Micheal Hillen: „Antonia und andere Frauengeschichten“

Diskrete Poesie

Der 1953 in Bonn geborene Lyriker Michael Hillen schreibt in seinem neuesten Band Antonia und andere Frauengeschichten Geschichten über von der Gesellschaft unterschiedlich wahrgenommene Frauen. Da steht die titelgebende Antonia, an der das Schulgeld gespart wurde und die sechzig Jahre an der Seite ihres Ehemanns stand, bevor sie als Witwe ihrem Leben einen neuen Sinn geben muss, beispielsweise neben Mona Lisa, Rosa LuxemburgHilde Domin oder Alfonsina Storni, einer argentinischen Dichterin, die 1892 in der Schweiz geboren wurde. Ob bekannt, berühmt oder in der Anonymität der Masse lebend, Rezensentin Elke Engelhardt weist darauf hin:

„Diese zutiefst aufrichtige Gleichbehandlung von allem, was er [Michael Hillen] sieht und beschreibt, ist ungeheuer wohltuend […]“

Hillens Sprachfluss ist nicht ausufernd, es entstehen keine Prosagedichte. Im Gegenteil, die Geschichten der Frauen sind zumeist kurze Gedichte, die sich trotzdem mitteilen.

Sie tun dies mit einem Höchstmaß an Diskretion, im doppelten Sinnes des Wortes: Verschwiegenheit und Rücksichtnahme.

Wir wissen nicht, wessen Schicksal Hillen in seinen Texten Raum bietet, die Frauen (und auch Männer) bleiben unentdeckt. (An einige Stellen bietet der Autor durch Widmungen Hinweise auf die Personen, ohne jedoch weitere Erläuterungen zu geben.) Und die Gedichte bergen Geheimnisse, deren Schlüssel der Autor nicht großzügig verteilt. Das entspricht der Haltung des Autors ebenso wie der allumfassenden  Einsamkeit, die die Figuren umschließt, hermetisch vor der Außenwelt abriegelt. Man muss schon genau und geduldig lesen und hinsehen, um mehr zu erfahren.

schweigsame

läßt das hinterste
ihrer zunge nicht sehn, schweigt
in mehr als sieben sprachen.
sie ist ein verschlossenes fenster
das das leben in die mauer
gebrochen haben muß
gegen ihren willen, ein fenster
aus dem sie stumm hinausblickt
wie eine kleine diebin
auf der wache.
wer aber verstohlen hineinsieht
findet sie in unaufhörlichem
gespräch.

Die Rücksichtnahme, das Taktgefühl ist das Außerordentliche an den Gedichten. Wie wohl sie Figuren vorstellen und vorsichtig in die Öffentlichkeit bringen, die Figuren werden in ihre Schwäche, Trauer, Einsamkeit, Todesangst nie bloßgestellt.

Es ist mutig und notwendig, in einer Leistungsgesellschaft über gesellschaftliche Tabus des Alterns, des Sterbens, über den Verlust zu schreiben. Hillens lyrisches Ich nimmt uns mit auf den Weg des Ablebens seiner Mutter.

und daß sie sich keine sorgen machen solle,
ich würde schon auf mich aufpassen.
und schilderte ihr dann mit verschwimmender
tinte die letzten stunden.
zusammen mit ihrer lieblingsblume und einem
buchsbaumzweig ließ ich ihr die zeilen
zum behördlich eingeteilten termin
zufallen. die drei beschriebenen tage
fehlten ihr ja in ihrem leben.

(aus: fehlende tage)

Die Haltung des Autors ermöglicht, in Tabuzonen einzudringen und daraus, wie Engelhardt sagt, Zwischenräume zu gestalten. Räume, die wir Menschen brauchen. Daran ist nichts Peinliches.

Wenn ich das nächste Mal meine Mutter besuche, möchte ich ihr das nachfolgende Gedicht vortragen. Ob wir darüber reden können?

heim

noch singen die vögel
durch die eigenen wände.

sie weiß es, nichts wird einfacher,
mit jedem neuen tag.
die porösen knochen, das herz,
ihre kraftlose erinnerung
an kaum vergangene zeit.
ein leichtes
ist den gebrechen fremd.

aber es gibt wörter wie dieses,
dem muß man den weg abschneiden
zu den lippen,
das darf man niemals aussprechen,
das darf nur schweigen.
dann kann es nicht wahr werden.

noch singen die vögel
durch die eigenen wände.