Dato Turaschwili: „Das andere Amsterdam“

Abschweifungen

Mit Das andere Amsterdam liegt der zuletzt erschienene Roman des georgischen Schriftstellers Dato (David) Turaschwili (* 1966) in deutscher Übersetzung von Katja Wolters vor.

Das Original სხვა ამსტერდამი (transkribert: skhva amst’erdami) erschien 2014, dem Jahr des Todes von Amiran (Pako) Swimonischwili, von dem Turaschwili schreibt:

An dem Tag, als man in Tiflis Pako Svimonishvili beerdigte, ging ich in Amsterdam das Hotel suchen, in dem David Jaschwili (Jaschka) gestorben ist.

Ich kann der Spur Turaschwilis nicht folgen, seiner Suche, die letzten Endes eine Suche nach den Gründen seiner Reise in die Niederlande ist:

Warum ich überhaupt nach Amsterdam gekommen war, darüber dachte ich auch den ganzen Tag nach und erwog sogar, daß ich mir alles nur ausgedacht hätte: das Amsterdamer Abenteuer meines Großvaters, die auf der holländischen Insel lebende Georgierin, die mir E-Mails schreibt.

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Jan Koneffke: „Die Tsantsa-Memoiren“

Tato (alias … ) als Chronist

In dem neuen Roman von Jan Koneffke (* 1960 in Darmstadt) überblickt ein personaler Erzähler die Zeit von ca. 1780 bis in die Jetztzeit. Wie das? Ist er unsterblich? Oder wird hier versucht, eine auktoriale Erzählweise (eine gottgemäße Perspektive) in eine Person hineinzumogeln?

Die Frage ist nicht so leicht zu beantworten, denn sie berührt unmittelbar den Kern dessen, was dieser Roman thematisiert.

Koneffke schummelt nicht. Er stellt uns keine auktorialen Erzähler zur Verfügung, sondern einen personalen. Aber handelt es sich beim Erzähler um eine Person? Und wenn, wie kann sie über einen so langen Zeitabschnitt aus eigener Erfahrung, eigener Anschauen berichten?

Nicht alle werden den Titel des Romans auf Anhieb verstehen, denn das Wort Tsantsa kommt aus der kleinen JívaroSprachfamilie, die in Peru und Ecuador gesprochen wird, und bezeichnet Schrumpfköpfe (oder Englisch: shrunken heads). Koneffkes Erzähler ist also bereits gestorben,  ist ein nach den Regeln indigener Völker präpariertes Ding (?) aus menschlichen Überresten.

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Margaret Atwood: „Der Report der Magd“

Welcome to Gilead

Als in Polen vor wenigen Tagen die Proteste gegen die Verschärfung des Abtreibungsrechtes begannen, sah ich in den Nachrichten, wie eine Demonstratin ein Schild mit den Worten Welcome to Gilead hochhielt.

Wer nicht versteht, was diese Begrüßungsformel meint, dem sei Margaret Atwoods Roman Der Report der Magd (deutsch von Helga Pfetsch) zur Lektüre oder zur erneuten Lektüre dringend anempfohlen.

Diese Zukunftsvision aus dem Jahr 1985 (deutsche Ausgabe: 1987) greift auf, das hat Atwood in einem Interview für den virtuellen Gastlandauftritt Kanadas zur Frankfurter Buchmesse 2020 deutlich gemacht, was in der Gesellschaft schon vorhanden ist. Insofern sind Atwoods Texte keine Anti-Utopien oder Dystopien, sondern eine erweitere Beschreibung der Gegenwart.

Über Gilead lässt die Autorin am Ende des Romans einen Universitätsprofessor bei der Internationalen Tagung der Vereinigung der Historiker am 25. Juni 2195 rückblickend sagen:

Wie ich schon an anderer Stelle sagte, gab es nur wenig, was seinem Ursprung oder seiner Herkunft nach mit Gilead verbunden war: Gileads Begabung war die Synthese.

[…] und das Regime von Gilead war nicht das einzige, das damals darauf [Rückgang der Geburtenrate] reagierte. Rumänien, zum Beispiel, war Gilead bereits in den achtziger Jahren zuvorgekommen, in dem es alle Formen der Geburtenkontrolle verbot.

Polens Verbot von Abtreibung bei diagnostizierter Fehlbildung des Fötus galt (gilt! – diese Stück Literatur ist zeitlos gültig) auch in Atwoods totalitärem Staat Gilead.

Beate Laudenberg, José F. A. Oliver, Ulrike Wörner (Hg.): „kinderleicht & lesejung. Poetik-Dozentur für Kinder- und Jugendliteratur“

Blick für eine Zukunft

Die vorliegende Publikation, die die Vorlesungen der Poetik-Dozentur für Kinder- und Jugendliteratur des Hausacher LeseLenzes und der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe von 2014 bis 2019 versammelt, ist eine Pflichtlektüre für alle, die sich über den Stand der Kinder- und Jugendliteratur im deutschsprachigen Raum (und darüber hinaus) informieren und sich inspirieren lassen wollen.

Was zeichnet gute Kinder- und Jugendliteratur aus? Wie gelingt sie? Welche Beschränkungen herrschen für Autorinnen und Autoren? Wie erreichen sie ihr Publikum?

Die fünf Dozent*innen Thorsten Nesch, Franco Supino, Nils Mohl, Kathrin Schrocke und Julia Willmann werfen Fragen auf und geben individuelle Antworten, bezogen auf ihr Schreiben. Dabei formulieren sie teilweise erstmals eine Poetik, ihre Lehre von der Dichtkunst, eine Disziplin, die mir größten Respekt abnötigt.

Dass ein Text klüger als seine Urheberin, sein Verfasser ist, das ist ein alter Hut, eine gern zitiertes Bonmot. Ich habe es mir mal mit Worten von Adam Zagajewski in mein Notizbuch eingetragen:

Ich muss sagen, dass ich keinen dummen Lyriker spielen möchte, aber ich verstehe meine Gedichte nicht ganz. Das ist das Süße und das Wunderbare an der Lyrik: dass wir nicht ganz verstehen, was wir herstellen.
(Interview auf Faustkultur)

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Larry Tremblay: „Der feiste Christus“

Das Haus

Ich möchte widersprechen. Schon der erste Halbsatz des Klappentextes erscheint mir falsch, irrig. Der Protagonist, die zentrale Gestalt ist nicht Edgar, sondern das Haus.

Ein Blick auf die Kapitelüberschriften dieses an Umfang recht schmalen Romans des Kanadiers Larry Tremblay (Jahrgang 1954) weist in die gleiche Richtung: Es sind nicht die Menschen, die die Handlung bestimmen. Wie das? Hier stimmt etwas nicht. Oh, ja!

