Ioana Nicolaie: „Der Himmel im Bauch“

Sodbrennen und Sonne

Die Pille war Täler und Berge in fernen Ländern. Verhütung war Feld und See oder endlose Mauer. Es gab keine Rettung und nichts zu schützen. Abtreibung hieß damals Gefängnis. Mit der Zeit wurdest du zur perfekten Mutter. Und manchmal nanntest du dich, wie Mama, HELDIN. In der Sozialistischen Republik Rumänien.

Um eine Kritik von „Der Himmel im Bauch“ zu schreiben, muss ich in die Mutterhöhle zurückkehren (ein literarischen Motiv, das Nobelpreisträgerin Toni Morrison in „Jazz“, wenn ich mich richtig erinnere, aufgenommen hat), in den schwebenden, pränatalen Zustand, in dem mein Geschlecht zwar schon lange feststand, aber meinen Eltern noch unbekannt war. (Mutter hoffte auf ein Mädchen. Und wie sie mir gerade mitteilt, hoffte sie später, nach meiner Geburt, immer noch auf ein Mädchen. Aber meinem Vater waren wohl zwei Jungs genug Verantwortung. Die gesellschaftliche Erwartung hatte er erfüllt.) Nur in diesem unschuldigen Stadium darf ich wagen, meinen männlichen Blick auf das Buch, auf den Bauch von Ioana Nicolaie zu werfen, denn, bin ich auch Vater zweier Kinder, ist mir die (Gefühls-)Welt der Frauen, die schwanger werden und Kinder gebären, naturgemäß verschlossen. Zurück im Fruchtwasser bin ich jedoch frei von der Last der Rollen und Klischees, finde mich in der Obhut einer Welt, deren Leid und Ungerechtigkeit nicht mit meinem Geschlecht verknüpft ist: Ich darf ich sein – ein Ungeborener, der 1965 zur Welt kam.

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Juan Gelman: „Leidland – País del dolor“

Tinte, die kein Leid schreibt

Das Werk des Dichters Juan Gelman (1930-2014) wurde mit allen wichtigen Literaturpreisen der spanischsprachigen Welt ausgezeichnet. Es umfasst 31 Lyrikbände und kann, folgt man den Betreibern der Webseite des Schriftstellers, in drei Schaffensphasen aufgeteilt werden; Einleitung: Utopie und Revolution (1956-1973) | Exil: Unterbrechungen und Erinnerung (1980-1994) | Ein glühendes Handwerk (1997-2014). Zu jeder dieser Phasen liegt mir ein Band in deutscher Übersetzung vor: So arbeitet die Hoffnung. Lyrik des argentinischen Widerstands in der Übertragung von Wolfgang Heuer und Miquel Salí von 1978 (Oberbaumverlag Berlin), Kom/positionen & Darunter, übertragen von Juana und Tobias Burghardt aus dem Jahr 2013 (Edition Delta, Stuttgart) sowie das zu besprechende Leidland, für das Walter Eckel, Direktor des Heidelberg Centers Lateinamerika, für Übertragung und Einführung in Leben und Poesie des Argentiniers verantwortlich zeichnet.

Leid ist der Schlüsselbegriff dieser Gedichtauswahl aus dem Spätwerk Gelmans. Es verdichtet sich in den beiden Zeilen:

Cuando el dolor se parece a un país
se parece a mi país.

Wenn das Leid einem Land gleicht,
dann gleicht es meinem Land.
(aus: „País“ – „Land“)

Ohne dass Gelman das Wort benutzt, ist es folgerichtig, aus diesen beiden Zeilen das Titelwort zu bilden: Leidland. Die Übersetzung ist dabei nicht zwangsläufig. Im Deutschen gibt es feine Unterschiede zwischen Schmerz und Leid, die spanische Sprache bietet für Schmerz el dolor, für Leid el sufrimiento an. Ist der Schmerz eher ein akutes Ereignis, wird es im chronischen Zustand zum Leid.

Si el dolor es físico y de alma
el sufrimiento, díganme
cómo se distribuye la pasión
del cuerpalma […]

Wenn der Schmerz körperlich ist und seelisch
das Leiden, sagt mir,
wie sich die Leidenschaft
der Körpseele verteilt […]
(aus: „Distribuciones“ – „Verteilungen“)

Aber diese Finessen spielen keine Rolle angesichts der Verschleppung und Ermordung von Gelmans Sohn Marcelo und seiner schwangeren Schwiegertochter María im Jahr 1976. Die Gefolterten und die Angehörigen der Desaparecidos, der Verschwundenen, sind lebenslang durch unendliches Leid gezeichnet.

Im Bereich der Sprache sind mir in Eckels Übertragungen einige Alliterationen aufgefallen, die sich im Original nicht abbilden.

[…]
En el tajo de sus corrientes extrañas.

[…]
Im Schnitt seiner seltsamen Strömungen.
(aus: „El tajo“ – „Der Schnitt“)

Keine Frage: Leidland ist ein kraftvoller Titel. Land des Schmerzes fiele dagegen weit ab.

Es gibt, wie ich denke, einen weiteren Grund, Leidland der Gedichtauswahl voranzustellen. Zu finden ist dieses Wort in Rilkes Duineser Elegien. Rilke versteht Leidland als Zwischenraum zwischen Leben und Tod, ein Raum der Trauerkultur. Er schreibt:

Doch der Tote muß fort, und schweigend bringt ihn die ältere
Klage bis an die Talschlucht,
wo es schimmert im Mondschein:
die Quelle der Freude. In Ehrfurcht
nennt sie sie, sagt: – Bei den Menschen
ist sie ein tragender Strom. –Stehn am Fuß des Gebirgs.
Und da umarmt sie ihn, weinend.
(aus: Rainer Maria Rilke „Die zehnte Elegie“)

Mir scheint, Rilke Klagelied stimmt überein mit der Ansprache des totlebendigen Vaters an seinen lebendigtoten Sohn.

Du bist also zurück.
Als ob nichts geschehen wäre.
Als ob das Konzentrationslager, nein.
Als ob seit 23 Jahren,
in denen ich dich nicht gehört und gesehen habe.
[…]
Du wirst jetzt nie mehr aufhören aufzuhören.
Wieder und wieder kommst du zurück,
und ich muss dir erklären, dass du tot bist.
(aus: „Wiederkünfte“)

Es ist ein Frage, die auch Eckel umtreibt: Wie kann ein Mensch solches Leid aushalten, ohne daran zu zerbrechen? Im Kapitel Leid, Liebe und die Poesie zitiert Eckel in seinen einleitenden Worten Gelman.

