Aminur Rahman: „Perpetual Diary – Fortwährendes Tagebuch“

Wer bist du? Wer bist du?

Mit Perpetual Diary | Fortwährendes Tagebuch des bangladeschischen Dichters Aminur Rahman, geboren 1966 in Dhaka, können wir seiner Selbstvergewisserung und seines sehnsüchtigen Dialogs zwischen lyrischen Ich und lyrischen Du folgen.

Der Band ist zweisprachig: Englisch und Deutsch. Es fehlt die Sprache des Autors: Bengali oder Bangla. Die Übersetzungen aus der Originalsprache ins Englische kommen von Sudeep Sen, A Z M Haider, Ziaul Karim und M S A Sarwar. Aus dem Englischen wurden die 29 Gedichte von Manfred Chobot ins Deutsche gebracht.

Mit Rahman ist nun einer der jüngeren Vertreter der bangladeschischen Lyrik mit einer Einzelveröffentlichung gewürdigt worden. Einige seiner Gedichte sind auch in der englischsprachigen Anthologie „100 Poems from Bangladesh. Edited by Dr. Peter Horn & Dr. Anette Horn“ (Edition Delta, Stuttgart) vertreten.

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Bachtyar Ali: „Die Stadt der weißen Musiker“

Was ist der Traum der Gerechten?

Vielleicht ist das die Frage, die Schriftstellerinnen und Schriftsteller weltweit am meisten umtreibt. Bachtyar Ali, 1966 in Sulaimaniya (Nordirak) geboren, legt sie seiner Figur Halim Schewaz in seinem 2017 auf deutsch erschienenen Roman „Die Stadt der weißen Musiker“ (aus dem Sorani von Peschawa Fatah und Hans-Ulrich Müller-Schwefe) in den Mund.

[…] Diese Frage können Sie nicht beantworten, Dschaladat, weil Sie ein Blödmann sind. Es gibt nichts Gefährlicheres als den Traum der Gerechtigkeit. […] Es ist die Obsession der angeblich Gerechten, alle Schuldigen dingfest zu machen und zu bestrafen […] Dann müssten wir alle Schuldigen bestrafen, für jedes Vergehen müssten wir eine Strafe parat haben. Aber die Menschen sündigen ständig. Es gibt keinen Menschen, der nicht Strafe verdient hätte. Wahre Gerechtigkeit würde die Welt in eine Hölle verwandeln. Bestrafen und bestraft werden, eine endlose Barbarei.

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Wakayama Bokusui: „In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter“

Das tiefe Schwarz ist mir lieb
Tanka von Wakayama Bokusui

Mit dem Band „In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter“ stellt der Japanologe Eduard Klopfenstein das moderne Tanka, wie es für die Erneuerung der tradierten Waka-Dichtung in der Meiji-Ära zu Beginn des 20. Jahrhunderts charakteristisch ist, dem deutschsprachigen Publikum vor. Die Publikation richtet sich an eine breite, der japanischen Literatur bislang nicht zugeneigten Leserschaft, denn Klopfenstein versteht es ausgezeichnet, mit wenigen Worten eine Einführung in die Epoche und ihre handelnde Personen zu geben. Wissenschaftliche Präzision gepaart mit guter Verständlichkeit: Das macht Lesefreude.

Klopfenstein wählt mit Wakayama Bokusui (1885–1928) nicht eine Person aus, die diese Erneuerungsbewegung initiiert hatte, wie Masaoka Shiki, Sasaki Nobutsuna, Yosano Tekkan und dessen Frau Yosano Akiko, sondern einen etwa zehn Jahre jüngeren Kollegen, der die Merkmale der Modernisierung bereits selbstverständlich anwendet und in seinem 15 Tanka-Bände umfassenden Gesamtwerk schließlich zum Meister dieser Dichtung wurde.

Drei Tanka aus dem Frühwerk, das innerhalb des Gesamtwerks Wakayamas auch heute noch einen hohen Stellenwert hat und sich in Japan großer Beliebtheit erfreut:

Zwei Wolken
streben aufeinander zu
trennen sich wieder
schwinden dahin in die blaue Weite
des Frühlingshimmels

Die konkrete Beobachtung, der festgehaltene Moment, die Abwesenheit des Menschen, des Individuums im Angesicht der großartigen Natur: eine eher tradierte Tanka-Auffassung.

