Pete Smith: „Endspiel“

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Von Gewissheit und Gewissen

Gewiss – das ist das zentrale Wort dieses Romans, es steht als sprachlicher Mittler zwischen dem 29jährigen angehenden Historiker Lionel Kaufmann und der 79 Jahre alten Elena Morgenstern.

Lionel soll die Lebensgeschichte der Seniorin, die er im Altersheim kennenlernt, wo er einen Brotjob als Lehrer für Silver Surfers bekommen hat, aufschreiben. Zu diesem Zweck reicht Elena Lionel einen Koffer voller Aufzeichnungen. Ein ganzes Leben, das eng beschrieben in diesen Koffer passt, verlässt die Seniorenresidenz und zieht in Lionels kleine Wohnung ein. Dort wird es eng. Lionels Freundin Uli zieht ebenfalls ein. Sie ist schwanger. Beide planen ihr gemeinsames Leben und verfangen sich zunehmend in der Vergangenheit, in der Geschichte der aus Elbing stammenden Deutschen und ihrer großen Liebe Seraphin, eines jüdischen Auschwitz-Überlebenden.

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Tuncer Cücenoğlu: „Çıkmaz Sokak – Die Sackgasse“

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Am Pfingstmontag werde ich eine gemeinsame Lesung mit dem türkischen Dramatiker Tuncer Cücenoğlu im Rahmen des 8. Europäischen Poesiefestivals in Frankfurt am Main gestalten. Einladung und Programm des Festivals folgen in den kommenden Tagen.

In Vorbereitung zu dieser Lesung habe ich heute das Drama „Çıkmaz Sokak“ gelesen, das von Yücel Erten aus Istanbul übersetzt wurde und unter dem Titel „Die Sackgasse“ auf dem Webseite von Tuncer Cücenoğlu als Download zur Verfügung steht.

Das Stück ist im oben abgebildeten Band in 1. Auflage 1993 erschienen.

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Ales Rasanaŭ: „Zeichen vertikaler Zeit“

Ales Rasanau: Zeichen vertikaler Zeit

Wieder mal ein Buch, das ich aus Buchregal gebrauchter Bücher ziehe, im Prettlackschen Gartenhaus, wo abgelegte Bücher ein Asyl finden, bis sie ein prüfende Hand mitnimmt.

„Zeichen vertikaler Zeit“ vom 1947 geborenen, weißruthenischen (weißrussischen) Schriftsteller Ales Rasanaŭ versammelt Poeme, Versetten, Punktierungen und Betrachtungen, die von Elke Erb ins Deutsche übertragen wurden. Das Buch erschien 1995 als 28. Druck der Erato-Presse Berlin.

Besonders beeindruckt hat mich der 58-teilige Gedichtszyklus „Lehm“.

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Mit der Macht
Die wir in die Dinge legen,
Um sie zu beherrschen,
Halten die Dinge
Uns fest.

Untereinander
Stimmen wir uns zu,
Stimmen überein
Und begrüßen uns
Bei den Begegnungen.

Aber die Tiefe
Tritt von uns zurück
Und bedeckt sich mit der Dicke
Der Oberfläche.

Und nur der Lehm allein –
Daß wir uns nicht verlieren –
leuchtet

Wie eine Laterne.

 

Weitere Informationen zum Buch und ein Gespräch von Sylvia Geist mit dem Autor sind auf planetlyrik.de zu finden.

Ioana Nicolaie: „Der Norden“

Ioana Nicolaie: Der Norden

zum Lachen musst du die Asche ausfegen,
lass leuchtend die Lauge übers Leinen gleiten

(aus: „Krümel“)

Die 1974 geborene Rumänin Ioana Nicolaie hat mit „Der Norden“ („Nordul“) ihren zweiten Lyrikband im Jahr 2002 vorgelegt, der von Eva Ruth Wemme ins Deutsche übersetzt und von Traian Pop 2008 verlegt wurde.

Der Gedichtband ist den Eltern und Geschwistern der Autorin gewidmet. Zweifelsfrei führt uns die Autorin in ihre Familiengeschichte. Sie sucht und findet überzeugende poetische Bilder für die Erinnerungen, die sie nicht abstreifen kann, die bearbeitet werden wollen, die den Weg des geschriebenen Wortes gehen müssen, so wie das ungeborene Kind seinen Weg aus dem Bauch der Mutter nehmen muss, schmerzhaft ahnend, dass dieser voller Entbehrungen sein wird.

