Julia Alvarez: „Die Zeit der Schmetterlinge“

Wer war Juan Bosch?

Anschließend stattete der Präsident uns einen Besuch ab. Er saß in Papás altem Schaukelstuhl, trank eine geeiste limonada und erzählte mir seine Geschichte. Er sagte, er werde eine Menge ändern: Die alten Generäle werde er abservieren, weil an ihren Händen das Bluts der Mirabal-Schwestern klebe; all die Ländereien, die sie sich angeeignet hätten, werde er unter den Armen verteilen lassen; und er wolle dafür sorgen, daß wir auf unser Land stolz sein können und es nicht von imperialistischen yanquis beherrscht werde.

Im Roman Die Zeit der Schmetterlinge aus dem Jahr 1994 der 1950 in der Dominikanischen Republik geborenen Schriftstellerin Julia Alvarez (Übersetzung aus dem Amerikanischen Englisch: Carina von Enzensberg und Hartmut Zahn) kommt Juan Bosch am Ende als Nebenfigur vor.

Bosch steht für den Bruch der über dreißig Jahre andauernden Trujillo-Diktatur, steht für die Hoffnung der Menschen auf bessere Zeiten. Wer Boschs Biografie nachliest, wird lesen, wie diese Hoffnungen innerhalb von Monaten zunichte gemacht wurden, wie die yanquis mit ihrem Geheimdienst und lokalen Eliten tiefgreifenden soziale Änderungen verhinderten, mit ihrer von Antikommunismus gelenkten Sichtweise das Elend der Menschen verlängerten und die Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen während der Diktatur verhinderten.

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Lesung zu „Mensch, Du hast Recht(e)!“

Rassismus geht uns alle an
Eine Veranstaltungsreihe der Ev. Erwachsenenbildung des Ev. Dekanats Darmstadt-Stadt, Amnesty International Bezirk Darmstadt, Kath. Bildungszentrum nr30 und Volkshochschule Darmstadt

Mensch, du hast Recht(e)!
Das mobile Lernlabor der Bildungsstätte Anne Frank, Frankfurt am Main

Ausstellungseröffnung mit Lesung
Mittwoch, 29. August 2018  um 19 Uhr
Das Offene Haus, Rheinstraße 31, 64283 Darmstadt

Enoh Meyomesse, Autor, Historiker, Blogger und politischer Aktivist aus Kamerun, lebt seit 2015 in Darmstadt. In seinem Heimatland wurde er verfolgt und saß im Gefängnis.

Er liest eigene Texte auf Französisch, Eric Giebel liest die deutsche Übersetzung, und Maria Knissel trägt Texte zum Thema Rassismus vor.

 

Clarisse Nicoïdski: „Die Augen Die Hände Der Mund & Wege der Wörter“

hue vida i si fizu boca | es war Leben und wurde Mund

Clarisse Nicoïdski (1938-1996) war eine französische Schriftstellerin, die ihre Romane und ihre kunstkritischen Schriften auf Französisch verfasste. Ihre Muttersprache war jedoch eine andere. Ihre Lyrik schrieb Nicoïdski auf Sephardisch, der Sprache der Juden, die nach 1492 aus Spanien ausgewiesen wurden (Alhambra-Edikt) und in die Diaspora gingen. Die Sprache, heute unter ISO 639-3-Code: lad geführt, hat verschiedene Bezeichnungen: Ladino, Djudezmo, Djidio, Djudeo Espanyol, Judenspanisch, Spaniolit, Espanyolico oder Hakitía.

Die Entscheidung Nicoïdskis, allein ihre Lyrik auf Sephardisch zu schreiben, versteht sie selbst als Totengebet, „als Kaddisch für ihre verstorbene Mutter und die verlorene Kindheitssprache.“ Nicoïdski schreibt im Vorwort zu der Herausgabe der Gedichte Lus ojus las manus la boca 1978:

Meine Mutter war eine Italienerin, aufgewachsen in Triest, ursprünglich aus Sarajevo. Mein Vater, der in Sarajevo aufwuchs, traf sie 1936 in Spanien (Barcelona), wo ihre Familie zu jener Zeit lebte. […] Viele Sprachen wurden Zuhause gesprochen: Italienisch, Serbokroatisch, einige Wörter auf Deutsch und ein wenig Französisch. […] Eine Sprache hatten meine Eltern, die beiden bekannt war: wir nannten sie „unser Spanisch“ und sie stammte von unseren Großeltern, die zu den „türkischen Osmanen“ gelangten, wie es hieß, seit der Inquisition Spaniens. Diese Sprache assimilierte viele Wörter der fremden Länder, die sie durchquerte.

