Rosario Castellanos: „Das dunkle Lächeln der Catalina Díaz“

Magie am Wegesrand

Wieder mal ein Buch, das ich aus einer auf der Straße abgestellten Bücherkiste, der Hinweis Zum Mitnehmen erübrigte sich ob der Offensichtlichkeit dieses Angebots, mitgenommen und in Obhut genommen habe …

Oficio de tienieblas der mexikanischen Schriftstellerin Rosario Castellanos (1925-1974) erschien 1993 in der Übersetzung von Petra Strien-Bourmer in deutscher Sprache unter dem Titel Das dunkle Lächeln der Catalina Díaz.

Das obige Cover zeigt die Sonderedition von 2003 mit dem blumigen Untertitel Der magische Roman vom Aufstand in Chiapas.

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Kim Kyung-Uk: „Was? Leslie Cheung ist tot?“

Schiff der Barbaren

Der Band Was? Leslie Cheung ist tot? versammelt neun Erzählungen des 1971 in Gwanju geborenen koreanischen Schriftstellers Kim Kyung-Uk, der zur Neuen Generation gehört. Er hat mehrere Erzählbände und Romane geschrieben und ist für sein Werk ausgezeichnet worden.

Hyuk-Sook Kim und Manfred Selzer haben für diese erste Veröffentlichung in deutscher Sprache eine repräsentative Auswahl der Erzählungen vorgenommen, um uns mit dem Autor und seinen Themen bekannt zu machen. Diese knüpfen durchaus auch an jene der ebenfalls vom Duo Kim | Selzer übersetzten Eun Hee-Kyung an. Ich denke an Großstadtleben und Einsamkeit. Doch der Sound ist anders als bei der 1959 geborenen Eun. Die Geschichten haben eher eine absurde Note, denn eine traurig-depressive wie bei Eun.
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Eun Hee-Kyung: „Wer glücklich ist, schaut nicht auf die Uhr“

Wieso weinst du?

Nach der Erzählung sagte Hye-Rin noch: „Für mich sehen alle Gäste gleich aus. Sie scheinen nur am Leben zu sein, wenn sie traurig sind.“
„Wir sind wir selbst, wenn wir Traurigkeit empfinden. Deswegen wollen alle dorthin, wo es traurig ist“, erwiderte ich.
„Ja, weil man am Leben sein möchte“, ergänzte Hye-Rin.
(aus: In My Life)

Die Koreanerin Eun Hee-Kyung, 1959 im Südwesten Koreas geboren, mit ihrer Familie im Alter von 13 Jahren nach Seoul gezogen, ist in ihrem Land eine bekannte literarische Größe. Ihr Werk wurde bereits mehrfach ins Deutsche übersetzt. Nun ist sie mit einer neuen Publikation auf dem deutschsprachigen Markt angekommen. Es handelt sich bei Wer glücklich ist, schaut nicht auf die Uhr um sieben Erzählungen, die von Hyuk-Sook Kim und Manfred Selzer ins Deutsche übertragen wurden. Das Übersetzerduo zeichnete schon für Das Schöne verschmäht mich (und andere Erzählungen) aus dem Jahr 2012 verantwortlich.

Es sind traurige Erzählungen, die im Gegensatz zur heiteren Pastelligkeit der Covergestaltung, vielleicht einer von Kinderhand bemalten Rauhfasertapete, von Juana Burghardt stehen.

Es sind traurige Erzählungen, die wir lesen, kunstvoll komponiert, die ein genaues Lesen erfordern.  Sie entwickeln sich nicht linear, sondern bauen sich zyklisch auf und drehen sich um Beziehungen zwischen Menschen, zwischen Mann und Frau, sind Bewegungen, die ihre Richtungen wechseln, ein Aufeinanderzubewegen, ein Sichabwenden. Das Magnetfeld, auf dem die Erzählungen stattfinden, ist das städtische-moderne Leben im Korea des 21. Jahrhunderts, in dem Anonymität und Einsamkeit als Preis für eine hochtechnologisierte Gesellschaft erscheinen.

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Knut Ødegård: „Die Zeit ist gekommen“

Frankfurter Buchmesse 2019, Ehrengast: Norwegen
Zerstäubte Seelen

Mit Die Zeit ist gekommen in der Übertragung von Åse Birkenheier wird dem deutschen Publikum der zuletzt erschienene Band Tida er inne (2017) des norwegischen Dichters Knut Ødegård zugänglich gemacht. Bis auf einige verstreute Übersetzungen ist dieser Band die Premiere eines in Nordeuropa sehr bekannten und erfolgreichen Dichters, der 1945 in Molde geboren wurde.

Mittlerweile bin ich routiniert genug, eine Rezension so zu schreiben, dass sie die Leistung des Autors und seiner Übersetzerin kritisch und umfänglich würdigt, in Abwägung dieses und jenes Aspekts. Eine Vorgehensweise, die gelingt – und mich in diesem Fall nicht interessiert.

Ich will über den Schock sprechen, den das Gedicht Leukotomie ausgelöst hat.