Angelehnt neige ich
mein Gesicht zum Baum hin
Da pocht an die Wange
kaum spürbar der Pulsschlag
des herbstlichen Waldes

Die Entdeckung des modernen Menschen als Individuum, das lyrische Ich, die Herstellung von wechselseitigen Bezügen von Innen und Außen.

Stielblütengräser
Rote Pimpernelle Binsenhalme –
Herbstgräser
als Zeichen tiefer Einsamkeit
will ich dir schicken

Die Hinzunahme des lyrischen Du, der Dialog, die Natur tritt hier in den Hintergrund, liefert Metaphern und Jahreszeitenwörter, Kigo, für das Gespräch mit der Geliebten.

Und doch findet sich bereits im Wolkenbild des ersten Tanka alles, was das Leben, auch das zweier Liebenden, auszumachen vermag: Das Streben nach Vereinigung, Einheit, Trennung und Entschwinden.

Klopfenstein ordnet die Auswahl der Tanka in fünf (Lebens-)Abschnitte: Das Frühwerk 1904–1910 | Dunkle Jahre des Übergangs 1910–1912 | Stabilität und Selbstironie 1913–1917 | Gereifte Sensibilität 1918–1920 | Die letzten Jahre 1921–1928. Biografische Hintergründe sind im Anhang erläutert, sodass wir einen Einblick in das Leben des Dichters erhalten und gleichzeitig nachvollziehen können, wie Lebenslust und Krise in der Beschränkung von 31 Moren (oder in freieren Versen, die ab 1910 verstärkt auftreten) zum Ausdruck kommt.

Was Klopfenstein „ein Kaleidoskop“ nennt, dessen „Splitter zu farbigen Mustern“ sich ordnen, ist doch ein Vielfaches von dem, was in deutschsprachigen Internetquellen über das Leben des Japaners bereitsteht: Die Herkunft aus einem abgelegenen Tal auf der Insel Kyushu, glückliche Kindheit, starke Bindung an die dortige Natur. Erste Berührungspunkte mit modernen Tanka. Studium in Tokyo, intensive dichterische Aktivitäten. Ausgedehnte Wanderungen durch Japan. Das Feuer der Liebe und die Asche. Einsamkeit. Trunksucht. Die Suche nach Halt in einer Ehe, Frau und Kinder, die ihm wichtig sind. Gesellschaftliche Anerkennung als Dichter, prekäre finanzielle Situation, Unruhe, Glorifizierung des Reisweins, Rückzug aus dem Stadtleben, Rückkehr in die Naturräume seiner Kindheit, der Blick auf den Fuji und in die Ferne, der Blick ins Dickicht des Waldes mit dem tiefen Schwarz seiner Kiefern. Unerwarteter Tod.

Abgestreifte
Blätter vom Bambusschössling
hebe ich auf
nehme sie mit – eine Schönheit
die mir ans Herz rührt

Wakayama Bokusui in der Übersetzung von Eduard Klopfenstein – ein schönes Buch, reich ausgestattet und brillant.

 

 

Anuk Arudpragasam: „Die Geschichte einer kurzen Ehe“

Die meisten Kinder haben zwei ganze Beine und zwei ganze Arme, aber der kleine Sechsjährige, den Dinesh trug, hatte schon ein Bein verloren, das rechte knapp oberhalb des Knies, und jetzt würde er auch noch den rechten Arm verlieren. Granatsplitter hatten von der Hand und dem Unterarm nur noch eine weiche, formlose Masse gelassen, aus der es hier und da auf den Boden tropfte, die an anderen Stellen gerann und überall sonst verkohlt war. Drei Finger hatten sich komplett abgelöst, unmöglich zu wissen, wo sie jetzt waren, und die anderen beiden, der Zeigerfinger und der Daumen, baumelten an zarten Fäden von der Hand.

Mit diesen Worten beginnt die Geschichte und erinnert uns daran, wie sehr wir uns das Wegsehen angewöhnt haben, ob in Ost-Ghuta, in den sudanesischen Juba-Bergen oder an all den anderen Orten, wo die Zivilbevölkerung Terror schutzlos ausgeliefert ist. Der 1988 in Colombo (Sri Lanka) geborene, auf Tamil und Englisch schreibende Anuk Arudpragasam legte 2016 mit Die Geschichte einer kurzen Ehe seinen Debütroman (Übersetzung aus dem Englischen: Hannes Meyer) vor.

