Hadaa Sendoo: „Sich zuhause fühlen“

Doch stiller // das Land

Der 1961 in der Inneren Mongolei (China) geborene Dichter Hadaa Sendoo entwickelt seine Themen, wie er im Interview mit Maya Gogoladse sagt, aus den Widersprüchen zwischen traditioneller nomadischer Lebensweise und städtischer Zivilisation, die er mit Inhumanität und Verzweiflung assoziiert. Sendoo wurde in Hohhot, der Hauptstadt der Inneren Mongolei geboren und wuchs dort auf, heute eine Stadt von über 2,5 Millionen Einwohnern, überschritt sie bereits in den Sechzigern die Millionengrenze.

In der Gedichtauswahl Sich zuhause fühlen mit Übersetzungen ins Deutsche von Astrid Nischkauer und Andreas Weiland aus vom Autor angefertigten englischen Übersetzungen der mongolischen Originale, bleibt Sendoo den Nachweis der Zerstörung menschlichen Seins durch den Moloch Stadt weitgehend schuldig.

Die weißen Wände sind
Nicht die dunklen Jahre, oder kalte Wände,
Verputzt mit Kalkzement
Und darüber
Zerbrochenes Glas, zusammengehalten von Stacheldraht

Die weißen Wände sind Wollfilz der mongolischen Steppe
[aus: Weiße Wände]

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Hildegard E. Keller: „Alfonsina Storni – Distel im Wind“ (erscheint im Juni 2019)

Bei der Kurzbesprechung von Antonia und andere Frauengeschichten von Michael Hillen stoße ich auf das Gedicht aufs wort, das ein Epigraph von Storni enthält.

Wer sich über Alfonsina Storni (1892-1938) informieren möchte, wird im Internet fündig, beispielsweise auf Schweizer Radio und Fernsehen (SRF Literatur) oder auf der Webseite der Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Hildegard Elisabeth Keller, die bereits 2013 mit Meine Seele hat kein Geschlecht ein Buch mit Erzählungen, Kolumnen, Provokationen von Storni herausgebracht hat.

Eine Rezension von Frank Milautzcki aus 2009 über den zweisprachigen Lyrikband El murciélago azul de la tristeza | Blaue Fledermaus der Trauer von Storni findet sich auf Fixpoetry.

Für 2019 ist im Limmat Verlag die Biographie Stornis von Hildegard Elisabeth Keller angekündigt.

Micheal Hillen: „Antonia und andere Frauengeschichten“

Diskrete Poesie

Der 1953 in Bonn geborene Lyriker Michael Hillen schreibt in seinem neuesten Band Antonia und andere Frauengeschichten Geschichten über von der Gesellschaft unterschiedlich wahrgenommene Frauen. Da steht die titelgebende Antonia, an der das Schulgeld gespart wurde und die sechzig Jahre an der Seite ihres Ehemanns stand, bevor sie als Witwe ihrem Leben einen neuen Sinn geben muss, beispielsweise neben Mona Lisa, Rosa LuxemburgHilde Domin oder Alfonsina Storni, einer argentinischen Dichterin, die 1892 in der Schweiz geboren wurde. Ob bekannt, berühmt oder in der Anonymität der Masse lebend, Rezensentin Elke Engelhardt weist darauf hin:

„Diese zutiefst aufrichtige Gleichbehandlung von allem, was er [Michael Hillen] sieht und beschreibt, ist ungeheuer wohltuend […]“

Hillens Sprachfluss ist nicht ausufernd, es entstehen keine Prosagedichte. Im Gegenteil, die Geschichten der Frauen sind zumeist kurze Gedichte, die sich trotzdem mitteilen.

Sie tun dies mit einem Höchstmaß an Diskretion, im doppelten Sinnes des Wortes: Verschwiegenheit und Rücksichtnahme.

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Antoinette Tidjani Alou: „Tina shot me between the eyes and other stories“

Bei der Frankfurter Buchmesse 2018 traf ich auf der Bühne der Lettres d’Afrique, eines von Raphaël Thierry organisierten Programms, das afrikanische Editionen  (und weitere frankophone Verlage aus Vietnam und Haiti) vorstellte, die nigerianischen Journalistin und Bloggerin Olatoun Williams. Begeistert erzählte sie mir, dass sie am nächsten Tag eine Lesung mit Gespräch mit Antoinette Tidjani Alou moderiere, deren erste Sammlung von Stories dieses Jahr in der senegalesischan Editions Amalion herausgebracht wurde.

