Antonia Torres: „Umzug – Mudanza“

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Auf der Leipziger Buchmesse 2016 fand eine von der Botschaft der Republik Chile organisierte Veranstaltung unter dem Titel Chilenische Gegenwartsliteratur zweistimmig – Literatura chilena actual a dos voces statt. Es lasen Lina Meruane (*1970 in Santiago) und Antonia Torres (*1975 in Valdivia). Moderiert wurde die Lesung von Benjamin Loy, Redakteur der in Berlin herausgegebenen Literaturzeitschrift alba. lateinamerika lesen, deren Nummer 08 sich ausschließlich der zeitgenössischen chilenischen Literatur widmet. Loy las die vorgestellten Texte in deutscher Sprache.

Mein Interesse an der chilenischen Literatur entspringt, allgemein gesprochen, der Neugier, im Speziellen der sich aus ihr abgeleiteten Zusage, den Lyrikband von Enrique Winter (*1982 in Santiago) oben das meer unter der himmel zu besprechen. Das Buch soll bei luxbooks erscheinen, es war bereits für 2015 angekündigt. Die Veröffentlichung verzögert sich leider aus verlagsinternen Gründen. In alba 08 findet sich der Vorabdruck eines Gedichtes, der mir eine Vorschau auf die bevorstehende Aufgabe gewährt.

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Kerstin Preiwuß: „Gespür für Licht“

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Aalmutter fang an
Kerstin Preiwuß mit Gespür für Licht

Hans Christian Andersen notiert in Eine Geschichte aus den Dünen den Satz: „Das Kindesalter hat für jeden seine Lichthöhen, die später durchs ganze Leben hindurchstrahlen.“ Kerstin Preiwuß nimmt uns in ihrer dritten Lyrikpublikation mit in einen geschützten Raum, der voller (Vor-)Freude und Ängste ist. Sie führt uns entlang der Jahreszeiten in die zweite Hälfte ihrer Schwangerschaft, zur Geburt und zum ersten Lebenshalbjahr ihres Kindes. Die Unsicherheit, die Verlustängste der (werdenden) Mutter sind in der Referenz zu Andersens Aalmutter festgehalten, einem dem Jahreszeitenzyklus vorangestellten Gedicht, in dem es heißt:

Ich habe kein Gespür für mich selbst
aber ein Gespür für Licht.

Ungeduldig wird das Frühjahr erwartet. Es ist bereits April und die Temperaturen sind immer noch um den Gefrierpunkt. Die Außenwelt verschmilzt nach wenigen Gedichten mit der Innenwelt. Sollte Mann überlesen haben, dass die Autorin das Wort Mutter bereits zweimal benutzt hat, so bringt sie mit überzeugender poetischen Kraft und Klarheit ihre Schwangerschaft zum Ausdruck.

Ich halte meine Hand an den Bauch.
Das Wasser schwappt gegen den Rand.
Die Waage zittert leicht.
Ich bin eine Höhle davor eine leere Hülle danach.

Wir dürfen die Entwicklung dieser beiden Menschen miterleben, spüren, wie sie sich annähern, dort, wo sie schon ganz nahe sind:
Du bist noch ein Fremdwort. – Noch hält die Fracht. – Ich bin da widerhallt mein Kind.

Spätestens im siebten Frühlingsgedicht kann ich eine literarische Analogie nicht mehr übersehen. Und ich möchte darüber sprechen. Ich habe solch zarte, der Außenwelt von innen heraus zugewandte Lyrik schon einmal gelesen. (Sicherlich lässt sich mehr als eine Seelenverwandtschaft finden, so alt die Mutterschaft ist, so lange ist sie bestimmt literarisches Thema.)

Mevina Puorger hat 2004 die Gedichte aus dem Nachlass von Luisa Famos unter dem Titel ich bin die schwalbe von einst zweisprachig, rätoromanisch und deutsch, herausgegeben. Kapitel III trägt den Titel Ich warte, dass der Kreis / Der Jahreszeiten sich schliesst. Am 25. November 1964 schreibt Famos:

Für mich war jener Tag
Der letzte meines Herbstes
So lichterfüllt
Vor allen andern lieb
So anders war der Himmel
In seinem tiefen Blau
Verwoben mit Wünschen und
Fragen ohne Antwort

Es lohnt sich, beide Bücher nebeneinanderzulegen und sich vorsichtig heranzutasten an das, was Mutter und Kind verbindet.

