Oodgeroo Noonuccal: „My people“

Eine kleine Reihe über Bücher, die ich in Buchhandlungen außerhalb Deutschlands gekauft habe: gleebooks store Dulwich Hill, Sydney, Australien, Januar 2017.

Die Gedichtsammlung der politischen Aktivistin, Künstlerin und Dichterin Oodgeroo Noonuccal (1920-1993), auch bekannt unter dem Namen Kath Walker, gibt einen Einblick in die Gegenwart der Aboriginals zwischen Überlieferung Ihrer Kultur und Rassismus. Oogeroo war die erste Aborigine, die 1964 ein Buch mit Gedichten veröffentlichte. Die Sammlung „My people“ erschien 1974 als a Kath Walker collection. 1988 übernahm sie ihren Aboriginal-Namen, der Myrtenheide bedeutet.

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Roxana Crisólogo: „Eisbrecher“

Taunetze sind Grenzen

Die Gedichte der peruanisch-finnischen Lyrikerin Roxana Crisólogo sind „Schlingpflanzen“, die „den unumkehrbaren Gang des Rauchs erdrosseln“. Sie bahnen sich ihren Weg, hinterlassen Stränge, die zu den Wurzeln führen, durchdringen Grenzen, ziehen sich und die sie umgebende Welt zusammen und lassen doch an anderer Stelle Nebenwege zu, die luftig sind, die Nischen entstehen lassen.

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Ioana Nicolaie: „Der Himmel im Bauch“

Sodbrennen und Sonne

Die Pille war Täler und Berge in fernen Ländern. Verhütung war Feld und See oder endlose Mauer. Es gab keine Rettung und nichts zu schützen. Abtreibung hieß damals Gefängnis. Mit der Zeit wurdest du zur perfekten Mutter. Und manchmal nanntest du dich, wie Mama, HELDIN. In der Sozialistischen Republik Rumänien.

Um eine Kritik von „Der Himmel im Bauch“ zu schreiben, muss ich in die Mutterhöhle zurückkehren (ein literarischen Motiv, das Nobelpreisträgerin Toni Morrison in „Jazz“, wenn ich mich richtig erinnere, aufgenommen hat), in den schwebenden, pränatalen Zustand, in dem mein Geschlecht zwar schon lange feststand, aber meinen Eltern noch unbekannt war. (Mutter hoffte auf ein Mädchen. Und wie sie mir gerade mitteilt, hoffte sie später, nach meiner Geburt, immer noch auf ein Mädchen. Aber meinem Vater waren wohl zwei Jungs genug Verantwortung. Die gesellschaftliche Erwartung hatte er erfüllt.) Nur in diesem unschuldigen Stadium darf ich wagen, meinen männlichen Blick auf das Buch, auf den Bauch von Ioana Nicolaie zu werfen, denn, bin ich auch Vater zweier Kinder, ist mir die (Gefühls-)Welt der Frauen, die schwanger werden und Kinder gebären, naturgemäß verschlossen. Zurück im Fruchtwasser bin ich jedoch frei von der Last der Rollen und Klischees, finde mich in der Obhut einer Welt, deren Leid und Ungerechtigkeit nicht mit meinem Geschlecht verknüpft ist: Ich darf ich sein – ein Ungeborener, der 1965 zur Welt kam.

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Arundhati Roy: „Das Ministerium des äußersten Glücks“

Aftab und Anjun

Der zweite Roman der 1959 geborenen Schriftstellerin und Menschenrechtsaktivistin Arundhati Roy (deutsche Übersetzung: Anette Grube) enthält viele ineinandergreifender Lebensgeschichten, die tragfähig sind, stellvertretend für die 1,324 Milliarden Menschen Indiens (Stand: 2016) zu stehen, in ihrer Sprach- und Religionsunterschiedlichkeit, in ihrer Buntheit, ihrer Schrillheit, in der Armut und exzessiver Gewalt ebenso Raum geboten wird wie für ein wenig privates Glück.

Der sehr ansprechende Titel, ich verzeihe Roy den Griff in die marktschreierisch klingende Superlative, steht im äußersten Kontrast zum Kern des Buches, der sich mit dem Kaschmir-Konflikt, welch harmlose Alliteration für ein Gemetzel, bei dem die Welt wieder mal weg(ge)schaut (hat) und Gewalt, Terror, Folter und Tod freien Lauf lässt, auseinandersetzt.

Im „Reader’s Digest der englischen Sprache und Grammatik für ganz junge Kinder“ schreibt Tilo, eine der Hauptfiguren des Romans, auf, was sie beschäftigt:

NICHTS

Ich würde gerne eine dieser kultivierte Geschichten schreiben, in denen zwar nichts passiert, aber es trotzdem viel gibt, worüber man schreiben kann. So etwas ist in Kaschmir nicht möglich. Es ist nicht kultivert, was hier passiert. Es gibt zu viel Blut für gute Literatur.