Wir folgen in den Gedichten einer Rede gegen das Vergessen, einem Plädoyer für den Gebrauch einer Sprache, gegen die Versteinerung, gegen die Stummheit. Diese Rede ist angesichts der Tatsache, dass der in Sarajevo verbliebene Teil der Familie in der Shoah zu Tode kam, viel mehr als nur ein Kieselstein auf den Gräbern der Vorfahren.

und wie sollte ich
eure verlorenen Augen vergessen
(aus: Die Augen)

Das sind die beiden ersten Verse des Bandes, ein Auftakt, der mit geringen Worten alles sagt. So ist das poetische Verfahren der Autorin: Der Schrei, das Entsetzen über das Unsagbare findet Platz in Worten von größter Allgemeinheit, lässt jedoch Raum für die vielen Toten.

es war Leben
und wurde Mund
(aus: Der Mund)

was wirst du sagen?
in deinem Mund
können die Wörter Steine sein

und können Wörter sein

was wirst du sagen?
(aus: Wege der Wörter)

Die Gedichte Nicoïdskis sind von erdrückender Intimität, weil sie mit den Toten sprechen, gegen den Tod sprechen.

im inculgaré a tus bezus
com’un cantu
si me dexas
comu palavra di maldición
mi inculgaré
a tu hora
cuando si quedará
di spantu
in las callis di mi pasadu
ondi ti starás
caminandu

ich werde mich an deine Lippen hängen
wie ein Lied
wenn du mich verlässt
wie ein Wort des Fluches
werde ich mich
an deine Zeit hängen
wenn sie vor Entsetzen
anhalten wird
auf den Straßen meiner Vergangenheit
wo du stets
wandeln wirst
(aus: Wege der Wörter)

Das vollständige Manuskript von Caminus di Palavras ist verschollen. Juana und Tobias Burghardt haben Übersetzungen ins Spanische und Englisch gesichtet und drei für verloren gehaltene Texte Nicoïdskis zusätzlich zu den 19 Gedichten, die 1980/81 in der Zeitschrift poesía vorabgedruckt wurden, ins Deutsche übertragen.

Nicoïdski weckte in Juan Gelman den Wunsch, auf Sephardisch zu schreiben. Er verfasste Dibaxu | Debajo von 1983 bis 1985 und notiert:

Als hätte die äußerste Einsamkeit des Exils mich zu den Wurzeln in der Sprache gedrängt, die tiefsten und verbanntesten der Sprache. […] Hingegen weiß ich, dass mir die sephardische Syntax eine verlorene Reinheit und ihre Diminutive zurückgab, eine Zärtlichkeit anderer Zeiten, die lebendig ist und deshalb voller Trost.

 

 

Anette und Peter Horn (Hrsg.): 100 Poems from Bangladesh

The future breathes in my throat, in my grave

Die von Anette und Peter Horn herausgegebene englischsprachige Anthologie „100 Poems from Bangladesh“, erschienen 2017 in der Edition Delta (Stuttgart), stellt 25 Autoren vor, die alle im unterschiedlichen Alter die Geburtsstunde ihres Staates am 16. Dezember 1971 miterlebt haben. Nachdem Indien entscheidend in den Krieg und Genozid (West-)Pakistans gegen die bengalische Bevölkerung (Ost-)Pakistans eingegriffen hatte, wurde Ostpakistan Ende 1971 völkerrechtlich anerkannt und gab sich den Namen Bangladesch.

From 25 March to 16 December, 1971
There are 267 days in total
According to Pravda, the Pak Army killed
3 million Bengalis during the Liberation War
It was a war against unarmed people
By killers and rapists of the Pak Army
And they killed 3 million ÷ 267
= 11,236 people per day

(aus: Rabiul Husain „ Oh ! The War !“)

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Roxana Crisólogo: „Eisbrecher“

Taunetze sind Grenzen

Die Gedichte der peruanisch-finnischen Lyrikerin Roxana Crisólogo sind „Schlingpflanzen“, die „den unumkehrbaren Gang des Rauchs erdrosseln“. Sie bahnen sich ihren Weg, hinterlassen Stränge, die zu den Wurzeln führen, durchdringen Grenzen, ziehen sich und die sie umgebende Welt zusammen und lassen doch an anderer Stelle Nebenwege zu, die luftig sind, die Nischen entstehen lassen.