Das Ding – Das Tier – Die Badewanne – Das Telefon – Das kleine Tier – Das Kleid – Der Kaffee – Das Vaterunser – Der Krankenwagen  – Der Eiffelturm – Das Sonderangebot – Das Präservativ – Das Auge – Die Bibel – Der Film – Der Lagerraum – Der Bart – Das Heft – Der Friedhof – Die Kerze – Der Fleck – Die Pastete – Das zweite Heft – Die Müllsäcke – Das Foto – Der Kuchen – Der Pfeil – Die Inspektoren – Der Kühlschrank – Die Perücke – Der Gefreite – Das Kästchen – Die Hunde – Die Kette

Dies ist eine so stringente Kette, dass die Ausnahmen (Die Inspektoren und Der Gefreite) [Sonderstellung der Tiere, juristisch zwischen Ding und Mensch] mir fast als handwerkliche Mängel erscheinen. Hat hier einer sich nicht bewusst gemacht, was er tut? Agiert er impulsiv aus dem Unterbewusstsein heraus, ohne auf Fehler zu achten und sie zu korrigieren?

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Edem Awumey: „Nächtliche Erklärungen“

Rare Zwischenräume

Der 1975 in Lomé (Togo) geborene Schriftsteller Edem Awumey erhält durch den Übersetzer und Verleger Stefan Weidle seinen ersten Auftritt auf dem deutschen Buchmarkt. Der Autor lebt in der Nähe von Ottawa. Explication de la nuit (deutsch: Nächtliche Erklärungen) ist bereits sein vierter Roman und sollte den Auftritt Kanadas auf der Frankfurter Buchmesse 2020 bereichern. COVID-19 und eine abgelehnte Übersetzungsförderung durch das Canada Council for the Arts brachten die Pläne des Verlegers durcheinander. Nichtsdestotrotz, das Buch liegt vor und wird sich auch ohne die Unterstützung des Ehrengastes seinen Weg von Togo nach Kanada, von Kanada nach Deutschland und in die Welt bahnen, mächtig genug sind die Werkzeuge des Erzählers, roh, unmittelbar und doch auch zärtlich zugleich die Sprache, die er anwendet, um seine Geschichte zu erzählen.

Ito Baraka und seine Freunde Beno, Wali und Sika sind junge Studenten in Lomé, die von einer besseren Zukunft träumen und – da träumen unter dem vergreisenden Diktator nicht erlaubt ist: die Partei, die antiimperialistische Revolution, ER steht für die bessere Zukunft – ihre Zuflucht in der Literatur suchen. Samuel Becketts Werk gibt Stichworte vor.

Wir dachten noch über dieses Vierpersonenstück nach, als Wali in der Unibibliothek einen Beckett auslieh, den wir noch nicht gelesen hatten, Endspiel. Und da uns der Zufall manchmal in die Hände spielt, bestand das Personenverzeichnis aus drei Männern und einer Frau. Das waren wir, wir selbst steckten in derselben lähmenden Scheiße wie Becketts Geschöpfe […]

In der schwärzesten Scheiße saßen wir, weshalb das ganze Volk singen und tanzen mußte, wenn das Land einen hochrangigen Gast willkommen hieß, irgendwelche Mandatsträger, einen Monarchen oder Despoten in Uniform mit Schokoladenorden, das Volk im Ehrenspalier vom Flughafen bis zum Präsidentenpalast: Schüler, Beamte, Lehrer, Neugeborene auf dem Rücken ihrer jungen Mütter, die nichts von dem lustigen Spektakel verpassen wollten, Medizinmänner und sämtliche Stadtheilige, die wild gestikulierten und das Liedchen ewigen tropischen Glücks schmetterten […]

Die Freunde proben Endspiel am Strand, doch als einer krank wird, kommen sie auf die Idee, Sätze aus dem Stück als Flugblätter drucken zu lassen und in Lomé zu verteilen. Was als leichtfüßige, subversive Aktion beginnt, wird in den Unruhen der Jahre 1990/1991 zu einer tödlichen Gefahr. Menschen sterben im Kugelhagel oder verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Leichen werden vom Meer angeschwemmt. Awumey schont uns nicht, spart Folter und Mord nicht aus. Er lässt seine Figur Ito an einer Stelle sagen:

Ich muß nicht beschreiben, welch tierisches Geschrei sich erhob, das ohrenbetäubende Brüllen der Geschlagenen, deren Haut aufriß und deren Fleisch sich unter den Hieben in Fetzen ablöste.

Ito ist in Haft und den Häschern des Systems ausgeliefert. Die Freundschaft zu Koli Lem, dem Alten, der seiner Sehkraft beraubt wurde, lässt Ito die Zeit im Gefängnis überstehen. Er liest dem Blinden Bücher der Weltliteratur vor, sie reden darüber, der Alte nimmt den Jungen in die Pflicht, später über alles zu schreiben.

Als Ito aus der Haft kommt und mit Glück seiner Erschießung entrinnen kann, kehrt er zunächst nach Lomé zu seinen Eltern zurück, beginnt zu schreiben und nimmt ein Jahr später eine Einladung zu einem Stipendiumsaufenthalt in Kanada an.

Ito ist auf dem Weg zurück von Québec nach Hull in der Nähe von Ottawa. Er weiß, dass es keine Zeit mehr hat. Er wird sterben, die Leukämie frisst sich in seinen Körper, der ohnehin vom Alkohol geschwächt ist. Dennoch schreibt er, muss seine Geschichte fertigschreiben, muss Koli Lem gerecht werden, auch wenn er längst weiß, dass er sich nicht zum Flugmenschen, von denen Koli ihm berichtet hatte, eignet, sondern eine lichtscheuen Ratte geworden ist. Itos Freundin Kimi Blue ist drogensüchtig, zusammen suchen sie Momente des Glücks, die ihnen von ihren Geschichten zugestanden werden.

Kimi Blue stammte aus dem Indianerreservat von Kitigan Zibi Anishinabeg in der Nähe vom Maniwaki nördlich von Ottawa. Nach dem Tod ihres Vaters, der sich eines Tages am einzigen Baum im Hinterhof ihres Hauses erhängt hatte, mußte sie einige Jahre allein für ihre geisteskranke Mutter sorgen, die obendrein verfaulte Lungen hatte und als Folge eines Verkehrsunfalls und eines ausschweifenden Lebens an den Rollstuhl gefesselt war. Kimi arbeitete dort in einem Lebensmittelgeschäft und machte nach der Arbeit noch einen Abstecher zur Hütte eines Typen, der sie und ihre Mutter mit Zigaretten, Alkohol und Kokain versorgte.

