Pete Smith: „Endspiel“

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Von Gewissheit und Gewissen

Gewiss – das ist das zentrale Wort dieses Romans, es steht als sprachlicher Mittler zwischen dem 29jährigen angehenden Historiker Lionel Kaufmann und der 79 Jahre alten Elena Morgenstern.

Lionel soll die Lebensgeschichte der Seniorin, die er im Altersheim kennenlernt, wo er einen Brotjob als Lehrer für Silver Surfers bekommen hat, aufschreiben. Zu diesem Zweck reicht Elena Lionel einen Koffer voller Aufzeichnungen. Ein ganzes Leben, das eng beschrieben in diesen Koffer passt, verlässt die Seniorenresidenz und zieht in Lionels kleine Wohnung ein. Dort wird es eng. Lionels Freundin Uli zieht ebenfalls ein. Sie ist schwanger. Beide planen ihr gemeinsames Leben und verfangen sich zunehmend in der Vergangenheit, in der Geschichte der aus Elbing stammenden Deutschen und ihrer großen Liebe Seraphin, eines jüdischen Auschwitz-Überlebenden.

„Sie wollen wissen, ob meine Eltern Nazis waren, nicht wahr? Ich selbst. Gewiss, das müssen wir anführen, für unsere Geschichte ist das von Belang“, antwortet Elena, als Lionel nach der ersten Durchsicht der Aufzeichungen zu ihr kommt, um Fragen zu stellen.

Elena und Seraphin heiraten nach dem Krieg, erleben einige glückliche Jahre, bevor er sich das Leben nimmt. Der Verlust des Mannes ist für Elena der Anlass, sich ihrer eigenen Geschichte zu stellen, sich auf die Spuren der Opfer des Nationalsozialismus zu machen. Sie will Gewissheit. Die juristische Aufarbeitung der Verbrechen verläuft schleppend. In Frankfurt wird der Auschwitz-Prozess vorbereitet. Elena gibt ihren Job auf, um Tag für Tag den Prozess zu beobachten, den Tätern in Gesicht zu sehen und ihre Beobachtungen mitzuschreiben. Sie verzweifelt an der Gewissenlosigkeit der Beschuldigten, die zu Beginn des Prozesses sich geradezu unantastbar aufführen. Doch Elenas Wunsch noch Gewissheit gibt ihr die Kraft, Zeugen, Überlebende von Auschwitz, zu betreuen. In den Gesprächen mit diesen findet sie Trost und fühlt sich Seraphin näher, als es ihr in der aufkommenden bundesrepublikanischen Konsumgesellschaft, die die Geschichte abschließen will, möglich ist.

Sicher vernachlässige ich an dieser Stelle die Zeitebene der Gegenwart des Romans. Lionel und Elena begegnen sich im Sommer 2010, als in Südafrika die Fußball-Weltmeisterschaft stattfindet. Pete Smith versteht es, die Zeitebene so zu verschränken, dass zu keinem Zeitpunkt der Lektüre der Verdacht aufkommt, der Roman nähre sich aus der Vergangenheit. Nein. Die Gegenwart in „Endspiel“ ist ein Kaleidoskop eines Frankfurter Sommers mit Spaziergängen in den Niddaauen, Tuesday Night Skating, Public Viewing und und und. Und die Zukunft wächst in Ulis Bauch.

Doch wie auch immer: Deutschland kommt nicht ins Endspiel. Es geht nicht um Sport. Die zwei Mannschaften, die sich gegenüberstehen sind die Täter und die Opfer. Das Ergebnis steht schon lange fest.