Linda Vilhjálmsdóttir: „das kleingedruckte“

skömm | scham

Im Band smáa letrið  | das kleingedruckte der isländischen Lyrikerin Linda Vilhjálmsdóttir (*1958 in Reykjavík) geht es schamlos und schamvoll zu.

Der Gedichtzyklus erschien 2018 in Island und wurde nun, als zweite Übersetzung der Autorin nach frelsi | freiheit (2018), vom Übersetzerduo Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer ins Deutsche übertragen und im Elif Verlag zweisprachig veröffentlicht. Es handelt sich bei der unten zitierten Eröffnung des Gedichts um eine Auftragsarbeit, die von der Schauspielerin Sigrún Edda Björnsdóttir am 17. Juni 2018 vor dem Parlamentsgebäude zum Nationalfeiertag in der Tracht der Bergfrau (fjallkonan) vorgetragen wurde. Die weiteren Teile sind davon unabhängig entstanden. Der Verkaufserfolg des Buches wurde sicher durch die öffentliche Präsentation sehr gesteigert.

In seiner Besprechung zu Amanda Gormans The Hill We Climb | Den Hügel hinauf schreibt Rezensent Arno Widmann in Bezug auf ihre Auftragsarbeit zur Amtseinführung des US-Präsidenten Joe Biden am 20. Januar 2021:

Dichtung hat gerne den Herrschenden ihr Lied gesungen. Nur ganz selten mal den Marsch geblasen.
(aus: Frankfurter Rundschau vom 31.03.21)

Mit Blick auf Vilhjálmsdóttirs Text kann festgestellt werden:  In Island wurde 2018 der Marsch geblasen, und wie!

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Larry Tremblay: „Der feiste Christus“

Das Haus

Ich möchte widersprechen. Schon der erste Halbsatz des Klappentextes erscheint mir falsch, irrig. Der Protagonist, die zentrale Gestalt ist nicht Edgar, sondern das Haus.

Ein Blick auf die Kapitelüberschriften dieses an Umfang recht schmalen Romans des Kanadiers Larry Tremblay (Jahrgang 1954) weist in die gleiche Richtung: Es sind nicht die Menschen, die die Handlung bestimmen. Wie das? Hier stimmt etwas nicht. Oh, ja!

Das Ding – Das Tier – Die Badewanne – Das Telefon – Das kleine Tier – Das Kleid – Der Kaffee – Das Vaterunser – Der Krankenwagen  – Der Eiffelturm – Das Sonderangebot – Das Präservativ – Das Auge – Die Bibel – Der Film – Der Lagerraum – Der Bart – Das Heft – Der Friedhof – Die Kerze – Der Fleck – Die Pastete – Das zweite Heft – Die Müllsäcke – Das Foto – Der Kuchen – Der Pfeil – Die Inspektoren – Der Kühlschrank – Die Perücke – Der Gefreite – Das Kästchen – Die Hunde – Die Kette

Dies ist eine so stringente Kette, dass die Ausnahmen (Die Inspektoren und Der Gefreite) [Sonderstellung der Tiere, juristisch zwischen Ding und Mensch] mir fast als handwerkliche Mängel erscheinen. Hat hier einer sich nicht bewusst gemacht, was er tut? Agiert er impulsiv aus dem Unterbewusstsein heraus, ohne auf Fehler zu achten und sie zu korrigieren?

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Edem Awumey: „Nächtliche Erklärungen“

Rare Zwischenräume

Der 1975 in Lomé (Togo) geborene Schriftsteller Edem Awumey erhält durch den Übersetzer und Verleger Stefan Weidle seinen ersten Auftritt auf dem deutschen Buchmarkt. Der Autor lebt in der Nähe von Ottawa. Explication de la nuit (deutsch: Nächtliche Erklärungen) ist bereits sein vierter Roman und sollte den Auftritt Kanadas auf der Frankfurter Buchmesse 2020 bereichern. COVID-19 und eine abgelehnte Übersetzungsförderung durch das Canada Council for the Arts brachten die Pläne des Verlegers durcheinander. Nichtsdestotrotz, das Buch liegt vor und wird sich auch ohne die Unterstützung des Ehrengastes seinen Weg von Togo nach Kanada, von Kanada nach Deutschland und in die Welt bahnen, mächtig genug sind die Werkzeuge des Erzählers, roh, unmittelbar und doch auch zärtlich zugleich die Sprache, die er anwendet, um seine Geschichte zu erzählen.

