Jean Portante: „In Wirklichkeit | En réalité“

Der Wille, die Wörter

Das umfangreiche lyrische Werk des luxemburgischen Schriftstellers Jean Portante, 1950 in Differdange geboren, ist auf dem deutschen Markt noch weitgehend unbekannt. 2005 erschien mit Die Arbeit des Schattens (französisch: Point, Editions PHI 1999) die erste Übersetzung seiner Gedichte (Übersetzerin: Odile Kennel) in der luxemburgischen Editions PHI. Nun folgt die Veröffentlichung eines weiteren Gedichtbands, En realité aus dem Jahr 2008, als zweisprachige Ausgabe In Wirklichkeit – En realité im Verlag Hans Schiler. Michael Speier und Brigida Bezzenberger haben als Übersetzerduo aus dem Französischen übersetzt.

Rezension auf Fixpoetry.

Zwei georgische Lyrikerinnen: Bela Chekurishvili und Irma Shiolashvili

 

Bela Chekurishvili und Irma Shiolashvili wurden 1974 in Georgien geboren, studierten und arbeiteten in Tbilissi. Zur Zeit leben beide in Bonn und waren im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse 2018 mit dem Ehrengast Georgia – made by Characters auf gemeinsamer Lesereise.

Ein Anlass, ihre jeweils neuesten Lyrikbände nebeneinander zu legen, nach gemeinsamen Wurzeln zu suchen und nach dem Maß der Entfremdung in der neuen Heimat Ausschau zu halten.

Bela Chekurishvili: „Barfuß“

Übersetzung: Lika Kevlishvili (interlinear) und Norbert Hummelt
90 Seiten, Erscheinungsjahr: 2018
Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg

Irma Shiolashvili: „Kopfüber“

Nachdichtung: Sabine Schiffner
92 Seiten, bilingual: georgisch – deutsch, Erscheinungsjahr: 2018
Pop Verlag, Ludwigsburg

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Inger-Mari Aikio: „Cream for the Sun | Sahne für die Sonne“

An schwarzer Wasserlende

Die 1961 geborene Inger-Mari Aikio, Ima genannt, ist finnische Schriftstellerin samischer Sprache. Sie schreibt auf Finnisch und Nordsamisch, der größten, von etwa 25000 Menschen gesprochenen Sprache der aus acht Sprachen bestehenden Sámi-Sprachfamilie.

Der bilinguale Gedichtband, englisch und deutsch, ist das Ergebnis eines spannenden Übersetzungsprozesses, der von Studierenden im Übersetzungslaboratorium am Fachsprachenzentrum der Universität Bielefeld in Zusammenarbeit mit ihren Dozentinnen und professionellen Literaturübersetzerinnen durchgeführt wurde.

Aikio hat für eine Zusammenarbeit mit dem Musiker Miro Mantere sich ein der Tradition des Haiku (5-7-5 Silben/Moren) und des Tanka (5-7-5-7-7-Silben/Moren) folgendes Schema zurechtgelegt, dass sie auf ihre beiden Sprachen anwendet. Das führt dazu, dass die finnischen und die nordsamischen Versionen ihrer jeweils in 5-7-7-Silben geschriebenen Naturbeobachtungen nicht deckungsgleich sind. Eine Gruppe der Studierenden hat sich die finnische Version vorgenommen, zunächst interlinear ins Deutsche übersetzt und dann mit der Literaturübersetzerin durchgearbeitet, die andere Gruppe hat die nordsamische Version im gleichen Verfahren ins Englische übertragen.

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Mary Caesar: „My Healing Journey“

Lower Post Residental School Memories

Mary Caesar, Strong Woman Walking, so ihr indianischer Name, wurde 1955 in Kanada als Mitglied der Liard First Nation an der Grenze von Yukon zu British Columbia am Watson Lake geboren.

In ihrer Lyrik und ihrer Kunst legt sie Zeugnis ab vom Leben indigener Menschen, die in das rassistische und Menschenleben zerstörende System der Residental Schools in Kanada gezwungen wurden, dessen Ziel es war, die Menschen zu entwurzeln, ihrer Herkunft, ihrer Kultur zu berauben und physisch und psychisch zu vernichten.

Caeser sagt von sich, sie habe die Residential School überlebt. Ihre Triebfeder zu schreiben, ist, jenen zu gedenken, die dieses Martyrium nicht überlebt haben. Opfer sind auch die Überlebenden, denn sie sind lebenslang gezeichnet.

Ida war eine Überlebende der Lower Post Residential
School.
Ich werde ihr Andenken immer wahren.

(aus: Für Ida)

In ihrem Vorwort erzählt Caesar von ihrer Alkoholabhängigkeit und dem langen Weg der Heilung, den sie auch durch ihr Schreiben und ihre Kunst vorantreibt.

Dass dieses wichtige Zeugnis aus 24 Gedichten (bereits in der 4. Auflage) zweisprachig in englischer und deutscher Sprache vorliegt, reich bebildert mit der Kunst der Autorin, ist ein Verdienst engagierter Menschen, die den Blick auf die Situation indigener Völker in Nordamerika jenseits überkommener Klischees, die immer noch einen kauffreudiger deutschen Markt bedienen, richten.