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Micho Mossulischwili: „Schwäne im Schnee“

Was mich mit Japan verbindet?

Mit dieser Frage beginnt eine Prosaminiatur des 1962 geborenen georgischen Schriftstellers Micho Mossulischwili, die in den von Irma Schiolaschwili und Joachim Britze ins Deutsche übertragenen Band „Schwäne im Schnee“ aufgenommen wurde. Darin beschreibt der Georgier, welchen Eindruck Akutagawa Ryûnosuke (1892-1927) auf ihn als jungen Studenten gemacht hatte, bevor er seine Novelle „Der Waldmann“ schrieb.

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Arundhati Roy: „Das Ministerium des äußersten Glücks“

Aftab und Anjun

Der zweite Roman der 1959 geborenen Schriftstellerin und Menschenrechtsaktivistin Arundhati Roy (deutsche Übersetzung: Anette Grube) enthält viele ineinandergreifender Lebensgeschichten, die tragfähig sind, stellvertretend für die 1,324 Milliarden Menschen Indiens (Stand: 2016) zu stehen, in ihrer Sprach- und Religionsunterschiedlichkeit, in ihrer Buntheit, ihrer Schrillheit, in der Armut und exzessiver Gewalt ebenso Raum geboten wird wie für ein wenig privates Glück.

Der sehr ansprechende Titel, ich verzeihe Roy den Griff in die marktschreierisch klingende Superlative, steht im äußersten Kontrast zum Kern des Buches, der sich mit dem Kaschmir-Konflikt, welch harmlose Alliteration für ein Gemetzel, bei dem die Welt wieder mal weg(ge)schaut (hat) und Gewalt, Terror, Folter und Tod freien Lauf lässt, auseinandersetzt.

Im „Reader’s Digest der englischen Sprache und Grammatik für ganz junge Kinder“ schreibt Tilo, eine der Hauptfiguren des Romans, auf, was sie beschäftigt:

NICHTS

Ich würde gerne eine dieser kultivierte Geschichten schreiben, in denen zwar nichts passiert, aber es trotzdem viel gibt, worüber man schreiben kann. So etwas ist in Kaschmir nicht möglich. Es ist nicht kultivert, was hier passiert. Es gibt zu viel Blut für gute Literatur.

F1: Warum ist es nicht kultiviert?
F2: Wie groß ist die hinnehmbare Menge Blut für gute Literatur?

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Various Artists: „Sun and Moon“

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Schöne, handgedruckte Bücher aus Chennai, Indien von taraBooks

Inzwischen hat taraBooks einen festen Platz bei meinen Rundgängen über die Frankfurter Buchmesse. Und jeder Jahr bin ich begeistert von neuen Büchern.

Für Sun and Moon haben 10 Künstlerinnen und Künstler aus den Regionen Madhya Pradesh, Gujarat, Bihar, Rajasthan und Orissa in eindrücklichen grafischen Arbeiten Mythen und Erzählungen ihrer Regionen über Sonne und Mond festgehalten.

Arundhathi Subramaniam: „Die Stadt brandete gegen mich“

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Die edition offenes feld legt mit Die Stadt brandete gegen mich Gedichte der indische Autorin Arundhathi Subramaniam in deutscher Übersetzung vor.

Die Auswahl aus den englischsprachigen Bänden Where I Live. Selected Poems und When God is a Traveller (Bloodaxe, 2009 bzw. 2014) lag in den Händen des Übersetzers und Schriftstellers Jürgen Brôcan.