Ito Baraka und seine Freunde Beno, Wali und Sika sind junge Studenten in Lomé, die von einer besseren Zukunft träumen und – da träumen unter dem vergreisenden Diktator nicht erlaubt ist: die Partei, die antiimperialistische Revolution, ER steht für die bessere Zukunft – ihre Zuflucht in der Literatur suchen. Samuel Becketts Werk gibt Stichworte vor.

Wir dachten noch über dieses Vierpersonenstück nach, als Wali in der Unibibliothek einen Beckett auslieh, den wir noch nicht gelesen hatten, Endspiel. Und da uns der Zufall manchmal in die Hände spielt, bestand das Personenverzeichnis aus drei Männern und einer Frau. Das waren wir, wir selbst steckten in derselben lähmenden Scheiße wie Becketts Geschöpfe […]

In der schwärzesten Scheiße saßen wir, weshalb das ganze Volk singen und tanzen mußte, wenn das Land einen hochrangigen Gast willkommen hieß, irgendwelche Mandatsträger, einen Monarchen oder Despoten in Uniform mit Schokoladenorden, das Volk im Ehrenspalier vom Flughafen bis zum Präsidentenpalast: Schüler, Beamte, Lehrer, Neugeborene auf dem Rücken ihrer jungen Mütter, die nichts von dem lustigen Spektakel verpassen wollten, Medizinmänner und sämtliche Stadtheilige, die wild gestikulierten und das Liedchen ewigen tropischen Glücks schmetterten […]

Die Freunde proben Endspiel am Strand, doch als einer krank wird, kommen sie auf die Idee, Sätze aus dem Stück als Flugblätter drucken zu lassen und in Lomé zu verteilen. Was als leichtfüßige, subversive Aktion beginnt, wird in den Unruhen der Jahre 1990/1991 zu einer tödlichen Gefahr. Menschen sterben im Kugelhagel oder verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Leichen werden vom Meer angeschwemmt. Awumey schont uns nicht, spart Folter und Mord nicht aus. Er lässt seine Figur Ito an einer Stelle sagen:

Ich muß nicht beschreiben, welch tierisches Geschrei sich erhob, das ohrenbetäubende Brüllen der Geschlagenen, deren Haut aufriß und deren Fleisch sich unter den Hieben in Fetzen ablöste.

Ito ist in Haft und den Häschern des Systems ausgeliefert. Die Freundschaft zu Koli Lem, dem Alten, der seiner Sehkraft beraubt wurde, lässt Ito die Zeit im Gefängnis überstehen. Er liest dem Blinden Bücher der Weltliteratur vor, sie reden darüber, der Alte nimmt den Jungen in die Pflicht, später über alles zu schreiben.

Als Ito aus der Haft kommt und mit Glück seiner Erschießung entrinnen kann, kehrt er zunächst nach Lomé zu seinen Eltern zurück, beginnt zu schreiben und nimmt ein Jahr später eine Einladung zu einem Stipendiumsaufenthalt in Kanada an.

Ito ist auf dem Weg zurück von Québec nach Hull in der Nähe von Ottawa. Er weiß, dass es keine Zeit mehr hat. Er wird sterben, die Leukämie frisst sich in seinen Körper, der ohnehin vom Alkohol geschwächt ist. Dennoch schreibt er, muss seine Geschichte fertigschreiben, muss Koli Lem gerecht werden, auch wenn er längst weiß, dass er sich nicht zum Flugmenschen, von denen Koli ihm berichtet hatte, eignet, sondern eine lichtscheuen Ratte geworden ist. Itos Freundin Kimi Blue ist drogensüchtig, zusammen suchen sie Momente des Glücks, die ihnen von ihren Geschichten zugestanden werden.

Kimi Blue stammte aus dem Indianerreservat von Kitigan Zibi Anishinabeg in der Nähe vom Maniwaki nördlich von Ottawa. Nach dem Tod ihres Vaters, der sich eines Tages am einzigen Baum im Hinterhof ihres Hauses erhängt hatte, mußte sie einige Jahre allein für ihre geisteskranke Mutter sorgen, die obendrein verfaulte Lungen hatte und als Folge eines Verkehrsunfalls und eines ausschweifenden Lebens an den Rollstuhl gefesselt war. Kimi arbeitete dort in einem Lebensmittelgeschäft und machte nach der Arbeit noch einen Abstecher zur Hütte eines Typen, der sie und ihre Mutter mit Zigaretten, Alkohol und Kokain versorgte.

Kimi will die Hoffnung nicht aufgeben, die Hoffnung von den Drogen wegzukommen, die Hoffnung, mit Ito eine Zukunft zu haben. Sie bestellt den Krankenwagen. Doch ihr Freund will nichts davon wissen.