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Eva Bourke: „Seeing yellow“

Das Feuer der Sonnenblumen

Das dem neuen Gedichtband von Eva Bourke titelgebende Gedicht Seeing Yellow kommt mir wie eine Aufforderung vor, sich zeitweilig von unserer bunten Welt zu verabschieden und den Fokus des Sehens auf eine Farbe zu legen. Entsprechende Filter hat das menschlische Auge nicht, und doch: Diese Einzelbetrachtung ist eine Übung der Wahrnehmung, die uns über die Bedeutung der Farbe Gelb reflektieren lässt.

Ich greife mir Derek Jarmans Chroma. Ein Buch der Farben (aus dem Englischen von Almuth Carstens, Merve Verlag, Berlin 1995) aus dem Buchregal heraus und schlage sein Kapitel zu Gelb auf.

Bin ich auf dem richtigen Weg? Das Cover von Seeing Yellow zeigt eine Studie aus der Serie For the birds von Benjamin de Búrca, Bourkes Sohn, der mit Bárbara Wagner als Künstlerpaar im Bereich Videokunst und Fotografie arbeitet. Benjamin hat in Glasgow Malerei studiert. Ich bin mir sicher, dass Jarmans Chroma auch in seinem Bücherregal steht.

Jarman schreibt:

Der Frühling kommt mit Schellkraut und Narzisse. Der gelbe Raps macht Bienen schwindelig. Gelb ist eine schwierige Farbe, vergänglich wie die Mimose, die ihren Blütenstaub abwirft, wenn die Sonne untergeht.

Die Verbindung von Strahlkraft und Vergänglichkeit ist auch die über allen Gedichten dieses Bands schwebenden Energie, die mit Worten die Erdschwere, die Trauer im Zaum hält und die Liebe zu den Menschen feiert.

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Enrique Winter: „Oben das Meer unten der Himmel“

Sandpapier und Leim, ein Tropfen Wasser

Enrique Winter, chilenischer Dichter mir deutschen und polnischen Wurzeln (* 1982 in Santiago de Chile) reist viel. In Juni 2018 war er zum wiederhoten Mal in Deutschland, nach Einladungen zur Latinale 2012 in Berlin oder als Gast der Sylt Foundation von Indra Wussow 2017, dieses Mal in Köln zur Vorstellung der deutschen Übersetzung seiner Gedichte, die nun endlich erschienen ist. Der Band, der eine Auswahl aus seinen Bänden Atar las naves (2003), Rascacielos (2008) und Guía de despacho (2010) vorstellt, war bereits 2015 bei einem anderen Verlag angekündigt, hat nun aber seinen Platz in der parasitenpresse von Adrian Kasnitz gefunden.

In ihrem Nachwort schreiben Sarah Otter, Johanna Schwering und Léonce W. Lupette, die die Übersetzungen gemeinsam erarbeitet haben, von Winters Performance bei der Latinale, die zur Initialzündung für diese Übersetzungsarbeit wurde. Annähernd sechs Jahre dauerte es, bis das Buch realisiert werden konnte. Welchen Preis müsste dieses Buch haben, um die Ausdauer des Übersetzertrios gerecht zu werden und dem Verleger einen Gewinn in Aussicht zu stellen?

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Clarisse Nicoïdski: „Die Augen Die Hände Der Mund & Wege der Wörter“

hue vida i si fizu boca | es war Leben und wurde Mund

Clarisse Nicoïdski (1939-1996) war eine französische Schriftstellerin, die ihre Romane und ihre kunstkritischen Schriften auf Französisch verfasste. Ihre Muttersprache war jedoch eine andere. Ihre Lyrik hat Nicoïdski auf Sephardisch geschrieben, der Sprache der Juden, die nach 1492 aus Spanien ausgewiesen wurden (Alhambra-Edikt) und in die Diaspora gingen. Die Sprache, heute unter dem ISO 639-3-Code lad geführt, hat verschiedene Bezeichnungen: Ladino, Djudezmo, Djidio, Djudeo Espanyol, Judenspanisch, Spaniolit, Espanyolico oder Hakitía.

Rezension auf Fixpoetry.

Anette und Peter Horn (Hrsg.): 100 Poems from Bangladesh

The future breathes in my throat, in my grave

Die von Anette und Peter Horn herausgegebene englischsprachige Anthologie „100 Poems from Bangladesh“, erschienen 2017 in der Edition Delta (Stuttgart), stellt 25 Autoren vor, die alle im unterschiedlichen Alter die Geburtsstunde ihres Staates am 16. Dezember 1971 miterlebt haben. Nachdem Indien entscheidend in den Krieg und Genozid (West-)Pakistans gegen die bengalische Bevölkerung (Ost-)Pakistans eingegriffen hatte, wurde Ostpakistan Ende 1971 völkerrechtlich anerkannt und gab sich den Namen Bangladesch.

