Danilo Kiš: Sanduhr

Danilo KIš - Sanduhr

Ich gebe zu, seit mehr als 25 Jahren lebe ich in Darmstadt und habe doch in dieser Zeit die Entscheidungen der Darmstädter Jury Buch des Monats nicht oder eher am Rande mitbekommen.

Das Buch des Monats Februar ist von Mark Thompson, einem britischen Historiker. „Geburtsurkunde. Die Geschichte des Danilo KIš“ ist die Biografie eines „halb vergessenen Mitteleuropäers von weltliterarischen Rang“, wie es Jurymitglied Wilfried F. Schoeller treffend sagt.

Die sehr erfreuliche Juryentscheidung ist ein guter Anlass, zum Bücherregal zu gehen und abermals eines meiner wichtigsten Bücher in die Hand zu nehmen.

„Sanduhr“, so habe ich das Buch gelesen, kurz nach dem Tod meines Vaters vor 20 Jahren, ist der Versuch, sich der Vaterfigur literarisch anzunähern. Das geschieht auf einem europäischen und multikulturellen Boden, der von den Nazis überrannt und dessen jüdische Existenz vernichtet wurde. Kiš‘ Vater starb in Auschwitz.

Zu der deutschen Erstausgabe von 1988 wagt Thomas Rothschild von der Frankfurter Rundschau die Prognose: „Mit großer Verspätung werden Kritik und Publikum einen der wichtigsten europäischen Schriftsteller entdecken.“ Solche Verspätungen wären E.S., der literarischen Vaterfigur, als Inspektor der (serbokratischen? jugoslawischen? ungarischen?) Eisenbahnen unerträglich gewesen.

Möge die Juryentscheidung dazu beitragen, dass Danilo Kiš, der im Oktober 1989 starb, endlich bei uns ankommt, an Tagen, die über die Existenz von Menschen in europäischen Kriegsgebieten entscheiden können.

Rolf Lappert: „Auf den Inseln des letzten Lichts“

Rolf Lappert: Auf den Inseln des letzten Lichts

Im Oktober 2010 stellte der 1958 in Zürich geborene Rolf Lappert seinen Roman „Auf den Inseln des letzten Lichts“ in der Stadtkirche Darmstadt vor. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich schon bei einer Lesung das Buch kaufen und es gar signieren lassen. (Wenn mein Buch solche Leserinnen und Leser hat, dann wird es wohl nichts mit der ersten Million.) Aber die Geschichte der Geschwister Megan und Tobey fand ich sehr spannend und nahm mir vor, das Buch später zu kaufen und zu lesen.

Dieser Tage schloss die jokers-Filiale in Darmstadt und im Ausverkauf fand ich eine Lizenzausgabe der Büchergilde Gutenberg. Preis: 2,50 Euro. Rechnet man das auf die Seitenanzahl (541) um, kostete mich dieses Buch pro Seite weniger als 5 Cent. Natürlich rechnet man die Honorare für Schriftsteller anders und natürlich kennt jeder, der einen Verlagsvertrag abschließt, die Wörter Remittenden und Verramschung. Hässliche Wörter, weil der Wert eines Buches und damit der Wert der Arbeit eines Schreibenden eben nicht mit dem Marktwert abgedeckt werden kann.

Noch bin ich nicht ganz durch die Geschichte durch. Ich frage mich, was hinter diesen so unterschiedlichen Geschwistern steckt. Megan, die ältere, die es als Tierschützerin auf eine philippinische Insel verschlägt, Tobey, der jüngere, der sein Glück als Musiker in Dublin nicht findet, sich auf die Suche nach seiner Schwester macht und doch nur noch ihr Grab findet. Trotz aller Unterschiede sind beide verbunden über die Erinnerungen an eine nicht gerade problemlose Kindheit. Irland, ihre Heimat lässt sie nicht los. Auch wenn die Philippinen sehr weit entfernt sind, so groß ist keine Welt.

Peter Härtling: „Zwettl“

peterhaertling_zwettl

In einer Zeit, in der die Bücher immer schneller aus den Buchläden verschwinden, so sie es bis dorthin geschafft haben, gleicht es einem Wunder, einem Buch aus den Achtzigern auf der Straße zu begegnen.

Letzten Herbst waren die Quitten schnell reif geworden. Ich hatte noch keinen Gelee gemacht, da gab es auf dem Markt schon keine Früchte mehr. Eine Freundin aus der Frankfurter Straße gab mir einen Tipp. Der Nachbar um die Ecke bietet noch welche zum Verkauf, sagte sie. Auf dem Bürgersteig dieses Nachbarn stand eine Kiste mit alten Büchern, aus der ich Härtlings „Zwettl“ herausnahm. Der Titel sagte mir nichts, aber der Untertitel „Nachprüfung einer Erinnerung“ weckte mein Interesse. So ging ich mit Quitten und Buch bestückt zurück in die Frankfurter Straße.

„Zwettl“ geht auf die Suche nach Indizien, die Erinnerungen an Kindheit und Krieg, an die Eltern belegen. Härtling möchte herausfinden, was genau wann und warum geschehen ist, ob seine Erinnerungen exakt sind. Für diesen Abgleich fährt er 1971 nach Zwettl, nordwestlich von Wien, befragt Verwandte und offizielle Stellen.

Was Härtling findet, findet sich im Widerspruch zu anderslautenden Aussagen. „Es sei, berichtigt Tante K. mit Erbitterung, alles falsch. So habe es sich nicht zugetragen.“

„Zwettl“ belegt nicht eine Wahrheit, sondern dokumentiert ihre aus verschiedenen Perspektiven, Verzerrungen und Erinnerungslücken hervorgehenden Widersprüche durch „Löschung eines Kapitels“, „Exkurse“ und „Korrekturen“. Und es ist mit 126 Seiten ein schmales, aber großes Buch einer Vater-Sohn-Suche.