Kerstin Preiwuß gibt ihren Zweifeln, ihren Ängsten Raum. Da ist nicht nur die frohe Erwartung, eine Mystifizierung der Mutterschaft, wie sie ohnehin nicht mehr in die moderne Gesellschaft passt. Was man von einer Dichterin erwarten darf, erfüllt Preiwuß. Sie arbeitet präzise an der Sprache und nimmt dabei intime Augenblicke nicht aus. Sie rückt rücksichtslos ihre Schwächen ins Licht, um daraus poetisch wie persönlich Kraft zu gewinnen für das neue Leben.

Ich will verschwimmen bis ich unsichtbar bin.
Wie Wasser im Fluss nicht zu erkennen
wann es an Fahrt gewinnt
und wie es vor und zurückschnellt.

Und an anderer Stelle dieser wunderbare Aufschrei:

Guten Morgen du rapsgeiles Land.
Alles prima heute.
Ich bin im Gleichgewicht.

In dem Gedicht über die Geburt kulminiert der Zweifel, der Schmerz.

Enge treibt mich.
Wehe bin ich
hab noch nichts zur Welt gebracht
[…]
Immer noch eng der Kanal.
Verformt mir’s Ah.
[…]
Danach weht Wind.
Danach schmutziges Kind.
Danach blauer Himmel.

Nach der Geburt, in der Lebensphase, in der der Säugling ganz von der Mutter abhängig ist, wechseln Zuversicht, Ungeduld und tiefe Zweifel in schneller Folge. Dabei wendet sich die Mutter verstärkt der Außenwelt zu, ruft regelrecht nach Impulsen von außen, die sie aus ihrer Situation herausreißen.

Leben benötigt Zeit auf einem Planeten.
Ich muss das anerkennen.

Ich will fortgehen weil ich nicht weiß was das ist.

Ich weiß gar nicht mehr ob es mich gibt.

Ich zerbreche.

Das sind Aussagen, die andere Mütter in ähnlicher Form äußern. Sie zeugen von der kraftraubenden Arbeit, die frau bewältigt, um Kinder aufzuziehen.

Bin leer in mir ein Gefäß innen
und außen Material aus Welt.
Osmose ausgeschnitten
heißt erkennen was man schon weiß.

Wenn Preiwuß ihren Band mit dem Volkslied Es war eine Mutter, die hatte vier Kinder … eröffnet, zeigt sie: sie ist sich bewusst, ihre Mutterschaft steht in einer langen Generationsfolge, in die die 1980 geborene Lyrikerin sich nun einordnet. Sie ist nicht klüger als andere Mütter. Sie formt neue Sätze, neue Bilder, darin enthalten die Lebenserfahrung anderer. Es sind poetisch kraftvolle Bilder, die sie ihrem Kind und sich widmet.

Phạm Thị Hoài: „Sonntagsmenü“

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„Sonntagmenü“ der 1960 geborenen vietnamesischen Schriftstellerin Phạm Thị Hoài versammelt elf Kurzgeschichten, die 1995 in deutscher Erstausgabe erschienen. Dieter Erdmann übersetzte die Texte ins Deutsche.

Das sind Sätze, die sich selbstverständlich hinschreiben, aber schon ungenau sind, was daran liegt, dass wir in der deutschen Sprache keine differenzierten Ausdrücke für Kurzprosa haben. Die Kurzgeschichte orientiert sich an der short story und meint eine ganz bestimmte Art der Kurzprosa. Die hier versammelte Kurzprosa unterscheidet sich in Länge, Tonart und Inhalt so sehr, dass es nicht leicht ist, diese Sprünge mitzuspringen.

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Marjane Satrapi: „Persepolis. Eine Kindheit im Iran“

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Marjane Satrapi, 1969 in Rascht geboren, ist iranisch-französische Comiczeichnerin, die mit ihrer gezeichneten Autobiografie „Persepolis“ zu Beginn des 21. Jahrhunderts weltweit bekannt wurde. Die deutsche Ausgabe von 2004 wurde von Stephan Pörtner übersetzt.