Kimi will die Hoffnung nicht aufgeben, die Hoffnung von den Drogen wegzukommen, die Hoffnung, mit Ito eine Zukunft zu haben. Sie bestellt den Krankenwagen. Doch ihr Freund will nichts davon wissen.

Nein. Wir fahren nicht ins Krankenhaus. Wir gehen schlafen und spielen uns vor, es wäre eine ganz normale Nacht. Und wie schon seit drei Monaten werde ich meinen Kopf zwischen deinen Brüsten vergraben, ein debiler alter Sack, der sich trotz allem noch ans Leben klammert.

 

Gespräch mit dem Übersetzer Stefan Weidle und Textauszug auf Faustkultur.

Lina Meruane: „Heimkehr ins Unbekannte. Unterwegs nach Palästina“

Herkunft als Dorn

۰ | Von innen heraus
Für den Schmerz spielt sie scheinbar keine Rolle: die Verwechslung von Stachel und Dorn. Beide können die Haut aufreißen oder perforieren und subkutan eindringen. Und doch lohnt eine kurze Exkursion in die Botanik, um sich zu vergegenwärtigen, dass ein Dorn aus dem Innern der Pflanze herauswächst und nicht wie der Stachel ein Gebilde des Rindengewebes ist. Akzeptiert man die als Überschrift gewählte Metapher, die den Wissensdurst des Menschen „Wer bin ich? Woher komme ich?“ mit einem Dorn vergleicht, so ist diese Frage keine Randerscheinung, sondern vital, von unmittelbarer Notwendigkeit, um zu leben, um zu überleben.

Die Schriftstellerin Lina Meruane, 1970 in Santiago de Chile geboren, geht diesen Fragen in Heimkehr ins Unbekannte nach, sucht verbliebene Spuren ihrer Herkunft. Sie ist Unterwegs nach Palästina. Das Buch ist zweigeteilt: Rückverwandlung ist ein aus dem Spanischen übersetzter Text von 2014. Gesichter in meinem Gesicht wurde für diese Ausgabe geschrieben. Beide Teile, wie schon der zuletzt in deutscher Sprache erschienene Roman Rot vor Augen, wurden von Susanne Lange übersetzt.

Wo Heimkehr ist, muss zuvor der Weggang gewesen sein. Und zweifelsohne spricht dieses persönliche und politische Buch über Flucht:

Die Familie seiner Mutter war schon zwanzig Jahre zuvor ins Exil gegangen, mit der ersten Fluchtwelle, und hatte niemals zurückkehren können. Hamza sagt das mit britischer Lässigkeit, auch wenn man zwischen den Silben den Dorn des Geflüchteten spürt, der diesen Status als Anspruch aufrechterhält.

١ | Jordanufer und Beit Jala
Einmal konnte ich diesen Dorn eines Geflüchteten, eines Vertriebenen spüren. Es war im Jahr 2006, der Reiseleiter Abdullah Y. hatte unsere kleine, deutsche Reisegruppe nach Al-Maghtas (Jordanien) geführt. Als ich einen Augenblick mit ihm allein am Jordanufer war, wagte ich eine Frage. Ich fragte ihn, der im Alter von drei Jahren aus seiner Heimat flüchten musste, nach seinen Gefühlen im Anblick der besetzten West Bank. Die Augen auf seine Heimat gerichtet, antwortete er nicht, formte keine Worte. Und doch spürte ich sein Beben. Später suchte ich nach einem Begriff, nannte die Erinnerung, seine Erinnerung „ohnmächtige Wutstücke.“ Ich glaube nicht, ihm und seiner Lebensgeschichte in irgendeiner Weise gerecht geworden zu sein. Vielleicht habe ich jedoch zumindest eine Ahnung, welches Leid sich hinter dem von Meruane benutzten Begriff 67er-Palästinenser verbirgt. Ich sehe einen Menschen vor mir, der eine Familie gegründet, ein Haus gebaut, sich in Jordanien eingerichtet hat, aber Touristen ans Jordanufer zu führen, ist und bleibt der Dorn. Von dort, wo Abdullah und ich standen, sind es gerade einmal 40 oder 50 Kilometer Luftlinie nach Beit Jala, einer palästinensischen Stadt, noch heute mit einer christlichen Bevölkerungsmehrheit, aus der Meruanes Großvater Issa, später nannte er sich Salvador, 1920 vertrieben wurde. Als er überlegte zurückzukehren, vernichtete der Sechstagekrieg im Jahr 1967 seine Pläne. Christen aus Beit Jala finden sich in ganz Mittel- und Südamerika, dort gründeten sie Familien. Meruanes Familiengeschichte steht exemplarisch für viele.

٢ | Drei Fragen
Meruane stellt ihren Global Cultures-Studierenden an der New Yorker Universität zum Semesterbeginn folgende Fragen:

Where does your family originate?
What is home for you?
What languages do you speak other than English?

Es scheint zweifelhaft, ob solcherlei Fragen legitim sind oder ob sie nicht als unangenehm, einschüchternd und tendenziell diskriminierend empfunden werden. Ja, lerne ich im mobilen Lernlabor der Bildungsstätte Anne Frank, bereits der Versuch, äußere Merkmale (Hautfarbe) mit Herkunft und Sprache zu verknüpfen, ist ein rassistisches Muster. Dabei spielt keine Rolle, wie es vom Absender gemeint ist, sondern wie es beim Empfänger ankommt.

Meruane ist sich dieser Problematik durchaus bewusst. Sie hat es mit ihrer Haut und ihrem Gesicht bereits unzählige Male durchdekliniert; eine Begegnung am Flughafen:

You are Hebrew?, sagt er auf Englisch, offenbar geht er davon aus. Eine seltsame Art, danach zu fragen, ob ich Jüdin oder Israeli bin, die Sprache als Synonym für die religiöse und nationale Identität. […] Seit Jahr und Tag erkläre ich, dass ich weder Französin noch Italienerin bin, keine Griechin, keine Ägypterin oder Spanierin, keine Türkin oder Marokkanerin, nicht einmal eine echte Palästinenserin, so sehr das geübte Auge der israelischen Sicherheitskräfte das Palästinensische an mir sofort bemerkt hatte, auf meiner einzigen Reise nach Palästina.

Dennoch stellt Meruane diese existentiellen Fragen, gibt als Erste Auskunft und stellt jeder Person frei zu antworten oder nicht. Die überwältigende Mehrheit der Studierenden gibt bereitwillig Auskunft.

