Jean Portante: „In Wirklichkeit | En réalité“

Der Wille, die Wörter

Das umfangreiche lyrische Werk des luxemburgischen Schriftstellers Jean Portante, 1950 in Differdange geboren, ist auf dem deutschen Markt noch weitgehend unbekannt. 2005 erschien mit Die Arbeit des Schattens (französisch: Point, Editions PHI 1999) die erste Übersetzung seiner Gedichte (Übersetzerin: Odile Kennel) in der luxemburgischen Editions PHI. Nun folgt die Veröffentlichung eines weiteren Gedichtbands, En realité aus dem Jahr 2008, als zweisprachige Ausgabe In Wirklichkeit – En realité im Verlag Hans Schiler. Michael Speier und Brigida Bezzenberger haben als Übersetzerduo aus dem Französischen übersetzt.

Rezension auf Fixpoetry.

Aka Morchiladze: „Der Filmvorführer“

Schatten: riesig, endlos

Einen Vorführraum habe ich nie von innen gesehen. Als Kind habe ich manchmal die Lichtstrahlen, die die Kinoleinwand ausfüllten, zurückverfolgt bis zu jenem magischen Auge, aus dem die Lichtbündel und mit ihnen die Geschichten kamen. Habe ich da bereits das Kino als Ort filmischen Erzählens verstanden? Ich glaube nicht. Machte ich mir Gedanken über die einsame Arbeit des Filmvorführers? Kaum. Schnell ging mein Blick wieder zur Leinwand und überwand mit einer 180 Grad-Drehung die Schwärze des ehrwürdigen Saals, der noch mit Klappstühlen aus rotem Plüsch (oder war es grüner Cord?) bestückt war.

Aka Morchiladze, 1966 in Tbilissi, Georgien, geboren, wird bei der Eröffnungszeremonie zur Frankfurter Buchmesse 2018 am 9. Oktober gemeinsam mit Nino Haratischwili Hauptredner des diesjährigen Ehrengastes sein: Georgia – Made by Characters.

Morchiladzes aus dem Jahr 2009 stammender Roman მამლუქი wurde nun in der Übersetzung von Iunona Guruli mit Unterstützung des Georgian National Book Center und des Ministry of Culture and Sport of Georgia im Bonner Weidle Verlag im Vorfeld der Messe herausgegeben.

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Literaturzeitschrift alba11: Schwerpunkt weibliches Schreiben

Gespräch mit den alba-Redaktionsmitgliedern Laura Haber und Christiane Quandt auf Faustkultur.

Gib acht, Agda!
Die elfte Ausgabe des Magazins alba.lateinamerika lesen

Mit dem Leitmotiv Aquí estamos. Wir sind da. präsentiert sich die aktuelle Ausgabe der in Berlin herausgegebenen zwei- und stellenweise auch mehrsprachigen Literaturzeitschrift. Ein Blick auf die Namen der Redaktionsmitglieder und der an Übersetzungen und an Illustrationen Beteiligten weist deutlich mehr Frauen als Männer aus, weshalb alba sich folgerichtig, nach mehreren Ausgaben mit verschiedenen Länderschwerpunkten, darunter Chile und Mexiko, nun dem weiblichen Schreiben widmet. Ich widerstehe der Versuchung, Anführungsstriche zu setzen, eine Kategorie zu markieren, eine Schublade.

In ihrem Beitrag Sie sind da blickt Redaktionsmitglied María Ignacia Schulz zurück auf die Anfänge des Magazins.

Vielfalt als Stärke, Heterogenität als höchster Anreiz. Diese Ziele setzte sich die Redaktion im Editorial der ersten Ausgabe von alba.lateinamerika lesen im März 2012. In den sechs Jahren und elf Ausgaben seither war es nicht immer einfach, dem auch gerecht zu werden. Stets war mit diesem Interesse auch das Bemühen verbunden, die literarische Arbeit zeitgenössischer Schriftstellerinnen Lateinamerikas hervorzuheben. Ist dies heutzutage noch notwendig?