Diese Graphic Novel ist ein mutiges Buch, nicht weil Satrapi die politischen Bedingungen im Iran benennt, sondern weil aufzeigt wird, wie diese Bedingungen durch ihre Familie hindurch gewirkt haben, wie Menschen zu Tode gekommen sind, die dem heranwachsenden Mädchen sehr nahe standen.

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Moya Cannon: „Keats Lives“ und „Hands“

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Moya Cannon, 1956 im County Donegal, Irland geboren, lebt in Dublin und hat bislang fünf Gedichtbände veröffentlicht. Oar (Salmon Publishing, Knockeven 1990, überarbeitete Fassung: The Gallery Press, Loughcrew 2000), The Parchment Boat (The Gallery Press, Loughcrew 1997), Carrying the Songs (Carcanet, Manchester 2007, beinhaltet eine Auswahl aus „Oar“ und „The Parchment Boat“), Hands (Carcanet, Manchester 2011) und, gerade erschienen, Keats Lives (Carcanet, Manchester 2015).

Ich bin überzeugt, mit dieser Lyrik eine große europäische Stimme zu hören. Was zeichnet diese Lyrik aus?

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Katja Petrowskaja: „Vielleicht Esther“

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„Statt rechtzeitig Fragen zu stellen, hatte ich mich am Wort Geschichte verschluckt.“

Katja Petrowskaja macht die Suche nach ihren Familienangehörigen zu einem Vornamen; all die gedachten Möglichkeiten, die die Fakten dort ersetzen müssen, wo die Leere, das Schweigen, der Verlust übermächtig ist, all die Zweifel, all die Verzweiflung an diesem Labyrinth „Familie“ : Vielleicht ist der erste Vorname, Esther der zweite Vorname ihrer Urgroßmutter.

Ich glaube, sie hieß Esther, sagte mein Vater. Ja, vielleicht Esther. Ich hatte zwei Großmütter, und eine von ihnen hieß Esther, genau.
Wie, vielleicht?, fragte ich empört, du weißt nicht, wie deine Großmutter hieß?
Ich habe sie nie bei ihrem Namen genannt, erwiderte mein Vater, ich sagte Babuschka, und meine Eltern sagten Mutter.

Vielleicht Esther ist in Kiew geblieben. Sie bewegte sich in der plötzlich leer gewordenen Wohnung mit Mühe, das Essen brachten die Nachbarn. Wir dachten, fügte mein Vater hinzu, wir kämen bald zurück, aber wir sind erst nach sieben Jahren zurückgekommen.


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Ilse Hehn: „Tage Ost – West“

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Ohne Fortsetzung und Fußnoten
Gedichte und Überschreibungen von Ilse Hehn über die Heimat Banat und andere Zungen

In Wort und Bild präsentiert der Pop Verlag die 1943 geborene Schriftstellerin und Bildenden Künstlerin in ihrer neuesten Veröffentlichung. Die eingefügten bildnerischen Arbeiten gehen dabei über die oft gesehene ausschmückende Funktion bei Lyrikpublikationen hinaus. Auch wenn der kreative Prozess – entsteht zuerst der Text, wird dann daraus die Collage mit Textfragmenten oder inspirieren die Farben, die Materialität der Collage und einzelne Textsplitter zur Ausarbeitung eines Gedichts? – nicht erlebbar ist, so wird schon beim ersten Anschauen der bildnerischen Arbeiten klar: Ilse Hehn versteht das Wechselspiel zwischen Literatur und Kunst. 18 Arbeiten, Fotografien oder Fotocollagen mit Überschreibungen und Übermalungen, auch Materialmontagen aus Buchseiten und Baumrinden, bringen uns die Künstlerin nahe. Bedauerlicherweise fehlen Angaben zur Größe der Kunstwerke und zum Entstehungsjahr. Es ist reizvoll, das Titelbild neben eine Arbeit von Shirin Neshat mit dem Titel „I am It’s Secret (aus der Serie: „The Women of Allah Series“) von 1993 zu legen. Zwei andere Arbeiten sagen mir besonders zu. Sie unterscheiden sich durch ihre Farbtemperatur stark: „Wüste, bilderlos“ mit Malerei aus dem Zyklus „Die Farbe Ägyptens“, ein Fest der Hitze, in Ocker und gebrannten Erdtönen, dagegen „Palimpsest I“ mit der Bläue von Schnee und Eis. (Heute las ich in der Zeitung, dass die Schotten mehr Wörter für Schnee haben als die Inuit: 421!) Farblos bleibt dagegen die Arbeit „Fieberwahn“, eine Schwarz-Weiß-Collage, die Aktenschnipsel der Securitate zur Person Hehns anordnet. Ich hege den Verdacht, hier soll die Armut, die Phantasielosigkeit, die Drögheit des Überwachungsapparates vorgeführt werden. Dennoch funktioniert die Collage nicht, wie auch die Wortcollage mit dem Titel „Das Eigenleben der Wörter“. Vielleicht liegt es am Fehlen der Zwischentöne, jener Grauwerte, die ich schon Horst Samson ans Herz gelegt, die er vehement abgelehnt hat und die in Hehns farbigen Arbeiten diese feinen Nuancierungen ausmachen.