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Julia Cimafiejeva: „zirkus“

von den spreißeln
Julia Cimafiejevas Schmerz

ich versuche
zu verstehen
(aus: ich lese ein fremdsprachiges gedicht)

wie es Thomas Weiler und Tina Wünschmann ergangen ist, als sie die Gedichte der Lyrikerin Julia Cimafiejeva übersetzt haben. Die 1982 geborene Weißrussin legt in diesem Gedicht einige Metaphern aus und fragt, wo diese hinführen? Ist das Übersetzerduo gleich der Autorin aus den Tritt gekommen, im Sumpf fremder Wörter versackt, hat sich schließlich an der den Sumpf überbrückenden Bohle die Finger verletzt; Holzsplitter in den Kuppen?

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Khalaf Ali Alkhalaf: „Tagebücher eines Krieges“

Über Leben

0 | Scham schläft, Krieg nicht

Scham lässt uns Menschen schrumpfen. Ganz klein werden wir, wollen uns im Nichts auflösen, können es nicht, verhalten uns ganz ruhig, verstecken uns vor uns selbst. Damit wir unsere hässliche Fratze nicht sehen müssen, schließen wir die Augen und … schlafen ein. Der Tod, der während des Kriegs seine Hochzeit mit verstümmelten Leichen immer wieder aufs Neue feiert, braucht keinen Schlaf. Er braucht den Blutrausch, der sich gleichermaßen der Schamlosigkeit und der Scham bedient. Wenn wir schlafen, hat der Tod ein leichteres Spiel.

Seit 2011 habe ich viel geschlafen.

Strategien, der Scham zu entfliehen, gibt es zahlreiche. Es ist unnütz, sie in Stellung zu bringen, denn ich bin mir des Versagens bewusst. Ein Impuls will mir diktieren: „Es ist nicht allein dein Versagen, die Politik …“ Strategien des Schutzes der eigenen Person sind mächtige Instrumente.

In Syrien haben mächtige Personen Instrumente genutzt, die Menschen vollkommen schutzlos zu machen: Scharfschützen, Fassbomben, Raketen, Giftgas, Hunger, Folter.

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Hadaa Sendoo: „Sich zuhause fühlen“

Doch stiller // das Land

Der 1961 in der Inneren Mongolei (China) geborene Dichter Hadaa Sendoo entwickelt seine Themen, wie er im Interview mit Maya Gogoladse sagt, aus den Widersprüchen zwischen traditioneller nomadischer Lebensweise und städtischer Zivilisation, die er mit Inhumanität und Verzweiflung assoziiert. Sendoo wurde in Hohhot, der Hauptstadt der Inneren Mongolei geboren und wuchs dort auf, heute eine Stadt von über 2,5 Millionen Einwohnern, überschritt sie bereits in den Sechzigern die Millionengrenze.

In der Gedichtauswahl Sich zuhause fühlen mit Übersetzungen ins Deutsche von Astrid Nischkauer und Andreas Weiland aus vom Autor angefertigten englischen Übersetzungen der mongolischen Originale, bleibt Sendoo den Nachweis der Zerstörung menschlichen Seins durch den Moloch Stadt weitgehend schuldig.

Die weißen Wände sind
Nicht die dunklen Jahre, oder kalte Wände,
Verputzt mit Kalkzement
Und darüber
Zerbrochenes Glas, zusammengehalten von Stacheldraht

Die weißen Wände sind Wollfilz der mongolischen Steppe
[aus: Weiße Wände]

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Jean Portante: „In Wirklichkeit | En réalité“

Der Wille, die Wörter

Das umfangreiche lyrische Werk des luxemburgischen Schriftstellers Jean Portante, 1950 in Differdange geboren, ist auf dem deutschen Markt noch weitgehend unbekannt. 2005 erschien mit Die Arbeit des Schattens (französisch: Point, Editions PHI 1999) die erste Übersetzung seiner Gedichte (Übersetzerin: Odile Kennel) in der luxemburgischen Editions PHI. Nun folgt die Veröffentlichung eines weiteren Gedichtbands, En realité aus dem Jahr 2008, als zweisprachige Ausgabe In Wirklichkeit – En realité im Verlag Hans Schiler. Michael Speier und Brigida Bezzenberger haben als Übersetzerduo aus dem Französischen übersetzt.

Rezension auf Fixpoetry.

Zwei georgische Lyrikerinnen: Bela Chekurishvili und Irma Shiolashvili

 

Bela Chekurishvili und Irma Shiolashvili wurden 1974 in Georgien geboren, studierten und arbeiteten in Tbilissi. Zur Zeit leben beide in Bonn und waren im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse 2018 mit dem Ehrengast Georgia – made by Characters auf gemeinsamer Lesereise.

Ein Anlass, ihre jeweils neuesten Lyrikbände nebeneinander zu legen, nach gemeinsamen Wurzeln zu suchen und nach dem Maß der Entfremdung in der neuen Heimat Ausschau zu halten.