Die Frage wird von Christiane Quandt per Interview an die mexikanische Lyrikerin und Performerin Rocío Cerón weitergegeben. Sie antwortet:

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Enrique Winter: „Oben das Meer unten der Himmel“

Sandpapier und Leim, ein Tropfen Wasser

Enrique Winter, chilenischer Dichter mir deutschen und polnischen Wurzeln (* 1982 in Santiago de Chile) reist viel. In Juni 2018 war er zum wiederhoten Mal in Deutschland, nach Einladungen zur Latinale 2012 in Berlin oder als Gast der Sylt Foundation von Indra Wussow 2017, dieses Mal in Köln zur Vorstellung der deutschen Übersetzung seiner Gedichte, die nun endlich erschienen ist. Der Band, der eine Auswahl aus seinen Bänden Atar las naves (2003), Rascacielos (2008) und Guía de despacho (2010) vorstellt, war bereits 2015 bei einem anderen Verlag angekündigt, hat nun aber seinen Platz in der parasitenpresse von Adrian Kasnitz gefunden.

In ihrem Nachwort schreiben Sarah Otter, Johanna Schwering und Léonce W. Lupette, die die Übersetzungen gemeinsam erarbeitet haben, von Winters Performance bei der Latinale, die zur Initialzündung für diese Übersetzungsarbeit wurde. Annähernd sechs Jahre dauerte es, bis das Buch realisiert werden konnte. Welchen Preis müsste dieses Buch haben, um die Ausdauer des Übersetzertrios gerecht zu werden und dem Verleger einen Gewinn in Aussicht zu stellen?

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Anette und Peter Horn (Hrsg.): 100 Poems from Bangladesh

The future breathes in my throat, in my grave

Die von Anette und Peter Horn herausgegebene englischsprachige Anthologie „100 Poems from Bangladesh“, erschienen 2017 in der Edition Delta (Stuttgart), stellt 25 Autoren vor, die alle im unterschiedlichen Alter die Geburtsstunde ihres Staates am 16. Dezember 1971 miterlebt haben. Nachdem Indien entscheidend in den Krieg und Genozid (West-)Pakistans gegen die bengalische Bevölkerung (Ost-)Pakistans eingegriffen hatte, wurde Ostpakistan Ende 1971 völkerrechtlich anerkannt und gab sich den Namen Bangladesch.

From 25 March to 16 December, 1971
There are 267 days in total
According to Pravda, the Pak Army killed
3 million Bengalis during the Liberation War
It was a war against unarmed people
By killers and rapists of the Pak Army
And they killed 3 million ÷ 267
= 11,236 people per day

(aus: Rabiul Husain „ Oh ! The War !“)

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Aminur Rahman: „Perpetual Diary – Fortwährendes Tagebuch“

Wer bist du? Wer bist du?

Mit Perpetual Diary | Fortwährendes Tagebuch des bangladeschischen Dichters Aminur Rahman, geboren 1966 in Dhaka, können wir seiner Selbstvergewisserung und seines sehnsüchtigen Dialogs zwischen lyrischen Ich und lyrischen Du folgen.

Der Band ist zweisprachig: Englisch und Deutsch. Es fehlt die Sprache des Autors: Bengali oder Bangla. Die Übersetzungen aus der Originalsprache ins Englische kommen von Sudeep Sen, A Z M Haider, Ziaul Karim und M S A Sarwar. Aus dem Englischen wurden die 29 Gedichte von Manfred Chobot ins Deutsche gebracht.

Mit Rahman ist nun einer der jüngeren Vertreter der bangladeschischen Lyrik mit einer Einzelveröffentlichung gewürdigt worden. Einige seiner Gedichte sind auch in der englischsprachigen Anthologie „100 Poems from Bangladesh. Edited by Dr. Peter Horn & Dr. Anette Horn“ (Edition Delta, Stuttgart) vertreten.