Die Gedichte sind in drei Abschnitte aufgeteilt. Mit „Die Heimat, die Zunge“ als erster Teil wird Bezug auf Elias Canetti und dessen autobiographischer Arbeit „Die gerettete Zunge: Geschichte einer Jugend“ genommen. Und auch auf die 2013 von Samson herausgegebenen Anthologie „Heimat – gerettete Zunge“. Hehns Gedicht „Temeswar. Ein Befund“, im Band gleich an zweiter Stelle, gehört zu den Stärksten dieser Veröffentlichung. Ein vorangestelltes Epigraph zitiert T. S. Eliot mit einem Ausschnitt aus „The Waste Land“, dann beginnt das nach erfolgter Untersuchung festgestellte Ergebnis:

eine Oper ist Zentrum im
Verkehr der Gesten
die Bäume haben anscheinend aufgegeben
zu fragen wie Fuß fassen in diesen Zeiten
zwischen Einkaufswagen hat man jetzt
Palmen gepflanzt
im Supermarkt addiert die Kassiererin
das Verlangen nach Posten nach Arbeit
ihr geht alles so leicht von der Hand
unterdessen greifst du nach Klopapier

Der Abschnitt „Zieh Leine, Poesie“ wird geprägt durch die Erlebnisse einer Ägypten-Reise, die aus touristischen Attraktionen, terroristischer Bedrohung und gesellschaftlicher Umwälzung am Tahrir-Platz in Kairo ihre Anspannung speist.

während ich notiere wo ich bin
1. Februar 2010 zerfällt in Dinge die
Stunde sandig rauen Flugsand
Aufleuchten inmitten
von Staub

Im letzten Abschnitt „Kleine Fernen“ sind weitere Reisebilder verarbeitet. Doch so schön die Szenen aus Florenz sind, die die Stadtlandschaft der Renaissance als Gegenstand eines Vergangenheit und Gegenwart reflektierenden Beobachters belegen, mich zieht es zur Naturlandschaft, nach Norden, wo die Ausdrücke karg werden und, gerade in dieser Reduktion, wunderschön, wortgewandt.

Der Tag ist knapp geworden
wo immer sich Sprache niederlegt
verschwinden Wörter unter
papiernem Weiß

Über allen Gedichten schwebt die Frage der Heimat. Kann ich in der Ferne auch heimisch werden? Reicht es, wenn ich meine Zunge im Gepäck habe? Oder lässt mich die Landschaft der Kindheit nie mehr los? Solcherlei Geplänkel mag altmodisch erscheinen oder nach Tagesaktualität klingen: nach Flüchtlingen, nach Sprachkursen. Ich denke an Canetti, der mit Brachialgewalt Deutsch lernen musste und ich denke ans Banat, vor kurzem eine mir literarisch wie geographisch unbekannte Region, die meine Muttersprache Deutsch in der Fremde bewahrte. Wo also ist Heimat verortet?

Abschließend möchte ich ein Thema zur Diskussion stellen, das mich beim Lesen der Gedichte beschäftigt hat.

