Peter Kurzeck: „Ein Sommer, der bleibt“

Peter Kurzeck: Ein Sommer, der bleibt

Eine Zeit lang hatte ich in Stadtallendorf gearbeitet. Meistens nahm ich den Zug, stieg in Marburg um. Wenn ich das Auto nutzte, kam ich nördlich von Gießen auf der Autobahn an Staufenberg vorbei. Einmal war ich irrtümlich abgefahren, weil ich dachte, ich hätte die Ausfahrt Ebsdorfergrund schon erreicht. Nahe des Ortsschildes Staufenberg wendete ich und lernte so nicht das Dorf, die Stadt kennen, von der Peter Kurzeck erzählt.

Im Sommer nach Kurzecks Tod (25. November 2013) verschenkte ich dieses wunderbare Hörbuch, nicht ohne zuvor in Kurzecks Welt einzutauchen, die er sehr detailliert und lebendig schildert, frei von starren Vorgaben, ohne den Zwang eines Manuskriptes. Wer gedacht hätte, das gesprochene Wort hätte keine Heimat im deutschen Sprachraum, wird hier eines besseren belehrt. Nein, nicht belehrt, das gerade ist das falsche Wort.

Kurzeck will erzählen, Zeugnis ablegen. Seine Erinnerungen sind präzise und einfühlsam. Sie ermöglichen mir, das Kopfsteinpflaster der Straßen zu spüren oder den Blick auf die Streuobstwiesen auf dem Weg zum Badeplatz an der Lahn. Das ist schön, sehr schön.

Mit Peter Kurzeck hat der Verband deutscher Schriftsteller (VS) eines seiner prominentesten Mitglieder in Hessen verloren. Eine Würdigung Peter Kurzecks findet sich auf der Webseite des VS Hessen.

David Safier: „28 Tage lang“

David Safier: "28 Tage lang"

Wann werden meine Kinder dieses Buch lesen? Gibt es ein richtiges Alter für diese Geschichte, die uns in einem spannenden (Jugend-)Roman die Vernichtung des Warschauer Ghettos näher bringt, den Kampf ums nackte Überleben, den jüdischen Widerstand, der 28 Tage lang dem absoluten Zerstörungswillen der SS im Warschauer Ghettoaufstand trotzt?

Safier zeigt exemplarisch an seiner Hauptfigur Mira wichtigen Facetten des Ghettolebens und Ghettosterbens im Jahr 1942 und 1943 auf. Und stellt dabei uns durch den Mund Miras Fragen, etwa, wie wir als Mensch leben wollen, zu welcher Sorte Mensch wir gehören wollen.

Eine einfache Zuordnung wäre: Ich gehöre zur Sorte Nachfahre der Täter. Safier ist in dieser reduzierten Logik Nachfahre der Opfer. Die Schnittmenge wäre: Wir sind deutsche Schriftsteller, die die Erinnerung an Krieg und Vernichtung bewahren müssen.

In diesem Sinn habe ich meine kurze Prosa „Das blonde Schaf“ geschrieben, das an verschiedenen Orten und Zeiten spielt, ihren Kern jedoch im Warschau zwischen Kriegsbeginn und der ersten Aktion im Juli 1942 hat, als mit dem Versprechen, Brot und Marmelade auszuteilen, Juden zum Umschlagplatz gelockt wurden. Martha, meine Protagonistin wird in Treblinka sterben, Safiers Mira entkommt dem Ghetto durch die Kanalisation, so wie es Marek Edelman und wenigen Kämpfern im Mai 1943 gelungen ist.

Danilo Kiš: Sanduhr

Danilo KIš - Sanduhr

Ich gebe zu, seit mehr als 25 Jahren lebe ich in Darmstadt und habe doch in dieser Zeit die Entscheidungen der Darmstädter Jury Buch des Monats nicht oder eher am Rande mitbekommen.

Das Buch des Monats Februar ist von Mark Thompson, einem britischen Historiker. „Geburtsurkunde. Die Geschichte des Danilo KIš“ ist die Biografie eines „halb vergessenen Mitteleuropäers von weltliterarischen Rang“, wie es Jurymitglied Wilfried F. Schoeller treffend sagt.

Die sehr erfreuliche Juryentscheidung ist ein guter Anlass, zum Bücherregal zu gehen und abermals eines meiner wichtigsten Bücher in die Hand zu nehmen.

„Sanduhr“, so habe ich das Buch gelesen, kurz nach dem Tod meines Vaters vor 20 Jahren, ist der Versuch, sich der Vaterfigur literarisch anzunähern. Das geschieht auf einem europäischen und multikulturellen Boden, der von den Nazis überrannt und dessen jüdische Existenz vernichtet wurde. Kiš‘ Vater starb in Auschwitz.