Keine von der Natur oder vom Menschen verursachte Katastrophe hat jemals den Faden der Poesie durchtrennen können.
(aus: „Rede zur Verleihung des Juan-Rulfo-Preises,“ 2000)

Eckel schreibt weiter:

Doch haben nicht alle, die über das Schreiben die „Erinnerungswunde“ zu schließen suchten, stellvertretend seien hier Primo Levi und Paul Celan genannt, ihr Leben auf natürliche Weise beenden können.

Wenn hier über Shoah oder Khurbn gesprochen wird, so wird der Bezug von Gelman, dessen Eltern ukrainische Einwanderer jüdischen Glaubens waren, durch einen historischen Vergleich (nicht: Gleichsetzung) hergestellt.

[…]
Gräber im Wasser geschaufelt, Paul Celan. […]
(aus: „Land“)

Eckel kommentiert:

Wenn auch das religiöse Motiv und die industrielle Perfektion der Vernichtungsmaschinerie in Argentinien im Vergleich zu Deutschland nicht vorhanden waren, so standen die argentinischen Folterzentren ihren deutschen Vorbildern in Grausamkeit und Perversion in nichts nach.

Der Akt des Schreibens, des Dichtens ist das, was Gelman davor rettet zu zerbrechen. Graben ist hierfür weit mehr als eine Naturmetapher. Wenn man Gelmans Suche nach seiner zwangsadoptierten Enkelin María Macarena und die Aufklärung der Verbrechen an seiner Familie nimmt, ist das Graben in der Geschichte, deren Oberfläche durch Amnestie und Amnesie versiegelt wurde, ein konkreter Akt, einer, der mit der Verurteilung des Staates Uruguay durch den Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte in Costa Rica am 24. Februar 2011 Rechtsgeschichte schrieb.

Der kahle Baum, auf dem zwei Vögel sitzen, die Einbandgestaltung von Jürgen Kostka, steht für den Dichter und seine Poesie. Auf der Rückseite trägt der Baum neue Blätter, Hoffnung auf eine neue Zeit mit

[…] Tinte,
die kein Leid schreibt
(aus: „Wetten“)

Es mag banal klingen: Durch die Kraft der Liebe wird diese Hoffnung in die Welt getragen. Mara La Madrid, Psychotherapeutin aus Buenos Aires, wird Gelmans große Stütze beim Graben unterhalb des Vergessens und später seine zweite Frau. In einem ihr gewidmeten Gedicht ist für immer festgehalten:

Deine Luft ist die Sonne, die ich habe
und die gestern im Heute schreibt.
Die Reise besteht darin,
Himmel zu bauen, die von Dauer sind.
(aus: „Von Dauer“)

 

Ragnar Helgi Ólafsson: „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“

Auf der gerade zu Ende gegangenen Frankfurter Buchmesse 2017 hatte ich die Gelegenheit und das Vergnügen, einer Lesung von Wolfgang Schiffer zu lauschen, der als (Mit-)Übersetzer das Lyrikdebüt des isländischen Schriftstellers, Künstlers, Grafik-Designers und Filmemachers Ragnar Helgi Ólafsson, 1971 in Reykjavík geboren,  in der Lyrikbuchhandlung präsentierte.

Das Buch ist, wiewohl es gerade erst im Herbst erschien, bereits überraschend oft wahrgenommen worden, es gibt eine Besprechung im Signaturen-Magazin und auf Blogs. Unverständlich hingegen, dass es bei der Präsentation der Icelandic Publishers Association in Halle 5.0 nicht ausgestellt war und in einem Gespräch darauf verwiesen wurde, das Buch sei von 2015. Ja, das Original, nicht aber die Übersetzung von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer! Welchen Sinn macht es, wenn das Ergebnis der durch ein Translation Grant geförderten Arbeit nicht auf einer internationalen Buchmesse zu sehen ist?

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Jerome Rothenberg: „Khurbn“

where the warm flux inside the corpse
changes to stone

Erst war langes Schweigen. Zur Scham gesellte sich Verdrängung, schließlich Gedächtnisverlust.

1979 trat in mein damals 14 Jahre altes Leben das Wort Holocaust. Es kam als Titel des US-amerikanischen Vierteilers „Die Geschichte der Familie Weiss“, klopfte an in unserem Wohnzimmer und bat über den Fernseher Einlass. Gegen den Widerstand meines Vaters wurde dieses Wort in unsere wie in unzählig weitere deutsche Familien gebracht und setzte sich fest.

Sehr viel später erst, schon im 21. Jahrhundert, trat das Wort Shoah hinzu. Wenn meine Erinnerung nicht trügt, war Claude Lanzmanns 540 Minuten dauernder Film auf mehreren VHS-Videokassetten.

Nun also: Khurbn. Ein drittes Wort für den Grund des langen Schweigens. Ein Schweigen, das sich mit einem deutschen Wort nicht füllen lässt, es sei denn, man verwendet den verbrecherischen Euphemismus Endlösung, nutzt die Lingua Tertii Imperii.

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Various Artists: „Sun and Moon“

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Schöne, handgedruckte Bücher aus Chennai, Indien von taraBooks

Inzwischen hat taraBooks einen festen Platz bei meinen Rundgängen über die Frankfurter Buchmesse. Und jeder Jahr bin ich begeistert von neuen Büchern.

Für Sun and Moon haben 10 Künstlerinnen und Künstler aus den Regionen Madhya Pradesh, Gujarat, Bihar, Rajasthan und Orissa in eindrücklichen grafischen Arbeiten Mythen und Erzählungen ihrer Regionen über Sonne und Mond festgehalten.

Jeffrey Yang: „Ein Aquarium“

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It’s not a Sea World
Jeffrey Yangs Tauchgang in „Ein Aquarium“

Ich erinnere mich, wie ich Anfang 2010 von der Schönheit des Scyphocrinus elegens, einer Seelilie, atemlos wurde. Das Fossil war ausgestellt in einer der ersten Vitrinen im Ozeaneum in Stralsund. Lange stand ich dort, mit offenem Mund, aus dem offen gebliebene Fragen herauskollerten. Die Welt unter Wasser habe ich nur aus einigen nicht geglückten Schnorchelgängen an der steinigen Küste Istriens als Kind erfahren. Noch heute kann ich mir die abgebrochenen Stacheln der Seeigel, Verwandte der Seelilien aus der Familie der Stachelhäuter, in meinen Fersen vergegenwärtigen. Ich hasste diese Dinger. Erst später, sehr viel später habe ich mich bei der Übersetzung von Moya Cannons Gedicht „Sea Urchins“ mit der faszinierenden Biologie dieser Tiere beschäftigt und lernte etwas über die Laterne des Aristoteles, dem innernen Kieferapparat der Seeigel.