Also so könnte es sein:
Eine Explosion, ein Schuss, ein
Comic ohne Fortsetzung und Fußnoten.

Nehme ich diese letzte Zeile des Gedichts „Fahrt nach Abu Simbel“ für bare Münze, so muss sich die Autorin doch ratlos fühlen angesichts der eigenen Worte. Ich höre den Wunsch heraus, Eindeutigkeiten zu liefern, die eben nicht der Erläuterung bedürfen. Warum ist dann aber in diesen Gedichtband ein Fußnotenapparat eingefügt, der der DIN 5008 entspricht? Wovon ich spreche? Diese Norm hält die Schreib- und Gestaltungsregeln für Textverarbeitung fest. Ihre Anwendung findet sie im Büro- und Verwaltungsbereich. Sie legt fest, dass Fußnoten als Konsultationszeichen (oder auch Anmerkungsziffern genannt) im Lauftext darzustellen sind, durch hochgestellte arabische, fortlaufend nummerierte Zahlen. Am Ende der Seite, getrennt durch mindestens eine Leerzeile zum Text folgt der Fußnotenstrich, danach in Konsultationsgröße, einem kleineren Schriftgrad, die Erläuterungen.

Unabhängig von der Sinnhaftigkeit dieser Erläuterungen, stellt sich mir die Frage nach der Lesbarkeit der Texte. Meine Selbstbeobachtung war: ich werde aus dem Lesefluss geworfen, die poetischen Abfolgen werden brachial unterbrochen. Das ging bis zu einem Unwillen, über diese Hürden zu springen und weiterzulesen. Der Titel eines Gedichtes ist wie folgt dargestellt:

SAQQARA14 / Grabstätte des Kagemni15

Natürlich lese ich die Fußnoten mit, bin doch auch nur ein braver Bürger! Aber wo bleibt die Poesie? Sie stellt sich in diesem Moment nicht ein. Sollten wir uns unterwerfen unter das Diktat einer Verwaltungsvorschrift? Wo bleibt unsere Freiheit? Wollen wir Staatsdienst und Staatsschutz einen Triumph gönnen? Hatte die Securitate einen Fußnotenapparat?

Das sind hoch fliegende, auch ketzerische Gedanken, ja! Kleiner, pragmatischer gesprochen: manchmal tut eine Erläuterung gut, aber es ist sicher nicht schlechter, wenn auf hochgestellte Zahlen verzichtet wird. Das hat übrigens auch Erich Fried in seinem 1974 veröffentlichen Gedichtband „Höre, Israel!“, der vom Autor als „Gedichte und Fußnoten“ verstanden werden wollte. Trotz aller Wichtigkeit des politischen Kontextes bei Fried und anderen: „Gedichte und Überschreibungen“ sind mir sympathischer, ohne Fußnoten.

 

Maria Knissel: „Spring!“

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Das System Margot

Die Verletzung ist aufgebrochen. Nicht der Bänderriss, nicht der Muskelfaserriss, nicht die ungezählten blauen Flecken auf fast allen Knochen meines Körpers, die zum Glück von Brüchen verschont geblieben sind, nicht die „Heidelbeeren“ genannten Blutblasen an den Händen, nicht die eingerissene Haut an den Fingerkuppen, die sich schon seit weit mehr als einem Vierteljahrhundert nicht mehr durch die engen Fingerlöcher der Röllchenriemchen schieben müssen. Die Verletzung ist die tief greifende Erniedrigung, die sich im Körper eines Kindes versteckt hat, das von der Teilnahme an Olympischen Spielen träumte, nur weil jemand von Talent gesprochen hatte; und dann war ich in die Falle der Durchhalteparolen getappt. Ohne Fleiß kein. Du kannst jetzt nicht abbrechen! Du musst den Satz zu Ende führen. Nein, muss ich nicht! Ich höre auf, wann ich will.