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Tobias Burghardt: „Mitlesebuch 117“

Krumme Wasseradern

Hineingestoßen in den Kosmos des Lyrikers, Übersetzers und Verlegers Tobias Burghardt, versuche ich zunächst, mich zu orientieren, suche eine Ordnung, doch bereits der erste Gedichttitel gibt zwei Richtungen vor: Flussabwärts, flussaufwärts.

Ein anderer Titel ruft Erinnerungen an meinen Großvater hervor, der auf einer Insel im Rhein zur Welt kam: Flussinseln und andere Gemarkungen. Ich sehe, wie sich das Wasser an der Inselspitze teilt, Wirbel entstehen und Kiesel und Sedimente ohne mein Zutun in die eine oder andere Richtung flussabwärts getrieben werden.

Rezension auf Fixpoetry.

Bachtyar Ali: „Die Stadt der weißen Musiker“

Was ist der Traum der Gerechten?

Vielleicht ist das die Frage, die Schriftstellerinnen und Schriftsteller weltweit am meisten umtreibt. Bachtyar Ali, 1966 in Sulaimaniya (Nordirak) geboren, legt sie seiner Figur Halim Schewaz in seinem 2017 auf deutsch erschienenen Roman „Die Stadt der weißen Musiker“ (aus dem Sorani von Peschawa Fatah und Hans-Ulrich Müller-Schwefe) in den Mund.

[…] Diese Frage können Sie nicht beantworten, Dschaladat, weil Sie ein Blödmann sind. Es gibt nichts Gefährlicheres als den Traum der Gerechtigkeit. […] Es ist die Obsession der angeblich Gerechten, alle Schuldigen dingfest zu machen und zu bestrafen […] Dann müssten wir alle Schuldigen bestrafen, für jedes Vergehen müssten wir eine Strafe parat haben. Aber die Menschen sündigen ständig. Es gibt keinen Menschen, der nicht Strafe verdient hätte. Wahre Gerechtigkeit würde die Welt in eine Hölle verwandeln. Bestrafen und bestraft werden, eine endlose Barbarei.

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Jaromír Typlt: „oder schnurstracks“

Korund / wieder eines dieser Wörter –
Korund / zase jedno z těch slov

In den Gedichten von Jaromir Typlt, 1973 in Nová Paka geboren, bietet die Rauigkeit der Oberflächen, die Rauheit des vom Autor eingesetzten Sprachmaterials, einen Zugang zur Essenz dieser Poesie. Nachzuspüren ist das in einer Gedichtsauswahl, die nun in der Edition OstroVers bei hochroth Leipzig zweisprachig erschienen ist, aus dem Tschechischen übersetzt von Martin Mutschler.

Es geht hier nicht um das Ergebnis von Glättungen, die durch Schleifmittel mit unterschiedlicher Körnung in mehreren Arbeitsgängen erreicht werden, bis die Oberfläche keinen Widerstand mehr bietet. Wenn Mutschler in seinem kurzen Essay über die poetische Welt Typlts von surrealistisch behauchten Zwischenwelten spricht, dann sehe ich ein trauriges Kind vor mir, das seinen Atem an die Fensterscheibe wirft und vielleicht die Kraft hat, ein Wort mit dem Finger auf diese Oberfläche zu schreiben, die unter anderem einst einmal Quarzsand gewesen war.

Es geht um die Offenlegung des Arbeitsprozesses, eben um Zwischenwelten.

Glatte Oberflächen sind schlicht uninteressant. (So war es nicht mangelnder Fleiß, als ich in meiner Ausbildung zum Schreiner das Schleifpapier vorzeitig weglegte, dem Buchenholz die ein oder andere Riefe [wieder so ein Wort] ließ, während die anderen in der Lehrwerkstatt schleiften, schmirgelten, ja, das Holz fast, Schuhen gleich, wichsten, bis es glänzte.)

