Enrique Winter: „Oben das Meer unten der Himmel“

Sandpapier und Leim, ein Tropfen Wasser

Enrique Winter, chilenischer Dichter mir deutschen und polnischen Wurzeln (* 1982 in Santiago de Chile) reist viel. In Juni 2018 war er zum wiederhoten Mal in Deutschland, nach Einladungen zur Latinale 2012 in Berlin oder als Gast der Sylt Foundation von Indra Wussow 2017, dieses Mal in Köln zur Vorstellung der deutschen Übersetzung seiner Gedichte, die nun endlich erschienen ist. Der Band, der eine Auswahl aus seinen Bänden Atar las naves (2003), Rascacielos (2008) und Guía de despacho (2010) vorstellt, war bereits 2015 bei einem anderen Verlag angekündigt, hat nun aber seinen Platz in der parasitenpresse von Adrian Kasnitz gefunden.

In ihrem Nachwort schreiben Sarah Otter, Johanna Schwering und Léonce W. Lupette, die die Übersetzungen gemeinsam erarbeitet haben, von Winters Performance bei der Latinale, die zur Initialzündung für diese Übersetzungsarbeit wurde. Annähernd sechs Jahre dauerte es, bis das Buch realisiert werden konnte. Welchen Preis müsste dieses Buch haben, um die Ausdauer des Übersetzertrios gerecht zu werden und dem Verleger einen Gewinn in Aussicht zu stellen?

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Clarisse Nicoïdski: „Die Augen Die Hände Der Mund & Wege der Wörter“

hue vida i si fizu boca | es war Leben und wurde Mund

Clarisse Nicoïdski (1939-1996) war eine französische Schriftstellerin, die ihre Romane und ihre kunstkritischen Schriften auf Französisch verfasste. Ihre Muttersprache war jedoch eine andere. Ihre Lyrik hat Nicoïdski auf Sephardisch geschrieben, der Sprache der Juden, die nach 1492 aus Spanien ausgewiesen wurden (Alhambra-Edikt) und in die Diaspora gingen. Die Sprache, heute unter dem ISO 639-3-Code lad geführt, hat verschiedene Bezeichnungen: Ladino, Djudezmo, Djidio, Djudeo Espanyol, Judenspanisch, Spaniolit, Espanyolico oder Hakitía.

Rezension auf Fixpoetry.

Anette und Peter Horn (Hrsg.): 100 Poems from Bangladesh

The future breathes in my throat, in my grave

Die von Anette und Peter Horn herausgegebene englischsprachige Anthologie „100 Poems from Bangladesh“, erschienen 2017 in der Edition Delta (Stuttgart), stellt 25 Autoren vor, die alle im unterschiedlichen Alter die Geburtsstunde ihres Staates am 16. Dezember 1971 miterlebt haben. Nachdem Indien entscheidend in den Krieg und Genozid (West-)Pakistans gegen die bengalische Bevölkerung (Ost-)Pakistans eingegriffen hatte, wurde Ostpakistan Ende 1971 völkerrechtlich anerkannt und gab sich den Namen Bangladesch.

From 25 March to 16 December, 1971
There are 267 days in total
According to Pravda, the Pak Army killed
3 million Bengalis during the Liberation War
It was a war against unarmed people
By killers and rapists of the Pak Army
And they killed 3 million ÷ 267
= 11,236 people per day

(aus: Rabiul Husain „ Oh ! The War !“)

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Aminur Rahman: „Perpetual Diary – Fortwährendes Tagebuch“

Wer bist du? Wer bist du?

Mit Perpetual Diary | Fortwährendes Tagebuch des bangladeschischen Dichters Aminur Rahman, geboren 1966 in Dhaka, können wir seiner Selbstvergewisserung und seines sehnsüchtigen Dialogs zwischen lyrischen Ich und lyrischen Du folgen.

Der Band ist zweisprachig: Englisch und Deutsch. Es fehlt die Sprache des Autors: Bengali oder Bangla. Die Übersetzungen aus der Originalsprache ins Englische kommen von Sudeep Sen, A Z M Haider, Ziaul Karim und M S A Sarwar. Aus dem Englischen wurden die 29 Gedichte von Manfred Chobot ins Deutsche gebracht.

Mit Rahman ist nun einer der jüngeren Vertreter der bangladeschischen Lyrik mit einer Einzelveröffentlichung gewürdigt worden. Einige seiner Gedichte sind auch in der englischsprachigen Anthologie „100 Poems from Bangladesh. Edited by Dr. Peter Horn & Dr. Anette Horn“ (Edition Delta, Stuttgart) vertreten.