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Senthuran Varatharajah: „Vor der Zunahme der Zeichen“

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vielleicht sprechen wir
Senthuran Varatharajahs Debüt

In seiner jüngsten Besprechung über Thomas Kunst stellt Fixpoetry-Kollege Kristoffer Cornils die Frage, was einem Verlag denn anderes übrig bleibt, als Prosa (in diesem Fall: „Freie Folge“) notdürftig als Roman zu deklarieren. Für das hier zu besprechende Buch möchte ich eine Antwort geben. Ich glaube nicht, dass es zielführend ist, sich der Marktlogik widerspruchslos zu unterwerfen und jedweden Prosatext verkaufsfördernd als Roman zu bezeichnen. Ja, in dieser Schublade wird gerade das Geld gemacht, aber einem Verlag wie S. Fischer, in Deutschland als einer der Meinungs- und Marktführer anerkannt, sollte daran gelegen sein, sich handwerklicher Dinge zu erinnern. So eine Schublade ist nicht nur ein (Geld-)Behälter, sondern ein gefügtes Ganzes aus Einzelteilen, die sorgsam verarbeitet sind. Führungsleisten gab es da mal, früher! Heute flutscht sie ohne Kraftaufwand wie von Geisterhand zu.

Einen Roman als Roman zu bezeichnen, der keiner ist, birgt ein gewisses Risiko. Der Autor könnte ohne eigenes Zutun beschädigt werden. Erwartungshaltungen, die an den Roman herangetragen werden, entzieht sich Senthuran Varatharajah, Jahrgang 1984, bewusst. Er hat einen Nicht-Roman vorgelegt. Es gibt keine Handlung, es gibt keinen Spannungsbogen. Es handelt sich nicht einmal um einen Dialog zweier Menschen, sondern um zwei Monologe, die sich via Facebook die Trigger für den weiteren, assoziativen Gedankenfluss für die Dauer von sieben Tagen und Nächten zusenden.

Varatharajah lässt zwei Menschen miteinander chatten, beide haben einen Migrationshintergrund, der sie zu Außenseitern in der deutschen Mehrheitsgesellschaft macht. Senthil Vasuthevan ist Tamile, Valmira Surroi Kosovarin. Vielleicht sind sie sich schon einmal begegnet, im Netz der Freundschaften erscheint das zunächst möglich. Doch nach fast 24-stündigem Austausch, einem Abtasten, einer Durchsicht durch Profile und Freundeslisten kommen beide zu dem Schluss:

Valmira Surroi 23:57
Wir sind uns also nie begegnet.

Senthil Vasuthevan 23:58
wir hätten uns nie begegnet sein können.

Es ist nicht klar, warum beide an dieser Stelle weitermachen, mit dem Sprechen, das kein Sprechen, sondern ein Schreiben ist. Es entsteht ein Austausch, der nicht davon lebt, dass eine Person auf die andere eingeht, im Sinne von Einfühlsamkeit und Zartheit. Ihr Chat legt Zeugnis einer Fremdheit ab. Sie stellt die Verbindung, das spüren beide, her. Es ist eine drahtlose, eine, deren Signalstärke hervorragend ist.

Varatharajah stellt seinem Text ein Bibelzitat voran. „Woher bist du? Jesus aber gab ihm keine Antwort.“ (Johannes 19:9). Von Beginn an wird ein hoher Ton angeschlagen, Anspruch und Verweigerungshaltung zugleich. Der Autor, der Philosophie, evangelische Religion und Kulturwissenschaft studiert hat, geht mit seiner Sprache einen eigenen Weg. Sie kümmert sich nicht um Lesbarkeit, Verständlichkeit, ist mithin keine leichte Lektüre. Sie folgt einer inneren Logik, die an vielen Stellen scharf die Grammatik der Integration seziert, an anderen Stellen schlichtweg den Boden unter den Füßen verliert. Inhaltlich verweigert Varatharajah mit dem Zitat die Auskunft über seine Herkunft. Und in den biografischen Angaben des Schutzumschlags fehlt der Geburtsort. Es ist sein gutes Recht, als in Deutschland lebender Mensch mit gleichen Pflichten und Rechten anerkannt zu werden. Aber greift er nicht zu hoch, wenn er die Passionsgeschichte zitiert? „Da sprach Pilatus zu ihm: Redest du nicht mit mir?“ (Johannes 19:10).

Ich bekenne mich zu meiner Neugier. Wenn ich einen Menschen sehe, von dem ich aufgrund anderer Hautfarbe oder Sprache annehme, er komme aus einer anderen Region in dieser Welt, möchte ich fragen dürfen: Woher kommst du? Freilich geriet ich dabei schon an Menschen, die in zweiter oder dritter Generation hier leben und mir irgendeinen Ort in Deutschland nannten, in dem sie geboren wurden. Manche ließen mich im Regen stehen, als hätte ich wie die Buchhändlerin bei Varatharajah eine als Neugier schlecht getarnte rassistische Bemerkung gemacht.