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Aleksander Nawrocki: „Mir träumte von meiner Kindheit“

In der Kurpie

Sie liegt in der nordpolnischen Tiefebene im nördlichen Masowien an der Grenze zur Woiwodschaft Ermland-Masuren. Einst als die grüne und die weiße Wildnis bezeichnete Waldgebiete auf sumpfigem Boden, einst gefürchtet von den Kreuzrittern, ist sie heute auf welligen Straßen Transitstrecke von der Hauptstadt zu der touristisch frequentierten masurischen Seenplatte und der ostpreußischen NS-Bunkerarchitektur. In dieser Region, die seit dem 10. Jahrhundert zu Polen gehört, wurde 1940 Aleksander Nawrocki in Bartniki nahe Przasnysz geboren. Als Autor und vor allem als Übersetzer ist er in Polen nicht unbekannt, ebenso wie in den Ländern, deren Literatur er ins Polnische übertragen hat: Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Finnland, Estland, Russland und weitere. Narockis Werk ist umfangreich. Seine Lyrik nun im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen, war das Anliegen des 1942 in Dresden geborenen Übersetzers Peter Gehrisch.

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Johann Lippet: „Kopfzeile, Fußzeile“

Mitgift Heimat

Sie ist ein Geschenk, das wir nicht verweigern und dem wir uns nicht entziehen können. Heimat wird uns mitgegeben, ob wir es wollen oder nicht. Wir können uns nach ihr sehnen oder vorgeben, unsere Wurzeln vergessen zu haben. Beides setzt voraus, dass wir irgendwann einmal, aus welchen Gründen auch immer, die Heimat verlassen haben. Gründe dafür gibt es zahlreicher als für das Festhalten an der Heimat.

Muss man die Geschichtsvergessenen an Gewalt, Terror, Krieg, Armut der vergangenen Jahrhunderte in Europa und weltweit erinnern, an die Migrationsfurchen, die die Politik im großen Kontext wie auf lokaler, regionaler Ebene verursacht hat? Im gesellschaftlichen Diskurs um Heimat geht es aktuell und schon sehr viel länger um Abgrenzung, Abschottung. Diese Haltung übersieht aus politischem Kalkül, dass Heimat und Migration Geschwister, keine sich hasserfüllt gegenüberstehenden Gegner sind.

Johann Lippet, 1951 in Wels (Österreich) geboren, kehrte 1956 ins Banat, in das Geburtsdorf seines Vaters zurück. Rumänien verließ er 1987. Seit 1998 lebt er in Sandhausen bei Heidelberg.

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Takis Würger: „Der Club“

Schnörkellos und direkt ist Takis Würgers Sprache in seinem literarischen Debüt „Der Club“, dem 2017 viel Aufmerksamkeit des deutschen und deutschsprachigen Feuilletons zuteil wurde. Ich schreibe selten über Bestseller. Und will mich kurz halten.

Es ist weniger die spannend aufbereitete Geschichte eines Verbrechens (bei dem es um schmutzige Männerphantasien und ausgelebte Allmacht geht, um sexuellen Missbrauch an jungen Studentinnen innerhalb einer elitären Gruppe in Cambridge, dem Club), als die Herkunft der Hauptfigur Hans, die mich in Bann gezogen hat. Wie der Tod in das Leben des Kindes kommt, diese Passage ist kompromisslos hart. Später, nachdem die Handlung sich zum Krimi entwickelt, in der Hans die Täter finden und überführen soll, später kommt der Tod erneut unerwartet: im Schlaf.

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Micho Mossulischwili: „Schwäne im Schnee“

Was mich mit Japan verbindet?

Mit dieser Frage beginnt eine Prosaminiatur des 1962 geborenen georgischen Schriftstellers Micho Mossulischwili, die in den von Irma Schiolaschwili und Joachim Britze ins Deutsche übertragenen Band „Schwäne im Schnee“ aufgenommen wurde. Darin beschreibt der Georgier, welchen Eindruck Akutagawa Ryûnosuke (1892-1927) auf ihn als jungen Studenten gemacht hatte, bevor er seine Novelle „Der Waldmann“ schrieb.

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Arundhati Roy: „Das Ministerium des äußersten Glücks“

Aftab und Anjun

Der zweite Roman der 1959 geborenen Schriftstellerin und Menschenrechtsaktivistin Arundhati Roy (deutsche Übersetzung: Anette Grube) enthält viele ineinandergreifender Lebensgeschichten, die tragfähig sind, stellvertretend für die 1,324 Milliarden Menschen Indiens (Stand: 2016) zu stehen, in ihrer Sprach- und Religionsunterschiedlichkeit, in ihrer Buntheit, ihrer Schrillheit, in der Armut und exzessiver Gewalt ebenso Raum geboten wird wie für ein wenig privates Glück.