Tidjani Alou wurde in Jamaica geboren und lebt heute in Niger. Sie unterrichtet Französisch und Komparatistik an der Université Abdou Moumouni de Niamey. Ihr Schreiben in englischer und französischer Sprache umfasst Life-Writing, Poesie und Short-Stories. Sie arbeitet auch als Übersetzerin. 2014 kam sie mit der sechsten Regional Residency for African Women Writers von Femrite nach Schweden ans Baltic Center for Writers and Translators auf Gotland.

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Jean Portante: „In Wirklichkeit | En réalité“

Der Wille, die Wörter

Das umfangreiche lyrische Werk des luxemburgischen Schriftstellers Jean Portante, 1950 in Differdange geboren, ist auf dem deutschen Markt noch weitgehend unbekannt. 2005 erschien mit Die Arbeit des Schattens (französisch: Point, Editions PHI 1999) die erste Übersetzung seiner Gedichte (Übersetzerin: Odile Kennel) in der luxemburgischen Editions PHI. Nun folgt die Veröffentlichung eines weiteren Gedichtbands, En realité aus dem Jahr 2008, als zweisprachige Ausgabe In Wirklichkeit – En realité im Verlag Hans Schiler. Michael Speier und Brigida Bezzenberger haben als Übersetzerduo aus dem Französischen übersetzt.

Rezension auf Fixpoetry.

Zwei georgische Lyrikerinnen: Bela Chekurishvili und Irma Shiolashvili

 

Bela Chekurishvili und Irma Shiolashvili wurden 1974 in Georgien geboren, studierten und arbeiteten in Tbilissi. Zur Zeit leben beide in Bonn und waren im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse 2018 mit dem Ehrengast Georgia – made by Characters auf gemeinsamer Lesereise.

Ein Anlass, ihre jeweils neuesten Lyrikbände nebeneinander zu legen, nach gemeinsamen Wurzeln zu suchen und nach dem Maß der Entfremdung in der neuen Heimat Ausschau zu halten.

Bela Chekurishvili: „Barfuß“

Übersetzung: Lika Kevlishvili (interlinear) und Norbert Hummelt
90 Seiten, Erscheinungsjahr: 2018
Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg

Irma Shiolashvili: „Kopfüber“

Nachdichtung: Sabine Schiffner
92 Seiten, bilingual: georgisch – deutsch, Erscheinungsjahr: 2018
Pop Verlag, Ludwigsburg

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Inger-Mari Aikio: „Cream for the Sun | Sahne für die Sonne“

An schwarzer Wasserlende

Die 1961 geborene Inger-Mari Aikio, Ima genannt, ist finnische Schriftstellerin samischer Sprache. Sie schreibt auf Finnisch und Nordsamisch, der größten, von etwa 25000 Menschen gesprochenen Sprache der aus acht Sprachen bestehenden Sámi-Sprachfamilie.

Der bilinguale Gedichtband, englisch und deutsch, ist das Ergebnis eines spannenden Übersetzungsprozesses, der von Studierenden im Übersetzungslaboratorium am Fachsprachenzentrum der Universität Bielefeld in Zusammenarbeit mit ihren Dozentinnen und professionellen Literaturübersetzerinnen durchgeführt wurde.

Aikio hat für eine Zusammenarbeit mit dem Musiker Miro Mantere sich ein der Tradition des Haiku (5-7-5 Silben/Moren) und des Tanka (5-7-5-7-7-Silben/Moren) folgendes Schema zurechtgelegt, dass sie auf ihre beiden Sprachen anwendet. Das führt dazu, dass die finnischen und die nordsamischen Versionen ihrer jeweils in 5-7-7-Silben geschriebenen Naturbeobachtungen nicht deckungsgleich sind. Eine Gruppe der Studierenden hat sich die finnische Version vorgenommen, zunächst interlinear ins Deutsche übersetzt und dann mit der Literaturübersetzerin durchgearbeitet, die andere Gruppe hat die nordsamische Version im gleichen Verfahren ins Englische übertragen.

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Mary Caesar: „My Healing Journey“

Lower Post Residental School Memories

Mary Caesar, Strong Woman Walking, so ihr indianischer Name, wurde 1955 in Kanada als Mitglied der Liard First Nation an der Grenze von Yukon zu British Columbia am Watson Lake geboren.