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Rozalie Hirs: „Ein Tag | Een Dag“

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Buchmesse Frankfurt am Main 2016:
Gastland Flandern und die Niederlande

Bei der ersten von hochroth und vom gutleut verlag organisierten Lyrikbuchhandlung während der Frankfurter Buchmesse lernte ich am zweiten Abend Rozalie Hirs, Komponistin und Lyrikerin aus Amsterdam, kennen.

hochroth hatte bereits 2014 mit Ein Tag | Een Dag ihre Lyrik als bilinguale Auswahl von Gedichten aus verschiedenen niederländischen Bänden ins Deutsche gebracht.

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Miron Białoszewski: „Das geheime Tagebuch“

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Ich bin es, der den Organismus anführt
Das geheime Tagebuch des Miron Białoszewski

Vorüberlegungen

Warum sollte ich das Tagebuch eines mir unbekannten Menschen lesen? Mit welchen Erwartungen gehe ich an die Lektüre, die als geheim klassifiziert ist? Welche Zugangsberechtigung habe ich für diese Aufzeichnungen?

Die Euphorie in der Stimme des Verlegers Andreas Rostek, als er den Vornamen Miron aussprach und mir das Buch zur Rezension empfahl, machte mich neugierig und verleitete mich, diesem Ansinnen zuzustimmen. Miron, sagte er, sei noch heute in Polen ein klingender Name und jeder kenne den Schriftsteller, der 1922 in Warschau geboren wurde und 1983 dort starb.

Von Bialoszewski sind in deutscher Sprache dank der Übersetzungs- und Herausgebertätigkeit von Dagmara Kraus zwei Gedichtbände erschienen: Wir Seesterne und Vom Eischlupf (2012 und 2015, Reinecke & Voß).

Einige Protagonisten der deutschen Literaturszene sprechen über Bialoszewski als eine Entdeckung. Vielmehr ist es eine Öffnung, eine Europäisierung des Blicks, die Zueignung eines poetischen Schimmers über deutsche Staatsgrenzen hinweg, wie Armin Steigenberger erkennt. Unsere Begrenztheit abzulegen, ist in Zeiten aggressiver Nationalismen Pflicht.

Diese Erkenntnis, so wichtig und notwendig sie ist, beantwortet die eingangs gestellten Fragen nicht.

Gilt die Regel, dass Literatur Interesse weckt, wenn es ihr gelingt, die Leserschaft in Schwingungen, Resonanzen zu versetzen, auch für den intimen Bereich des Tagebuchs? Tadeusz Sobolewski stellt in seinem Vorwort klar: „Was ist das Geheime Tagebuch? Ein literarisches Werk.“ Die Biografie bietet durch die deutsche Besatzung Polens und Bialoszewskis Teilnahme am Warschauer Aufstand wie auch seine Zeitzeugenschaft des Stalinismus und der Demokratiebewegung in der Volksrepublik eine historische Dimension. Doch der Autor versteht sich nicht in erster Linie als politisch agierend. Im Tagebuch folgen wir einem Netzwerk von Beziehungen in der Literaten- und Künstlerszene, mithin der intellektuellen Elite des Landes, das es einem Außenstehenden schwer macht, zumal aufgrund des akribischen Fußnotenapparates, in dem Sobolewski Initialen auflöst und Kurzbiografien mitliefert, gedanklich dem Text zu folgen. Rivalitäten und Eifersüchtelei in einer in sich geschlossenen Gruppe kommen zum Ausdruck. Das erinnert an Uwe Kolbes Die Lüge, ein Werk, das einen Vater-Sohn-Konflikt ankündigt, aber als Roman versagt, weil es in Betrachtungen über die Egoismen einer über Arbeiter und Bauern stehenden Klasse erstarrt. Im Tagebuch mag es legitim sein, solchem Raum zu geben, ermüdend ist es trotzdem. Aber Bialoszewski verbringt viel Zeit im Bett und Träume/Albträume bieten ihm eine legitime Projektionsfläche auf die Wirklichkeit des real existierenden Sozialismus.

Was löst in mir Resonanzen aus? Ich bin Schriftsteller, doch meine Netzwerke sind kleiner, weniger mondän. Ich wurde in eine Demokratie hineingeboren, habe keine totalitären Erfahrungen. Insofern bleibe ich als Fremder und Unerfahrener außen vor. In der Homosexualität Bialoszewskis finde ich jedoch Bezüge zu meinem Vater, der es Zeit seines Lebens nicht geschafft hat, sich zu öffnen und „die Grenze der Scham und der Angst“ (Sobolewski) zu überwinden. Bialoszewski gelingt dies im New Yorker Tagebuch, Kapitel, die in der Lektüre des Buches noch vor mir liegen. Ich denke zurück an so wichtige Bücher wie Edmund Whites Die brennende Bibliothek oder die Autobiografie Reinaldo Arenas‘ Before Night Falls, die mir schwule Kultur nahebrachten. Jedoch erscheint mir vor allem, dass mit den schmerzlichen Schnittstellen von Sozialismus, Katholizismus und Homosexualität Bialoszewski im Westen mit Pier Paolo Pasolini, wie der Pole 1922 geboren, einen Bruder im Geiste hatte, der eine ebenso überragende Bedeutung für die Intellektualität seiner Nation und weit darüber hinaus einnahm.
[29./30.06.2016]

Nachts überlegte ich, weshalb der Sozialismus irgendwie weniger gelungen ist als die christliche Kirche. Mehrere Male hatte ich diesen Vergleich, der mir zu hinken schien, verworfen, bis er mir plötzlich gar nicht mehr wie ein hinkender Vergleich vorkam. Bei beiden gibt es eine Gesellschaftsvorstellung, eine Moralvorstellung. Bei beiden die Gleichberechtigung. Bei beiden soll die Belohnung in der Zukunft kommen. Folglich unüberprüfbar. Bei beiden entsetzlicher Missbrauch und hässliche Sachen. Bei beiden Schismen und Abweichungen. Und Aufspaltungen. Kennt der Kommunismus keine Kunst? Er kennt den Sozrealismus. Es haben sich doch verschiedene interessante Künstler in den Sozrealismus ergeben. Maler. Ich erinnere mich, dass sich sowohl Fougeron als auch Picasso engagiert haben. Und Pablo Neruda hat uns in den schlimmsten stalinistischen Zeiten Gedichte zur Übersetzung hergeschickt; eines seiner Poeme, ein riesiges, hatte übrigens eine Passage dieser Art:

In den drei Zimmern des alten Kreml
Wohnt ein Mann mit Namen Stalin
Lang brennt das Licht in seinem Zimmer …