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Zsuzsanna Gahse: „JAN, JANKA, SARA und ich“

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Büren TG
Ein urbanes Puzzle aus sichtbaren und unsichtbaren Teilen

Zsuzsanna Gahse hat ihrer Leserschaft mit dem im August erschienenen Buch ein Puzzle geschenkt. Ich mag dieses Geduldsspiel; die Ecken sind schnell heraussortiert, die Randteile ohne Probleme zusammengefügt, doch dann wird es schwieriger. Am Ende liegt ein Bild vor mir, das vortäuscht, einen Gesamtblick auf die Landschaft zu gewähren. Doch ohne die unsichtbaren Teile, die im Verborgenen darauf warten, sich den Personen zu öffnen, die sich nicht mit dem ersten Eindruck zufrieden geben, bleibt das Spiel unvollständig.

Die Eckteile
Die Personen setze ich in die Ecken. Jan, Janka, Sara und die „ich“ genannte Stimme bilden meinen Ausgangspunkt. Hinzu kommen weitere zwanzig Personen, die in unterschiedlicher Länge und Häufigkeit Auskunft geben über das, was sie bewegt. Sie geben ihre freimütigen Meinungen in einem Tonstudio in Büren zu Protokoll, das sich, sozusagen als freiheitlich-demokratische Instanz, verpflichtet, diese Audio-Sammlung der Einheimischen und ihrer Besucher vor einer Verwertung dauerhaft zu schützen. Das Ich lebt unten im Tal (Talstimme) und wirft einen anderen Blick auf Büren, diese rasant wachsende Stadt auf dem Wellenberg.

Wir züchten hier Häuser, in erster Linie Rassehäuser. Jeder soll zwei Wohnungen oder Häuser haben, wegen des guten Tons, weil zur Sittsamkeit zwei Domizile gehören, mindestens, damit niemand auf einen einzigen Ort beharrt und dort kleben bleibt. (Schwarm · Jan)

Mir macht es nichts aus, wie Büren wächst und wächst. Nachmittags, wenn ich mit dem Auto von Konstanz nach Hause fahre, sehe ich die Ortssilhouette, den wachsenden Umriss, und der gefällt mir. Ich glaube nicht, dass es viele Leute gibt, die das Zubauen der Hügel und der übrigen Landschaften gut finden, genau genommen ist das Zupflastern ein Horror, ein herrlicher Untergang der Erde. (Bang · Janka)

Nachher erzähle ich die Geschichte meinem Vater, der mit vierundachtzig gestorben ist. Wir werden miteinander ein großes Zahlenspiel beginnen, ein Alterszahlenspiel. Zum Beispiel acht mal acht. Vierundsechzig bedeutete früher ein gewisses Alter. Vierundsechzig mal acht kommt als Alter nicht in Frage. (Schach · Sara)

Sie haben ihre Meinung, ich die meine, und außer meiner Meinung gibt es deine Deinung, und die Unserung. Gemeinsam steigen sie den Hang hinauf, unterwegs begegnen sie der Ihrung, Deinung hustet und hat einen roten Kopf. (Taltext)

Die Randteile
Die Landschaft setzt die Ränder. Ich erkenne ein breites Tal in der Ostschweiz, wir sind im Kanton Thurgau (TG). Selbst mit Adleraugen und Google Earth gelingt es nicht, Büren auf dem Wellenberg zu verorten. Die Stadt als sozial unverträgliche Utopie, eine Fiktion, die ohne den Samen der Gegenwart, diesem Lebenslabor zwischen Vergangenheit und Zukunft, nicht aufgehen kann.

Aus der Vogelperspektive ist das Thurtal eine übersichtliche Landschaft, eine ehemalige Seegegend, wie ich seit Kurzem weiß. Bis in die Nacheiszeit hinein lag im Tal ein Gletschersee, immerhin so groß wie der heutige Zürichsee, nördlich und südlich von zwei langgestreckten Höhenzügen begrenzt, dem Seerücken und dem Wellenberg, von zwei Rivalen, wie ich oft meine, wobei die Gegnerschaft nur eine Sache der Perspektive ist. Am Wellenberg gibt es, wie schon erwähnt, einige Standorte, von denen aus der Blick unmittelbar zum Seerücken führt, von Berg zu Berg, als hätte man eine einzige Berglandschaft vor sich. Das Tal bleibt dabei ausgespart, es liegt in einer Falte, versunken in einer Falte, und von einer Gegnerschaft der Berge kann dann keine Rede sein. (Taltext)