Nein. Wir fahren nicht ins Krankenhaus. Wir gehen schlafen und spielen uns vor, es wäre eine ganz normale Nacht. Und wie schon seit drei Monaten werde ich meinen Kopf zwischen deinen Brüsten vergraben, ein debiler alter Sack, der sich trotz allem noch ans Leben klammert.

 

Gespräch mit dem Übersetzer Stefan Weidle und Textauszug auf Faustkultur.

Christa Morgenrath, Eva Wernecke (Hg.): „Imagine Africa 2060“

Schmetterlingseffekt

Die Zeiten sind lang vorbei, in denen es uns egal sein konnte, ob in China ein Sack Reis umfällt. Politische Aussagen von vor etwas mehr als 10 Jahren erscheinen uns bereits aus einer anderen Epoche, nennen wir sie im metaphorischen Sinne, ob der Hartnäckigkeit der Ignoranz, steinzeitlich.

Frage: Bleibt die heimische Braunkohle…
Antwort: Wer hier nun fordert, zur Rettung des Weltklimas aus der Braunkohle auszusteigen, der sollte sich die Welt aber auch mal anschauen, wie sie ist. Allein die Chinesen bauen beispielsweise jedes Jahr zwei Milliarden Tonnen Kohle ab und eröffnen alle ein bis zwei Wochen ein neues Kohlekraftwerk – ohne auf Umweltschutztechnik einen besonderen Wert zu legen! Deshalb sage ich zugespitzt: Ob wir in Brandenburg unsere beiden Kraftwerke Jänschwalde und Schwarze Pumpe schließen, hat auf das Weltklima ungefähr soviel Auswirkungen, als ob in China ein Sack Reis umfällt.
(aus: Interview mit dem brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck am 12.05.2008 für Super-Illu)

Die Welt, wie sie ist, in Augenschein zu nehmen, bedarf vieler Perspektiven. Christa Morgenrath und Eva Wernecke haben als Herausgeberinnen des Buches Image Africa 2060. Geschichten zur Zukunft eines Kontinents zehn Perspektiven zusammengetragen, die einen Ausblick auf die Zukunft Afrikas und der Welt wagen.

Es bedarf keiner vertieften Kenntnis der Chaostheorie, in der der Flügelschlag eines Schmetterlings in Zusammenhang gesetzt wird mit gewaltigen Wetterphänomenen, um zu verstehen, was den Protagonisten Makomborero umtreibt.

Er dreht sich auf seinem Stuhl nach rechts und nahm Nikkei, Mumbai Sensex und Hang Seng in den Blick. Geschäftsschluss war gestern. Heutzutage war davon längst keine Rede mehr. Heute galt 24/7, Handel rund um die Uhr. Schön anzuschauen, grüne und rote Pfeile, alles mit allen verbunden. Schmetterlingseffekt. Der Schnupfen, den all kriegen, wenn Peking niest.
(aus: Data Farming von Tendai Huchu)

Die Beiträge von Ellen Banda-Aaku (Sambia), Ken Bugul (Senegal), Aya Cissoko (Mali), Youssouf Amine Elalamy (Marokko), Tendai Huchu (Simbabwe), Sonwabiso Ngcowa (Südafrika), Okwiri Oduor (Kenia), Nii Ayikwei Parkes (Ghana) und Chika Unigwe (Nigeria) sind eigens für diesen Band geschrieben, der Text von José Eduardo Agualusa (Angola) ist ein Ausschnitt aus seinem Roman A Vida no Céu.

Die Übersetzungen wurden von Michael Kegler (aus dem Portugiesischen), Jutta Himmelreich (aus dem Englischen) und Gudrun Honke (aus dem Französischen) gefertigt.

So sehr ich den Romanausschnitt genossen habe, und so sehr dieser ein gelungener Einstieg in das Buch ist (mitsamt des Cliffhanger-Endes, der meine Neugier antreibt, den gesamten Roman zu lesen), so ist doch Agualusas Text nicht mit den für dieses Buch geschriebenen Texte vergleichbar, die oftmals auf das Schlüsselwort 2060 fokussieren, während der Roman sich darüber mit der Leichtigkeit eines Luftschiffes hinwegzusetzen kann. Es mag ein hartes Urteil sein, darin eine konzeptionelle Schwäche des Buches ausmachen zu wollen.