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Wakayama Bokusui: „In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter“

Das tiefe Schwarz ist mir lieb
Tanka von Wakayama Bokusui

Mit dem Band „In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter“ stellt der Japanologe Eduard Klopfenstein das moderne Tanka, wie es für die Erneuerung der tradierten Waka-Dichtung in der Meiji-Ära zu Beginn des 20. Jahrhunderts charakteristisch ist, dem deutschsprachigen Publikum vor. Die Publikation richtet sich an eine breite, der japanischen Literatur bislang nicht zugeneigten Leserschaft, denn Klopfenstein versteht es ausgezeichnet, mit wenigen Worten eine Einführung in die Epoche und ihre handelnde Personen zu geben. Wissenschaftliche Präzision gepaart mit guter Verständlichkeit: Das macht Lesefreude.

Rezension auf Fixpoetry.

Radu Găvan: „Neverland“

Brot mit Brot

Rezensentin Rebecca Kelber von Radio Mephisto 97.6 greift zu der großen Keule, wenn sie das Scheitern des Protagonisten in Neverland mit dem Scheitern des Romans, seines Autors Radu Găvan und seiner Übersetzerin Edith Konradt gleichsetzt. Ein Verriss ohne tiefer gehende Begründung, wohlfeil. Geht so Literaturkritik? „Das ist nur einer von viele (sic!) Fehlern, die ihm (Radu Găvan, E.G.) unterlaufen.“ – „Die Handlung von Neverland ist an sich nicht uninteressant.“ – „Teilweise schadet auch die Übersetzung dem Buch.“

Ich habe das Buch anders gelesen, als spannendes Buch, dessen Protagonist und Ich-Erzähler, der alleinerziehende Literaturdozent, mag die Figur sympathisch sein oder nicht, für mich nachvollziehbar ist. Selbstmitleid und Kitsch, ja, aber eben auch eine schonungslose Darstellung einer Entfremdung innerhalb einer Ehe, eines Ehebruchs, der in die Katastrophe eines Verkehrsunfalls führt.

Ich bin kein Opfer, die schwärzeste Wolke meines Lebens habe ich mir selbst über den Kopf geholt. Ich stehe im Regen und weiß nicht wohin. Ich bin ein Hund, der seine Zähne in die Hand des Schicksals geschlagen hat. Ein zartes Wesen schmiegt sich an mich, erstarrt unter der gleichen Wolke. Der einzige Schutzwall, nur einen Schritt weit entfernt von der Ewigkeit in der Hölle.

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Christian Wöllecke: „Der Durchbruch“

Ein Löffel voll Tat …

„Der Durchbruch“ von Christian Wöllecke, 1984 in Radebeul geboren,  ist eine kurze Erzählung, die uns die Absurdität des Lebens vor Augen hält. Als Heft 165 der Reihe „Schöner Lesen“ ist sie ein Produkt von SuKuLTuR, Berlin. Die Titelillustration stammt von der 1993 in Weimar geborenen Kommunikationsdesignerin Luise Hesse.

Absurd, ich schlage das Wort nochmals nach: misstönend, dem gesunden Menschenverstand widersprechend, abwegig, sinnlos. Ich habe noch eine Bedeutung im Ohr, die sich mir durch die Beschäftigung mit Albert Camus im Rahmen meiner mündlichen Abiturprüfung 1984 eingeprägt hat. Das Absurde als eine Kraft, die dem vom Menschen sich selbst gegebenen Sinn, seinen Lebensprojektionen entgegenwirkt, eine Sinnenttäuschung. Camus‘ Umgang mit der Absurdität: Erkenntnis, Annahme, Revolte.

Das Absurde hat nur insofern einen Sinn, als man sich nicht mit ihm abfindet.

Hubert Koschottka, Rentner, kommt mit den Menschen und der neuen Zeit nicht mehr klar.

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