Ich sehe darin den Dorn, dieses von innen heraus gewachsene Gebilde, das ein lebenswichtiges Organ ersetzt. Wir haben das Bedürfnis, über unsere Herkunft zu sprechen. Wir möchten darüber erzählen, Zeugnis ablegen dürfen. Wir wollen uns nicht hinter der Maske eines Einheitsmenschen mit globaler Einheitssprache verstecken, sondern unsere Abstammung in tausenden Gesichtern, Geschichten und Sprachen weitergeben. Das ist, wie ich glaube, der Motor jeder Literatur. Wäre es nicht so, wir könnten aufhören, zu schreiben und Bücher zu lesen. Aber glücklicherweise sind wir süchtig nach Geschichten, die immer auch Geschichten über die Herkunft sind. Und diese ist nicht rein, kann es nicht sein, denn dies ist immer nur ein politisches Konstrukt.

Israel, das 20 Prozent arabische Bürger beherbergt, wurde zu einem „ausschließlich“ jüdischen Staat erklärt, und möglicherweise muss bald schon jeder, der die israelische Staatsbürgerschaft beantragt, einen Gentest machen und wissenschaftlich seine Reinheit nachweisen. Ein entsetzliches Streben, das nach Reinheit, die Reinheit hat uns nichts als Probleme gebracht […]

٣ | Wortverbot
Ich lese, dass seit 2008 das Wort Nakba nicht mehr in arabischsprachigen Schulbüchern in Israel genannt werden darf. Mit Nakba ist die Katastrophe gemeint, die aus Sicht der Palästinenser sich aus der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 für die palästinensische Bevölkerung ergab: tausendfache Flucht und Vertreibung.

Wortverbote, Denkverbote, das ist die ganz große Politik, die nicht mehr differenzieren will, die die Fähigkeit verloren hat, für die Bevölkerung eines Staates (auch der Minderheiten) und der Nachbarn Sorge zu tragen und Verantwortung zu übernehmen. Auf der Ebene der Familien, jenen, die unter großer Politik zu leiden haben, liest sich das bei Meruane so:

Viele, die während der Nakba fortgehen mussten, haben ihren Hausschlüssel behalten, wie auch viele der Juden, als sie 1492 – für sie das Jahr 5252 – aus Spanien vertrieben worden waren, die ihren behalten hatten, um nicht zu vergessen, dass es ein Haus gab, ein Dorf, eine Stadt, eine eigene Luft, die man ihnen entrissen hatte.

٤ | Jemand
Die Recherche einer Familiengeschichte, die mit Reisen nach Israel und in die West Bank verbunden ist, mit Kontakt zur weitläufigen Verwandtschaft, kommt an Checkpoints nicht vorbei. Es sind willkürliche Punkte, die politische Fragen produzieren, Solidarität, vor allem aber polemische oder auf Vernichtung zielende Angriffe nach sich ziehen.

Jemand hatte geweint, als er es [Meruanes Buch] in New York gelesen hatte, jemand war wütend geworden. Jemand hatte mir Unverfrorenheit bescheinigt. Jemand hatte gesagt, ich sei im Irrtum, jemand hatte bekräftigt, ich hätte recht. Jemand, ich hätte zu kurz gegriffen oder sei zu weit gegangen. Ich hätte übertrieben. Hätte gelogen. Niemals begriffen, immer noch nichts begriffen. […] Jemand (noch eine deutsche Professorin) erzählt, es sei unmöglich geworden, über den Zionismus zu sprechen, ohne als Antisemit abgestempelt zu werden. Jemand (ein linker Deutscher) beschuldigt mich des Antisemitismus, ohne zu verstehen, was das Wort bedeutet. Jemand beschimpft mich im Netz. Jemand unterstützt den Schimpfer. Jemand stellt sich gegen ihn. Jemand wirft mir vor, mich auf Kosten des palästinensischen Leids zu bereichern. Jemand schlägt vor, ich solle aufhören, über diese Leute zu reden, Leute wie mich.

Undsoweiterundsofort. Dieser Strom wir wohl nach dieser Veröffentlichung nicht abreißen. Über die legitime Erforschung der Herkunft (Where does your family originate?) wird es dabei selten gehen. Wort- und Bedeutungshoheit werden die so notwendigen Zwischentöne abwürgen.

٥ | denn ein gesicht ist niemals neutral – Stasi, Software und Super-Recognizer
Die Beamten dort [Tränenpalast, Friedrichstraße, Berlin] gehörten nicht der Volkspolizei der DDR an, sondern der Passkontrolleinheit, die der Stasi unterstand und darauf trainiert war, falsche Papiere und falsche Identitäten aufzuspüren. Anstatt Fingerabdrücke oder Unterschriften zu prüfen, konzentrierten sich diese Beamten auf die Entsprechung von Foto und Gesicht. […] Sie spezialisierten sich vor allem auf die Ohren, auf die Größe des Ohrläppchens und den Schwung von Knorpeln Dreiecksgrube Ohrdeckel Muschel Höcker Einschnitte, die nicht nur bei jedem Menschen einmalig sind, sondern auch niemals altern.

Die israelische Armee hatte die Checkpoints vor Jahren schon mit Gesichtserkennungstechnologie ausgestattet. […] Der geschäftsführende Direktor der israelischen Firma Anyvision (Beliebiger-Eindruck oder Totaler-Einblick, ein beredter Name dafür, dass sie alles sahen) schien den Blinden zu spielen, als er im Netz erklärte, dass sein Unternehmen Israel mit der neuesten Software für Gesichtserkennung belieferte und „sensibel auf rassistische und geschlechtliche Vorurteile reagiert und seine Technologie nur an Demokratien verkauft.“

Unter uns Menschen haben manche überragende Fähigkeiten, wenn es um das Erkennen von Gesichtern geht. Ein bis zwei Prozent der Bevölkerung besitzen diese Gabe, doch sie entfaltet sich nur, wenn der Super-Recognizer für die Polizei arbeitet. Man weiß von einem Super-Recognizer, der aberhundert Verdächtige erkannt hat, von denen er Jahre zuvor nur ein einziges Foto gesehen hatte, auf Kameras oder in Datenbanken.

٦ | Totenmaske
Meruane reist ein zweites Mal in die West Bank. Maryam, ihre Tante, trifft sie nicht mehr. Sie ist verstorben. Man zeigt ihr ein Video: Maryams Gesicht,

geschwollen von den Medikamenten, eine schreckliche Maske, die ihr die Krankheit übergestülpt hat und die sie mit ins Grab nehmen wird.

Meruane bleibt sich des Gesichts als Projektionsfläche der Herkunft bis in diesen Tod treu. Hartnäckig arbeitet sie sich daran ab und zeigt uns eine gesellschaftliche Dimension auf. Wir alle sind in Gefahr, denn die existentielle Suche wird systematisiert, gelenkt und zur Unterhöhlung unserer Freiheit genutzt: Gensequenzen entschlüsseln uns, Gesichtserkennung überwacht uns. Gelingt es uns angesichts dieser Technik, Menschen zu bleiben oder liefern wir uns als Datensätze einer totalitären Kontrolle aus?