Der sehr ansprechende Titel, ich verzeihe Roy den Griff in die marktschreierisch klingende Superlative, steht im äußersten Kontrast zum Kern des Buches, der sich mit dem Kaschmir-Konflikt, welch harmlose Alliteration für ein Gemetzel, bei dem die Welt wieder mal weg(ge)schaut (hat) und Gewalt, Terror, Folter und Tod freien Lauf lässt, auseinandersetzt.

Im „Reader’s Digest der englischen Sprache und Grammatik für ganz junge Kinder“ schreibt Tilo, eine der Hauptfiguren des Romans, auf, was sie beschäftigt:

NICHTS

Ich würde gerne eine dieser kultivierte Geschichten schreiben, in denen zwar nichts passiert, aber es trotzdem viel gibt, worüber man schreiben kann. So etwas ist in Kaschmir nicht möglich. Es ist nicht kultivert, was hier passiert. Es gibt zu viel Blut für gute Literatur.

F1: Warum ist es nicht kultiviert?
F2: Wie groß ist die hinnehmbare Menge Blut für gute Literatur?

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Lisa Elsässer: „flussbewohner“

Das Jahr der Liebe

Schatten und Licht bestimmen das lyrische Ich in Lisa Elsässers neuem Gedichtband: seine gegenwärtigen Gefühle, sein Sehnen, sein Verzweifeln. Dabei lese ich flussbewohner als eine Art lyrisches Tagebuch, das die An- und Abwesenheit des lyrischen Du verortet. Den einundachtzig, zumeist kurzen Gedichten sind Zeilen von Dorothy Parker vorangestellt, die den Weg, wohin die Lektüre des Bandes führt, vorzeichnen: in eine intime Schutzzone, in der das Du und das Ich sich begegnen, sich abstoßen, auseinderdriften, sich wieder annähern, eins werden, zwei bleiben und in unsichtbaren Überlagerungen mehrfach besetzt werden.

als das telefon nicht
klingelte, wusste ich
ganz genau, dass du
es warst
(Dorothy Parker)

Welche Erwartungen werden mit den Zeilen Parkers genährt? Erlebt Parkers Galligkeit, „Liebe ist ein Griff ins Klo“, eine Wiedergeburt in den Zeilen Elsässers: die lebensbejahende Lust am Leben, die Lust an Sexualität, das Todesnahe ihrer Verzweifung an der vom Leben inszenierten Langeweile, gegen die die Amerikanerin mit böswilligem Spott aufbegehrte oder mit Suizidversuchen? [Diese wenigen Zeilen über Parker können nicht das Leben der Schriftstellerin abbilden, schon gar nicht jene Aspekte abseits des Glamours: ihr Einsatz für die Rechte Unterpriviligierter und ihre Tätigkeit als Korrespondentin im Spanischen Bürgerkrieg.]

mein schreibtisch

hat eine affaire mit
einer alten dichterin
ich lasse sie und ihn
ein paar gedichte
schreiben über die so
genannte liebe meine
freiheit grenzenlos
(aus: „mein schreibtisch“)

Elsässer ist eine stille Beobachterin, die ihren Gefühlen keine pompösen und auf Außenwirkung gedachten Worte verleiht. Das Wortrepertoire ist bekannt, es gibt wenig Sprachexperimentelles. Severing Perrig nennt Elsässers Sprache eine Vermeidung des „kieselslangs“, des neumodisch Zeitgeistigen.

heute
eine muschel gefunden
im salzigen gras
ich dachte an dich
und hörte im wolkenmeer
das sanfte rauschen
deiner stimme

Als Tagebucheintrag ist das schön, als Ausgangsmaterial für eigene Entdeckungen und Begegnungen, als Lyrik, die mich mit meiner eigenen Gefühlswelt konfrontieren, mich (als Mann [es wäre falsch, den Genderaspekt völlig in Abrede zustellen]) rühren könnte, ist es mir an dieser Stelle zu konventionell, zu wenig. Wie aber das Gesagte neu sagen? Und wozu? Ist nicht schon alles gesagt? Und ist es nicht ausreichend wertvoll, dass überhaupt etwas gesagt wird, dass Worte gesprochen werden?

keine worte

kommen mir mehr
übern mund und
das licht ein kaltes
glas an meiner wange
mir zu füssen scherben
gefallene stunden

ohne glück

Das Phänomen und Problem der abgesetzten letzten Gedichtzeile kenne ich aus meinem eigenen Schreiben. Ist der Ton noch so leise, zurückhaltend, fast unhörbar, erliegt man/frau doch der Versuchung, etwas überdeutlich zu sagen, was längst zum Ausdruck gekommen ist. Hier wäre das Lektorat gefragt gewesen, um die letzte Zeile ersatzlos zu streichen.