Ich heiße Carlos Benjamin Tucano und bin vor sechzehn Jahren in einem Dorf namens Luanda geboren, einem Zusammenschluss von mehr als dreihundert Flößen. Ein ziemlich großes Areal insgesamt. Große Dörfer sind träge und schwierig zu steuern. Ein einzelnes Floß, das zwar langsamer ist als ein Luftschiff, kann sich vor Unwettern in Sicherheit bringen, vor den Wolken davonfahren.
(aus: Als die Welt untergegangen war … von José Eduardo Agualusa)

Die Vielfalt der Perspektiven, die uns hier aus Afrika erreichen, ist großartig. Morgenrath und Wernecke haben einen lesenswerten Band vorgelegt, der in Deutschland, in Europa Gehör finden sollte. Ignoranz können wir uns schon lange nicht mehr leisten.

Die zehn Stimmen sprechen weit weniger als erwartet von einer fernen Zukunft, sondern von uns wohl bekannten Strukturen, die sich trotz aller Innovation und technischer Revolution (Roboter, aus Stammzellen gezüchtete Ersatzorgane) nicht geändert haben werden.

Sie fand es lachhaft, dass er seinen Kinderwunsch ausgerechnet in dem Moment äußerte, in dem ihr das bedeutendste Rennen ihres Lebens bevorstand. Eine Schwangerschaft war ausgeschlossen, sowohl jetzt, als auch während der vier Jahre ihrer Präsidentschaft. Und wahrscheinlich würde sie sich überhaupt nie dafür entscheiden. Versuchte Ejike etwa, ihren Traum zu sabotieren?
(aus: Amara for President von Chika Unigwe)

Mir sind diejenigen Texte näher, die mit erzählerischen Mitteln eine Verbindung der Generationen herstellen und daraus ihr Bildnis der Zukunft entwerfen.

Wir scheißen alle und vergessen das nie, hat dir Gogo, die Mutter deiner Mutter erzählt, als du neun warst.
(aus: Froschaugen von Ellen Banda-Aaku)

Anders als sein Vater, und dessen Vater vor ihm, hatte Makomborero nichts Handfestes herstellen müssen. Allein der Gedanke deprimierte ihn, während er aus den Augenwinkeln rotes Blinken wahrnahm.
(aus: Data Farming von Tendai Huchu)

Mamma,
Was machst du, wenn sie deiner Schwester das Herz geklaut ham, und die Nieren? Und du, du hast die Wahrheit so rausgefunden.
(aus: Die Wahrheit von Sonwabiso Ngcowa)

Die Mama lachte kurz auf. „Kind“, sagte sie, „meine Nabelschur, die Nabelschur meiner Mama und die meiner Großmama, alle haben sie deine Füße hier an diesen Boden, an diese Erde gebunden. […] Das Land wird dich immer wieder hierher zurückrufen. Weißt du das nicht? „
(aus: Heimwärts von Okwiri Oduor)

Wo Erzählung zurückweicht und einem Ton der Behauptung Platz einräumt, schwindet meine Interesse spürbar. Ich möchte Geschichten hören, als Leser nicht hingeworfene Statements fressen müssen.

Die Königinmutter leidet stumm, seit so langer Zeit.
Bis wann?
Sie ist Zeugin all der Misshandlungen gewesen, die die Völker ihres Königsreichs erdulden mussten. Sie hat sich gewehrt, vergeblich. Ihre Ältesten, gehirnmanipuliert auch sie, machen gemeinsame Sache mit der mächtigen Clique, obwohl die ihre Versprechungen niemals einlöst.
(aus: Utopie von Ken Bugul)

Mali war niemals ein armer, sterbender Staat gewesen. Die Übernahme des Landes durch eine gebildete, ehrgeizige, integre und unternehmungsfreudige Jugend war die einzige Möglichkeit, ihm die vollständige Souveränität wiederzugeben.
(aus: Die Rückkehr von Aya Cissoko)

Daran kein Wort falsch, entstehen in mir jedoch bei dieser Art des Schreibens keine Bilder, die in die Tiefe gehen, zurück in die Familiengeschichten, die mich umtreiben. Von denen ich nie genug bekommen werde und in diesem Band reichlich bekam.

 

Ray Lavallee und Judith Silverthorne: „Die Würdigung des Bisons – Eine Legende der Plains Cree“

Vorschau Frankfurter Buchmesse 2020, Ehrengast: Kanada
Vom Rentier zum Bison – Die Überreichung der GastRolle anderer Art

Meinen Besuch bei der Frankfurter Buchmesse 2019 beschloss ich mit Traditional Sámi Joik and Joik Poetry, vorgetragen von Inga Ravna Eira, Biret Riste Sara und Karen Anne Buljo am Sonntagmittag im Ehrengast-Pavillon. Dabei wurde abermals, wie in den Tagen zuvor, über die große Bedeutung der Rentier-Herden für die Sámi gesprochen. Alle Körperteile des Rentiers sind den Sámi von Nutzen.