From 25 March to 16 December, 1971
There are 267 days in total
According to Pravda, the Pak Army killed
3 million Bengalis during the Liberation War
It was a war against unarmed people
By killers and rapists of the Pak Army
And they killed 3 million ÷ 267
= 11,236 people per day

(aus: Rabiul Husain „ Oh ! The War !“)

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Aminur Rahman: „Perpetual Diary – Fortwährendes Tagebuch“

Wer bist du? Wer bist du?

Mit Perpetual Diary | Fortwährendes Tagebuch des bangladeschischen Dichters Aminur Rahman, geboren 1966 in Dhaka, können wir seiner Selbstvergewisserung und seines sehnsüchtigen Dialogs zwischen lyrischen Ich und lyrischen Du folgen.

Der Band ist zweisprachig: Englisch und Deutsch. Es fehlt die Sprache des Autors: Bengali oder Bangla. Die Übersetzungen aus der Originalsprache ins Englische kommen von Sudeep Sen, A Z M Haider, Ziaul Karim und M S A Sarwar. Aus dem Englischen wurden die 29 Gedichte von Manfred Chobot ins Deutsche gebracht.

Mit Rahman ist nun einer der jüngeren Vertreter der bangladeschischen Lyrik mit einer Einzelveröffentlichung gewürdigt worden. Einige seiner Gedichte sind auch in der englischsprachigen Anthologie „100 Poems from Bangladesh. Edited by Dr. Peter Horn & Dr. Anette Horn“ (Edition Delta, Stuttgart) vertreten.

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Tobias Burghardt: „Mitlesebuch 117“

Krumme Wasseradern

Hineingestoßen in den Kosmos des Lyrikers, Übersetzers und Verlegers Tobias Burghardt, versuche ich zunächst, mich zu orientieren, suche eine Ordnung, doch bereits der erste Gedichttitel gibt zwei Richtungen vor: Flussabwärts, flussaufwärts.

Ein anderer Titel ruft Erinnerungen an meinen Großvater hervor, der auf einer Insel im Rhein zur Welt kam: Flussinseln und andere Gemarkungen. Ich sehe, wie sich das Wasser an der Inselspitze teilt, Wirbel entstehen und Kiesel und Sedimente ohne mein Zutun in die eine oder andere Richtung flussabwärts getrieben werden.

Rezension auf Fixpoetry.

Oodgeroo Noonuccal: „My people“

Eine kleine Reihe über Bücher, die ich in Buchhandlungen außerhalb Deutschlands gekauft habe: gleebooks store Dulwich Hill, Sydney, Australien, Januar 2017.

Die Gedichtsammlung der politischen Aktivistin, Künstlerin und Dichterin Oodgeroo Noonuccal (1920-1993), auch bekannt unter dem Namen Kath Walker, gibt einen Einblick in die Gegenwart der Aboriginals zwischen Überlieferung Ihrer Kultur und Rassismus. Oogeroo war die erste Aborigine, die 1964 ein Buch mit Gedichten veröffentlichte. Die Sammlung „My people“ erschien 1974 als a Kath Walker collection. 1988 übernahm sie ihren Aboriginal-Namen, der Myrtenheide bedeutet.

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Jaromír Typlt: „oder schnurstracks“

Korund / wieder eines dieser Wörter –
Korund / zase jedno z těch slov

In den Gedichten von Jaromir Typlt, 1973 in Nová Paka geboren, bietet die Rauigkeit der Oberflächen, die Rauheit des vom Autor eingesetzten Sprachmaterials, einen Zugang zur Essenz dieser Poesie. Nachzuspüren ist das in einer Gedichtsauswahl, die nun in der Edition OstroVers bei hochroth Leipzig zweisprachig erschienen ist, aus dem Tschechischen übersetzt von Martin Mutschler.

Es geht hier nicht um das Ergebnis von Glättungen, die durch Schleifmittel mit unterschiedlicher Körnung in mehreren Arbeitsgängen erreicht werden, bis die Oberfläche keinen Widerstand mehr bietet. Wenn Mutschler in seinem kurzen Essay über die poetische Welt Typlts von surrealistisch behauchten Zwischenwelten spricht, dann sehe ich ein trauriges Kind vor mir, das seinen Atem an die Fensterscheibe wirft und vielleicht die Kraft hat, ein Wort mit dem Finger auf diese Oberfläche zu schreiben, die unter anderem einst einmal Quarzsand gewesen war.

Es geht um die Offenlegung des Arbeitsprozesses, eben um Zwischenwelten.

Glatte Oberflächen sind schlicht uninteressant. (So war es nicht mangelnder Fleiß, als ich in meiner Ausbildung zum Schreiner das Schleifpapier vorzeitig weglegte, dem Buchenholz die ein oder andere Riefe [wieder so ein Wort] ließ, während die anderen in der Lehrwerkstatt schleiften, schmirgelten, ja, das Holz fast, Schuhen gleich, wichsten, bis es glänzte.)

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