In ihrer Lyrik und ihrer Kunst legt sie Zeugnis ab vom Leben indigener Menschen, die in das rassistische und Menschenleben zerstörende System der Residental Schools in Kanada gezwungen wurden, dessen Ziel es war, die Menschen zu entwurzeln, ihrer Herkunft, ihrer Kultur zu berauben und physisch und psychisch zu vernichten.

Caeser sagt von sich, sie habe die Residential School überlebt. Ihre Triebfeder zu schreiben, ist, jenen zu gedenken, die dieses Martyrium nicht überlebt haben. Opfer sind auch die Überlebenden, denn sie sind lebenslang gezeichnet.

Ida war eine Überlebende der Lower Post Residential
School.
Ich werde ihr Andenken immer wahren.

(aus: Für Ida)

In ihrem Vorwort erzählt Caesar von ihrer Alkoholabhängigkeit und dem langen Weg der Heilung, den sie auch durch ihr Schreiben und ihre Kunst vorantreibt.

Dass dieses wichtige Zeugnis aus 24 Gedichten (bereits in der 4. Auflage) zweisprachig in englischer und deutscher Sprache vorliegt, reich bebildert mit der Kunst der Autorin, ist ein Verdienst engagierter Menschen, die den Blick auf die Situation indigener Völker in Nordamerika jenseits überkommener Klischees, die immer noch einen kauffreudiger deutschen Markt bedienen, richten.

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Kum’a Ndumbe III. (Hrsg.): „So war das bei der Zwangsarbeit …“

Reihe: Jetzt berichten afrikanische Zeitzeugen …

Interview eines betagten Basaa
Papa Pegha André über die deutsche Kolonialzeit

Die Fondation AfricAvenir International führt das Projekt „Africa’s Collective Memory“ in Kooperation mit der Gerda Henkel Stiftung durch. Kamerunische Zeitzeugen der deutschen Kolonialzeit (1884-1916) berichten in ihren Sprachen.

Kolonialgeschichte wird durch deren Erinnerungen aus der Perspektive der Opfer geschrieben. Und auch in deutscher Sprache erfahrbar. Von den 15 zur Zeit verfügbaren Buchtiteln, die auf der gerade zu Ende gegangenen Frankfurter Buchmesse präsentiert wurden, sind drei Titel ins Deutsche übersetzt.

(Das hier besprochene Buch wurde von Dr. David André Njock  transkribiert und von Basaa ins Französische, von Peter Sondermeyer vom Französischen ins Deutsche übersetzt.)

Dabei sind die Ausgangssprachen der in den achtziger Jahren mit Tonkassetten aufgenommenen Zeugnisse vielfältig: Duala, Bakoko, Basaa, Ewondo, Eton, Manguissa, Yemba, Medumba, Shupamem, Pidgin und Französisch.

Jedem Buch ist eine Audio-CD hinzugefügt, die beim Hören eine Ahnung davon gibt, wie aufwändig es war, diese Tonaufnahmen zu digitalisieren, die Interviews zu transkribieren und zu übersetzen.

In einem Leitfaden zur Lektüre der Transskriptionen gibt es für Leser*innen, die die Ausgangssprache beherrschen, wichtige Hinweise, die auch dem Nichtkundigen eine Vorstellung von den Problemstellungen der Linguistik geben.

Jedes Buch ist ein Zeugnis, das subjektiv einen Teil der Kolonialgeschichte in sich trägt, inklusive offensichtlicher Irrtümer, Verwechslungen, Lücken, die bei der größten Exaktheit der Erinnerungen jedem Menschen unterlaufen.  In der Zusammenschau und der anschließend vorzunehmenden wissenschaftlichen Aufarbeitung jedoch wird daraus ein notwendiges Gegenbild zur deutschen Geschichtsschreibung, das aus Einzelstimmen ein fundiertes Wissen werden lässt und das geschehene Unrecht, von dem Politik und Gesellschaft in Deutschland ganz sicher nichts hören möchten, benennt. Um so erfreulicher, dass mit der deutschen Gerda Henkel Stiftung sich eine Institution gefunden hat, die mit ihren Mitteln gegen die Ignoranz arbeitet.