Dass in der UdSSR Millionen Menschen verbannt wurden und ein Großteil der Welt nichts davon wusste oder es nicht glauben wollte, erinnert an die Kirche; die einen wähnen Rom als das Ziel aller Pilgerer, die anderen als Hauptstadt des Verbrechens. […]
[Sonntag, 20. März 1978]

Tod des Vaters

Im September 1979 stirbt Bialoszewskis Vater. Eine Verbindung zwischen Vater und Sohn scheint seit langer Zeit nicht mehr zu bestehen. Spuren hat der Vater bislang im Tagebuch des Sohnes nicht hinterlassen. Nun aber zeigt sich in der Verarbeitung des Todes, in den Erinnerungen eine unerwartete Zartheit, die sich in Mirons Träumen spiegelt. Zweifelsohne ist die verspätete Klärung des Vater-Sohn-Verhältnisses die wichtigste Triebfeder meines Schreibens, meiner Suche nach verloren gegangenen und ungesagten Worten. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die wenigen Vaterspuren in Mirons Tagebuch, für mich einen besonderen Stellenwert haben. Und in ihrer Wortkargheit helfen, eigene Leerstellen mit entliehenen Sätzen zu füllen. Ist das legitim? Darf ich seine und meine Bilder überlagern, gegen die Sonne halten, um mit blinzelnden und tränenden Augen zu sehen, ob die Puzzleteile einen ähnlichen Zuschnitt haben? Oder ist das vermessen? Überschreitet es die dem Leser erlaubten Resonanzen? Darf ich meine Vaterträume öffnen?
[11.07.2016]

Zwei Tage lang unausgeschlafen. Ich wurde morgens wach, weil es ein Hämmern gegen die Tür gab. Ich dachte sofort, es müsse etwas Schlechtes sein. Mutter betreffend. Oder zur Abwechslung vielleicht Vater. Ich machte nicht auf. Aber nach einer Stillephase wieder Klopfen, Rütteln an der Tür, Hämmern. Ich dachte, dass sich der Tod auf diese Weise Zugang verschafft. […]
Ich habe von Dorata, die mit ihm zusammenwohnte, erfahren, dass er nach seinem Infarkt im Juli entlassen worden sei, danach sei es etwas schlechter gegangen, und drei Tage vor seinem Tod sei er wieder ins Krankenhaus; sie brachten ihm irgendein Essen hin, er bestellte noch Sauerkrautsuppe, plante, nach Hause zu gehen. Und starb plötzlich.

Und genau das hat mich gerührt, dass er mir seit langem keine Umstände bereitete, ja selbst mit seinem Tod hat er mir keine Umstände bereitet. Er ist schnell und weit weg gestorben.
[…]
Es tut mir um Vater leid. In schweren Zeiten brachte er mir über sehr lange Zeit täglich Essen aus der Milchbar. Meine Freunde bewunderten ihn für seine Geduld. Nicht selten verzog ich das Gesicht, dass ich dies nicht esse, das nicht esse, er brachte mir weiterhin zu essen, sogar noch, als ich bereits Geld hatte und in einer bessere Situation war. […]
[6. September 1979]

Heute habe ich geträumt, dass ich mit einem riesigen Schiff auf einem Arm oder Zufluss der Weichsel fahre, nicht weit weg vom Meer, und gleichzeitig schien das auch die Marszalkowskastraße zu sein. […] Ich kehrte zu meiner Bank zurück, die sich in ein Bett verwandelt hatte, zog einen Pyjama an und legte mich hin. Es war immer noch diese Kirche und immer noch das Warten auf die Andacht. Einen Moment später erhob ich mich schon wieder. Ich schaute mich um, und in einem weiteren Bett schien der Leichnam meines Vaters zu liegen. Als ich genau hinsah, war es kein Gespenst. Es war mein bleich lächelnder Vater. Ich ging zu ihm hin und fragte
– Du lebst?
Vater hob den Kopf, und da sah ich, dass er halb tot und halb lebendig war, aber er lächelte weiterhin und lebte auf
– Ja, als sie mich beerdigten, da …
Bewegung in der Kirche hatte mein Interesse geweckt, und ich hörte zu, was er sagte, aber er riss mich an der Schulter, weil er dachte, ich wolle nicht zuhören, und fühlte sich beleidigt. […]
[27. November 1979]

Mein Vater ist ein toter Körper, geschrumpft zu einem annähernd ebenen, ledrigen Stück Pergament, nur noch an wenigen Stellen dreidimensional, ansonsten ein toter Lappen. Er ist leicht ins Bad zu tragen. Der junge Mann ist starr vor Entsetzen über mein Anliegen, meinem Vater von ihm einen körperlichen Dienst angedeihen zu lassen. Ich rede mit Engelszunge und mit dem Hinweis auf die nicht unerhebliche Geldmenge solange, bis der Boy sich in die Situation hereinfindet. Ich verlasse das Bad und kann dann doch beobachten, was geschieht. Der Boy lässt Wasser in die Wanne und legt den ledrigen Pergamentkörper meines Vaters kurz ins Wasser, so dass die Fasern geschmeidiger werden. Anschließend klebt er sich den feuchten Körper auf den seinen und beide tanzen einen mir unbekannten, traurig-elegischen Tanz. Ihre Gesichter schauen sich nicht an, sind hintereinander gereiht. Der Boy neigt den Kopf auf die Schultern meines halb erweichten Vaters, eine zärtliche, unwirkliche Geste voller Sanftmut. Der Rhythmus ihres Tanzes dringt mir tief ins Ohr und ich erkenne ihre Bewegungen als Totentanz im gleichen Augenblick als der Boy plötzlich lächelt, dabei seine spitzen Eckzähne bleckt und von hinten in den Pergamenthals meines Vaters rammt.
[10.06.1995]

Tod der Mutter

Ein geschwollener Bauch, Übelkeit und Erbrechen, Klagen, Gejammer. In der ersten Nacht musste ich mir sogar die Ohren mit Watte und Wachs verstopfen, um nichts davon zu hören. Von dem, woran ich nichts ändern kann. Danach wurde ihr aber doch etwas besser. Die Übelkeit ging vorbei. Irgendwie aß sie und sah wieder etwas besser im Gesicht aus, weil sie furchtbar ausgesehen hatte. Ich gewöhnte mich daran, bei ihr zu sein. Und an die andauernden Lügen, die Sinn machen. Mutter lebt im doppelten Bewusstsein. Einerseits vermutet sie, dass sie etwas Ernsthaftes hat, vielleicht Krebs, sie hat es sogar einmal gesagt, aber wenn es ihr besser geht, hat sie die Hoffnung, dass sie noch ein wenig lebt. […]
[Neujahr 1980]