Bela Chekurishvili: „Barfuß“

Übersetzung: Lika Kevlishvili (interlinear) und Norbert Hummelt
90 Seiten, Erscheinungsjahr: 2018
Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg

Irma Shiolashvili: „Kopfüber“

Nachdichtung: Sabine Schiffner
92 Seiten, bilingual: georgisch – deutsch, Erscheinungsjahr: 2018
Pop Verlag, Ludwigsburg

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Inger-Mari Aikio: „Cream for the Sun | Sahne für die Sonne“

An schwarzer Wasserlende

Die 1961 geborene Inger-Mari Aikio, Ima genannt, ist finnische Schriftstellerin samischer Sprache. Sie schreibt auf Finnisch und Nordsamisch, der größten, von etwa 25000 Menschen gesprochenen Sprache der aus acht Sprachen bestehenden Sámi-Sprachfamilie.

Der bilinguale Gedichtband, englisch und deutsch, ist das Ergebnis eines spannenden Übersetzungsprozesses, der von Studierenden im Übersetzungslaboratorium am Fachsprachenzentrum der Universität Bielefeld in Zusammenarbeit mit ihren Dozentinnen und professionellen Literaturübersetzerinnen durchgeführt wurde.

Aikio hat für eine Zusammenarbeit mit dem Musiker Miro Mantere sich ein der Tradition des Haiku (5-7-5 Silben/Moren) und des Tanka (5-7-5-7-7-Silben/Moren) folgendes Schema zurechtgelegt, dass sie auf ihre beiden Sprachen anwendet. Das führt dazu, dass die finnischen und die nordsamischen Versionen ihrer jeweils in 5-7-7-Silben geschriebenen Naturbeobachtungen nicht deckungsgleich sind. Eine Gruppe der Studierenden hat sich die finnische Version vorgenommen, zunächst interlinear ins Deutsche übersetzt und dann mit der Literaturübersetzerin durchgearbeitet, die andere Gruppe hat die nordsamische Version im gleichen Verfahren ins Englische übertragen.

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Mary Caesar: „My Healing Journey“

Lower Post Residental School Memories

Mary Caesar, Strong Woman Walking, so ihr indianischer Name, wurde 1955 in Kanada als Mitglied der Liard First Nation an der Grenze von Yukon zu British Columbia am Watson Lake geboren.

In ihrer Lyrik und ihrer Kunst legt sie Zeugnis ab vom Leben indigener Menschen, die in das rassistische und Menschenleben zerstörende System der Residental Schools in Kanada gezwungen wurden, dessen Ziel es war, die Menschen zu entwurzeln, ihrer Herkunft, ihrer Kultur zu berauben und physisch und psychisch zu vernichten.

Caeser sagt von sich, sie habe die Residential School überlebt. Ihre Triebfeder zu schreiben, ist, jenen zu gedenken, die dieses Martyrium nicht überlebt haben. Opfer sind auch die Überlebenden, denn sie sind lebenslang gezeichnet.

Ida war eine Überlebende der Lower Post Residential
School.
Ich werde ihr Andenken immer wahren.

(aus: Für Ida)

In ihrem Vorwort erzählt Caesar von ihrer Alkoholabhängigkeit und dem langen Weg der Heilung, den sie auch durch ihr Schreiben und ihre Kunst vorantreibt.

Dass dieses wichtige Zeugnis aus 24 Gedichten (bereits in der 4. Auflage) zweisprachig in englischer und deutscher Sprache vorliegt, reich bebildert mit der Kunst der Autorin, ist ein Verdienst engagierter Menschen, die den Blick auf die Situation indigener Völker in Nordamerika jenseits überkommener Klischees, die immer noch einen kauffreudiger deutschen Markt bedienen, richten.

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Julia Alvarez: „Die Zeit der Schmetterlinge“

Wer war Juan Bosch?

Anschließend stattete der Präsident uns einen Besuch ab. Er saß in Papás altem Schaukelstuhl, trank eine geeiste limonada und erzählte mir seine Geschichte. Er sagte, er werde eine Menge ändern: Die alten Generäle werde er abservieren, weil an ihren Händen das Bluts der Mirabal-Schwestern klebe; all die Ländereien, die sie sich angeeignet hätten, werde er unter den Armen verteilen lassen; und er wolle dafür sorgen, daß wir auf unser Land stolz sein können und es nicht von imperialistischen yanquis beherrscht werde.

Im Roman Die Zeit der Schmetterlinge aus dem Jahr 1994 der 1950 in der Dominikanischen Republik geborenen Schriftstellerin Julia Alvarez (Übersetzung aus dem Amerikanischen Englisch: Carina von Enzensberg und Hartmut Zahn) kommt Juan Bosch am Ende als Nebenfigur vor.

Bosch steht für den Bruch der über dreißig Jahre andauernden Trujillo-Diktatur, steht für die Hoffnung der Menschen auf bessere Zeiten. Wer Boschs Biografie nachliest, wird lesen, wie diese Hoffnungen innerhalb von Monaten zunichte gemacht wurden, wie die yanquis mit ihrem Geheimdienst und lokalen Eliten tiefgreifenden soziale Änderungen verhinderten, mit ihrer von Antikommunismus gelenkten Sichtweise das Elend der Menschen verlängerten und die Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen während der Diktatur verhinderten.

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