Das galt auch für ein anderes Säugetier, den Bison, der für den Kultur der Cree in Kanada von überragender Bedeutung war. Einst gab es viele Millionen Bisons, die die weiten Ebenen bevölkerten. (Heute gibt es etwa 20000 wildlebende Bisons.)

Daran erinnert das preisgekrönte Buch Die Würdigung des Bisons. Eine Legende der Plains Cree, das gerade im Verlag MONS in einer bilingualen Fassung erschienen ist. Dass hier die Sprache Plains Cree oder auch Dialekt Y gezeigt und in Beziehung zur deutschen Sprache gesetzt wird, allein das ist bedeutend im Internationalen Jahr der indigenen Sprachen 2019.

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Kim Kyung-Uk: „Was? Leslie Cheung ist tot?“

Schiff der Barbaren

Der Band Was? Leslie Cheung ist tot? versammelt neun Erzählungen des 1971 in Gwanju geborenen koreanischen Schriftstellers Kim Kyung-Uk, der zur Neuen Generation gehört. Er hat mehrere Erzählbände und Romane geschrieben und ist für sein Werk ausgezeichnet worden.

Hyuk-Sook Kim und Manfred Selzer haben für diese erste Veröffentlichung in deutscher Sprache eine repräsentative Auswahl der Erzählungen vorgenommen, um uns mit dem Autor und seinen Themen bekannt zu machen. Diese knüpfen durchaus auch an jene der ebenfalls vom Duo Kim | Selzer übersetzten Eun Hee-Kyung an. Ich denke an Großstadtleben und Einsamkeit. Doch der Sound ist anders als bei der 1959 geborenen Eun. Die Geschichten haben eher eine absurde Note, denn eine traurig-depressive wie bei Eun.
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Eun Hee-Kyung: „Wer glücklich ist, schaut nicht auf die Uhr“

Wieso weinst du?

Nach der Erzählung sagte Hye-Rin noch: „Für mich sehen alle Gäste gleich aus. Sie scheinen nur am Leben zu sein, wenn sie traurig sind.“
„Wir sind wir selbst, wenn wir Traurigkeit empfinden. Deswegen wollen alle dorthin, wo es traurig ist“, erwiderte ich.
„Ja, weil man am Leben sein möchte“, ergänzte Hye-Rin.
(aus: In My Life)

Die Koreanerin Eun Hee-Kyung, 1959 im Südwesten Koreas geboren, mit ihrer Familie im Alter von 13 Jahren nach Seoul gezogen, ist in ihrem Land eine bekannte literarische Größe. Ihr Werk wurde bereits mehrfach ins Deutsche übersetzt. Nun ist sie mit einer neuen Publikation auf dem deutschsprachigen Markt angekommen. Es handelt sich bei Wer glücklich ist, schaut nicht auf die Uhr um sieben Erzählungen, die von Hyuk-Sook Kim und Manfred Selzer ins Deutsche übertragen wurden. Das Übersetzerduo zeichnete schon für Das Schöne verschmäht mich (und andere Erzählungen) aus dem Jahr 2012 verantwortlich.

Es sind traurige Erzählungen, die im Gegensatz zur heiteren Pastelligkeit der Covergestaltung, vielleicht einer von Kinderhand bemalten Rauhfasertapete, von Juana Burghardt stehen.

Es sind traurige Erzählungen, die wir lesen, kunstvoll komponiert, die ein genaues Lesen erfordern.  Sie entwickeln sich nicht linear, sondern bauen sich zyklisch auf und drehen sich um Beziehungen zwischen Menschen, zwischen Mann und Frau, sind Bewegungen, die ihre Richtungen wechseln, ein Aufeinanderzubewegen, ein Sichabwenden. Das Magnetfeld, auf dem die Erzählungen stattfinden, ist das städtische-moderne Leben im Korea des 21. Jahrhunderts, in dem Anonymität und Einsamkeit als Preis für eine hochtechnologisierte Gesellschaft erscheinen.

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Julia Cimafiejeva: „zirkus“

von den spreißeln
Julia Cimafiejevas Schmerz

ich versuche
zu verstehen
(aus: ich lese ein fremdsprachiges gedicht)

wie es Thomas Weiler und Tina Wünschmann ergangen ist, als sie die Gedichte der Lyrikerin Julia Cimafiejeva übersetzt haben. Die 1982 geborene Weißrussin legt in diesem Gedicht einige Metaphern aus und fragt, wo diese hinführen? Ist das Übersetzerduo gleich der Autorin aus den Tritt gekommen, im Sumpf fremder Wörter versackt, hat sich schließlich an der den Sumpf überbrückenden Bohle die Finger verletzt; Holzsplitter in den Kuppen?

