Ioana Nicolaie: „Der Himmel im Bauch“

Sodbrennen und Sonne

Die Pille war Täler und Berge in fernen Ländern. Verhütung war Feld und See oder endlose Mauer. Es gab keine Rettung und nichts zu schützen. Abtreibung hieß damals Gefängnis. Mit der Zeit wurdest du zur perfekten Mutter. Und manchmal nanntest du dich, wie Mama, HELDIN. In der Sozialistischen Republik Rumänien.

Um eine Kritik von „Der Himmel im Bauch“ zu schreiben, muss ich in die Mutterhöhle zurückkehren (ein literarischen Motiv, das Nobelpreisträgerin Toni Morrison in „Jazz“, wenn ich mich richtig erinnere, aufgenommen hat), in den schwebenden, pränatalen Zustand, in dem mein Geschlecht zwar schon lange feststand, aber meinen Eltern noch unbekannt war. (Mutter hoffte auf ein Mädchen. Und wie sie mir gerade mitteilt, hoffte sie später, nach meiner Geburt, immer noch auf ein Mädchen. Aber meinem Vater waren wohl zwei Jungs genug Verantwortung. Die gesellschaftliche Erwartung hatte er erfüllt.) Nur in diesem unschuldigen Stadium darf ich wagen, meinen männlichen Blick auf das Buch, auf den Bauch von Ioana Nicolaie zu werfen, denn, bin ich auch Vater zweier Kinder, ist mir die (Gefühls-)Welt der Frauen, die schwanger werden und Kinder gebären, naturgemäß verschlossen. Zurück im Fruchtwasser bin ich jedoch frei von der Last der Rollen und Klischees, finde mich in der Obhut einer Welt, deren Leid und Ungerechtigkeit nicht mit meinem Geschlecht verknüpft ist: Ich darf ich sein – ein Ungeborener, der 1965 zur Welt kam.

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