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Tobias Burghardt: „Mitlesebuch 117“

Krumme Wasseradern

Hineingestoßen in den Kosmos des Lyrikers, Übersetzers und Verlegers Tobias Burghardt, versuche ich zunächst, mich zu orientieren, suche eine Ordnung, doch bereits der erste Gedichttitel gibt zwei Richtungen vor: Flussabwärts, flussaufwärts.

Ein anderer Titel ruft Erinnerungen an meinen Großvater hervor, der auf einer Insel im Rhein zur Welt kam: Flussinseln und andere Gemarkungen. Ich sehe, wie sich das Wasser an der Inselspitze teilt, Wirbel entstehen und Kiesel und Sedimente ohne mein Zutun in die eine oder andere Richtung flussabwärts getrieben werden.

Rezension auf Fixpoetry.

Oodgeroo Noonuccal: „My people“

Eine kleine Reihe über Bücher, die ich in Buchhandlungen außerhalb Deutschlands gekauft habe: gleebooks store Dulwich Hill, Sydney, Australien, Januar 2017.

Die Gedichtsammlung der politischen Aktivistin, Künstlerin und Dichterin Oodgeroo Noonuccal (1920-1993), auch bekannt unter dem Namen Kath Walker, gibt einen Einblick in die Gegenwart der Aboriginals zwischen Überlieferung Ihrer Kultur und Rassismus. Oogeroo war die erste Aborigine, die 1964 ein Buch mit Gedichten veröffentlichte. Die Sammlung „My people“ erschien 1974 als a Kath Walker collection. 1988 übernahm sie ihren Aboriginal-Namen, der Myrtenheide bedeutet.

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Jaromír Typlt: „oder schnurstracks“

Korund / wieder eines dieser Wörter –
Korund / zase jedno z těch slov

In den Gedichten von Jaromir Typlt, 1973 in Nová Paka geboren, bietet die Rauigkeit der Oberflächen, die Rauheit des vom Autor eingesetzten Sprachmaterials, einen Zugang zur Essenz dieser Poesie. Nachzuspüren ist das in einer Gedichtsauswahl, die nun in der Edition OstroVers bei hochroth Leipzig zweisprachig erschienen ist, aus dem Tschechischen übersetzt von Martin Mutschler.

Es geht hier nicht um das Ergebnis von Glättungen, die durch Schleifmittel mit unterschiedlicher Körnung in mehreren Arbeitsgängen erreicht werden, bis die Oberfläche keinen Widerstand mehr bietet. Wenn Mutschler in seinem kurzen Essay über die poetische Welt Typlts von surrealistisch behauchten Zwischenwelten spricht, dann sehe ich ein trauriges Kind vor mir, das seinen Atem an die Fensterscheibe wirft und vielleicht die Kraft hat, ein Wort mit dem Finger auf diese Oberfläche zu schreiben, die unter anderem einst einmal Quarzsand gewesen war.

Es geht um die Offenlegung des Arbeitsprozesses, eben um Zwischenwelten.

Glatte Oberflächen sind schlicht uninteressant. (So war es nicht mangelnder Fleiß, als ich in meiner Ausbildung zum Schreiner das Schleifpapier vorzeitig weglegte, dem Buchenholz die ein oder andere Riefe [wieder so ein Wort] ließ, während die anderen in der Lehrwerkstatt schleiften, schmirgelten, ja, das Holz fast, Schuhen gleich, wichsten, bis es glänzte.)

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Roxana Crisólogo: „Eisbrecher“

Taunetze sind Grenzen

Die Gedichte der peruanisch-finnischen Lyrikerin Roxana Crisólogo sind „Schlingpflanzen“, die „den unumkehrbaren Gang des Rauchs erdrosseln“. Sie bahnen sich ihren Weg, hinterlassen Stränge, die zu den Wurzeln führen, durchdringen Grenzen, ziehen sich und die sie umgebende Welt zusammen und lassen doch an anderer Stelle Nebenwege zu, die luftig sind, die Nischen entstehen lassen.

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Wakayama Bokusui: „In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter“

Das tiefe Schwarz ist mir lieb
Tanka von Wakayama Bokusui

Mit dem Band „In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter“ stellt der Japanologe Eduard Klopfenstein das moderne Tanka, wie es für die Erneuerung der tradierten Waka-Dichtung in der Meiji-Ära zu Beginn des 20. Jahrhunderts charakteristisch ist, dem deutschsprachigen Publikum vor. Die Publikation richtet sich an eine breite, der japanischen Literatur bislang nicht zugeneigten Leserschaft, denn Klopfenstein versteht es ausgezeichnet, mit wenigen Worten eine Einführung in die Epoche und ihre handelnde Personen zu geben. Wissenschaftliche Präzision gepaart mit guter Verständlichkeit: Das macht Lesefreude.

Rezension auf Fixpoetry.