Bialoszewskis Eintragungen im Winter/Frühjahr 1980 werden zur Chronik eines schleichenden Todes. Die Mutter geht nicht wie der Vater plötzlich und fern. Der Sohn fährt oft nach Garwolin, etwa fünfzig Kilometer von Warschau entfernt. Wenn die Nähe des Todes zu groß wird, fährt Miron zurück nach Warschau. Man spürt den Kampf des Sohnes um ein autonomes Leben angesichts der Fürsorgepflicht gegenüber der Mutter.
[11.07.2016]

Schnee, leichter Frost, aber ich laufe weiter durch Warschau. […]
[3. Januar]

Wieder Garwolin. Meine Ankunft in der Nacht. Frost. Aber mit Energie, mit Notizen und Geschreibe, Abschriften. Die ganze Nacht. Und sogar morgens. Nichts gegessen. Das steigert das Wohlbefinden. Mutter ist normal lebendig, immer wieder beschwert sie sich über die Schwellungen, […]
[10. Januar]

Mutter wollte ausschlafen. Also musste ein Mittelchen her. Ich gab ihr eines. Eines mit leichter Wirkung. Sie schlief ein, stöhnte. […]
[15. Januar]

Mutter fühlt sich seit zwei Tagen besser. Sie beschwert sich über die gewohnten Schwellungen, aber selbst die Schwellungen sind etwas abgeklungen. Sie isst wie immer wenig, aber es nützt ihr. Sie wirtschaftet in der Wohnung herum. Sie hat mir das Hemd für die Fahrt gewaschen. Als ob ihre Krankheit seit einem Monat auf der Stelle stünde. […]
[17. Januar]

Ich habe in Garwolin angerufen. Mutter fühlt sich passabel, so wie vorher. Sie hat am Telefon sogar gelacht. […]
[25. Januar]

Weil ich Lust hatte, bin ich nach Garwolin gefahren. Mutter ist in quasi unverändertem Zustand, obwohl sich das Ganze womöglich langsam, aber unmerklich abwärts bewegt.
[Freitag, den 1. Februar]

Ich habe mit Mutter telefoniert. Am Dienstag geht sie ins Krankenhaus. Sie ist ein wenig nervös, ein wenig hat sie sich damit abgefunden. Sie hat Hoffnung auf die Rückkehr nach Hause.
[Sonntag, den 10. Februar]

Ich bin abends zu Mutter ins Krankenhaus gefahren. Sie hat eine weitere Entwässerungskur hinter sich. Sie hat geholfen. […]
[Freitag, den 22. Februar]

Ich bin zu Mutters Namenstag nach Garwolin gefahren. […]
[4. März]

Ich habe bei Mutter angerufen. Sie irrt durch die Wohnung, schwillt an, ich weiß nicht wie stark. […]
[14. März]

Ich schlief und hörte es durch die mit Watte und Wachs verstopften Ohren klingeln. Einmal, ein zweites, ein drittes. Ich schlief weiter, obwohl mich die Unruhe gepackt hatte. Dass etwas mit Mutter sei. Aber ich beschloss, auszuschlafen, um Kraft für das zu haben, was mich erwartet. […] Sie schlief ein, erwachte wieder, und eigentlich war das schon das Sterben. […] Sie trugen Mutter herein. Schnell auf das Sofa. Der Sanitär überprüfte die Atmung mit einem Spiegel. Keine Atmung. […]
[Karfreitag 4. April]

New Yorker Tagebuch

Heute habe ich mir einen von mir lange gesuchten Leckerbissen für nur 6 Dollar gekauft. Ein herrlicher Neger mit gewaltigem Teil bläst sich selbst einen.
[Mittwoch, 13. Oktober 1982]

Man kann diesen Tagebucheintrag Bialoszewskis unter verschiedenen Aspekten betrachten.

Derlei Abbildungen von Geschlechtsteilen sind Werkzeug, Taststock innerhalb des Systems einer nach oben offenen Skala individueller Erregung, die sich der allgemeinen Bewertung entzieht. Weniger kopflastig ausgedrückt: Was wen wie aufgeilt, geht niemand was an. Da ich aber durch die Lektüre des Buches eingeladen bin, diesen intimsten Bereich eines Menschen zu teilen, habe ich die Möglichkeit und Notwendigkeit, mich prüde zu zeigen oder nicht. Leicht ließe sich Pornografie schreien, ließe sich Empörung hecheln. Ehrlich gesagt habe ich nie verstanden, wieso die Sexszenen im Film Intimacy von Patrice Chéreau (2001) manche zum Geifern brachten. Und was den Begriff der Pornografie angeht, finde ich wichtig und nach wie vor gültig, was Gellu Naum in Zenobia aufzeigt: wie der Staat pornografisch ist, in dem er seine Macht schamlos ausnutzt, das Volk zu knechten. Pasolini ist mit Salò oder die 120 Tage von Sodom ein zeitlos gültiger Beleg gelungen, der den sexuellen Aspekt der Machtausübung mit Nachdruck einschließt.

Die Pornoindustrie bündelt und lenkt individuelle Phantasien, um durch Ausbeutung der Beteiligten hohe Gewinne zu erzielen. Es ist eine seltsam erschreckende Erkenntnis, gut gehütete sexuelle Phantasien bei anderen zu entdecken. Ich erinnere mich, dass ich beim Lesen von Hervé Guiberts Blinde rote Ohren bekam und mich erwischt fühlte. Was dort stand, hatte ich bislang nur denken können, niemals aussprechen. Pornos berauben uns durch die Instrumentalisierung individueller Phantasien, ihre Einordnung in Stereotypen letztes Endes unserer Humanität. Die Pornoindustrie ist am Mehrwert interessiert und zerstört das menschliche Gefühl. Ob 6 Dollar in den achtziger Jahren ein guter Preis war, den man bereitwillig für den Mythos eines sich selbst blasenden Mannes bezahlt, dies zu beurteilen, habe ich keine Berechtigung.