 

Leopold Federmair: „Die lange Nacht der Illusion“

Das Leuchten der Ränder

Man kann sich nicht lange der Illusion hingeben, das Leuchten an den Rändern unserer Welt, das stets auch bedeutet: an den Rändern unserer Sprache(n), unseres verbalen Ausdrucksvermögens, sei ein Licht am Ende einer anhaltenden Dunkelheit. Was uns Leopold Federmair, mittlerweile seit 17 Jahren in Japan lebend, in seinem neuen Roman vorführt, ist eine Erstarrung, ein Verlöschen, ein Scheitern – und ein Trotzdem. Mit Die lange Nacht der Illusion schließt der Österreicher nach Tokyo Fragmente (2018) und Schönheit und Schmerz (2019) seine Japan-Trilogie ab.

Es geht um ein aufgebrochenes Dreieck zwischen Mutter, Vater und Tochter. Oder nein, besser: um die der Stabilität der Familie verlustig gewordenen Hauptpersonen Yuuki, Theo und Yoko.

Sie hatte ihren Mann nie „Vater“ genannt, wie es so viele japanische Ehefrauen taten, sobald ein Kind da war (auch in Geschäften, auf Ämtern, im Krankenhaus wurde man so angesprochen). Die Einzelperson war identisch mit der Rolle, die sie spielte.

Dies sind Sätze mit universellem Inhalt. Sie belegen, dass Ränder überall sind. Findet diese Nichttrennung von Person und Rolle nicht auch flächendeckend in Europa und sonst auf der Welt statt? Und führt dieses Verschleifen nicht früher oder später zu einem Identitätsverlust? Das sind Fragen, die in der Familie bleiben dürfen, um dort ihre Antwort zu finden.

Ja, man kann sagen, Federmairs Roman ist eine „kleine Japan-Kunde“, wie es Sebastian Fasthuber formuliert hat, aber er geht noch sehr viel tiefer in den Bereich zwischenmenschlicher Nicht-Kommunikation, die per se immer nur an den Rändern geschieht. Wir alle leben auf einer schmalen Kruste Zivilisation und vergessen, wie sehr es im Innern (unseres Planeten) brodelt. Und schaffen dann doch (trotzdem!) eine kühne und kühle Analyse, die Worte setzt, wo Leerstellen sich eingenistet haben.

Die Beziehung zwischen uns, Yuuki und mir, ist mit der Zeit immer feiner geworden, ein jedesmal zerbrechlicheres, reineres Gespinst aus Zeit. Und dann wieder gröber, mag sein, es gab Brüche und Abbrüche, so wie jetzt, plötzlich, ohne Übergang, keine Brücke, nicht einmal eine Furt.

Yuuki trennt sich von Theo, als Yoko in der sechsten Klasse ist. Sie verlässt Tokio und die Familie. Theo erinnert sich:

Plötzlich, ohne Vorankündigung, während der Ferien. Ein Kollege in der Zweigstelle ihrer Firma in Nagasaki, kaum älter als sie, zuständig für International Consulting, war einem Herzinfarkt erlegen, angeblich konnte nur Yukki ihn so kurzfristig ersetzen. Für sechs Monate, hatte es geheißen, bis ein Ortsansässiger eingeschult wäre, aber bald war von einem Jahr die Rede gewesen.

Federmair baut den Roman in zwei Teilen (Okarina und Kinkakuji) auf und ergänzt eine Einleitung (Affektenlehre) und einen kurzen Schlusstext (Kein Traum). Er macht sich Gedanken über das Erzählen und sucht nach neuen Formen der Romanstruktur. Als Instanz Autor wird Federmair erkennbar, wenn er schreibt:

Kaum eine Erzählung echter („echter“) Ereignisse läßt sich mit exakt der selben Anzahl von Worten bewältigen, die eine andere beansprucht; nicht einmal zwei Versionen ein und desselben Ereignisses sind in der Regel gleich lang, ganz zu schweigen von unterschiedlichen Rhythmen, Pausen, Akzentuierungen. Mehr noch, es fragt sich, ob zwei Ereignisse überhaupt gleichzeitig geschehen können. […] Blieb immer noch die Frage, wer beginnen würde, wie bei einem Gesellschaftsspiel, etwa: Der Jüngste zuerst. Oder nach der alten Regel des Gentlemans: Ladies first! Ich oder du, im Grunde genommen ist es egal.

Zunächst folgen wir Yuuki nach Nagasaki. Das Kapitel Okarina baut eine durch Einsamkeit und Entfremdung bedrohliche Kulisse auf, die sich in einer Extremwetterlage mit Starkregen, Überflutungen und schließlich einem Erdrutsch Bahn bricht und dabei alles, was an Ordnung und Sicherheit gültig war (hierfür die Metapher des violetten Müllsacks, dessen Inhalt nicht fachgerecht entsorgt wird), mit sich reißt.

Unschwer, sich dieses Katastrophenszenario vorzustellen, haben wir doch noch die Bilder des Tsunamis vom 11. März 2011 in unseren europäischen Köpfen. Doch wer in Japan lebt, braucht nicht so weit zurückgreifen, Murenabgänge und Hochwasser kommen immer wieder (öfter?) vor. Federmair dürfte hier den Bergrutsch vom Juli 2018 verarbeitet haben, als im Westen Japans und seinem Wohnort Hiroshima über hundert Menschen starben. Oder aber jenen vom August 2014 mit Dutzenden Toten.

Sturzbäche suchten sich Wege, Bette entstanden im Nu, Seitenarme flohen in den unversehrten Wald, vereinzelt kollerten Steine, schwarze Schollen rührten sich dumpf wie Rücken gewaltiger Schlangen. Die Mulde vor der Straße, am Fuß der Böschung, war jetzt, im lidlosen Traum, ein See. Und dann, im nächsten, wie letzten Augenblick, lag alles still, das Grollen war verklungen, nur das viel leisere, fast schon zarte Rauschen des Regens erfüllte den für immer – Jahrzehnte oder Jahrhunderte – veränderten Raum: die Traumlandschaft einer Mure […]

In der Szene, als Yuuki im obersten Stockwerk des Hochhauses der Künstlerin begegnet, die nachts die Okarina spielt, liegt ein besonderer Zauber mit ebenso viel Irritation wie Hoffnung. Yuuki, die Einzelgängerin, begegnet Menschen, Individuen, die nicht in der Uniformität der japanischen Gesellschaft aufgehen. Da passt jemand nicht ins System – und das ist gut so! Das nächtliche Okarinaspiel ist eine gelungene Interpretation einer Szene aus dem Animefilm Mein Freund Totoro, in der Totoro auf der Baumkrone thront, die Okarina spielt und eine kindlich-naive Hoffnung schenkt: Trotz alledem, alles wird gut!