Mikael Vogel: „Dodos auf der Flucht“

Von Menschen. Und keinen anderen Schweinen!

Endlich ist Mikael Vogels „Dodos auf der Flucht“ /*nach Veröffentlichungen einiger Gedichte beispielsweise auf Fixpoetry als Text des Tages vom 20.02.18, 30.11.17, 30.11.16 und 07.09.16 oder in Triëdere 12 (01/2015), „Ästhetik des Bewahrens“ und Vorab-Lesungen etwa bei der Lyrikbuchhandlung zur Frankfurter Buchmesse 2017*/ als Buch erschienen und kann damit vollumfänglich gelesen und gemeinsam mit den Illustrationen von Brian R. Williams gewürdigt werden.

Das Ergebnis der akribischen Arbeit zum Thema Massen(aus)sterben ist in meinen Augen nichts weniger als ein epochales Werk, das Ooesie /*Oops, ehrlich: ein Tippfehler, aber manche Fehler erweisen sich als tiefgründig richtig. ‚O’osiert euch! Vogels Aufruf, sich der Schreibweise der oralen hawai’ianischen Sprache ganz im Sinne des Programms seines Verlags zu widmen. –> Noch einmal Luft holen, bevor ich den Vogel in den Himmel werfe und hoffe, seine Flügel sind kräftig und entkommen jenen Kritikern, die mit geladenen Flinten immer noch Großjägerphantasien auszuleben gedenken,*/ … ein epochales Werk, ich wiederhole mich, das Poesie, Biologie, Naturhistorie mit politischen Statements zu Klimaschutz zu verbinden weiß. Dieses Wissen ist das Produkt einer Obsession /*auch Oo!*/, das Ergebnis jahrelanger Recherche, die sich kaum eingrenzen ließ und immer wieder aktualisiert werden musste. Climate change? Leugner des Klimawandels: John Howard, australischer Premierminister (1995–2007): obsolet, Donald Trump, US-Präsident (2017–Untergang Homo sapiens sapiens?): desolat. White Men make money first! Wir sind nur Geldraffer.

Dodo (nanoblock, NBC_188) Designed by KAWADA in Japan since 2008, 12,26 Euro

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Aleksander Nawrocki: „Mir träumte von meiner Kindheit“

In der Kurpie

Sie liegt in der nordpolnischen Tiefebene im nördlichen Masowien an der Grenze zur Woiwodschaft Ermland-Masuren. Einst als die grüne und die weiße Wildnis bezeichnete Waldgebiete auf sumpfigem Boden, einst gefürchtet von den Kreuzrittern, ist sie heute auf welligen Straßen Transitstrecke von der Hauptstadt zu der touristisch frequentierten masurischen Seenplatte und der ostpreußischen NS-Bunkerarchitektur. In dieser Region, die seit dem 10. Jahrhundert zu Polen gehört, wurde 1940 Aleksander Nawrocki in Bartniki nahe Przasnysz geboren. Als Autor und vor allem als Übersetzer ist er in Polen nicht unbekannt, ebenso wie in den Ländern, deren Literatur er ins Polnische übertragen hat: Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Finnland, Estland, Russland und weitere. Narockis Werk ist umfangreich. Seine Lyrik nun im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen, war das Anliegen des 1942 in Dresden geborenen Übersetzers Peter Gehrisch.

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Johann Lippet: „Kopfzeile, Fußzeile“

Mitgift Heimat

Sie ist ein Geschenk, das wir nicht verweigern und dem wir uns nicht entziehen können. Heimat wird uns mitgegeben, ob wir es wollen oder nicht. Wir können uns nach ihr sehnen oder vorgeben, unsere Wurzeln vergessen zu haben. Beides setzt voraus, dass wir irgendwann einmal, aus welchen Gründen auch immer, die Heimat verlassen haben. Gründe dafür gibt es zahlreicher als für das Festhalten an der Heimat.

Muss man die Geschichtsvergessenen an Gewalt, Terror, Krieg, Armut der vergangenen Jahrhunderte in Europa und weltweit erinnern, an die Migrationsfurchen, die die Politik im großen Kontext wie auf lokaler, regionaler Ebene verursacht hat? Im gesellschaftlichen Diskurs um Heimat geht es aktuell und schon sehr viel länger um Abgrenzung, Abschottung. Diese Haltung übersieht aus politischem Kalkül, dass Heimat und Migration Geschwister, keine sich hasserfüllt gegenüberstehenden Gegner sind.

Johann Lippet, 1951 in Wels (Österreich) geboren, kehrte 1956 ins Banat, in das Geburtsdorf seines Vaters zurück. Rumänien verließ er 1987. Seit 1998 lebt er in Sandhausen bei Heidelberg.

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