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Michel Laub: „Tagebuch eines Sturzes“

Michel Laub: Tagebuch eines Sturzes

Wie der Pole Piotr Paziński ist auch der Brasilianer Michel Laub ein im Jahr 1973 geborener Schriftsteller jüdischer Abstammung. Wie Pazińskis „Die Pension“ geht auch Michel Laub in seinem Roman „Tagebuch eines Sturzes“ (Übersetzung: Michael Kegler) an die Erinnerungsarbeit.

Der Ich-Erzähler erinnert sich an den Moment, als er mit seinen jüdischen Mitschülern den einzigen Nichtjuden João in der Klasse zu dessen 13. Geburtstag dreimal in die Luft werfen und ihn dann nach dem dritten Wurf nicht auffangen.

„Ich träume oft von dem Moment dieses Sturzes, einer Stille von einer, vielleicht zwei Sekunden, einem Saal von sechzig Leuten, und niemand gibt ein Laut von sich, und es war, als warteten alle auf den Schrei meines Klassenkameraden …“

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Richard Wagner: „Schwarze Kreide“

Richard Wagner: Schwarze Kreide

Das Interview mit Horst Samson auf Faustkultur ist mir Anlass, den Lyrikband „Schwarze Kreide“ von Richard Wagner, eines weiteren Vertreters der rumänisch-deutschen Literatur und Wegbegleiter Samsons, aus dem Regal zu holen. Das Buch, 1991 erschienen, ist seit 1999 in meinem Besitz. Ich weiß nicht mehr, wie es zu mir fand, das nummerierte Exemplar trägt die Nummer 271 von 1000.

Wie ich schon im Beitrag über den Lyrikband „Das Imaginäre und unsere Anwesenheit darin“ von Horst Samson sagte: Manchmal reichen zwei Verse, um die Welt und die Bestimmung des lyrischen Ich darin zu fixieren.

Hier bei Richard Wagner sind es drei Verse, die mich aufhorchen lassen. Sie stammen aus dem Gedicht „Die Lichter meiner Dörfer„, das Moses Rosenkranz gewidmet ist.

Ich bin auf eine lange Reise gegangen.
Wörter, schwarze Maulbeeren,
veränderten mir das Gesicht.

Wer war Moses Rosenkranz und auf welche Reise ging er?

Wolf Biermann hat einen Nachruf auf ihn im Spiegel 22/2003 veröffentlicht. Und Deutschlandfunk würdigt den Dichter zu seinem 100. Geburtstag.

1991 jedoch war der 1904 in der nördlichen Bukowina geborene Moses Rosenkranz in Deutschland nahezu unbekannt, obwohl er sich nach seiner Flucht aus Rumänien 1961 im Schwarzwald niedergelassen hatte, ohne sich je dort, in Deutschland, zuhause zu fühlen.

Erst die fast eine Generation später aus Rumänien kommenden deutschsprachigen Autoren, tragen ihn im Gedächtnis und bringen ihn ins Bewusstsein eines gerade vereinten Deutschlands. Mit „Die Lichter meiner Dörfer“ spricht Richard Wagner ebenso sehr über Rosenkranz wie über sich selbst. Er spricht über den Verlust der Heimat und über die Kontinuität staatlicher Repression.

Der Rimbaud-Verlag Aachen hat das Werk Moses Rosenkranz‘ verlegt.

Noémi Kiss: „Schäbiges Schmuckkästchen“

Noémi Kiss: Schäbiges Schmuckkästchen

Die 1974 geborene Ungarin Noémi Kiss reist in den Osten Europas. „In Osteuropa gibt es wohl nichts Aufregenderes als die verlassenen Orte“, schreibt sie. Kiss ist auf der Suche nach einer vergangenen Zeit, an Orten die einst multiethnisch, multikulturell waren, Schmelztiegel der Sprachen und doch sich heute zumeist nur noch nationalistisch definieren oder vielleicht besser: definieren lassen müssen.

Die von Kiss bereisten Gebiete, Bukowina, Siebenbürgen, Galizien, Vojvodina, sind mir völlig unbekannt. Und ich gestehe die Mühe, die ich hatte, aus den Reisebeschreibungen und kenntnisreichen Hintergrundinformationen zur Geschichte, Bilder entstehen zu lassen, konkrete, sinnliche Bilder.