Kurz nach der Katastrophe telefonieren Yuuki und Theo. Ist die Entfernung, die Entfremdung groß, so sind doch beide froh, einander zu hören, das wohl bekannte Schweigen des anderen zu hören, ein Lebenszeichen, wertvoll im Angesichts des Todes: ein Leuchten der Ränder!

Theos Perspektive, die im Kapitel Kinkakuji ausgebreitet wird, ist mit Yuukis nicht deckungsgleich. Kann es nicht sein. Der verlassene Ehemann, der sich um seine inzwischen in der Pubertät befindlichen Tochter kümmert, er hätte sich Raum nehmen können für eine lange Klage, ein Lamento auf die Ungerechtigkeit der Welt. Er tut es nicht. Er nimmt sich zurück. Der Fokus ist auf der Gegenwart, in der Theo sich seines viel tiefer gehenden Scheiterns am Leben, das sich in den kleinen Dingen zeigt, gewahr wird. Zum Beispiel am Erlernen der Schriftzeichen:

So viele Zeichen mußten draußenbleiben, sie schafften den Eintritt nicht, gewannen kein Bleiberecht. Bei seiner Tochter hingegen, das bemerkte er nicht nur im Hinblick auf die Landessprache, sondern auch beim Erkennen und Behalten von Details auf Bildern und in Filmen oder beim Anhören und Bewahren von Melodien und Liedtexten, genügte ein ein- oder zweimaliges Hören, Sehen oder Schreiben, damit sie, wahrscheinlich für alle Zeiten, ins Gedächtnis Aufnahme fanden.

Mit dem Wort Bleiberecht ruft Federmair eine Diskussion um Migration auf. Ist es nicht eine legitime Forderung, dass die, die zu uns kommen und bleiben wollen, unsere Sprache erlernen, sich an unsere Regeln halten? Der wachsame Nachbar hat einen Hinweis an den violetten Müllsack angebracht, nach ein paar Tagen wird der Bemerkung mehrsprachig, vielleicht, nein: bestimmt ist der Malefikant ein Ausländer!

Was passiert jedoch, wenn trotz guten Willens nicht gelingt, in Sprache und Kultur tief genug einzutauchen?

Sein Wunsch, diese Sprache zu erlernen, und nicht nur die gesprochene Sprache, sondern auch die Schrift, mit der sie festgehalten wird, dieser Wunsch war erwacht, als er den bekanntesten der Romane Yukio Mishimas in einer alten, längst vergriffenen deutschen Übersetzung las. Oder genauer, als er das Buch mit der holperigen Übersetzung und dem Fünfzigerjahre-Cover, das den Schattenriß eines Tempels mit Rot und Gelb drumherum zeigte, weglegte, weil er es nicht mehr länger ertrug, die Eleganz von Mishimas Sätzen, die er zu ahnen glaubte, mit solch groben deutschen Füßen getreten zu sehen.

Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander. Ein Yoko mitgegebenes Informationsschreiben der Schule kann Theo nicht lesen, deren Zeichen nicht entziffern, nicht richtig deuten. Die Tochter muss ihm den Text vorlesen. Hier zeigt sich, was es heißt, müde vom Leben zu sein: Ein Prozess des Welkens, während die Tochter aufblüht und ihre Kraft, ihre Duftmarken verströmt. Manchmal sagt sie ihrem Vater, er sei dumm. Halb, um ihn zu necken, halb, um ihn zu verletzen, in einem Ablösungsprozess, in dem Väter alt werden.

An irgendeinem Punkt, der ihm entgangen war und den er auch im Rückblick nicht genau zu bestimmen vermochte, hatte sich alles geändert. Die Geschichte – seine Geschichte – war gekippt. Einmal, als er seiner in Zorn geratenen Tochter schweigend zuhörte, sah er dieses Kippen deutlich vor sich: ein Bunker im Sand der Atlantikküste. Der Betonklotz verwandelte sich, während die zornige Stimme lauter wurde, in ein riesiges, viel zu großes, behäbiges Tier, das langsam zur Seite fiel und dann schicksalsergeben im Staub lag, es würde sich nie mehr erheben.

Federmair findet Worte für Prozesse innerhalb der Familie, die uns allzu oft verletzt zurücklassen, kraftlos, ratlos. Dass er seiner Figur Theo nahe ist und dabei eine Sprachkraft entwickelt, die Distanz schafft, Selbstbeobachtung ohne Anflug von Larmoyanz ermöglicht, die Leere in unaufgeregter und präziser Weise füllt, das ist Sprachkunst.

Übersetzen kann man nur trotzdem. Trotz was? („Wotrotz“?) Leben kann man nur trotzdem. […] Worte machen inmitten einer Unzahl von Wörtern. Indem er bis zum letzten Atemzug seine wachsende Tumbheit bekämpfte, bekämpfte und umhegte, würde der Roman vom Goldenen Tempel aus den verbrannten Wörtern noch einmal, das erste Mal, entstehen.

Am Ende erweist sich das Leuchten doch als reines Licht einer hinter sich gelassenen Dunkelheit.

Andreas Neeser: „Wie wir gehen“

Tektonik

Der neue Roman Wie wir gehen des Schweizer Schriftstellers Andreas Neeser ist die Bestandsaufnahme eines Lebens. Insofern könnte der Titel auch Wo wir stehen lauten, aber Mona hat sich entschlossen, auf ihren Vater Johannes zuzugehen, wenngleich das ein schwieriger Weg ist. Was verbindet Vater und Tochter, was trennt sie? Am Ende findet sie ein passendes Bild:

Anhand der Unterrichtsnotizen hat sie [Monas Tochter Noëlle, E. G.] mir von den Kontinenten erzählt, die sich unter der Erdoberfläche bewegen. Platten der Erdkruste, die auf dem Erdmantel aufliegen und darauf „herumspazieren“. […] Wir zwei Kontinentchen, du und dich, wir spazieren auf dem Mantel, der unseren gemeinsamen Kern umhüllt. Es zieht die beiden zugleich zueinander hin und voneinander weg. Ein ständiges schmerzhaftes Ziehen und Zerren auf dem Boden der Tatsachen.