Zweifelsfrei kann die Abbildung, jenseits ihres realen Inhalts, als
rassistisch und sexistisch gekennzeichnet werden. Das Stereotyp: huge black cock. Es ist irritierend bei Bialoszewski zu lesen:

Ich will Andersartigkeit, und sei es für nur 6 Wochen. Die Andersartigkeit der Welt. Aber hier gibt es das Neger-Problem. Sie haben Washington eingenommen, die Weißen sind in die Vororte geflüchtet. Immer mehr dieser Neger in New York. […]
[Dienstag 12. Oktober 1982]

Man muss Bialoszewskis Leckerbissen auch unter dem Aspekt der AIDS-Historie betrachten und einordnen. Der Pole besucht New York gerade in einer Zeit, als sich die Krankheit langsam, viel zu langsam ins Bewusstsein der Bevölkerung und ihrer Regierung drängt. Am 1. Dezember 1981 erkennt man die Krankheitssymptome als eigenständige Krankheit an. Im Juli 1982 einigen sich die Fachleute auf den Namen Acquired Immune Deficiency Syndrome (AIDS). Am 15. Oktober 1982, kurz nach Bialoszewskis 6-Dollar-Kauf, werden bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus Fragen über AIDS mit witzig gemeinten Bemerkungen ins Lächerliche gezogen. Die Administration Ronald Reagans zeigt sich unfähig, adäquat auf die Bedrohung durch den Virus zu reagieren. Und so wirken Bialoszewskis Beschreibungen der Sexkinos wie ein Abgesang auf eine Zeit ungehemmter Sexualität, die mit dem Attribut safe nichts anzufangen weiß.

Das Vorzimmer zum Himmel oder zur Hölle. Gleichzeitiges Stöhnen von der Leinwand und live. Der nackte Selbstdarsteller hat sich nach einer ausgedehnten Session mit einem Zischen entladen, und das auf elegante Weise, da er sich langsam erst das Hemd angezog, dann die Unterhose und Hose und schließlich verschwand. An seiner Stelle hat sich ein junger, recht groß gewachsener Asiate einem König gleich installiert; er ließ sich gern so fest wie möglich anfassen. Voller Geilheit erlag er der selbst und kam vor dem Hintergrund des Gestöhns und Geschlürfes auf der Leinwand an sein Ziel. […]
[Freitag 15. Oktober 1982]

Schließlich ist das Abbildnis jener oralen Selbstbefriedigung eine Metapher für Selbsterschöpfung. Damit meine ich gleichermaßen die schaffenden und zerstörenden Anteile der menschlichen Existenz. Aus sich selbst zu schöpfen, ist keine demütige Haltung, sondern eine selbstbewusste, zur Selbstüberhebung neigende. Der Mensch legt sich mit Gott und seiner Schöpfung an, reibt sich. Und verliert dabei an Kraft. Bialoszewskis Tagebuch weist die Kraftverluste aus. Es sind keine veröffentlichten Texte enthalten. Der schöpferische Anteil fehlt. Dem Tagebuch vertraut er vor allem die Erschöpfung, die überlangen Schlafphasen mit seinen Alpträumen an, die in ihrer Intensität wiederum Material für die schöpferischen Momente liefern. Aber dies ist kein Perpetuum mobile, sondern das sich erschöpfende System Leben mit Geburt und Kindheit bis hin zum Tod.
[12.07.2016]

 

Kindheit

Während Bialoszewskis Aufenthalts in New York meldet sich Czeslaw Milosz mehrmals telefonisch bei ihm. Der 1911 im heutigen Litauen geborene Nobelpreisträger für Literatur des Jahres 1980 hatte Polen bereits im Jahr 1951 verlassen. Beide Männer begegnen sich mit Respekt und Hochachtung. Das geheime Tagebuch und Miloszs Tal der Issa standen über Monate friedlich in der Ablage neben meinem Bett, meinem bevorzugten Leseort, darauf wartend, gelesen zu werden. Miloszs Roman ist das Buch seiner Kindheit an einem fiktiven Fluss und mit einem fiktiven Jungen namens Thomas. Er beginnt mit ausführlichen Naturbeobachtungen, die sich durch das Buch ziehen und das Leben des Jungen begleiten.

Man muß mit der Beschreibung des Landes der Seen beginnen, wo Thomas wohnte. Diese Gegenden Europas sind lange von Eisbergen bedeckt gewesen, und ihre Landschaft hat die Strenge des Nordens. Der Erdboden ist hier im allgemeinen sandig und steinig, nur für den Anbau von Kartoffeln, Korn, Hafer und Flachs geeignet. Das erklärt, warum der Mensch die Wälder nicht vernichtet hatte, die das Klima mildern und vor den Winden des Baltischen Meeres schützen. In ihnen überwiegen Kiefer, Tanne, es gibt auch Birken, Eichen, Weißbuchen; Rotbuchen fehlen, ihre Reichweite erstreckt sich viel weiter nach Süden. […]
[Czeslaw Milosz: Tal der Issa]

Die beiden Männer unterhalten sich über amerikanische Landschaften, doch scheinen die Bilder schnell verbraucht und die Gedanken wandern zurück nach Europa. Zu Beginn der Reise wiederholt Bialoszewski einen Satz, den er schon bei anderen Reisen, Paris, Kairo, nutzte:

– Das also ist die große Welt. Diese aufklappbaren Geheimnisse.
[Dienstag 12. Oktober 1982]

Gegen Ende seines Aufenthalts hingegen schreibt Bialoszewski in sein Tagebuch:

Über die Niagara-Fälle sagte Milosz, dass sie schon lange nicht mehr in Mode seien. Jetzt sei der Grand Canyon in Mode.
An verschiedenen Orten hatte ich mehrmals plötzlich Mozart im Ohr. Ich habe das wie einen Ruf nach Europa verstanden, in mein Bett. Mozart ist mir viel näher als Manhattan mit seinen Menschen.
[15. November 1982]

Während Milosz seiner Kindheitswelt im Roman einen episch-breiten Raum gibt, erfahren wir in Bialoszewskis Tagebuch wenig über dessen Kindheit.

Bis zu meinem zehnten Lebensjahr habe ich in der Lesznostraße in einem Zimmer mit Küche mit meinen Eltern zusammengewohnt, mit Nanka, Sabina, Nankas Mann, dem Trinker, und Opa Walenty Bialoszewski. Opa war Tischlermeister und Liebhaber von polnischen Büchern. Ein von ihm gemachtes Regal stand von oben bis unten voller Bücher. […]
[13. März 1983]

Ich bin mir sicher, die Kindheitsorte der beiden polnischer Schriftsteller hatten eine feste Verankerung und unterlagen keinen Moden. Sie waren Lebensquellen, die erst nach unterschiedlich langem Lauf versiegten.
[12.07.2016]

Todesahnung

die verbrauchten Metaphern rächen sich
[Briefe an die Eumeniden: Anin, 26. Mai 1983]

Nachtrag

Ich hatte das Buch auf unsere Reise in die polnische Provinz mitgenommen. Sehen wollte ich, ob sich die Gesichter der Polen durch Bialoszewskis Anwesenheit erhellen würden. Nun, es kam anders. Miron fiel in der Provinz in einen leichten Schlaf und begegnete Menschen allenfalls im Traum.