F1: Warum ist es nicht kultiviert?
F2: Wie groß ist die hinnehmbare Menge Blut für gute Literatur?

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Lisa Elsässer: „flussbewohner“

Das Jahr der Liebe

Schatten und Licht bestimmen das lyrische Ich in Lisa Elsässers neuem Gedichtband: seine gegenwärtigen Gefühle, sein Sehnen, sein Verzweifeln. Dabei lese ich „flussbewohner“ als eine Art lyrisches Tagebuch, das die An- und Abwesenheit des lyrischen Du verortet. Den einundachtzig, zumeist kurzen Gedichten sind Zeilen von Dorothy Parker vorangestellt, die den Weg, wohin die Lektüre des Bandes führt, vorzeichnen: in eine intime Schutzzone, in der das Du und das Ich sich begegnen, sich abstoßen, auseinderdriften, sich wieder annähern, eins werden, zwei bleiben und in unsichtbaren Überlagerungen mehrfach besetzt werden.

Rezension auf Fixpoetry.

Simone Scharbert: „Erzähl mir vom Atmen“

Atmen Gedichte?

Ja sicher, täten sie es nicht, sie wären tote Worte. Um der Lebendigkeit willen lese ich Gedichte! Die Worte, gleich wie sie gesetzt sind, sprechen mit mir. Bin ich als Empfänger gut eingestellt, habe die richtige Wellenlänge, geschieht sofort etwas in mir, mit mir. Oft genug habe ich gehört, Gedichte müssen für sich, aus sich selbst heraus sprechen. Und doch: manchmal brauche ich Zusatzinformationen.

Simones Scharberts Lyrikdebüt „Erzähl mir vom Atmen“ liefert im Annex drei Kurzbiografien von Frauen, die, wie ich denke, für die Lektüre essentiell sind: Anna Atkins, Alice James und Francesca Woodman.

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Michael Longley: „Gefrorener Regen“

Steinbrech und Katzenpfötchen

Und Gottheil, Tausendgüldenkraut, Gelbe Moorlilie, Binsengras, Teufelshütchen, Schwarzdorn, Wollgras, Flachs, Stechginster, Schlüsselblume, Schöllkraut, Weißdorn, Thymian, Baldrian, Weiderich, Mädesüß, Zweiblatt, Hahnenfuß, Besenheide, Engelwurz, Ruprechtskraut, Majoran, Kuhpeterlein, Sonnentau, Saatwicke, Weiße Silberwurz, Salbei-Gamander, Kuckuckslichtnelke, Sternmiere, Gotteshand, Liebfrauenstroh, Winde, Zarter Gauchheil, Efeu, Hagedorn, Holzapfel, Enzian, Echtes Labkraut, Schlehe, Wacholderbeere, Zittergras, Strandnelke, Augentrost, Wilder Wein, Kastanien,  Klatschmohn, Kornblumen, Esche, Giftiger Goldregen, Parnassia, Meerfenchellilie.

Unter jeder dieser 53 Pflanzenarten, die in den Gedichten Michael Longleys ( * 1939) präsent sind, liegen etwa 10 Tote im Alter zwischen 0 und 19 Jahren, die zwischen 1969 und 1998 im Nordirlandkonflikt, irisch: Na Trioblóidí, englisch: The Troubles, gewaltsam zu Tode kamen.

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Moya Cannon: „A Private Country | Ein privates Land“

Ein Herzensprojekt ist angekommen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt!

Eine Auswahl aus den letzten drei Gedichtbänden der irischen Lyrikerin Moya Cannon erstmals in deutscher Übersetzung (von Eva Bourke und mir).

edition offenes feld
Gebundene Ausgabe, 152 Seiten
17,50 Euro
ISBN 978-3-7448-7523-3

Eine Danksagung an (in der Reihenfolge des Auftretens):