Neeser leuchtet die Nicht-Beziehung von Vater und Tochter behutsam aus. Er zerrt sie nicht ans Tageslicht, sucht nicht wortreich, was ohnehin vorgeführt wird, sondern agiert wie ein Beleuchter im Theater, setzt klug in Szene. Manches bleibt im Dunkeln. Neeser überlässt es der Leserin, dem Leser, diese Lücken zu schließen und versetzt so sein Lesepublikum in die gleiche Lage, in der sich auch die beiden Hauptfiguren befinden: Leerstellen und Nullspannen, die auszufüllen sind.

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Leopold Federmair: „Schönheit und Schmerz“

Gespräch mit Leopold Federmair auf Faustkultur.

Schönheit und Schmerz
Annäherung an Leopold Federmair

Essay

Ich spüre die Unmöglichkeit, dieses Buch zu besprechen, ihm mein (wer bin ich?) Werturteil aufzudrücken. Es geht nicht um Daumen hoch oder runter, ich bin nicht in der Arena, weder Zuschauer, der brav sein Brot frisst, noch Herrscher, der sein Machtspiel treibt. Schönheit und Schmerz von Leopold Federmair macht etwas mit mir, darüber will ich schreibend sprechen.

Könnte ich dann nicht auch eine Rezension schreiben? Ist es nicht so, dass jedes Buch etwas mit der Leserin, dem Leser macht und dass sie alles Recht der Welt haben, diese Leseerfahrung zum Maßstab einer Kritik zu machen? Spielt es eine Rolle, was der Autor sagen will oder kommt es nur darauf an, was ankommt? Entsteht Literatur erst im Auditorium, mit der Leserschaft?

Um nicht nur Fragen zu stellen, gebe ich auf die letzte Frage ein Nein zu Protokoll. Literatur entsteht im Schreiben, unabhängig von der Anzahl und Bewertung der Leserinnen und Leser, daran glaube ich, muss ich glauben, sonst wäre ich kein Schreibend-Suchender.

Weshalb die Flucht ins Essay? Weil es mehr Raum zum Scheitern gibt oder weil ich unverfrorener über mich sprechen kann?

Noch weiß ich es nicht, habe jedoch die Vorahnung, dass sich ein Satz bilden wird, der da lautet:

ICH – SCHREIBE – GEGEN – DEN – TOD

Plötzlich schlägt Unbekümmertheit in Versehrtheit um, ein Unfall, eine Krankheit. Es trifft mich nicht allein. Es geschieht ständig, überall. Und schreiben wir, schreiben wir also immer gegen den Tod. Wollen ihm Leben abtrotzen oder zumindest den Zurückbleibenden ein Vermächtnis hinterlassen.

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Christa Morgenrath, Eva Wernecke (Hg.): „Imagine Africa 2060“

Schmetterlingseffekt

Die Zeiten sind lang vorbei, in denen es uns egal sein konnte, ob in China ein Sack Reis umfällt. Politische Aussagen von vor etwas mehr als 10 Jahren erscheinen uns bereits aus einer anderen Epoche, nennen wir sie im metaphorischen Sinne, ob der Hartnäckigkeit der Ignoranz, steinzeitlich.

Frage: Bleibt die heimische Braunkohle…
Antwort: Wer hier nun fordert, zur Rettung des Weltklimas aus der Braunkohle auszusteigen, der sollte sich die Welt aber auch mal anschauen, wie sie ist. Allein die Chinesen bauen beispielsweise jedes Jahr zwei Milliarden Tonnen Kohle ab und eröffnen alle ein bis zwei Wochen ein neues Kohlekraftwerk – ohne auf Umweltschutztechnik einen besonderen Wert zu legen! Deshalb sage ich zugespitzt: Ob wir in Brandenburg unsere beiden Kraftwerke Jänschwalde und Schwarze Pumpe schließen, hat auf das Weltklima ungefähr soviel Auswirkungen, als ob in China ein Sack Reis umfällt.
(aus: Interview mit dem brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck am 12.05.2008 für Super-Illu)

Die Welt, wie sie ist, in Augenschein zu nehmen, bedarf vieler Perspektiven. Christa Morgenrath und Eva Wernecke haben als Herausgeberinnen des Buches Image Africa 2060. Geschichten zur Zukunft eines Kontinents zehn Perspektiven zusammengetragen, die einen Ausblick auf die Zukunft Afrikas und der Welt wagen.

Es bedarf keiner vertieften Kenntnis der Chaostheorie, in der der Flügelschlag eines Schmetterlings in Zusammenhang gesetzt wird mit gewaltigen Wetterphänomenen, um zu verstehen, was den Protagonisten Makomborero umtreibt.

Er dreht sich auf seinem Stuhl nach rechts und nahm Nikkei, Mumbai Sensex und Hang Seng in den Blick. Geschäftsschluss war gestern. Heutzutage war davon längst keine Rede mehr. Heute galt 24/7, Handel rund um die Uhr. Schön anzuschauen, grüne und rote Pfeile, alles mit allen verbunden. Schmetterlingseffekt. Der Schnupfen, den all kriegen, wenn Peking niest.
(aus: Data Farming von Tendai Huchu)

Die Beiträge von Ellen Banda-Aaku (Sambia), Ken Bugul (Senegal), Aya Cissoko (Mali), Youssouf Amine Elalamy (Marokko), Tendai Huchu (Simbabwe), Sonwabiso Ngcowa (Südafrika), Okwiri Oduor (Kenia), Nii Ayikwei Parkes (Ghana) und Chika Unigwe (Nigeria) sind eigens für diesen Band geschrieben, der Text von José Eduardo Agualusa (Angola) ist ein Ausschnitt aus seinem Roman A Vida no Céu.

Die Übersetzungen wurden von Michael Kegler (aus dem Portugiesischen), Jutta Himmelreich (aus dem Englischen) und Gudrun Honke (aus dem Französischen) gefertigt.

So sehr ich den Romanausschnitt genossen habe, und so sehr dieser ein gelungener Einstieg in das Buch ist (mitsamt des Cliffhanger-Endes, der meine Neugier antreibt, den gesamten Roman zu lesen), so ist doch Agualusas Text nicht mit den für dieses Buch geschriebenen Texte vergleichbar, die oftmals auf das Schlüsselwort 2060 fokussieren, während der Roman sich darüber mit der Leichtigkeit eines Luftschiffes hinwegzusetzen kann. Es mag ein hartes Urteil sein, darin eine konzeptionelle Schwäche des Buches ausmachen zu wollen.

Ich heiße Carlos Benjamin Tucano und bin vor sechzehn Jahren in einem Dorf namens Luanda geboren, einem Zusammenschluss von mehr als dreihundert Flößen. Ein ziemlich großes Areal insgesamt. Große Dörfer sind träge und schwierig zu steuern. Ein einzelnes Floß, das zwar langsamer ist als ein Luftschiff, kann sich vor Unwettern in Sicherheit bringen, vor den Wolken davonfahren.
(aus: Als die Welt untergegangen war … von José Eduardo Agualusa)

Die Vielfalt der Perspektiven, die uns hier aus Afrika erreichen, ist großartig. Morgenrath und Wernecke haben einen lesenswerten Band vorgelegt, der in Deutschland, in Europa Gehör finden sollte. Ignoranz können wir uns schon lange nicht mehr leisten.