… es könnte bereits mitte des semesters gewesen sein, fragte mich die buchhändlerin, nachdem ich die bücher auf den tresen gelegt hatte und sie sie zu scannen anfing, woher ich komme und ob ich mich hier oder in meinem heimatland wohler fühlen würde.

Dass die Frage nach der Herkunft nicht so leicht zu beantworten ist, nicht nur mit dem Verweis auf den Ort der Geburt, zeigt Valmira, wenn sie schreibt:

Einige meiner Freunde haben die Städte, aus denen ihre Eltern kamen, als ihre Heimatstadt angegeben, obwohl sie in Frankfurt, München oder Göttingen geboren wurden …

Vor der Zunahme der Zeichen ist ein sperriges Buch mit einem Titel, der zunächst nicht eingänglich ist. Nach dem Lesen der entsprechenden Textstelle bekommt er jedoch Gewicht und lastet schwer.

die sri lankische armee begann junge tamilische männer festzunehmen und verschwinden zu lassen. sie kamen ohne ankündigung. sie kamen durch wände. sie kamen tag und nacht. meine mutter sah, wie sie in einem jeep an ihrem haus vorbeifuhren. sie sagt, das sei ein zeichen. sie sagt, bevor diese zeichen zunehmen, vor der zunahme der zeichen sollte er gehen. er hätte keine zeit mehr.

Varatharajahs Debüt besitzt das Potenzial, bei den Lesern eine Langzeitwirkung zu entfalten. Diese Prosa leistet weit mehr als ein leicht konsumerabler Roman, der mit bewährten Stilmitteln hantiert. Der Verlag schreibt, der Text gehe über die Grenzen der Sprache und über die Brüche in Biographien. Abschließend ohne weitere Kommentare einige Ausschnitte, die das belegen könnten.

niemand wird wissen, von welchen rändern wir aus sprechen, und dass wir darüber sprechen können, ändert nichts daran.

vielleicht sprechen wir, um an das ende dieser und jeder möglichen sprache zu gelangen …

… als wollten sie die dinge aufbrechen, die wörter aufbrechen; vielleicht sind sie zu weit gegangen, vielleicht, vielleicht sind sie noch nicht weit genug gegangen, vielleicht ist das die art, wie sinn allein erscheint, unbeabsichtigt und unterwegs, auf der rückseite der zeichen, als buchstabenschatten, der selbst schatten wirft, als bewegung unter dem papier, verborgen, flüchtig …

wir werden uns zwischen den zeilen und zeichen verraten.

ich fange an. das tamilische namensrecht: der vorname des vaters wird der nachname der kinder sein. sie tragen den namen des vaters, aber er trägt einen, den eines anderen. hier, in deutschland, endet diese linie. wenn wir kinder haben sollten, werden sie nicht meinen vor-, sondern den unseres vaters als nachnamen erhalten. mit uns endet dieses gesetz. wir sind das ende.

als kind glaubte ich, dass das wort untersagen heißt, dass man unter dem sagen spricht, unter dem, was sagbar ist, und ich verstand nicht, wie versprechen beides sein konnte, eine zuverlässige sowie unzuverlässige rede, und dass einstellen ein anfangen und ein enden bedeuten konnte, auch das begriff ich nicht.

bis zur äußersten bedeutung müssen wir gehen und es wird nicht weit genug gewesen sein. wir gehen.

P. S. Varatharajah ist dem Wörterbuch meines Schreibprogramms unbekannt. Korrekturvorschlag: Rathausmarkt. Desweiteren: Vasuthevan, unbekannt, Vorschlag: Asylrelevant.