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Sigurður Pálsson: „Gedichte erinnern eine Stimme“

Skuggamynd – Schattenriss

Seit geraumer Zeit beschäftige ich mich im Auftrag der Künstlerin Vera Röhm mit der Übersetzung eines Satzes in möglichst viele Sprachen der Welt. Genauer gesagt, da ich keine polyglotte Veranlagung besitze, besteht meine Aufgabe im Aufspüren von Linguistinnen und Linguisten und native speakers, die mit ihrer Expertise die Fortschreibung dieser Werkgruppe unterstützen.

Schatten spielt in diesem Satz eine zentrale Rolle. Und Schatten spielt in der ersten dem deutschsprachigen Publikum zur Verfügung gestellten Einzelveröffentlichung des isländischen Lyrikers Sigurður Pálsson (1948-2017) eine ebensolche.

Die beiden Übersetzer Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer haben gemeinsam mit dem Verleger Dincer Gücyeter und dem Gestalter Ümit Kuzoluk einen sehr schönen zweisprachig isländisch-deutschen Band vorgelegt.

Es ist die dritte Zusammenarbeit von Gíslason und Schiffer für den Elif Verlag, nach Ragnar Helgi Ólafsons Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können und Linda Vilhjálmsdóttirs Freiheit. Hier ist eine Reihe entstanden, der zu wünschen ist, dass der eingeschlagene Wechsel zwischen Autoren und Autorinnen beibehalten wird.

Durch den Schatten verlaufen auf der Bedeutungsebene mehrere Risse, die sich in Sprache auszudrücken vermögen. Hier eine Unterscheidung zwischen dem Schatten als dunkle(re)n Ort, dort als kühle(re)n Ort. Hier der Schatten unbewegter Dinge, dort der Schatten des Menschen, mit einer weitreichenden Bedeutung als Seele, als Geist (Verstorbener), nicht nur in den indigenen Kulturen, deren Sprachen im Internationalen Jahr der indigenen Sprachen 2019 in den Fokus gerückt werden sollten.

Isländisch kommt den allermeisten Kontinentaleuropäern ja schon fremd, weit entfernt, exotisch vor. Pálsson, der in Frankreich studiert und gearbeitet hatte, bevor er nach Island zurückkehrte, sieht es so:

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Amiran Swimonischwili: „Gedichte“

Emailbläue

Der georgische Lyriker, Übersetzer und Filmautor Amiran (Pako) Swimonischwili starb 2014 im Alter von vierzig Jahren.

2018, dem Jahr, als Georgien Guest of Honour der Frankfurter Buchmesse war, erschien eine umfangreiche Sammlung von Gedichten in einem zweisprachig gestalteten Band, für den der Schweizer Thomas Häusermann für die Übersetzungen, die akribisch verzeichneten Anmerkungen und das Nachwort verantwortlich zeichnet. Er schreibt:

Die kommentierte Übersetzung möchte interessierten Lesern helfen, die Distanz zwischen Georgien und dem deutschsprachigen Raum, zwischen dem in einigermaßen geordneten Bahnen dahinlebenden Europa und dem von der aktuellen Geschichte gebeutelten Kaukasus wenn nicht überwindbar, so doch erkennbar zu machen. Ich hoffe, die langjährige Freundschaft mit Pako, dessen Gedichte ich anfangs aus reiner Neugier zu übersetzen versuchte, wird mir diese Aufgabe erleichtern.

Was hier aus dem Antrieb der Entdeckerlust geschaffen wurde, darf man schlicht als Glücksfall ansehen. Mit Häusermann, der Germanistik, Slawistik und Klavier studierte, nimmt sich einer Swimonischwilis Gedichte an, dessen Musikalität, dessen geschultes Gehör, dessen Rhythmussicherheit und dessen Freundschaft zum Autor und seiner Familie ihm Inspiration und Anleitung gibt, wie die deutschen Versionen aussehen, wie sie sich anhören können.

Der Konsonantenreichtum der georgischen Sprache erlaubt ein virtuoses Spiel mit Assonanzen und unreimen Reimen, das Pako gerne und nicht nur am Versende nutzt.
Eine Übersetzung kann diese Kunstfertigkeit nicht wiedergeben. […] Stattdessen bemüht sie sich – gewissermassen als Hinweis auf die Wahrung der klassischen Formen im Original – eine gleichmässige Metrik einzuhalten.