Die sichtbaren Teile
Nach und nach bringe ich die Teile in ihre Position, sie greifen ineinander. Es gibt Teile, deren Inhalt ich schneller erkenne, für andere brauche ich länger, lege sie wieder weg, um im zweiten Anlauf erfolgreich zu sein. Es ist ein zufälliges Spiel und die Vollendung des Landschaftsabbildes ist dabei eine unvorstellbar hohe Anzahl von Möglichkeiten. Da passiert es, dass ich im Prozess den Sinn des Einzelteils nicht erkenne und mich das Gefühl der Beliebigkeit erschleicht. Warum halte ich gerade jetzt dieses Teil in der Hand? Wozu ist es gut? Sicher hat die Autorin die vierundzwanzig Stimmen nicht zufällig gesetzt, sondern wohl bedacht, einer inneren Logik folgend. Ein Buch muss einem Spannungsbogen, wie immer er ausgeprägt sein mag, folgen, um nicht Gefahr zu laufen, weggelegt zu werden. Diese Notwendigkeit widerspricht jedoch dem Wesen des Puzzles. (Selbst meine Vorgehensweise, erst alle Teile auf die bedruckte Seite zu drehen, Eckteile, Randteile zu suchen und zu fügen, dann mit dem Kern zu beginnen, ist sehr fraglich. Mein Sohn beweist mir gerne, dass es auch anders geht.) Das Puzzle lebt die Anarchie, bevor es sich der Ordnung fügt. Wenn wir Erwachsenen das Puzzle beendet haben, seien wir ehrlich, verlieren wir sofort das Interesse am Spiel. Kinder können das Puzzle erneut fügen, dabei des Spieles wegen voller Freude andere Wege nutzen, um ein neues Bild zu erschaffen. Doch Kinder sind im urbanen Konzept von Büren (TG) nicht mehr vorgesehen.

In Büren wurden seit zwei Jahren keine Kinder mehr geboren, allerdings gebe es neu Hinzugezogene mit Kindern, stand in dem Blatt, dem natürlich niemand trauen muss. Bei solchen Mitteilungen fällt einem unwillkürlich ein, wie abfällig die Leute hier über Frauen oder Paare mit Kindern reden. (Wahl · Janka)

Das ist bedrohlicher als die Panzer, die Gahse am Ende aufrollen lässt. Ja, der Krieg rückt näher in die Mitte Europas, Überwachung, Entrechtung und Enteignung. Wenn jedoch keine Kinder mehr da sind, die die Bilder neu zusammensetzen, wird unsere Gesellschaftsordnung totalitär und tot.

Die unsichtbaren Teile
Ein Name, ein Buchtitel schwebt über der Lektüre: Italo Calvino und sein 1972 erschienenes Buch „Die unsichtbaren Städte“, über das Wikipedia die Auskunft erteilt: „Kein Roman, sondern ein singuläres, sich gegen alle Gattungsbezeichnungen sperrende Stück Literatur […], verdichtet sich mehr und mehr zu einem beklemmenden Panorama einer von Zerfall und Untergang bedrohten Welt.“ Das Recycling dieser Worte für Gahses Buch sei erlaubt.

Ein weiteres unsichtbares Teilchen sehe ich in Werner Dürrsons „Das Kattenhorner Schweigen“, ein schmaler Gedichtband, der 1985 mit dem Bodensee-Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Da blickt jemand von der anderen Seeseite auf den Seerücken und erahnt vielleicht noch im Hintergrund den Wellenberg. Freilich: Büren, wie es Gahse aufleben lässt, gab es in den Achtziger Jahren noch nicht. Aber das Verschwinden einer Kulturlandschaft zugunsten einer Parzellierung von Grundstücken, diese Einigelungswut, die ihren Ausdruck in Immobilienwirtschaft, sozialer Kälte und Gedächtnisverlust findet, ist bereits bei Dürrson präsent.