Die zehn Stimmen sprechen weit weniger als erwartet von einer fernen Zukunft, sondern von uns wohl bekannten Strukturen, die sich trotz aller Innovation und technischer Revolution (Roboter, aus Stammzellen gezüchtete Ersatzorgane) nicht geändert haben werden.

Sie fand es lachhaft, dass er seinen Kinderwunsch ausgerechnet in dem Moment äußerte, in dem ihr das bedeutendste Rennen ihres Lebens bevorstand. Eine Schwangerschaft war ausgeschlossen, sowohl jetzt, als auch während der vier Jahre ihrer Präsidentschaft. Und wahrscheinlich würde sie sich überhaupt nie dafür entscheiden. Versuchte Ejike etwa, ihren Traum zu sabotieren?
(aus: Amara for President von Chika Unigwe)

Mir sind diejenigen Texte näher, die mit erzählerischen Mitteln eine Verbindung der Generationen herstellen und daraus ihr Bildnis der Zukunft entwerfen.

Wir scheißen alle und vergessen das nie, hat dir Gogo, die Mutter deiner Mutter erzählt, als du neun warst.
(aus: Froschaugen von Ellen Banda-Aaku)

Anders als sein Vater, und dessen Vater vor ihm, hatte Makomborero nichts Handfestes herstellen müssen. Allein der Gedanke deprimierte ihn, während er aus den Augenwinkeln rotes Blinken wahrnahm.
(aus: Data Farming von Tendai Huchu)

Mamma,
Was machst du, wenn sie deiner Schwester das Herz geklaut ham, und die Nieren? Und du, du hast die Wahrheit so rausgefunden.
(aus: Die Wahrheit von Sonwabiso Ngcowa)

Die Mama lachte kurz auf. „Kind“, sagte sie, „meine Nabelschur, die Nabelschur meiner Mama und die meiner Großmama, alle haben sie deine Füße hier an diesen Boden, an diese Erde gebunden. […] Das Land wird dich immer wieder hierher zurückrufen. Weißt du das nicht? „
(aus: Heimwärts von Okwiri Oduor)

Wo Erzählung zurückweicht und einem Ton der Behauptung Platz einräumt, schwindet meine Interesse spürbar. Ich möchte Geschichten hören, als Leser nicht hingeworfene Statements fressen müssen.

Die Königinmutter leidet stumm, seit so langer Zeit.
Bis wann?
Sie ist Zeugin all der Misshandlungen gewesen, die die Völker ihres Königsreichs erdulden mussten. Sie hat sich gewehrt, vergeblich. Ihre Ältesten, gehirnmanipuliert auch sie, machen gemeinsame Sache mit der mächtigen Clique, obwohl die ihre Versprechungen niemals einlöst.
(aus: Utopie von Ken Bugul)

Mali war niemals ein armer, sterbender Staat gewesen. Die Übernahme des Landes durch eine gebildete, ehrgeizige, integre und unternehmungsfreudige Jugend war die einzige Möglichkeit, ihm die vollständige Souveränität wiederzugeben.
(aus: Die Rückkehr von Aya Cissoko)

Daran kein Wort falsch, entstehen in mir jedoch bei dieser Art des Schreibens keine Bilder, die in die Tiefe gehen, zurück in die Familiengeschichten, die mich umtreiben. Von denen ich nie genug bekommen werde und in diesem Band reichlich bekam.

 

Ruždija Russo Sejdović: „Der Eremit. Stille und Unruhe eines Rom“

Hundeperspektive

Erleichtert sprang ich aus dem Bus. Ich wusste, wenn ich drinnen geblieben wäre, hätte ich sie allesamt zerschmettert wie Kürbisse. Ich klopfte meinen Regenmantel ab, um den Staub zu beseitigen. Als ich einen Blick hinter mich warf, sah ich neben dem Weg die Hunde, die ich vorhin zum Teufel gejagt hatte. Ihre nassen Zungen hingen heraus, sie hechelten schwer und stierten mich an, als warteten sie nur auf den günstigsten Moment, um sich auf mich zu stürzen und mich zu verschlingen. Ich ging in die Hocke und starrte ihnen in die Augen, wie es die Cowboys tun im wilden Westen. Urplötzlich begann ich, einen Hund anzubellen. Da wurden sie von Furcht gepackt und rannten über die Felder auf und davon, aber ich hinterdrein. Ich rannte und bellte wie ein Verrückter. Noch nie in meinem Leben hatte ich so fröhlich gebellt. Ich fühlte mich frei und glücklich, einmal in die Haut eines Tieres geschlüpft zu sein.
(aus: Jugoslawien und Deutschland)

Das ist eine furiose Szene, die mich unweigerlich an die Sanduhr denken lässt, jenes für mich so wichtige Buch, das mir Trost und Richtung gab, als mein Vater gestorben war, mittlerweile vor 24 Jahren.

Was ist das für ein merkwürdiger Morgen, an dem ich auf einen Schriftsteller zu sprechen kommen möchte, dessen in Mitteleuropa doch eher gelegentlich gedacht wird  – und doch just an diesem Tag finde ich eine  Besprechung seines frühen Werks Psalm 44 im Internet? (Aha: 15. Oktober 2019 war dessen 30. Todestag!)

Was sieht man sonst noch aus der Hundeperspektive?
(aus: Sanduhr von Danilo Kiš )

Der Prosaband Der Eremit. Stille und Unruhe eines Rom von Ruždija Russo Sejdović, 1966 in Kuče (Montenegro) geboren, ist eine Sammlung kurzer Prosatexte, die aus dem Gurbet-Romani, einer Varietät des Vlax-Romani, von Melitta Depner ins Deutsche übersetzt und 2017 veröffentlicht wurde.

Dass sich hierfür kein renommierter deutscher Verlag fand, der Band vielmehr als Eigenpublikation erschien, verrät viel über den Umgang mit Minoritätssprachen und belegt den schlechten Zustand Europas. Frieden und Aussöhnung?

Keineswegs schmälerte es die Qualität der Texte.

Es macht mich wütend, dass bei der Aufnahme von Schriftstellerinnen und Schriftstellern in den Berufsverband VS immer noch Eigenpublikationen als minderwertig  erachtet werden. Welche Arroganz der Mehrheitssprache, welche Ignoranz gegenüber der Geschichte!
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