Am letzten Julitag fand ich in der Buchhandlung Tajne Komplety in Wroclaw Bialoszewskis Band Sprawdzone soba mit den gesammelten Gedichten im Poesieregal. Ich fragte nach, ob auch die Tagebücher verfügbar seien. Die Buchhändlerin schaute in den Computer und verneinte.

Abends ging das 16. Nowe Horyzonty-Filmfest mit einem Openair-Screening des Filmes Brand New Testament von Jaco van Dormael auf dem Marktplatz von Wroclaw zu Ende. Festivaldirektor Roman Gutek setzte ein politisches Signal gegen das nationalkonservative Establishment der mit absoluter Mehrheit regierenden PiS, als er, nur wenige Worte verlierend, auf den Ort der Filmhandlung verwies: Brüssel. Van Dormaels Film kann man als Absage einer göttlich(-männlich)en Zerstörungswut hin zu einer weiblichen Neuschöpfung des Lebens sehen. Diese Respektlosigkeit vor religiösen Dogmen, diese tiefe Humanität, diese Feier des Lebens, das hätte Miron zweifelsohne erfreut und ihn seiner Schwere entbunden.
[09.08.2016]

Der Sommer ist zurück. Heute Nachmittag habe ich aus dem Fenster gesehen. Wärme, warmes Wehen, Sonne, Bewegung. Auf dem Flughafen Staub von den Grabungen und leichter Nebel. In den Stockwerken hoch über der Stadt und darüber ein mildes Blauen. Ich dachte mir: Das ist unser Planet. Voller Luft, blau, schimmernd, wehend. So fliegen wir dahin. […]
[13. September 1976]

 

Ervina Halili: „Der Schlaf des Oktopus“

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Schwanenhals und schwarzes Haar
Ervina Halilis Gedichte im Schwebezustand zwischen Traum und Tiefschlaf

In dem in der Edition Korrespondenzen, Wien 2016, herausgegebenen Gedichtband Der Schlaf des Oktopus der 1986 in Prishtina/Kosovo geborenen Lyrikerin Ervina Halili sind Träume allgegenwärtig. Und diese Traumwelten werden gefüllt mit einer sich wiederholenden Kulisse, die mich dazu verführt, fälschlicherweise an Gemälde von Marc Chagall zu denken (ich Pirouette einer vom Wolkenkratzer gefallenen Ballerina, aus: Ode an mich selbst), die ich aus einer lang zurückliegenden Erinnerung in meinem Gedächtnis aufrufe und die Figuren, Menschen, Tiere, die Natur und die vom Menschen geschaffene Umwelt mit schwebender Leichtigkeit erlebe, für einen kurzen Moment, bis sie verschwinden und nicht mehr greifbar sind.

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Víctor Rodríguez Núñez: „Mit einem seltsamen Geruch nach Welt“

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yo soy un tojosista / ich bin ein dichter der sperlingstauben
Das Bekenntnis des Víctor Rodríguez Núñez

Columbina passerina, das Sperlingstäubchen, ist ein sehr kleiner Vertreter seiner Familie, der in Süd-, Mittel- und im südlichen Nordamerika anzutreffen ist. Udo Kawasser, der gemeinsam mit dem kubanischen Dichter Núñez für den vorliegenden Band Mit einem seltsamen Geruch von Welt aus neun Gedichtbänden zwischen 1979 und 2011 die Auswahl getroffen und die Gedichte ins Deutsche übertragen hat, fragte den Autor bei der Lesung auf der Leipziger Buchmesse am 20.3.2016, was hinter dieser Metapher steckt.

Núñez rückt in seiner Lyrik das Landleben in den Fokus und gehörte damit zu einer Gruppe von Poeten, die von den urban geprägten Dichtern Havannas als tojosista abqualifiziert wurden. Der so mit Polemik überzogene Dichter reagiert noch 2011 in seinem Gedicht orígenes aus dem Band tereas mit der Zeilen:

[…]
yo vengo de otro sueño donde los gallos cantan /
ich komme aus einem anderen traum in dem die hähne krähen
[…]
yo soy un tojosista no te olvides /
ich bin ein dichter der sperlingstauben vergiss das nicht
[…]

Es bedarf nur sehr geringer Kenntnis der spanischen Sprache, wie ich sie habe, um zu wissen, dass das Ich, das yo, in beiden Sätzen weggelassen werden kann, ohne den Gesamtsatz zu ändern. Die deutsche Übersetzung bleibt identisch. Das grammatikalische nicht notwendige yo (soy und vengo legen eindeutig 1. Person singular fest) verschiebt den Satz hin zum Ich und betont es, hebt es ab, stellt es heraus. Die Kenntnis dieser sehr einfachen Grammatik wird hier zum Bekenntnis des Schriftstellers über seine Herkunft, die er gegen die Líricos coloquiales, die Alltagsdichter in Kawassers Übertragung, abgrenzt. Das deutsche Wort erscheint harmlos, ein Blick ins Wörterbuch: coloquial = umgangssprachlich, salopp, das verrät etwas mehr über den Plauderton der urbanen Eliten, die den Blick auf die Natur, die Erdung verloren haben.

Bevor ich Núñez‘ Band aufmerksam nach Spuren der Sperlingstaube durchsuche, muss ich zunächst eine Filmsequenz loswerden, an die ich schon seit Tagen denken muss, ohne zu wissen, ob mich das Aufleben der Szenerie in meiner Kritik und der damit verbundenen Annäherung an die Dichter der Sperlingstauben voranbringt oder aber in die Irre lenkt. Ich bekenne offen, meine Kenntnis der kubanischen Literatur, insbesondere der Lyrik, ist unzureichend. Dem kann ich nur meine Neugier, mein unschuldiges Interesse entgegensetzen.

Julian Schnabel überlagert am Ende seines Filmes Before Night Falls (2000) über den Schriftsteller Reinaldo Arenas Szenen des nächtlichen New York, die Stadt, in der Autor 1990 an den Folgen seiner HIV-Infektion starb, mit dem Land, in dem er aufwuchs. Wir sehen ein Kleinkind in einem Schlammloch, irgendwo in einem kubanischen Dorf, das aus einfachen Behausungen besteht. Die Kamera kreist um das Kind, während aus dem Off Musik und ein biografischer Text von Arenas eingesprochen wird. Es entsteht, getragen durch die Poesie des Sterbenden, ein Sog hin zum Ursprung, der Abstammung vom Land. Und Armut und Reichtum werden kräftig durcheinandergewirbelt durch die existenzielle Gewalt der Sprache. Arenas eröffnet seine Biografie mit den Worten:

I was two. I was standing there, naked. I bent down and licked the earth. I used to eat dirt with my cousin Dulce Maria, who was also two. I was a skinny kid with a distended belly full of worms from eating so much dirt. We ate dirt in the shed. The shed was the next place to the house where the animals slept, that is, the horses, the cows, the pigs, the chickens, the sheep.