Mein Eindruck beim ersten Lesen der Gedichte war, dass sie, gerichtet an ein Du, ausgerichtet auf ein zukünfiges Wir, mich nicht ansprechen, ganz im Sinne: Ich, ein ferner Kritiker, bin nicht gemeint. Es geht mich nichts an. Die Frage der Relevanz ist grundsätzlich ein Problem einer Lyrik, die den Dialog zwischen Du und Ich konsequent durchsteht, natürlich trifft das für jedes Tagebuch zu.

finissage

es ist das letzte
in diesem jahr
und zeig mir dein
gesicht im gedicht
das jahr der liebe
das zu ende geht

Bei näherem Hinschauen entwickelt Elsässer jedoch Wege, wie sie die zuvor genannten Kritikpunkte sehr weit hinter sich lässt. Das gelingt nicht durchgängig, aber die Lichtstrahlen sind kraftvoll und erwärmen mich. Dies geschieht durch eine leichte Verschiebung des Wortmaterials, die ausreicht, um den lästigen Eindruck des Schoneinmalgehörten abzuschütteln. Zwei Beispiele:

du wirst es mir nicht glauben

die bienen kommen dieses jahr
im herbst und die eichhörnchen
erwachen dann sie riechen gerne
nur einen winter lang den schnee

wir haben uns den sommer über
verschlafen einander zugewandt
betrachten die bienen und schnee
blüten treiben im offenen mund

und

wieder

schichte ich alte hölzer
sie scheuen feuer und so
brennt wieder nur der tag
erloschen weht seine
asche in die dämmerung

kalt die nacht ein tier
ohne fell und hier höre ich
die sprache zwischen holz
und scheu brennen
alle schichten lichterloh

Hier bin ich mitten im Geschehen, kann mich in die Situation einfinden. Die Worte fordern mich auf: Schau auf die Sprache zwischen den Dingen! Das macht mich neugierig. Ich dringe ein. Die Suche der Autorin nach einem Wesen mache ich zu meiner eigenen. Zumal Elsässers Verzicht auf Satzzeichen an vielen Stellen unterschiedliche Lesarten bietet. Die Möglichkeit, Zäsuren selbst zu setzen, ergibt sich aus einer klugen Verzahnung der Verse. Der Atem, Maß der Verslänge, darf variieren.

Was zumeist gut gelingt, generiert, es soll nicht verschwiegen werden, auch schwache Verse.

denn auch wenn uns doch die
(aus: „die tage flüchten jetzt“)

Über ein Wort im Gedicht „schweigen“ habe ich mich verwundert: die „mundkeller“. Ich kann mir dieses Wort nicht ohne Andreas Neesers Gedicht „Großmutters Mund war ein Keller“ aus dem Band „Wie halten Fische die Luft an“ (Haymon, Innsbruck 2015) denken. Bin ich auf einer falschen Spur oder führen die beiden Schweizer mittels ihrer Bände einen poetischen Dialog?

in begleitung stummer fische
tauchst du in den trüben grund
(aus: „angeln“)

die flüsse hüten dümpeln tage dahin
spiegeln sich in seltenen pegeln
vielleicht ist es ihr alter die jahre und
dass sie und wir diese fische noch sehen
(aus: „summertime“)

Das titelgebende Gedicht gehört zweifelsohne zu den stärksten des Bandes. Elsässer lässt ihren Worten mehr Raum, das Gedicht ist länger als die meisten anderen und geht in die Tiefe des Flusses. Es lässt sich lesen im Dialog mit Neesers „Die Strömung wird stärker“ oder als melancholischer Monolog. Gleichwie meine oder jede andere Lesart ist: „flussbewohner“ ist ein großartiger Text, bei dem das Sprachmaterial, die Verse, die festzulegenden Atemzäsuren sich zu einer starken Präsenz vereinen.

deine schmerzen hast du
mir hinterlassen wie schöne
kieselsteine ordne ich nun dein

und mein nicht auseinander
zu halten ist das flussgeschliffene
grau dem das wasser beibrachte

still still zu liegen so wie wir
manchmal in der stille lagen
und über uns das fliessen

in der strömung einander
zugewandt stumm im dunkel
zogst du aus ohne ein gepäck
(aus: „flussbewohner“)