Marcella Continanza – für die Organisation der gemeinsamen Lesung von Moya Cannon und mir im Rahmen des 7. Europäischen Poesiefestivals in Frankfurt am Main im Mai 2014
Moya Cannon – für diese wunderbare Lesung und ihr Vertrauen, dass ihre Gedichte bei Eva und mir zum Übersetzen ins Deutsche in guten Händen sind.
Reinhart Moritzen – für die Lesung einiger deutschen Übersetzungen von Moyas Lyrik, angefertigt von Eva, im Rahmen des Poesiefestivals in Frankfurt und für die postalische Übersendung derselben.
Ireland Literature Exchange (ILE) – für die Gespräche bei der Frankfurter Buchmesse 2014 mit Christine O’Neill, die mir in der Frühphase des Projektes Hans-Christian Oeser als Übersetzer irischer Lyrik nannte,  bei der Frankfurter Buchmesse 2015 mit Radmila Radovanović.
Hans-Christian Oeser – für seine Unterstützung des Projektes im Allgemeinen und für die Herstellung des Kontaktes zu Eva.
Eva Bourke – für die kollegiale und herzliche Zusammenarbeit, für das Wortfeilen bis zur Druckfreigabe, ihre Gastfreundschaft bei meinen beiden Berlin-Besuchen, ihre Bereitschaft, ihr Können und Wissen in Sachen irischer Literatur und Übersetzungsarbeit mit einem zu teilen, der darüber keine Vorerfahrungen besitzt, und für den Kontakt zu Miriam.
Jürgen Brôcan – für sein spontanes Interesse, die Gedichtauswahl vom Manuskript zum Buch werden zu lassen, für seine Verhandlungen mit Carcanet Press, denen es zu verdanken ist, dass der Band zweisprachig erscheinen kann, für die Beantragung eines Übersetzerstipendiums des Translation Grant Programmes von Literature Ireland, für das zähe Ringen um ein möglichst fehlerfreies Skript, für seine nicht nachlassende Konzentration bei dieser Tätigkeit und für die Erarbeitung eines wunderschönen Covers.
Michael Schmidt – für die Erlaubnis, Moyas Gedichte, die in seinem Verlag Carcanet Press, Manchester, erschienen sind, als englische Originalversion abzudrucken.
Literature Ireland (LI) – für das Gespräch mit Florence McDonald bei der Frankfurter Buchmesse 2016, für die Unterstützung bei der Beantragung des Stipendiums und für die Gewährung desselben.
Miriam de Búrca – für ihre Intuition, im richtigen Moment ein Foto aufzunehmen und uns dieses Stück fotografierter Poesie als Coverbild zur Verfügung zu stellen.

Dank auch an alle Personen, die dieses Projekt durch Korrekturlesen, fachlichen Rat oder ihr Wissen über die Verlagslandschaft unterstützt haben.

Literaturzeitschrift alba 10: Schwerpunkt Mexiko

Die 10. Ausgabe von alba. lateinamerika lesen ist ein Fest für neugierige Augen, die bereit sind, Fernes, vielleicht noch Unbekanntes zu lesen und mit einer feinen Grafik verwoben in neuen Zusammenhängen zu sehen. Der Schwerpunkt dieser Ausgabe ist mexikanische Literatur.

Neben dieser Ausgabe habe ich alba 08 (Aufstrebende chilenische Literatur) in meinem Zeitschriftenregal und hier besprochen.

Wenngleich ich Ende der achtziger Jahre einiges an iberoamerikanischer Literatur in deutscher Übersetzung gelesen habe, bin ich doch nicht sehr vertraut mit den zeitgenössischen Autorinnen und Autoren dieses Teils der Welt.  alba ist für Leute wie mich genau das richtige Medium, um einen kompakten Überblick über die dortige Literaturszene zu bekommen. Die alba-Redaktion gibt in einem Interview Auskunft über die Grundidee des Magazins.

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Eva Bourke: „piano“

Der Gedichtband piano von Eva Bourke erschien 2011 in der Dedalus Press, Dublin. Das Verlagshaus wirbt mit dem Satz Poetry from Ireland and the World.

Wenngleich ich mit Eva schon seit geraumer Zeit an Übersetzungen der Lyrik von Moya Cannon (Dublin) arbeite und dabei viel über die Mittlungstätigkeit des Übersetzens lernen durfte, komme ich erst jetzt dazu, Evas Lyrik in Augenschein zu nehmen, ihren besonderen Blick, der bedingt ist durch ihre Muttersprache Deutsch und ihr Leben und Arbeiten in Irland.

A beautiful useful word in German Zeitraum combines time and space in one. Does this not encapsulate the way memory works?
(aus: Journal from the Mirrored Cities )

Der Zeitraum ihrer Geburt, 1946, ist, bildlich gesprochen, wenige Minuten nach der Stunde Null, dem Neubeginn in Deutschland und Österreich nach der bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945.

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Andrea Grosso Ciponte, Dacia Palmerino: „Martin Luther“

Welche Gerechtigkeit …

Der grafische Roman (Graphic Novel) über das Leben und Wirken Martin Luthers, 2016 in der Edition Faust erschienen, fand jetzt auf merkwürdige Weise zu mir. Schon bei der letzten Buchmesse in Frankfurt hatte mir Bernd Leukert, Mitherausgeber von Faustkultur, das Projekt in einem Gespräch vorgestellt.

In der Sakristei der Pauluskirche fand ein Gespräch über das Oratorium Der Himmel über Sodom, für das Wolfgang Kleber die Komposition und ich das Libretto erarbeitet haben, statt. Das Oratorium versteht sich als Beitrag zum Reformationsjubiläum und wird am 11. November in der Pauluskirche uraufgeführt.

Ich gebe zu, dass mein Wissen über Luther gering ist. So bereitete mir die Frage nach dem Zusammenhang des Librettos zu Martin Luther einige Schwierigkeiten. Ich antwortete, dass ja auch Luther sich mit der Frage nach (Gottes) Gerechtigkeit auseinandergesetzt hat und stellte das Oratorium in einen größeren Zusammenhang mit der Frage der Theodizee.

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