Zu der deutschen Erstausgabe von 1988 wagt Thomas Rothschild von der Frankfurter Rundschau die Prognose: „Mit großer Verspätung werden Kritik und Publikum einen der wichtigsten europäischen Schriftsteller entdecken.“ Solche Verspätungen wären E.S., der literarischen Vaterfigur, als Inspektor der (serbokratischen? jugoslawischen? ungarischen?) Eisenbahnen unerträglich gewesen.

Möge die Juryentscheidung dazu beitragen, dass Danilo Kiš, der im Oktober 1989 starb, endlich bei uns ankommt, an Tagen, die über die Existenz von Menschen in europäischen Kriegsgebieten entscheiden können.

Rolf Lappert: „Auf den Inseln des letzten Lichts“

Rolf Lappert: Auf den Inseln des letzten Lichts

Im Oktober 2010 stellte der 1958 in Zürich geborene Rolf Lappert seinen Roman „Auf den Inseln des letzten Lichts“ in der Stadtkirche Darmstadt vor. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich schon bei einer Lesung das Buch kaufen und es gar signieren lassen. (Wenn mein Buch solche Leserinnen und Leser hat, dann wird es wohl nichts mit der ersten Million.) Aber die Geschichte der Geschwister Megan und Tobey fand ich sehr spannend und nahm mir vor, das Buch später zu kaufen und zu lesen.

Dieser Tage schloss die jokers-Filiale in Darmstadt und im Ausverkauf fand ich eine Lizenzausgabe der Büchergilde Gutenberg. Preis: 2,50 Euro. Rechnet man das auf die Seitenanzahl (541) um, kostete mich dieses Buch pro Seite weniger als 5 Cent. Natürlich rechnet man die Honorare für Schriftsteller anders und natürlich kennt jeder, der einen Verlagsvertrag abschließt, die Wörter Remittenden und Verramschung. Hässliche Wörter, weil der Wert eines Buches und damit der Wert der Arbeit eines Schreibenden eben nicht mit dem Marktwert abgedeckt werden kann.

Noch bin ich nicht ganz durch die Geschichte durch. Ich frage mich, was hinter diesen so unterschiedlichen Geschwistern steckt. Megan, die ältere, die es als Tierschützerin auf eine philippinische Insel verschlägt, Tobey, der jüngere, der sein Glück als Musiker in Dublin nicht findet, sich auf die Suche nach seiner Schwester macht und doch nur noch ihr Grab findet. Trotz aller Unterschiede sind beide verbunden über die Erinnerungen an eine nicht gerade problemlose Kindheit. Irland, ihre Heimat lässt sie nicht los. Auch wenn die Philippinen sehr weit entfernt sind, so groß ist keine Welt.

Peter Härtling: „Zwettl“

peterhaertling_zwettl

In einer Zeit, in der die Bücher immer schneller aus den Buchläden verschwinden, so sie es bis dorthin geschafft haben, gleicht es einem Wunder, einem Buch aus den Achtzigern auf der Straße zu begegnen.

Letzten Herbst waren die Quitten schnell reif geworden. Ich hatte noch keinen Gelee gemacht, da gab es auf dem Markt schon keine Früchte mehr. Eine Freundin aus der Frankfurter Straße gab mir einen Tipp. Der Nachbar um die Ecke bietet noch welche zum Verkauf, sagte sie. Auf dem Bürgersteig dieses Nachbarn stand eine Kiste mit alten Büchern, aus der ich Härtlings „Zwettl“ herausnahm. Der Titel sagte mir nichts, aber der Untertitel „Nachprüfung einer Erinnerung“ weckte mein Interesse. So ging ich mit Quitten und Buch bestückt zurück in die Frankfurter Straße.

„Zwettl“ geht auf die Suche nach Indizien, die Erinnerungen an Kindheit und Krieg, an die Eltern belegen. Härtling möchte herausfinden, was genau wann und warum geschehen ist, ob seine Erinnerungen exakt sind. Für diesen Abgleich fährt er 1971 nach Zwettl, nordwestlich von Wien, befragt Verwandte und offizielle Stellen.

Was Härtling findet, findet sich im Widerspruch zu anderslautenden Aussagen. „Es sei, berichtigt Tante K. mit Erbitterung, alles falsch. So habe es sich nicht zugetragen.“

„Zwettl“ belegt nicht eine Wahrheit, sondern dokumentiert ihre aus verschiedenen Perspektiven, Verzerrungen und Erinnerungslücken hervorgehenden Widersprüche durch „Löschung eines Kapitels“, „Exkurse“ und „Korrekturen“. Und es ist mit 126 Seiten ein schmales, aber großes Buch einer Vater-Sohn-Suche.