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Eva Bourke: „Seeing yellow“

Das Feuer der Sonnenblumen

Das dem neuen Gedichtband von Eva Bourke titelgebende Gedicht Seeing Yellow kommt mir wie eine Aufforderung vor, sich zeitweilig von unserer bunten Welt zu verabschieden und den Fokus des Sehens auf eine Farbe zu legen. Entsprechende Filter hat das menschlische Auge nicht, und doch: Diese Einzelbetrachtung ist eine Übung der Wahrnehmung, die uns über die Bedeutung der Farbe Gelb reflektieren lässt.

Ich greife mir Derek Jarmans Chroma. Ein Buch der Farben (aus dem Englischen von Almuth Carstens, Merve Verlag, Berlin 1995) aus dem Buchregal heraus und schlage sein Kapitel zu Gelb auf.

Bin ich auf dem richtigen Weg? Das Cover von Seeing Yellow zeigt eine Studie aus der Serie For the birds von Benjamin de Búrca, Bourkes Sohn, der mit Bárbara Wagner als Künstlerpaar im Bereich Videokunst und Fotografie arbeitet. Benjamin hat in Glasgow Malerei studiert. Ich bin mir sicher, dass Jarmans Chroma auch in seinem Bücherregal steht.

Jarman schreibt:

Der Frühling kommt mit Schellkraut und Narzisse. Der gelbe Raps macht Bienen schwindelig. Gelb ist eine schwierige Farbe, vergänglich wie die Mimose, die ihren Blütenstaub abwirft, wenn die Sonne untergeht.

Die Verbindung von Strahlkraft und Vergänglichkeit ist auch die über allen Gedichten dieses Bands schwebenden Energie, die mit Worten die Erdschwere, die Trauer im Zaum hält und die Liebe zu den Menschen feiert.

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Julia Alvarez: „Die Zeit der Schmetterlinge“

Wer war Juan Bosch?

Anschließend stattete der Präsident uns einen Besuch ab. Er saß in Papás altem Schaukelstuhl, trank eine geeiste limonada und erzählte mir seine Geschichte. Er sagte, er werde eine Menge ändern: Die alten Generäle werde er abservieren, weil an ihren Händen das Bluts der Mirabal-Schwestern klebe; all die Ländereien, die sie sich angeeignet hätten, werde er unter den Armen verteilen lassen; und er wolle dafür sorgen, daß wir auf unser Land stolz sein können und es nicht von imperialistischen yanquis beherrscht werde.

Im Roman Die Zeit der Schmetterlinge aus dem Jahr 1994 der 1950 in der Dominikanischen Republik geborenen Schriftstellerin Julia Alvarez (Übersetzung aus dem Amerikanischen Englisch: Carina von Enzensberg und Hartmut Zahn) kommt Juan Bosch am Ende als Nebenfigur vor.

Bosch steht für den Bruch der über dreißig Jahre andauernden Trujillo-Diktatur, steht für die Hoffnung der Menschen auf bessere Zeiten. Wer Boschs Biografie nachliest, wird lesen, wie diese Hoffnungen innerhalb von Monaten zunichte gemacht wurden, wie die yanquis mit ihrem Geheimdienst und lokalen Eliten tiefgreifenden soziale Änderungen verhinderten, mit ihrer von Antikommunismus gelenkten Sichtweise das Elend der Menschen verlängerten und die Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen während der Diktatur verhinderten.

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Jasná Setkání | Klare Begegnungen: Eine deutsch-tschechische Lyrikanthologie

Gerade erschienen:

Jasná Setkání | Klare Begegnungen
Eine deutsch-tschechische Lyrikanthologie
Beteiligte Autor*innen
Ausgewählt und übersetzt von Klára Hůrková
Dauphin, Prag 2018
ISBN 978-8-072729-82-1
260,00 Kč | ca. 12,00 Euro

Nach Schlüsselsammlung | Sbírka klíčů (2007) und Über den Dächern das Licht | Nad střechami světlo (2014) ist Jasná Setkání | Klare Begegnungen die dritte deutsch-tschechische Anthologie, die Klára Hůrková herausgibt. Diesesmal bleibt die Kurzprosa außen vor.

Denn Lyrik ist in beiden Ländern eine Gattung mit großer inneren Vielfalt, deren schöpferische Kraft immer mehr überzeugt, schreibt Hůrková in ihrem Vorwort.

Wünschen wir diesem Buch viele gegenwärtige Begegnungen zwischen Deutschland und Tschechien, zwischen Lyriker*innen und Leser*innen.