Darstellung einer Entfremdung innerhalb einer Ehe, eines Ehebruchs, der in die Katastrophe eines Verkehrsunfalls führt.

Ich bin kein Opfer, die schwärzeste Wolke meines Lebens habe ich mir selbst über den Kopf geholt. Ich stehe im Regen und weiß nicht wohin. Ich bin ein Hund, der seine Zähne in die Hand des Schicksals geschlagen hat. Ein zartes Wesen schmiegt sich an mich, erstarrt unter der gleichen Wolke. Der einzige Schutzwall, nur einen Schritt weit entfernt von der Ewigkeit in der Hölle.

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Christian Wöllecke: „Der Durchbruch“

Ein Löffel voll Tat …

„Der Durchbruch“ von Christian Wöllecke, 1984 in Radebeul geboren,  ist eine kurze Erzählung, die uns die Absurdität des Lebens vor Augen hält. Als Heft 165 der Reihe „Schöner Lesen“ ist sie ein Produkt von SuKuLTuR, Berlin. Die Titelillustration stammt von der 1993 in Weimar geborenen Kommunikationsdesignerin Luise Hesse.

Absurd, ich schlage das Wort nochmals nach: misstönend, dem gesunden Menschenverstand widersprechend, abwegig, sinnlos. Ich habe noch eine Bedeutung im Ohr, die sich mir durch die Beschäftigung mit Albert Camus im Rahmen meiner mündlichen Abiturprüfung 1984 eingeprägt hat. Das Absurde als eine Kraft, die dem vom Menschen sich selbst gegebenen Sinn, seinen Lebensprojektionen entgegenwirkt, eine Sinnenttäuschung. Camus‘ Umgang mit der Absurdität: Erkenntnis, Annahme, Revolte.

Das Absurde hat nur insofern einen Sinn, als man sich nicht mit ihm abfindet.

Hubert Koschottka, Rentner, kommt mit den Menschen und der neuen Zeit nicht mehr klar.

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Ioana Nicolaie: „Der Himmel im Bauch“

Sodbrennen und Sonne

Die Pille war Täler und Berge in fernen Ländern. Verhütung war Feld und See oder endlose Mauer. Es gab keine Rettung und nichts zu schützen. Abtreibung hieß damals Gefängnis. Mit der Zeit wurdest du zur perfekten Mutter. Und manchmal nanntest du dich, wie Mama, HELDIN. In der Sozialistischen Republik Rumänien.

Um eine Kritik von „Der Himmel im Bauch“ zu schreiben, muss ich in die Mutterhöhle zurückkehren (ein literarischen Motiv, das Nobelpreisträgerin Toni Morrison in „Jazz“, wenn ich mich richtig erinnere, aufgenommen hat), in den schwebenden, pränatalen Zustand, in dem mein Geschlecht zwar schon lange feststand, aber meinen Eltern noch unbekannt war. (Mutter hoffte auf ein Mädchen. Und wie sie mir gerade mitteilt, hoffte sie später, nach meiner Geburt, immer noch auf ein Mädchen. Aber meinem Vater waren wohl zwei Jungs genug Verantwortung. Die gesellschaftliche Erwartung hatte er erfüllt.) Nur in diesem unschuldigen Stadium darf ich wagen, meinen männlichen Blick auf das Buch, auf den Bauch von Ioana Nicolaie zu werfen, denn, bin ich auch Vater zweier Kinder, ist mir die (Gefühls-)Welt der Frauen, die schwanger werden und Kinder gebären, naturgemäß verschlossen. Zurück im Fruchtwasser bin ich jedoch frei von der Last der Rollen und Klischees, finde mich in der Obhut einer Welt, deren Leid und Ungerechtigkeit nicht mit meinem Geschlecht verknüpft ist: Ich darf ich sein – ein Ungeborener, der 1965 zur Welt kam.

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Juan Gelman: „Leidland – País del dolor“

Tinte, die kein Leid schreibt

Das Werk des Dichters Juan Gelman (1930-2014) wurde mit allen wichtigen Literaturpreisen der spanischsprachigen Welt ausgezeichnet. Es umfasst 31 Lyrikbände und kann, folgt man den Betreibern der Webseite des Schriftstellers, in drei Schaffensphasen aufgeteilt werden; Einleitung: Utopie und Revolution (1956-1973) | Exil: Unterbrechungen und Erinnerung (1980-1994) | Ein glühendes Handwerk (1997-2014).