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Hadaa Sendoo: „Sich zuhause fühlen“

Doch stiller // das Land

Der 1961 in der Inneren Mongolei (China) geborene Dichter Hadaa Sendoo entwickelt seine Themen, wie er im Interview mit Maya Gogoladse sagt, aus den Widersprüchen zwischen traditioneller nomadischer Lebensweise und städtischer Zivilisation, die er mit Inhumanität und Verzweiflung assoziiert. Sendoo wurde in Hohhot, der Hauptstadt der Inneren Mongolei geboren und wuchs dort auf, heute eine Stadt von über 2,5 Millionen Einwohnern, überschritt sie bereits in den Sechzigern die Millionengrenze.

In der Gedichtauswahl Sich zuhause fühlen mit Übersetzungen ins Deutsche von Astrid Nischkauer und Andreas Weiland aus vom Autor angefertigten englischen Übersetzungen der mongolischen Originale, bleibt Sendoo den Nachweis der Zerstörung menschlichen Seins durch den Moloch Stadt weitgehend schuldig.

Die weißen Wände sind
Nicht die dunklen Jahre, oder kalte Wände,
Verputzt mit Kalkzement
Und darüber
Zerbrochenes Glas, zusammengehalten von Stacheldraht

Die weißen Wände sind Wollfilz der mongolischen Steppe
[aus: Weiße Wände]

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Jean Portante: „In Wirklichkeit | En réalité“

Der Wille, die Wörter

Das umfangreiche lyrische Werk des luxemburgischen Schriftstellers Jean Portante, 1950 in Differdange geboren, ist auf dem deutschen Markt noch weitgehend unbekannt. 2005 erschien mit Die Arbeit des Schattens (französisch: Point, Editions PHI 1999) die erste Übersetzung seiner Gedichte (Übersetzerin: Odile Kennel) in der luxemburgischen Editions PHI. Nun folgt die Veröffentlichung eines weiteren Gedichtbands, En realité aus dem Jahr 2008, als zweisprachige Ausgabe In Wirklichkeit – En realité im Verlag Hans Schiler. Michael Speier und Brigida Bezzenberger haben als Übersetzerduo aus dem Französischen übersetzt.

Wenn ein Schriftsteller, der in unserer Nachbarschaft geboren wurde und in Paris lebt und arbeitet, als Lyriker, als Romancier, als Essayist, als Übersetzer, der zwischen Italienisch, Französisch, Deutsch, Englisch, Spanisch und Lëtzebuergesch im Gespräch ansatzlos wechseln kann, 35 Jahre nach seinem literarischen Debüt, zum ersten Mal von einem deutschen Verlagshaus herausgegeben wird, so sagt dies, wie ich denke, sehr viel über den kritischen Zustand von Europa jenseits tagesaktueller Politik aus. Diese Kurzsichtigkeit zu beenden ist ein bedeutungsvoller Verdienst, hervorgegangen aus einem Zusammenspiel von Übersetzungsförderung, umsichtiger Übersetzungsarbeit und verlegerischem Interesse.

Portantes Gedichte werden von der Zentrifugalkraft zusammengehalten. Wie die Planeten unseres Sonnensystems sich um die Sonne und in unterschiedlicher Geschwindigkeit um die eigene Achse drehen, so tun wir Menschen es, trachten nach stabilen Umlaufbahnen in unseren vielfältigen Beziehungen zur Außenwelt. Die fünfzig Gedichte des Bandes sind ein langanhaltender Austausch zwischen dem lyrischen Ich und dem lyrischen Du, in welchem das Ich sich der Bedeutungslosigkeit bewusst ist und doch den rätselhaften Sinns der menschlichen Existenz zu entschlüsseln sucht. Das Individuum ist nicht mehr als kosmischer Staub, das den physikalischen Gesetzen folgt und doch die wechselnden Perspektiven auf der Umlaufbahn nutzt, sich ein Bild von unserer Welt zu schaffen. Abhängigkeit und Autonomie, die beiden Gegenspieler, lassen uns verstummen, lassen uns Wörter finden und sprechen.