Freundlicherweise gibt die Autorin mit einer Danksagung an Richard Sennett und Georges Perec wesentliche Hinweise, wo ihre unsichtbaren Teile zu finden sind. Richard Sennett, 1943 geborener US-Soziologe, Sohn kommunistischer Eltern, „seine Hauptthemen sind die Vereinzelung, Orientierungslosigkeit und Ohnmacht moderner Individuen, die Oberflächlichkeit und Instabilität zwischenmenschlicher Beziehungen sowie die Ausübung von Herrschaft“ (Wikipedia). Georges Perec (1936 – 1982), sein Hauptwerk „La Vie mode d’emploi“ (deutsch: „Das Leben Gebrauchsanweisung“) ist formal und inhaltlich ein Puzzle. Ich komme nicht umhin, die „Werkstatt für Potentielle Literatur“ (franz. „L‘ Ouvroir de Littérature Potentielle“, OuLiPo) zu erwähnen, ohne dessen Programmatik das Werk Perecs nicht entstanden und verstanden wäre. Darüber ließe sich noch viel Notwendiges sagen, lesenswert ist Gundel Mattenklotts Abhandlung „Über einige Spiele in Georges Perecs Roman ‚Das Leben Gebrauchsanweisung’“. Ich will es bei meiner kleinen Freude belassen, dass auch Calvino Oulipien war, genauer gesagt: ist. Verstorbene bleiben Mitglied und gelten als entschuldigt. Ein interessanter Umgang mit Lebenszeit, Verklärung, Vergangenheit, Stillstand und Fortschritt.

Die Gegenwart kommt nicht einmal zufällig vor, und entsprechend sind die alten Fotos, die sie sammeln, eine Ölhaut gegen die Gegenwart. (Flachs · Jan)

 

 

Antje Herden: „Letzten Donnerstag habe ich die Welt gerettet“

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Die Welt zu retten, ist eine ziemlich aufregende Angelegenheit.

Kurt, Sandro und die Prinzessin beobachten merkwürdige Veränderungen. Um der Sache auf den Grund zu gehen, müssen sie in die Unterwelt absteigen, im Dunkel(deutsch)land von Kanalisation und Bunkeranlagen. Dort treffen sie auf Kröten, Ratten und Molche, die viel größer als normal sind und den Kindern bedrohlich nahekommen.

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Michelle Cahill: „Vishvarūpa“

Michel Cahill: Vishvarūpa

Vishvarūpa der 1969 in Kenia geborenen, australisch-indischen Autorin Michelle Cahill erschien 2011. Die Printausgabe ist nahezu vergriffen. Über die befreundete Lyrikerin Debbie Lim fand das Buch von booktopia in Lidcombe, dem Stadtteil Sydneys, das den Olympiapark von 2000 beherbergt, den langen Postweg nach Deutschland.

Cahill kam nach der Grundschulzeit in London mit der Familie nach Australien. Sie lebt in Sydney, hat für ihre Poesie mehrere Preise erhalten und ist Herausgeberin des Mascara Literary Review.

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Indra Wussow (Hrsg.): „Ankunft eines weiteren Tages“

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Zeitgenössische Lyrik aus Südafrika

Die 2013 im Verlag Das Wunderhorn von Indra Wussow herausgegebene Anthologie beinhaltet Gedichte von acht Lyrikerinnen und Lyrikern, übersetzt von Sylvia Geist. In der beigelegten Audio-CD lesen Gabeba Baderoon, Charl-Pierre Naudé, Karin Schimke, Phillippa Yaa de Villiers, Vonani Bila, Kgafela oa Magogodi, Mbali Kgosidintsi und Rustum Kozain ihre Texte in der Originalsprache (zumeist Englisch).

Es steht außer Frage, wie verdienstvoll es ist, die Lyrik der Welt ins Deutsche zu übersetzen und für den deutschen Markt zugänglich zu machen. Dass dabei ein so schönes zweisprachiges, manchmal dreisprachiges Buch entsteht, ist bedeutend.

Schönheit bedeutet keineswegs das Hinwegschauen über die Zerrissenheit und Brutalität einer Gesellschaft, die sich durch Armut, Gewalt und Korruption kennzeichnet. Im Gegenteil. So unterschiedlich die acht Stimmen sein mögen, sie weisen dorthin, wo es wehtut, wo sich die barfüßigen Kinder im Park an zerschlagenen Bierflaschen die Füße zerschneiden.