Zu jeder dieser Phasen liegt mir ein Band in deutscher Übersetzung vor: So arbeitet die Hoffnung. Lyrik des argentinischen Widerstands in der Übertragung von Wolfgang Heuer und Miquel Salí von 1978 (Oberbaumverlag Berlin), Kom/positionen & Darunter, übertragen von Juana und Tobias Burghardt aus dem Jahr 2013 (Edition Delta, Stuttgart) sowie das zu besprechende Leidland, für das Walter Eckel, Direktor des vom DAAD geförderten Heidelberg Centers Lateinamerika, für Übertragung und Einführung in Leben und Poesie des Argentiniers verantwortlich zeichnet.

Rezension auf Fixpoetry.

Ragnar Helgi Ólafsson: „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“

Auf der gerade zu Ende gegangenen Frankfurter Buchmesse 2017 hatte ich die Gelegenheit und das Vergnügen, einer Lesung von Wolfgang Schiffer zu lauschen, der als (Mit-)Übersetzer das Lyrikdebüt des isländischen Schriftstellers, Künstlers, Grafik-Designers und Filmemachers Ragnar Helgi Ólafsson, 1971 in Reykjavík geboren,  in der Lyrikbuchhandlung präsentierte.

Das Buch ist, wiewohl es gerade erst im Herbst erschien, bereits überraschend oft wahrgenommen worden, es gibt eine Besprechung im Signaturen-Magazin und auf Blogs. Unverständlich hingegen, dass es bei der Präsentation der Icelandic Publishers Association in Halle 5.0 nicht ausgestellt war und in einem Gespräch darauf verwiesen wurde, das Buch sei von 2015. Ja, das Original, nicht aber die Übersetzung von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer! Welchen Sinn macht es, wenn das Ergebnis der durch ein Translation Grant geförderten Arbeit nicht auf einer internationalen Buchmesse zu sehen ist?

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Jerome Rothenberg: „Khurbn“

where the warm flux inside the corpse
changes to stone

Erst war langes Schweigen. Zur Scham gesellte sich Verdrängung, schließlich Gedächtnisverlust.

1979 trat in mein damals 14 Jahre altes Leben das Wort Holocaust. Es kam als Titel des US-amerikanischen Vierteilers „Die Geschichte der Familie Weiss“, klopfte an in unserem Wohnzimmer und bat über den Fernseher Einlass. Gegen den Widerstand meines Vaters wurde dieses Wort in unsere wie in unzählig weitere deutsche Familien gebracht und setzte sich fest.

Sehr viel später erst, schon im 21. Jahrhundert, trat das Wort Shoah hinzu. Wenn meine Erinnerung nicht trügt, war Claude Lanzmanns 540 Minuten dauernder Film auf mehreren VHS-Videokassetten.

Nun also: Khurbn. Ein drittes Wort für den Grund des langen Schweigens. Ein Schweigen, das sich mit einem deutschen Wort nicht füllen lässt, es sei denn, man verwendet den verbrecherischen Euphemismus Endlösung, nutzt die Lingua Tertii Imperii.

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Various Artists: „Sun and Moon“

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Schöne, handgedruckte Bücher aus Chennai, Indien von taraBooks

Inzwischen hat taraBooks einen festen Platz bei meinen Rundgängen über die Frankfurter Buchmesse. Und jeder Jahr bin ich begeistert von neuen Büchern.

Für Sun and Moon haben 10 Künstlerinnen und Künstler aus den Regionen Madhya Pradesh, Gujarat, Bihar, Rajasthan und Orissa in eindrücklichen grafischen Arbeiten Mythen und Erzählungen ihrer Regionen über Sonne und Mond festgehalten.

Jeffrey Yang: „Ein Aquarium“

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It’s not a Sea World
Jeffrey Yangs Tauchgang in „Ein Aquarium“

Ich erinnere mich, wie ich Anfang 2010 von der Schönheit des Scyphocrinus elegens, einer Seelilie, atemlos wurde. Das Fossil war ausgestellt in einer der ersten Vitrinen im Ozeaneum in Stralsund. Lange stand ich dort, mit offenem Mund, aus dem offen gebliebene Fragen herauskollerten. Die Welt unter Wasser habe ich nur aus einigen nicht geglückten Schnorchelgängen an der steinigen Küste Istriens als Kind erfahren. Noch heute kann ich mir die abgebrochenen Stacheln der Seeigel, Verwandte der Seelilien aus der Familie der Stachelhäuter, in meinen Fersen vergegenwärtigen. Ich hasste diese Dinger. Erst später, sehr viel später habe ich mich bei der Übersetzung von Moya Cannons Gedicht „Sea Urchins“ mit der faszinierenden Biologie dieser Tiere beschäftigt und lernte etwas über die Laterne des Aristoteles, dem innernen Kieferapparat der Seeigel.

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