Etgar Keret: „Die sieben guten Jahre. Mein Leben als Vater und Sohn“

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Die Bonusmeilen der Abwesenheit
Etgar Keret als Sohn und Vater

„Du bist auch ein Kind“, sagt mein Sohn und nimmt meinem Argument den Wind aus den Segeln, „das Kind deiner Eltern!“ Er strahlt. Er weiß, er hat ins Schwarze getroffen. Denn obschon mein Vater vor vielen Jahren starb und ihn nicht kennenlernte, hat mein Sohn Recht. Kinder erinnern uns daran, dass wir in einer Traditionslinie stehen, die über den Tod hinaus Gültigkeit hat. Und als Erwachsener zum Elternteil zu werden, bedeutet nichts anderes, als ein Kind zu sein und zeitgleich ein Kind wachsen zu sehen.

Etgar Keret hat ein Buch geschrieben, das über diese Erfahrung berichtet. Es sind, daran lässt der Titel keinen Zweifel, sieben gute Jahre, die den Schriftsteller den Weg seines Sohnes ins Leben und den Weg seines Vaters aus dem Leben beobachten lassen. Er tut das mit einer gehörigen Portion Humor, die oftmals ins Derb-Übertriebene abgleitet und mit der ich wenig anfangen kann. Ist dies ein Schutzmechanismus, der uns gerade zu Vätern gewordenen Männern davor bewahrt, angesichts dieser völligen Umstellung der Lebensumstände, haltlos zu werden und die Fassung zu verlieren?

„Wie jeder wahre Abhängige hat er hinsichtlich seiner Freizeitgestaltung nicht die gleiche Anzahl von Optionen wie andere – zum Beispiel ein gutes Buch oder einen abendlichen Spaziergang oder die NBA-Playoffs. Für ihn gibt es nur zwei Möglichkeiten: eine Brust oder die Hölle. ‚Bald wirst du die Welt entdecken – Mädchen, Alkohol, illegales Glücksspiel‘, sage ich, um ihn zu beruhigen. Aber wir beide wissen, dass bis dahin nur die Brust existieren wird. Zum Glück für ihn und für uns hat er eine Mutter, die mit zweien davon ausgestattet ist. Worst-Case-Scenario: Wenn eine versagt, gibt es noch eine zum Ersatz.“

Klingt gut, locker-flockig geschrieben, aber eine sehr vereinfachte Sicht. Bei einem Milchstau haben alle in der Familie ein Problem: die Frau hat Schmerzen, das Kind schreit und der Mann sucht verzweifelt nach Quark im Kühlschrank.

Über die drei ersten Lebensjahre von Lev erfahren wir wenig, der Vater scheint weg weit, irgendwo unterwegs auf Lesungen und Literaturfestivals in der ganzen Welt. Wir lesen Geschichten, Anekdoten aus dem Leben eines Schriftstellers, die nicht selten eine unangenehme Ich-Bezogenheit ausatmen. Oder wir erleben den Autor über den Wolken als Vielflieger, versunken in Meditationen über den Inhalt der hochglänzenden Tax-Free-Magazine, wo er einen „unerklärlichen Anfall von Ernsthaftigkeit“ erlebt.

Glücklicherweise nehmen diese Anfälle zu. Je älter der Sohn wird, desto reifer, zärtlicher spiegeln sich im Buch Kerets Reflexionen über seine Doppelrolle als Vater und Sohn. Dabei geht der Humor nicht verloren, er wird feiner. Ich lese das als einen Annäherungsprozess, den ich als Vater gut nachvollziehen kann, als Leser nachvollziehen darf.

„Die Helden der Gutenachtgeschichten meines Vaters waren immer Trinker und Prostituierte, und als Kind hatte ich sie sehr, sehr gern. Ich wusste noch nicht, was ein Trinker und eine Prostituierte eigentlich waren, aber ich erkannte Magie, wenn ich sie sah, und die Geschichten meines Vaters waren voller Magie und Mitgefühl. Und jetzt, über sechzig Jahre später, stehe ich also hier, nicht weit von der Welt der Geschichten meiner Kindheit.“

Im Kapitel „Heldenverehrung“ nähert sich Keret seinem großen Bruder, es ist ein weiteres Beispiel für die leise Zärtlichkeit, mit der die Familie uns vorgestellt wird, „ohne die Stimme heben zu müssen.“ Diese Tonlage berührt mich.

Die Frage nach Abwesenheit ist vordergründig eine, die sich auf die Rollenverteilung innerhalb der Familie bezieht, das, was in der deutschen Gesellschaft heute unter dem Stichwort „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ diskutiert wird, zu selten von Männern. Kerets Buch vermittelt den spröden Eindruck, die Erziehung Levs sei hauptsächlich Sache seiner Frau.