In Portantes Gedichten sehen wir die Sonne, die Sterne, den Mond, die Erde und den Schatten, aber sie sind keine Chiffren einer verklärten Sehnsucht. Der Schatten spielt in Portantes Werk eine zentrale Rolle. Greifen wir zunächst auf zwei Strophen aus Point zurück, die der deutschen Ausgabe den Titel liehen:

kennst du die Arbeit des Schattens um
unsere Augen herum und alles was
unbemerkt vorübergeht wenn wir plötzlich
die Stunde berühren die fällt

wie eine Sonne fällt die fallend
das Fallen erlernt es liegt in deinem letzten Blick
ein unvollendetes Werk und in meinem
die Dringlichkeit eines endenden Tages

Portante lässt den Stand der Sonne und damit die Schatten nicht aus den Augen. In En realité fragt er:

Ist es zeit die schatten zu mahnen ihnen einzureden
wie HUNDEN OHNE HALSBAND dass der
moment der rückkehr gekommen.

umherschweifend waren sie kühn wie träume : will
sagen : ein schatten der sich löst von seinem herrn
dringt leicht bis unter die haut der elemente.

ob er dort glücklicher ist.

worin besteht seine zukunft : will sagen : findet der
schatten des glücks wenn er unter der oberfläche wühlt
durch zufall das glück des schattens.

Speier und Bezzenberger als Übersetzende haben sich entschlossen, die Formel, die sich durch annähernd alle Gedichte (gelegentlich mit leichten Varianten) zieht, : je veux dire : als : will sagen : einzusetzen. Dies verstärkt die Absicht Portantes, scheinbar etwas allgemeingültig erklären zu wollen, eine Lösung für ein Rätsel anzubieten, ein Geheimnis zu lüften. Scheinbar freilich deshalb, weil der Autor weder fähig noch willens ist, uns die Welt zu erklären. Mit dieser kleinen rhetorischen Formel führt er uns die Sinnlosigkeit vor Augen, für unsere Existenz eine verknappte Antwort anzubieten. Was Portante nach : will sagen : liefert ist nur wieder ein neues Rätsel, das nicht selten sprachlich so gebaut ist wie die Grafiken von M.C. Escher: Mit einem verborgenen Trick schließt sich ein Kreis zu einer Denkschleife, aus der es kein Entrinnen gibt.

all das nährt sich von seinem gewicht aus stille und
wiederbeginn : will sagen : diesseits des dampfes der schon
nicht mehr der unsre ist lassen die diebe des feuers
das rätsel erneut aufflammen wenn der tag gekommen ist.

Mein Französisch ist zu rudimentär, um die Finessen der Übersetzungsarbeit zu würdigen. Die deutschen Versionen lesen sich flüssig und selbstverständlich, kein Indiz für ein leichtes Original, eher für eine akribische Arbeit an der Übersetzung. Bei Portante scheint der Zeilensprung kein ausgeprägtes Stilmittel zu sein, um seine Inhalte zusätzlich mit Bedeutungsebenen aufzufüllen. Das wäre sicher des Guten zu viel. Dem Übersetzerduo gelingt es durch einige Freiheit in der Verslänge, die nicht nur bedingt ist durch die andere Sprache, die Gedichte mit ihrer Strophen- und Versanzahl und -länge etwa gleich abzubilden, was ein gutes Schriftbild und eine gute Lesbarkeit der zweisprachigen Ausgabe zur Folge hat.

Den Band beschließt ein sehr lesenswertes Gespräch zwischen Pierre Joris und Jean Portante über mehrsprachige Poesie. Beide Schriftsteller aus Luxemburg: einer hat sich entschieden, seine Literatur auf Englisch zu schreiben, der andere auf Französisch. Schnell kommen sie auf Paul Celan, der eine Dichtung außerhalb der Muttersprache als „doppelzüngiges Gerede“ abtat. Bei aller Würdigung Celans trifft diese vereinfachte Formel für beide nicht zu. Joris endet mit den Sätzen:

Und das ist auch der Grund, aus dem ich immer versuche, diese Trojanischen Pferde direkt in die Oberfläche der Sprache einzuschreiben – als Wortspiele, Zitate, in fremden Alphabeten oder manchmal sogar auf audiovisuelle, quasi morphemische Weise – und zwar so ganz offensichtlich, dass die Übersetzung darüber stolpern muss und so den Übersetzer/die Übersetzung zwingt, erkenntlich zu sein und auf sich aufmerksam zu machen. So zu schreiben ist, gelinde gesagt, anstrengende Arbeit, und manchmal sehne ich mich nach der Einfachheit des Einsprachigen (andererseits aber gibt es so etwas wie Einsprachigkeit nicht, wie wir sehr wohl wissen), oder ich wünschte, ich wäre ganz stumpfsinnig in nur einer Sprache zu Hause – doch dann stelle ich fest, dass dies in der Welt fade monochrom & monotone Zustände schaffen würde.