Erst die Hunde, die behaglich an den Schafshufen lutschen, haben mich aus diesem Dilemma befreit. Aber wie konnte ich hineingeraten in eine Bildlosigkeit? Kiss beschreibt die Abwesenheit. „Auf dem Weg nach Czernowitz gelangen wir bald an den Rand der Dinge.

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Hermann Schulz: „Mandela & Nelson“

Hermann Schulz: Mandela & Nelson

Das Buch war eine Empfehlung der Buchhändlerin, einer rar gewordenen Spezies, die nicht nur Bücher verkauft, sondern auch den Inhalt in eigenen Worten wiedergeben kann. Bei dem Titel dachte ich sofort, dass die Handlung in Südafrika spielt, aber schnell begriff ich diesen Irrtum. Die Menschen von Bagamoyo stehen im Mittelpunkt dieses Buches.

Bagamoyo, nördlich der tansanischen Hafenstadt Dar-es-Salaam gelegen, war einmal, so lange ist das noch gar nicht her, die Hauptstadt von Deutsch-Ostafrika. Und der Ort, an dem die aus dem Landesinnern verschleppten Einheimischen als Sklaven verschifft wurden. Deutsche Kolonialpolitik, in Bagamoyo sind die Schatten dieser unheilvollen Zeit immer noch zu spüren. Gemeinsam mit meiner Frau habe ich 1998 diesen Ort auf unserer dreiwöchigen Tansania-Reise besucht. Die Reise dorthin war eine der aufregendsten meines Lebens, aber das ist eine andere Geschichte …

Ja, wie das Cover schon vermuten lässt, geht es in diesem Buch um Fußball. Aber es geht doch um so viel mehr. Der Autor lässt seinen Erzähler Nelson, Zwillingbruder von Mandela, unbekümmert über die harten Seiten des afrikanischen Alltags berichten, spart das dunkle Kapitel der Sklavenzeit nicht aus und blickt dennoch optimistisch auf jeden neuen Tag.

Als eine Jugendmannschaft aus Deutschland sich für ein Freundschaftsspiel ankündigt, muss Nelson plötzlich sehr viel organisieren, und das heißt: improvisieren. Die Gäste sollen einen guten Eindruck vom afrikanischen Fußball bekommen. Das wird, mit viel Lebensfreude und Witz, gelingen.

Gelu Vlaşin: „In der Psychiatrie behandelt“

Gelu Vlasin: In der Psychiatrie behandelt

Es gilt, das Werk eines 33-jährigen Dichters zu lesen, der heute kurz vor seinem 50. Geburtstag steht. Der 1999 in Rumänien erschienene Lyrikband hat, so lese ich in einer Rezension von Anke Pfeifer, den deprimism in seinem Land begründet. 2012 stellte Traian Pop dieses Buch dem deutschsprachigen Publikum zur Verfügung, Kerstin Ahlers übertrug die Gedichte ins Deutsche.

Was mag diese Lücke von 13 Jahren ausfüllen? Ich meine damit, in welchem Kontext steht dieses Erstlingswerk eines Lyrikers, der ein inzwischen beachtliches Œuvre vorzuweisen hat?

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Simon Schwartz: „Packeis“

Simon Schwartz: Packeis

Im Frühjahr 1945, die Zeitungen melden den Tod Hitlers, blickt ein alter Mann in seinen Spind, holt Eimer und Wischmopp heraus und beginnt, den Boden des naturgeschichtlichen Museums zu wischen. Hier beginnt der Rückblick auf die spannende Biografie des Afroamerikaners Matthew Henson, der als erster Mensch 1909 den Nordpol erreichte, in die Sagenwelt der Inuit einging und in der amerikanischen Gesellschaft wegen seiner Hautfarbe keine Anerkennung für seine wissenschaftlichen Leistungen erhielt. In der Graphic Novel „Packeis“ zeichnet Simon Schwartz den Lebensweg Hensons frei nach, ergänzt um eine ausführliche Zeittafel und zahlreiche Fotografien im Anhang.

Irgendwann habe ich mich als Kind vom Comic abgewandt, unzählige zerfledderte Fix&Foxi, Donald Duck, etwas Superman, Asterix. Ach, lange ist das her! Graphic Novel ist für mich etwas Neues, das ich jetzt entdeckte, als meine Kinder nach Comics gefragt hatten und ich losging, um zu sehen, was es heute so gibt: Packeis, ein tolles Buch.