Sollte die Erwartung geweckt worden sein, dass sich die Trennungslinie der beiden Poesien in einfacher Weise durch die Sprache zieht, hier eine städtische, dort eine naturbelassene, so zeigt uns Núñez schnell auf, wie unzureichend solche Konstrukte bleiben:

[…] Jemand könnte sagen / Vernünftig und kalt / die Verse nackt und schlecht zugeschnitten / keine Landschaften / – er der anfangs verrückt nach Landschaften war – / kaum etwas von Frische / und Vorstellungskraft und Metaphern / Ein Waisenkind der Poesie / Ich bin / wenn sie erlauben / ein Uhrmacherlehrling gebeugt / über die kaputte Aufzugsfeder dieser Welt […] (aus: Nächte, in: Nachrichten eines Einsamen, 1987)

Das Gedicht Manifest aus dem gleichen Band belegt das Missverhältnis zwischen dem, was der Dichter sagen möchte (Me gustería decir) und dem, was er aber sagen muss (Pero debo decir). Die widerstrebenden Kräfte wirken in den Satzbau hinein und es entsteht aus dem unterdrückten Schrei und den Sprechvorgaben des Dogmas ein Mischwesen, eine Utopie:

Gebt der Revolution ihre Flügel zurück

Núñez fragt die Alltagsdichter am Ende des Gedichts, ob nun die Rechnung bezahlt ist. Was genau meint diese offene Rechnung. die nach Abrechnung klingt?

Ein Schlüssel zu dieser Frage könnte das innige Verhältnis zu der Mutter sein, die im Alter von 28 Jahren ihren Sohn Víctor in Havanna geboren hatte. Mit diesem Fakt, Geburt 1955, beginnen die im Internet verfügbaren Informationen über den Autor. Es macht schon etwas Mühe, Spuren der Familiengeschichte zu finden. Auf einem Blogbeitrag des Birmingham Book Festivals 2011 findet sich der Hinweis:

Despite having roots in Galicia, North Spain, the poet’s family opted not to speak Galician as they wanted to be one hundred per cent Cuban.

Liegt die Ausgrenzung der Alltagsdichter im Falle von Núñez hier verborgen: eine Familie, die in ein anderes Land kommt, in eine andere Gesellschaft, sich der Revolution verpflichtet und die doch nicht dafür belohnt wird?

In den beiden Gedichten Ein ums andere Mal und Der Kapitän (in: Der Letzte auf dem Jahrmarkt, 1995) spricht Núñez über seine Eltern. Die Mutter, die

[…] eine Waise / Hausfrau Kommunistin Witwe ist / Alles machen sie meiner Mutter kaputt / Die Kindheit / den Stricksessel / die Ehe / Seht wie sie durch die Fensterläden herausschaut / die nicht vom Regen / sondern von ihrem eigenen Husten / und den fremden Tränen vermodert sind […]

Der Vater, ein

[…] alter Säufer / der das Leben meiner Mutter ruinierte […]

Die Mutter bleibt fest an der Seite des Sohnes. In einer unbedeutend erscheinenden Nebenbemerkung aus dem Band rückseiten (2011) lernen wir den Ursprung von Núñez‘ Poesie kennen:

[…] auf dem verwöhnten eis
frisst sich das murmeltier mit dämmerung voll
worte meiner mutter […]
(aus: [außenränder oder das murmeltier frisst sich mit dämmerung voll ])

Der Sohn trägt die Poesie der Mutter in die Welt. Er schreibt nicht, wie er bei der Lesung in Leipzig klarstellte, über Kuba, sondern von Kuba aus. Die Poesie lässt sich nicht von Systemen, Staaten, Nationen vereinnahmen; sie geht ihren Weg in die Welt und bleibt doch Familienerbe in einer eng definierten Sprache zwischen den Generationen.

y comienza un poema / sencillamente humano / Con raro olor a mundo

und beginnt ein Gedicht / ein einfach menschliches / Mit einem seltsamen Geruch nach Welt

Gleich wie fern kubanische Literatur erscheint, wie unbekannt der Autor mir auch nach einer wunderbaren Lesung, nach diesem lebhaften Wechselspiel zwischen Autor und Übersetzer in Wort, Gestik und Mimik bleiben wird, dieser Geruch ist nicht seltsam, nur seltsam vertraut und sehr willkommen.

György Dragomán: „Der Scheiterhaufen“

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Endlich mal ein Buch, das sich nicht über eine mangelnde Wahrnehmung und Anerkennung durch das deutsche und deutschsprachige Feuilleton zu beklagen braucht!

Einen Rezensionüberblick des 2015 auf Deutsch veröffentlichten Romans „Der Scheiterhaufen“ (Übersetzung: Lacy Kornitzer) des 1973 in Târgu-Mureş (Siebenbürgen, Rumänien) geborenen, der ungarischen Minderheit zugehörigen Autors György Dragomán, findet sich bei Perlentaucher.

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Literaturzeitschrift alba08: „Literatura chilena emergente / Aufstrebende chilenische Literatur“

alba08

In der Rezension zu Antonia Torres: Umzug – Mudanza habe bereits über die Literaturzeitschrift alba. lateinamerika lesen gesprochen. Die Ausgabe alba 08 widmet sich der zeitgenössischen chilenischen Literatur und bietet mit einer Sammlung von Kurzprosa, Romanausschnitten, Lyrik sowie Interviews und literaturhistorischen Essays eine kompakte Annäherung an die Literatur dieses südamerikanischen Landes.

Die Mehrzahl der 28 Autorinnen und Autoren sind in den siebziger oder achtziger Jahren geboren. In annähernd allen Beiträgen wird die Erinnerung beschworen. Es wird auch dem Außenstehenden deutlich, wie die chilenische Gesellschaft durch die Pinochet-Diktatur unterjocht wurde.

Ich werde anhand einiger Textbeispiele aufzeigen, wie dieses belastete Erbe durch die junge Generation verarbeitet wurde. Doch zuvor möchte ich Benjamin Loy, verantwortlicher Redakteur von alba 08 und Übersetzer mehrere Texte in dieser durchgängig zweisprachigen Ausgabe, fragen, wo er Unterschiede im Umgang mit dem totalitären Erbe erkennt. Er schreibt mir:

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