Aber Abwesenheit hat hier eine weitere, tiefere Dimension. Kerets Eltern sind Überlebende der Shoah.

„Als Kind habe ich mir oft Polen vorgestellt. Meine Mutter, die in Warschau aufgewachsen war, hatte mir viele Geschichten über die Stadt erzählt, über den Jerusalem Boulevard (Aleje Jrozolimskie), wo sie geboren worden war und als kleines Mädchen gespielt hatte, und über das Ghetto, wo sie ihre Kinderjahre mit dem Kampf ums Überleben verbracht und ihre ganze Familie verloren hatte.“

„Während des Zweiten Weltkriegs versteckten sich mein Vater, seine Eltern und noch ein paar Menschen fast sechshundert Tage in einem Loch im Boden in einer polnischen Stadt. Das Loch war so klein, dass sie darin weder stehen noch sich hinlegen konnten, sondern nur sitzen.“

Ein Ort, an dem man stehen, sitzen und liegen kann, ist das nach Keret benannte Haus des polnischen Architekten Jakub Szczesny, das 2012 fertiggestellt wurde und mit 4,09 Quadratmeter als das kleinste Gebäude der Welt gilt. Es markiert als minimalistische Architektur und Mahnmal den ehemaligen Zugang zum Warschauer Ghetto, den Kerets Mutter nutzte, um Lebensmittel ins Ghetto zu schmuggeln. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts tat die polnische Regierung wenig, um die verbliebenen Baureste des Ghettos vor dem Zerfall zu schützen. Gedenktafeln und im Boden eingelassene Verläufe der Ghettomauer ermöglichten erst um etwa 2010, das Gedenken an das Ghetto zu visualisieren und im Stadtbild zu bewahren.

„Als ich aus dem Café zurückkomme, wartet am Eingang eine Nachbarin auf mich – eine Frau, die sogar noch älter ist als meine Mutter und Einmachgläser in Händen hält. Sie lebt auf der anderen Straßenseite, hat von dem schmalen Haus gehört und will den neuen israelischen Nachbarn mit hausgemachter Marmelade begrüßen.“

Eingedenk der perfiden Strategie der Deutschen, die Juden im Warschauer Ghetto zu Beginn der Deportationen im Juli 1942 zum Umschlagplatz zu locken – es wurde jedem, der dort freiwillig hingeht, Brot und Marmelade versprochen – ist diese hausgemachte Marmelade einer alten Frau aus Warschau eine irritierend wertvolle, vielleicht eine sich mit der Geschichte aussöhnende Metapher für An- und Abwesenheit.

Keret gelingt ein lebendiges Bild der israelischen Gesellschaft, die sich zwischen Bedrohung, Krieg und Hysterie, Modernität und tiefer, dem Autor suspekten, Religiosität bewegt. Als die Luftschutzsirene ertönt, wirft sich Familie Keret in den Straßengraben. Lev will nicht, bis der Vater das Sandwichspiel vorschlägt: Vater und Mutter sind die Brotscheiben, Lev der Belag (Pastrami: geräuchertes, rotes Fleisch!). So führt die Bedrohung zur Nähe, zur Anwesenheit, die sich das Kind fortwährend wünscht, gepresst zwischen Vater und Mutter, die ihre Körper als Schutzschilde anbieten.

 

Phạm Thị Hoài: „Sonntagsmenü“

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„Sonntagmenü“ der 1960 geborenen vietnamesischen Schriftstellerin Phạm Thị Hoài versammelt elf Kurzgeschichten, die 1995 in deutscher Erstausgabe erschienen. Dieter Erdmann übersetzte die Texte ins Deutsche.

Das sind Sätze, die sich selbstverständlich hinschreiben, aber schon ungenau sind, was daran liegt, dass wir in der deutschen Sprache keine differenzierten Ausdrücke für Kurzprosa haben. Die Kurzgeschichte orientiert sich an der short story und meint eine ganz bestimmte Art der Kurzprosa. Die hier versammelte Kurzprosa unterscheidet sich in Länge, Tonart und Inhalt so sehr, dass es nicht leicht ist, diese Sprünge mitzuspringen.

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